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Seite 4.
Mitteldeuische Sountags⸗Zeitnug.
Nr. 32.
besondere Dienstvorschrift geregelt.— Alle Beerdigungen und was damit zusammenhängt, besorgt das mit dem Standesamt verbundene Begräbnisamt.— Jeder Todesfall muß sofort bei dem Standesamt angezeigt werden, d'ese Meldung gilt zugleich für das Begräbnis⸗ amt. Innerhalb 24 Stunden wuß jede Leiche in die Leichenhalle des Friedhofs verbracht werden. Die Be⸗ erdigung ist erst 48 Stunden nach eingetretenem Tode gestattet.— Auf Wunsch der Hinterbliebenen vermittelt das Begräbnisamt auch die Bestellung des Sarges.—
Die Gebühren für die Grabstätten und die Be⸗ erdigungen sind annä ernd dieselben als früher. Soweit die Gebühren für die Reihengräber in Betracht kommen, richten sie sich nach dem Einkommen des Zahlungs⸗ pflichtigen. Bei Einkommen unter 900 Mk. geschieht die Abgabe des Grabes unentgeltlich. Im Uebrigen betragen die Sätze bei Einkommen des Zahlungspflich⸗ tigen über 2600 Mk.:
Für einen Erwach senen: 20 Mk.;
für ein Kind von 3— 10 Jahren 15 Mk.;
für ein Kind unter 3 Jahren 5 Mk.; bei einem Einkommen von 900 bis 2600 Mk. die Hälfte der obigen Sätze. Der Entwurf sah die Un⸗ entgeltlichkeit der Gräber bis zu 1500 Mk. Einkommen vor; die„liberalen“ Stadtväter haben aber die Vorlage verschlechtert. Weiter sind an Beerdigungskosten zu zahlen, einschließlich der Gebühren für den Laichen⸗ wärter oder Leichenfrau: 5
für einen Erwachsenen 50 Mk.;
für ein Kind von 3— 10 Jahren 30 Mk.;
für ein Kind unter 3 Jahren 20 Mk.; wenn ein Leichenwärter oder Leichenfrau nicht zugezogen wird, sind die entsprechenden Sätze 45, 25 und 15 Mk. Diese Beträge können auf Nachsuchen vom Bürgermeister auf die Hälfte ermäßigt werden, wenn der Zahlungs⸗ pflichtige unter 2600 Mk. Einkommen hat.— An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Debatte, an der sich Diehl, Keßler, Bock und Fourter beteiligten. Allgemein wird betont, daß die angesetzten Gebühren entschieden zu hoch sind. Dann wird getadelt, daß unsere beiden Vertreter gerade bei der Verhandlung über die Begräbnisordnung in der Stadtverordnetenversamm⸗ lung fehlten. Krumm erklärt im Schlußwort, daß Fälle, wo beide Genossen verhindert sind, sehr leicht vorkommen können. Man müsse eben mehr Sozial⸗ demokraten in die Stadtverordnetenversa mlung wählen! Im Uebrigen sei ja leicht getadelt; man müsse doch bedenken, daß er wie Orbig„nebenbei“ noch andere Beschäftigung hätten.
Schließlich geht Redner noch auf die„Friedhofs- affaire“ ein. Der Friedhof sei unkonfessionell; eine einzelne Konfession kann ihn nicht weihen. Pfarrer Naumann sei in dem Streite der schuldige Teil, der Oberbürgermeister sei weit genug entgegengekommen. Infolge zu großer Nachgiebigkeit kirchlichen Ansprüchen gegenüber hatte die Stadt ohnedies 40 000 Mk. mehr Kosten. Soviel kostet das Kreuz auf der Kapelle! Damit war man einer Religions genossenschaft entgegen⸗ gekommen. Das mußte man den andern gegenüber auch. In besonders unschöner Weise wurde von Seiten eines Geistlichen der Oberbürgermeister als„Katholik“ präsentiert, obwohl man ganz genau wußte, daß man damit etwas Falsches behauptete; man schämte sich so— gar nicht, auswärts in diesen Privatangelegenheiten herumschnüffeln zu lassen! Nun ist ja in dieser Sache Beschwerde bei dem Ministerium eingelegt und man wird sehen, was dabei herauskommt. Bemerkt muß noch werden, daß diverse„Freisinnige“ bei dieser Affaire eine recht klägliche Rolle gespielt haben.—
Hierauf trat man in die Besprechung des vierten Punktes der Tagesordnung:„Kreiskonferenz“ ein. Von mehreren Seiten wurde hierbei gewünscht, die Preß⸗ verhältnisse auf der Konferenz zu erörtern und vorge— schlagen, zunächst die Ansammlung eines Fonds zu betreiben. Diesem wird zugestimmt und demgemäß ein entsprechender Antrag an die Konferenz gestellt werden. Als Delegierte werden Diehl, Fourier und Keßler gewählt.
r. Schneiderversammlung. Am Montag, 3. Aug., fand im Lokale Orbig eine gut besuchte Schneider⸗ versammlung statt, in welcher Gen. Mirus⸗Frankfurt a M. über die gegenwärtige Lage im Schneiderverband sprach. In vorzüglicher Weise führte der Referent in 1½ stündiger Rede den Versammelten vor Augen, wie unbedingt notwendig der gewerkschaftliche Zusammenschluß der Arbeiter ist. Gerade im Schneidergewerbe sei ein solcher vonnöten, denn die wirtschaftliche Lage der Arbeiter lasse auch hier viel zu wünschen übrig. Die Gehilfenschaft möge sich ein Beispiel an der Unternehmer⸗ organisation nehmen, die in kurzer Zeit aus wenigen lokalen Verbänden zur Zentralorganisation ausgebant worden sei zu dem ausgesprochenen Zwecke, überall da, wo die Gehilfenschaft wegen Verbesserung ihrer Lebens⸗ lage vorstellig werde, diese Bestrebungen besser bekämpfen und unterdrücken zu können. Anch die Gießener Schneidergehilfen hätten alle Ursache, wachsam zu sein; denn auch hier habe sich ein Verein der Meister gebildet, der, wie Herr Möller(in Firma Schwarz Söhne) bei
Konstitnierung des Vereins betonte, den Zweck verfolge,
zum„Schutze“ des Gewerbes„unberechtigte Forderungen“
der Gehilfen abzuwehren. Redner forderte zum Schlusse die Versammelten auf, mit allen Kräften den Ausbau der Organisation in Angriff zu neh men, und nicht eher zu rasten, bis auch der letzte dem Verbande fernstehende Kollege sich diesem angeschlossen habe. In der Diskussion bezweifelte u. a. Schneider Diehl, daß selbst der beste Tagarbeiter einen Durchschnittswochenlohn von mehr als 22 Mk. erhalte. Ziehe man dabei die Länge der Arbeitszeit, bei Heimarbeitern die häufige Mithilfe der Frau usw. in Betracht, so ständen die hiesigen Schneider⸗ gehilfen im Durchschnittsstundenlohn noch hinter den städtischen Arbeitern zurück.— In seinem Schlußwort betonte der Referent nochmals, daß es Pflicht jedes einzelnen sei, die lässigen und indifferenten Kollegen aufzurütteln, damit auch die Gießener Schneider bei etwaigen Anstürmen von seiten der Unternehmerorgani⸗ sation gut gewappnet seien.
r. Die Freie Turnerschaft Gießen richtete an die Stadtverwaltung eine Eingabe um zeitweilige Ueberlassung einer städtischen Schulturnhalle zur Ab⸗ haltung ihrer Turnst unden. In der letzten Stadtver⸗ ordnetensitzung sagte Oberbürgermeister Mecum Prüfung der Eingabe zu, und ging dieselbe der betr. Kommission zu. Hoffen wir, daß die Turner mit ihrer Eingabe Erfolg haben.
— Ferien! Mit dem Ablauf der nächsten Woche beginnen für die Gießener Volksschulen ebenfalls die Ferien, auf die unsere Kleinen sich schon wochenlang freuen. Hoffentlich bekommen wir gutes Wetter, damit sich die junge Welt nach Herzenslust im Freien tummeln kann. Es ist schade und unseres Erachtens nicht richtig, daß der Schulschluß erst in vorgerückter Jahres⸗ zeit erfolgt, wo die Tage schon kürzer werden und in der Regel das Wetter unfreundlicher. Dieses Jahr trifft das allerdings ausnahmweise weniger zu. Besser wäre es, wenn in der gewöhnlich heißesten Jahreszeit 4 Wochen und im Frühherbst nochmals 14 Tage Ferien gegeben würden. Die höheren Schulen haben übrigens bereits geschlossen und 6 Wochen Pause. Warum ein derartiger Unterschied gemacht wird? Den ärmeren und schleuter genährten Kindern der Volksschule ist doch eine längere Erholung mindestens so nötig als denen der„besseren“ Leute, dasselbe trifft auf die Lehrer zu. Der Klassenunterschied tritt eben überall zu Tage.
— Zur Obstzeit ist die Mahnung ange⸗ bracht, das auf dem Markte gekaufte Obst einer gründlichen Reinigung zu unterziehen, bevor man es genießt. Durch den Straßen- staub, durch Fliegen ꝛc. wird das in den Ver⸗ kaufsständen feilgebotene Obst natürlich ver⸗ unreinigt, außerdem geht es, ehe es vom Kon⸗ sumenten gekauft und gegessen wird, durch viele Hände, die nicht immer ganz sauber sind. Darum ist das Reinigen desselben vor dem Genusse unbedingt nötig.
r. Bei der 2. hessischen Kammer ist eine Vorstellung unserer Genossen zu Bieber ein⸗ gegangen, betr. den Protest des Karl Döring zu Bieber gegen die Wahlmännerwahl dortselbst. Unsere Genossen bezeichnen die in obigem Protest aufgestellten Behaup⸗ tungen, die Wahlkommission habe nur aus Sozialdemo⸗ kraten bestanden, ferner daß 100 Personen in die Wählerliste eingetragen worden seien, die nicht stimm⸗ berechtigt gewesen waren usw., in ausführlicher Be⸗ gründung als unwahr. Im Anschluß hieran führen unsere Bieberer Genossen eine ganze Reihe von Fällen an, in denen verschiedenen Wählern resp. deren Frauen Geldgeschenke angeboten wurden, sofern die betr. Wähler für die Wahlmänner des Herrn Lammert stimmen würden. Wahlbeeinflussungen zu Gunsten Lammerts wurden ferner dadurch versucht, daß man Steuer- reste einzelner Wähler am Tage der Wahl bezahlte, ver⸗ schiedenen Arbeitern mit Brotlosmachung drohte, falls sie rot wählten usw. Und bei derartig krassen Gesetzes⸗ verletzungen wagen unsere Gegner noch von sozialdem. Terrorismus zu sprechen und„Wahlproteste“ einzureichen.
Aus dem Nreise gießen.
p. Metallarbeiter-Versammlung in Lollar. Eine gut besuchte Metallarbeiter— Versammlung fand am 28. Juli im Lokale „Zum Schwanen“ statt. Ehrler-⸗Frankfurt referierte über den Einfluß der Krise auf die Gewerkschafts-Organisation. Dieselben hätten sich die Frage vorzulegen, welche Lehren für ste aus den Krisenjahren zu ziehen seien, wie sich die Gewerkschaften in Zukunft verhalten müßten, um dem vereinigten Unternehmertum gewachsen zu sein. Hocherfreulich sei, daß trotz
der schlechteren Lohnverhältnisse der Metall⸗ arbeiter⸗vVerband ganz gewaltig zugenommen habe. Das beweist, daß die Avbeiterschaft den
Wert der Organisation erkannt hat. Fester Zusammenschluß ist jetzt nötiger als je, wo das Unternehmertum versucht, durch Massen⸗ aussperrungen die Arbeiter-Vereinigungen zu vernichten. Anfänge dazu sehen wir an ver⸗ schiedenen Orten, bei uns in Iserlohn und ähnlich in Dänemark und i.! England. Unsere Mitglieder haben aber trotz höherer Beiträge tapfer Stand gehalten; das muß die Kollegen in Lollar anfeuern, ebenfalls ihre Pflicht zu tun und soviel in ihren Kräften steht, für Besserung ihrer wahrhaftig höchst ungürstigen Arbeits- und Lebensverhältnisse zu sorgen. Die Ausführungen des Redners fanden beifällige Aufnahme.
Aus dem Rreise Wetzlar.
* Hinter dem durchg ebrannten Kaufmann Hermann Jakob zu Wetzlar ist von der Staatsanwaltschaft zu Limburg ein Steckbrief wegen Wechselfälschung, als schwerer Urkundenfälschung, erlassen. Ueber das Ver⸗ mögen des Flüchtigen ist der Konkurs eröffnet. Die Höhe der durch Fälschungen, Betrug und Vorspieglung falscher Tatsachen ergatterten Summen dürfte nach den bisher erfolgten Feststellungen etwa 90 000 Mk. betragen. Der Vorschuß⸗ und Kreditverein Wetzlar ist mit zirka 22 000 Mk. an den Verlusten beteiligt.
* In der letzten Sitzung der Handelskammer wurde als künftiger Syndikus Herr Dr. Wickert aus Wies⸗ baden vorgestellt und eingeführt. Ueber die Gründe des plötzlichen Rücktritts des früheren Syndikus, sowie des seitherigen Schatzmeisters wurden— auffallender Weise— keine offiziellen Mitteilungen gemacht.
* Die Bahnfrage— Wetzlar-Usingen— wurde durch eine Petition der altstädtischen Handel- und Ge⸗ werbetreibenden aufgerollt, welche eine Linienführung Wetzlar⸗Süd, Nauborn, Laufdorf, Solmsbachtal, befür⸗ wortete. Die Handelskammer zeigte in ihrem Beschluß über die Petition wenig Gegenliebe und sprach sich für die Route Albshausen, Solmsbachtal aus. Die letztere Linie wird die Altstadt erheblich schädigen, da sie den Verkehr aus 8 Dörfern des Solmsbachthales ablenkt.
Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.
R. Das 10 jährige Bestehen des Deutschen Holzarbeiter⸗Verbandes wurde von den hiesigen organisierten Schreinern am letzten Sonntage im festlich geschmückten Saale des Herrn Hildemann unter starker Beteiligung gefeiert. Der Vorsitzende, Koll. Weiershäuser, hielt die Festrede, in der er die anwesenden Kollegen auf⸗ forderte, dahin zu wirken, bis auch der letzte Schreiner in Marburg dem Verbande zugeführt wird.
Versammlungen. Der Arbeiter⸗Gesang⸗ Verein Eintracht hält am Sonntag, den 9. August, vormittags punkt 11 Uhr bei Jesberg seine General versam mlung ab, an der sich aktive sowie passive Sänger beteiligen wollen.
Am Dienstag, den 11. August findet eine öffentliche Bauarbeiter-Versammlung 115 Jesberg statt. Anfang abends präzis 7 Uhr.
Eine öffentliche Parteiversammlung findet am Sonnabend, den 15. Augnst bei Jes⸗ berg statt. Wie aus dem Inserat ersichtlich, ist die Tagesordnung eine reichhaltige und ist zahlreicher Besuch daher zu erwarten.
Zur Marburger Stichwablange⸗ legenheit erhalten wir folgende Zuschrift: Der„Vorwärts“ verkündet in der Marburger Stichwahlangelegenheit Schluß der Debatte! Eine Anerkennung seiner Schuld haben wir nicht erreicht! Mit großem Geschick hat er stets den prinzipiellen Punkt umgangen. Er verteidigt sich gegen Vorwürfe, die wir nie erhoben und erhebt Klage gegen uns um Dinge, die wir nie begangen. So wurde es ihm leicht, den Schein des Rechtes für sich zu wahren! Immer wieder erscheint die Frage nach der taktischen Richtigkeit oder Falschheit des hiesigen Stichwahlbeschlusses im Mittelpunkt der Er⸗ örterung, während unserm eigentlichen Anklage⸗ punkt gegenüber bisher auch nicht einmal der Versuch einer Verteidigung gemacht worden ist. Sollte der„Vorwärts“ wirklich noch nicht erkannt haben, worum es sich handelt, und trägt vielleicht unser eigenes Ungeschick die Schuld, daß trotz so langer Verhandlungen dieser eine Punkt noch immer nicht zur Klar⸗ heit gekommen ist? Wir nehmen bescheiden


