Ausgabe 
9.8.1903
 
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Nr. 32.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

für seinen Abfall feien. Weiter heißt es dann in dem Briefe:Ein Paternoster und ein Ave sind in den Prüfungen des Lebens mehr wert, um uns Kraft, Mut uund Resignatton zu geben, als alle philosophischen und wissenschaftlichen Erwägungen. Der Schreiber dieses Briefes aber war kein anderer als Herr Manston, Professor der Mathematik an der Universität Gent, Präsident der naturwissenschaftlichen Klasse der kgl. belgischen Akademie. Und was antwortete der sterbende Gelehrte seinem lang⸗ jährigen Freunde und ehemaligen Kollegen? Er schrieb ihm am 2. Juli, neun Tage vor seinem Tode:Weit entfernt, zugeben zu können, daß meine gegenwärtigen Leiden die Strafe für meinen Austritt aus der Kirche und für meine Heirat seien, sehe ich diese beiden Handlungen vielmehr für die würdigsten und lobeswertesten meines Lebens an. Gerade der Gedanken an ste tröstet mich am meisten in den letzten Tagen meiner Existenz. Dies auszusprechen, schulde ich der Wahrheit! Das sind ehrliche, tapfere Worte.

Entwicklung der Sozialdemokratie in Oberhessen und den angrenzenden Bezirken.

Wahlkreis Dillenburg⸗Herborn.

Die Wahlen in diesem Kreise zeigen folgende Tabelle:

ö 0 ö

ö

8 E 2 2 2 I

3 3 F

83 SE f 85

1871 5771 4094 1874 3556 11467 1877 3253 7221 32 3736 1878 4053 7049 3444 ee 1881 2462 1726 6175 2900ĩ Stichw. 103 50* 36408 1884 7203 7126 1887 10666] 7481 1890 6959 9392 148. 1898 10254 5116 2201089 1898 7343 569 3477 841 2061 1903 4733 809 4097131215267 4326 Stichw. 7223 5 9337

* Liberale Vereinigung. Bund der Landwirte.

Wie man aus der Tabelle ersehen kann, liebte die Wählerschaft dieses Kreises sehr die Abwechselung, fast bei jeder Wahl fiel er einer andern Partei zu, verbessert hat er sich dabei allerdings nicht. 1871 hatte ihn der zonservative Regierungs⸗Präsident a. D. Winter inne, der 1874 dem nationalliberalen Sanitätsrat Thi⸗ lenius Platz machen mußte. Dieser trat 1880 der Liberalen Vereinigung bei, wurde aber 1884 von dem Regierungs⸗Präsidenten v. Wurmb(Reichsp.) verdrängt. Die in der Tabelle für die Konservativen angegebenen Stimmen sind von 1884 ab als für die soge⸗ nannte Reichspartet abgegeben zu verstehen. Merkwürdigerweise eroberten im Jahre 1890 die Freisinnigen den Kreis, obwohl ihre Stim⸗ menzahlen nngeheuere Schwankungen aufweisen, auch später brachten sie nur noch einige hundert Stimmen auf. Bei der 1893er Wahl fiel der Kreis wieder den Nationalliberalen zu, die ihren Abgeordneten, den Amtsrichter Hoff⸗ mann in Rennerod, auch 1898 wieder durch⸗ brachten. Diesmal aber brachten sie es in der Hauptwahl nur zu einer verhältnismäßig nie⸗ drigen Stimmenzahl und in der Stichwahl unterlag Amtsrichter Hoffmann dem Rentier Burckhardt, dem Vertreter derchristlich⸗ sozialen Muckerpartei. Die Sozialdemokratie, welche erst 1893 zum ersten Male mit einem Kandidaten auf den Plan trat, gewann bei jeder Wahl zirka 500 Stimmen. Auch fehlte es uns an agitatorischen Kräften. Nach dieser Richtung hin ist aber in der letzten Zeit einige Besserung eingetreten und bei durchgreifender Arbeit werden wir zur nächsten Wahl mit einer ins Gewicht fallenden Stärke auftreten können. Unter allen Umständen muß die

heuchlerische Muckerpartei nicht blos im Dillen⸗ burger, sondern auch im Siegener Kreise

wieder hinausgeworfen werden! Und das geschteht, sobald die zahlreichen Arbeiterwähler und kleinen Leute über das volksfeindliche Wesen der Stöckerianer aufgeklärt sind.

Beherzigenswerte Worte

schrieb bei Gelegenheit des 1897 statt⸗ gehabten 20 jährigen Jubiläums der Chicagoer Arbeiterzeitung ein vor einiger Zeit verstorbener bekannter Arbeiterführer in den Vereinigten Staaten, Dr. Ernst Schmidt. Sie verdienen, allen Arbeitern zur Kenntnis gebracht zu werden: f

Nie sollte der Arbeiter durch Unter⸗ stützung kapitalistischer Preßorgane zum Verräter an sich und den Seinigen werden. Kleinliche Zwistigkeiten und Meinungs⸗ verschiedenheiten sollten ihm niemals hierzu den Anlaß geben. Wir können unmöglich Alle der⸗ selben Meinung über die beste und den meisten Erfolg versprechende Weise der Agitation und des Kampfes gegen das bestehende Unrecht sein, aber wir sollten fürs Erste jedem Mitkämpfer brüderlich die Hand reichen, von dem wir völlig überzeugt sind, daß er es aufrichtig und ehrlich damit meint, dieses Unrecht aus dem Wege zu räumen und so den Baugrund zu ebnen, auf dem das Gebäude einer freien und gerechten Gesellschaftsordnung aufgeführt werden kann. Dann wird es Zeit sein, uns über den Neuban zu beraten und zu verständigen. In der Zer⸗ splitterung hierüber liegt unsere Schwäche; nur bei dem brüderlichen Zusammenwirken Aller, die, ohne dabei ihren Grundsätzen Etwas zu vergeben, dem gemeinsamen Ziele Opfer zu bringen wissen und gewillt sind, werden wir unwiderstehlich und siegreich sein.

Parteigenosse und Leser! Hast Du Freunde, Bekannte, Mitarbeiter, so erkundige Dich, ob sie Abonnenten Deines Parteiblattes sind. Wenn nicht, so erachte es als Deine Parteipflicht, sie für das Abonnement zu gewinnen. Du bist Mit⸗ eigentümer des Blattes und bist als solcher an der gedeihlichen Entwicklung desselben mitinteressiert. Sehe also zu, daß Du einige neue Abonnenten

. für das Arbeiterblatt gewinnst. r

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

Berliner Feilenhauerstreik. Die Feilenhauer Berlins und Umgegend beschlossen in einer am Montag stattgehabten Versammlung, in den Generalstreik einzutreten, weil die Feilen⸗ hauer⸗Innung den verlangten Lohntarif sowie alle sonstigen Forderungen rundweg ablehnte.

In der Wurzener Teppich⸗ und Veloursfabrik haben am vergangenen Samstag zirka 80 Arbeiterinnen die Arbeit eingestellt. Die Differenzen der betr. Arbeiterinnen mit der Firma dauern schon viele Wochen; ste hatten ihren Ursprung in der Maßregelung einiger Kolleginnen wegen Zuge⸗ hörigkeit zur Organisation und angeblicher Veröffentlichung von Mißständen. Die Forde⸗ rungen bestehen in einem Mindestlohn von 12 Pfg. pro Stunde für die Teppich⸗ knüpferinnen, 8 Mk. pro Woche für die in der Weberei und Spinnerei beschäftigten Arbeiterinnen, 6 Mk. pro Woche für die Neu⸗ eintretenden usw.

T Der Streik der Bauarbeiter Hamburgs ist beendet! Zwei Drittel der Innungsmeister haben die Forderungen bewilligt. Ueber 14 Geschäfte bleibt die Sperre bestehen.

Tarifvertrag. Nach langen Ver⸗ handlungen haben das Dresdener Gewerkschafts⸗ kartell und die Verbände der Böttcher und Brauereiarbeiter einen Tarifvertrag mit den Brauereien von Dresden und Um⸗ gegend abgeschlossen. Der Vertrag, der nach mancher Richtung gegenüber den bisherigen Verhältnissen einen Fortschritt bedeutet, gilt bis zum 1. Juli 1906.

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Von Nah und Lern.

Hessisches.

Staatliche Schlacht vieh versiche rung. Der Entwurf eines Gesetzes über die Einführung einer staatlichen Schlachtviehver⸗ sicherung ist erschienen und den Interessenten: Metzgerinnungen, landwirtschaftlichen Ver⸗ einen ꝛc. zur Begutachtung übersendet worden. Dem Entwurfe, der noch im Herbste dieses Jahres den Landständen zur Beratung vorgelegt werden soll, seien folgende hauptsächliche Be⸗ stimmungen entnommen: Nach dem Art. 1 des Gesetzentwurfes wird für das Großherzogtum Hessen eine staatliche Viehversicherungsanstalt auf Gegenseitigkeit unter staatlicher Verwaltung errichtet. Versicherungspflichtig sind die im Gebiete des Großherzogtums zur Schlachtung kommenden über 3 Monate alten Rinder und Schweine.

Gießener Angelegenheiten.

Erwerbt die Staatsangehörig⸗ keit! Für die nächste Zeit steht zwar teine Landtagswahl in Hessen bevor, trotzdem erscheint es uns sehr angebracht, an die Erwerbung der Staatsangehörigkeit zu erinnern. Möge jeder in Hessen ansässige Genosse, der dem hessischen Staatsverbande noch nicht angehört, bei Zeiten dafür Sorge tragen, daß er vorkommenden Falls nicht von der Ausübung der wichtigsten staatsbürgerlichen Rechte ausgeschlossen ist. In vielen Fällen dauert es immer einige Zeit, bis die Formalitäten erledigt sind und wenn erst kurz vor einer Wahl das Nötige zur Erwerbung der Staatsangehörigkeit eingeleitet wird, kann es vorkommen, daß die Sache dann nicht mehr zur Erledigung kommt. Formulare sind, wie bekannt, bei dem Vorstand des Kreiswahlvereins (auch in der Wirtschaft Orbig) zu haben und bei Abfassung der etwa sonst noch erforderlichen Schriftstücke sind wir gern bereit, den Genossen an die Hand zu gehen. Auch derjenige besitzt die hessische Staatsangehörigkeit micht, der zwar in Hessen geboren ist, dessen Eltern aber Nicht⸗Hessen waren. Nur dann sind die Kinder hessische Staatsangehörige, wenn die Eltern vor ihrer(der Kinder) Groß jährig⸗ keit Hessen geworden sind.

Daß es in manchen Fällen gut ist, wenn man sich über seine Zugehörigkeit zu irgend einem der zahlreichen deutschen Vaterländer Gewißheit verschafft, beweist der Fall eines Heuchelhe imer Genossen, der kürzlich in den Nachlaßpapieren seines Vaters eine Urkunde fand, aus der hervorging, daß der Vater schon vor langer Zeit in den hessischen Staatsverband aufgenonmen worden war. Von dieser Tat⸗ sache war den Söhnen nichts bekannt, sie be⸗ mühten sich infolge dessen nochmals um Er⸗ werbung der Staatsangehörigkeit, was sie gar nicht nötig gehabt hätten. Nun sind die Ge⸗ nossen doppelt Hessen, was ihnen allerdings weiter nichts nützt.

Die Wahlvereinsversammlung am Samstag war recht gut besucht. Zunächst erstattete der Vorsitzende Beckmann den Vorstandsbericht, in dem er kurz auf die Reichstagswahl hinwies, bei welcher der Vorstand eine umfassende Tätigkeit entwickeln mußte. Die Schriftenkolportage hat sich ganz leidlich ent⸗ wickelt; sie ergab in etwas mehr als einem Jahre einen Ueberschuß von Mk. 245.02. Das sei ja für diesen Zeitraum nicht viel, man könne aber damit für den Anfang zufrieden sein 200 Mk. davon wurden dem Wahlfonds überwiesen. Der Kassenbericht für das erste Halbjahr 1903 weist eine Einnahme von Mk. 432.79 und eine Ausgabe von Mk. 321.16 auf, es verbleibt mithin ein Kassenbestand von Mk. 111.63. Die Revisoren bestätigen die Richtigkeit der Abrechnung, worauf der Kassierer entlastet wird. Bei der Vor⸗ standswahl wurden die bisherigen Mitglieder desselben auf Antrag des Genossen Keßler durch Akklamation wiedergewählt. Genosse Krumm spricht hierauf über die neue Friedhofs- und Begräbnisord nung, deren wichtigste Bestimmungen er mitteilt und die wir, weil es in unserem Blatte noch nicht geschehen ist, aus⸗ zugsweise wiedergeben wollen. Der Friedhof ist Eigen⸗ tum der Stadtgemeinde, seine Verwaltung ist der Friedhofskommisston übertragen, welche zur Aufsicht einen Friedhofsaufseher bestellt. Diesem ist das Beerdigungs⸗ personal unterstellt, seine Obliegenheiten sind durch eine

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