Ausgabe 
9.8.1903
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 32.

nötig sein wird, wenigstens muß das bisherige Gewehr umgeändert werden. Vorläufig sollen eins oder mehrere Regimenter diese Neuerung erproben, die auf erheblich weitere Entfernung als bisher Treffsicherheit biete. Also jedenfalls wieder ein neuer Schießprügel, dessen Ein⸗ führung Millionen verschlingt. Dazu ist Geld da, wenn aber durch Hochwasser-Katastrophen Tausende in Not und Elend geraten und es Pflicht des Staates wäre, sofort einzu⸗ greifen, dauert es gewiß wochenlang, bis sich die hochmögende Regierung entschließt, ein paar Hunderttausend Mark flüssig zu machen.

Leuchte der Wissenschaft.

Ein Professor der Geschichte an der technischen Hochschule in München, Graf Damoulin mit Namen, hielt beim Stiftungs- feste eines Studentenkorps eine Rede, in der a. sagte:

In dem Augenblicke, in dem es keine Studenten mehr gibt, die den Speer(Schläger) schwingen, verzichte ich auf das Lehr-Amt. Weiter sagte er:Wahrhaftig, eine Schmarre ist oft mehr wert, als eine alte Scharteke. Manch' geschwänztes Kolleg ist besser angewendet, als ein geschwänzter Fechtboden.

Das ist ein Lehrer und Erzieher unserer vaterländischengebildeten Jugend! Nach ihm ist es also die Hauptsache, wenn das Gesicht des Studenteu ordentlich verhauen ist, ob er etwas im Schäde hat, darauf kommt es nicht an. In einem wirklichen Kulturstaate würde eine solche Sorte Professoren ohne weiteres zum Teufel gejagt.

AufgelösteAblöser⸗Partei.

Die Nationalsozialen haben ihren Konkurs angemeldet. Bei der Freisinnigen Vereinigung hat der Pastor Naumann ange⸗ fragt, ob er und seine Anhänger dort ein Unterkommen finden könnten. Und weil die Wadenstrümpfler ganz gut einigen Zuwachs brauchen können, gleichgültig, wo er herkommt, so stellten sie den Obdachlosen ihre Partei als Herberge zur Verfügung. Wie weiter verlautet, wollen die Ablöser der Sozialdemokratie inner halb der Orgauisation der Freisinnigen eine gewisse Landesorganisation aufrecht erhalten. Das können sie auch ganz gut, denn die Orga⸗ nisation der Freisianigen von der weiblichen Linie ist nicht viel besser wie gar keine.

National⸗Soziales.

Bei der in Elberfeld tagenden Versammlung der Nationalsozialen Rheinlands und Westfalens war wohl das interessanteste die Erklärung des Oberlehrers Guttmann(der den Anschluß an die Freisinnige Vereinigung vertrat), daß der nationalsoziale Parteisekretär Maurenbrecher zur Sozialdemokratie übertreten werde. Daß noch eine weitere An⸗ zahl Nationalsoztaler den gleichen Schritt, tun, ist zweifellos.

Unseralter Freund Hoppstädter wollte die Nationalsozialen in die liberalenJugend⸗ bünde hinein reden. FürHoppstädter'schen Liberalismus sind dieum Naumann denn doch auch wirklich zu schade; es sind meistens ehrliche Idealisten, während die Hoppstädtersche Sorte sich unter den SammelnamenKreisblatt⸗ Liberalismus zusammenfinden sollte.

Kriegervereinliche Agitation.

Wie Arbeiter in den Staatsbetrieben in die Kriegervereine gepreßt werden, davon gibt ein Schriftstück Zeugnis, das unserm Parteiorgan in Erfurt auf den Tisch geweht wurde. Es Ket aus von dem Kriegerverein in Neudaber tedt, ist datiert vom 25. Juli und lautet:

Wir haben erfahren, daß Sie Ihrer Militärpflicht bei einem Truppenteile der deutschen Armee genügt haben, wodurch die Bedingungen für die Aufnahme in unsern Verein erfüllt sind. Jeder ehrliebende, alte Soldat, vor allen Dingen aber die im Staatsdienst als Arbeiter oder Be⸗ amte beschäftigten, die sozusagen aus der

Staatskrippe essen und in der Kolonie

ihren Wohnsitz haben, sollten es für ihre vornehmste und heiligste Pflicht erachten, unserm Verein, der Mitglied des preußischen Landeskriegerverbandes und des Deutschen Kriegerbundes ist, an dessen Spitze S. Majestät unser allergnädigster Kaiser und König als Protektor steht, anzugehören. Ueber Zweck und Ziel, sowie die Bestrebungen und den Nutzen dieser Vereinigungen alter Soldaten ist der unterzeichnete Vorstand jederzeit gern bereit, Ihnen näheren Aufschluß zu geben. Wir ersuchen Sie hierdurch kameradschaft⸗ lichst, sich unserm Verein anzuschließen und Ihren Beitritt so rechtzeitig anzumelden, daß wir in die angenehme Lage versetzt werden, Sie noch vor der Fahnenweihe, welche am 9. August cr. stattfindet, in unsern Verein aufzunehmen und als Kamerad in unsern Reihen willkommen heißen zu können. Mit kameradschaftlichem Gruß! Der Vorstand. J. A.: Köppen, Vorsitzender. Der Unterzeichner ist Eisenbahn-Betriebs⸗ Sekretär. So werden also die abhängigen Arbeiter in die Kriegervereine indirekt von ihren Vorgesetzten hineingetrieben. Wagen aber dann die Krieger, ihre Interessen als Arbeiter wahrzunehmen oder sonst irgend eine unvor⸗ schriftsmäßige Gesinnung zu betätigen, so fliegen sie hinaus und ihre gezahlten Beiträge sind zum Teufel!

Aus der Ferienkolonie.

Eine Soldatenschinderei en gros wurde durch den Selbstmord des Musketiers Kruse vom 17. Infanterieregiment in Metz ans Tageslicht gefördert. Die eingeleitete Unter⸗ suchung ergab, daß der bereits sechs mal vorbestrafte Unteroffizier Dunkel die Schuld an dem Selbstmorde des Soldaten trug. Die Untersuchung ergab aber weiter, daß Dunkel nicht nur den Verstorbenen, sondern alle seine Untergebenen in wahrhaft bestialischer Weise tyrannisierte. Nicht weniger als 576 einzelne Fälle von Miß handlungen wurden ihm in der vor dem Kriegsgericht der 33. Division geführten Verhandlung zur Last gelegt. Tagtäglich gab er seinen Untergebenen Faust⸗ schläge, Ohrfeigen, Fußtritte gegen den Leib, Schläge mit der flachen Klinge und mit der Scheide, sowie mit Putzstöcken; beim Turnen kniff er den Leuten in die Beine ꝛc. Ein Rekrut mußte auf Befehl mit dem Kopf gegen das Spind rennen. Oft mußte die ganze Rekruten⸗ mannschaft auf Befehl Marsch-Marsch unter die Betten kriechen. Wer in der Instruktionsstunde falsch antwortete, mußte seinen Schemel um⸗ drehen, sich auf einen der vier Füße setzen, oder auch ölige Gewehrteile zwischen die Zähne nehmen und das Flötenblasen markieren. Der unglückliche Kruse mußte einst nach einem Straf⸗ rapport feldmarschmäßig ausgerüstet, mehr als 20 mal hintereinander die Treppe hinauf und herab marschieren. Musketier Liedecke hatte ein kleines Loch in der Schuhsohle. Das riß Dunkel so weit auf, daß er ihm fünf Kieselsteine hineinstecken konnte, und damit mußte der Rekrut 125 Meter weit marschieren.

Von den 576 Fällen nahm das Kriegsgericht 366 als durch die 52 vorgeladenen Zeugen erwiesen an und verurteilte Dunkel trotz seines

artnäckigen Leugnens zu Jahren Ge

fängnis und zur Degradation. Der mitangeklagte Leutnant Mahl, der verschie dentlich Mißhandlungen des Dunkels gesehen hatte, ohne dagegen einzuschreiten, kam mit einer Woche Stubenarrest davon.

UnternehmerEntbehrungslöhne.

Ueber die Verdienste der Textilin dustri⸗ ellen macht der Bericht der Handelskammer in Plauen i. V. interessante Angaben. Die schlechten Zeiten, über die man auch in der Textilindustrie zu klagen hatte, haben allerdings manche Entbehrung für die Arbeiter gebracht. Kürzung der Löhne, Arbeitslosigkeit und Ver⸗ schlechterung der Lebenslage, das waren die hauptsächlichsten Begleiterscheinungen. Anders

liegen aber die Dinge bei den Unternehmern. Hier scheint man trotz derschlechten Zeiten

noch ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Von 17 Aktiengesellschaften der Textilindustrie des Vogtlandes, deren Rechenschaftsberichte im Handelskammerbericht enthalten sind, wird fest⸗ gestellt, daß die Gesellschaften im Jahre 1901 durchschnittlich 9,90 Prozent des eingezahlten Aktienkapitals an Reingewinn verteilten, im Jahre 1902 aber 13,23 Prozent. Das bedeutet eine Zunahme von zirka 3 Prozent. Wie sich der Gewinn bei einzelnen Gesellschaften gestaltet hat, mögen einige Beispiele beweisen. Der Reingewinn der Falkensteiner Gardinen⸗ Weberei und Bleicherei stieg von 58 707 Mk. im Jahre 1901 auf 72 970 Mk. im Jahre 1902. Demnach wurde auch die zu verteilende Dividende von 60000 Mk. auf 75000 Mk. erhöht. Die Zwickauer Kammgarnspinnerei erzielte 1901 einen Reingewinn von 222402 Mk., und 1902 einen solchen von 407861 Mk. Die Dividende wurde erhöht von 12,36 Proz. auf 22,66 Proz. Ein Bombengeschäft muß auch die Plauener Spitzenfabrik H. Herz und Co. gemacht haben. Ihr Reingewinn erhöhte sich von 71317 Mk. auf 164572 Mk. und die Prozente von 14,26 auf 32,91. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, daß man von einem fühlbaren Notstand der Aktionäre durchaus nicht sprechen kaun. Die Arbeiter haben aber von all diesemFortschritt wenig oder gar nichts wahrgenommen und wenn sie neuerdings wieder versuchen, ihre

Lage zu verbessern und den sei: Jahren ge⸗

forderten Zehnstundentag einzuführen, so wird man wieder erleben müssen, daß sich das Unter⸗ nehmertum diesen Forderungen gegenüber ab lehnend verhält und diese Ablehnung mit schlechtem Geschäftsgang,drückender Kon⸗ kurrenz undungenügendem Gewinn be gründet, wenn es eine Begründung seiner ab⸗ lehnenden Haltung überhaupt für geboten erachtet.

Derbauerufreundliche Dreschgraf.

Llls neulich das Hochwasser über Schlesien hereinbrach und entsetzliche Verwüstungen an⸗ richtete, war auch Klein⸗Tischirne, wo der berühmte Antisemitenhäuptling Graf Pückler haust, in großer Gefahr. Am gefährdesten war das Dorf, wenn der Damm am Schloß⸗ park brach. Mit bewundernswertem Fleiße ar⸗ beiteten hier Zivil und Militär. Graf Pückler erscheint, sieht zwei Herren, denen er nicht be⸗ sondersgnädig gesinnt zu sein scheint, ver bietet ihnen den ferneren Aufenthalt im Park und giebt Befehl, sie zu arretieren. Immer schneidig! Es senkt sich der Tag, Flut steigt auf Flut, die Gefahr wird immer größer, die Leute strengen ihre letzten Kräfte an, da horch! lustiges Trompetengeschmetter! Graf Pückler läßt sich von seiner Kapelle zum Konzert aufspielen! Klingt dieses lachende Geschmetter nicht wie Hohn für die arbeiten⸗ den, rettenden, händeringenden Dorfbewohner und für alle, die herbeigeeilt waren, zu helfen? Ich bin Graf Pückler; wer seid Ihr? 1! Mehr als einmal wollte Graf Pückler, als der Damm, der den Schloßpark umgiebt, zu rutschen oder durchzubrechen drohte, den Schutzdamm an einer vom Schloß und Park möglichst weit entfern⸗ ten Stelle durchstechen lassen. Auf die Ge⸗ fahr aufmerksam gemacht, die dadurch begreif licherweise für das Dorf entstehen müßte, sprach er zu dem neben ihm stehenden Leutnannt: Mögen die Klein⸗Tschirner Bauern ersaufen, sie haben mich schon oft genug geärgert! Es sollte mir eine Freude sein, wenn ich im Kahne durch die Tschirner Dorfstraße fahren und Klein⸗Tschirne im Wasser ansehen könnte!

Aussand. DerFinger Gottes.

DerFrkftr. Ztg. schreibt man aus Brüs⸗ sel: Das Schicksal des kurzlich verstorbenen ehemaligen Priesters und verdienstvollen Geologen Prof. A. Renard wirft charakte ristische Streiflichter auf das ThemaWissenschaft und Klerikaltsmus in Belgien. Etwa zwei Wochen vor seinem Tode erhielt der Gelehrte einen Brief, in dem ihm angedeutet wurde, daß seine entsetzlichen Leiden, Renard starb an Krebs die gerechte Strafe Gottes