Nr. 32.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 7.
nacht ihren Dienst anzutreten hatten, aus kurzen Tonpfeifen. Bei dem runden Tisch in der Mitte unternahm ein betrunkener Säufer wohl zum zehnten Male den Versuch, sich auf die Beine zu stellen. Die Lichter brannten trüb, und der Wirt schien eingeschlafen zu sein. Aber in der Ofenecke saß ein Mann, der ein Brannt⸗ weinglas so grimmig umklammerte, als ob er den Feind an der Gurgel hätte. g
Der Polizeiblick des Wachtmeisters hing fünf Sekunden an dem unheimlichen Gaste. Offenbar formte dieser Graukopf Gedanken, die dem jungen Kreisrichter, der im Städtchen vor Langeweile starb, hoch willkommen sein würden, sobald ste nur erst jenen Kopf verlassen hätten. Es bedurfte kaum noch eines zweiten Blickes auf die feine Mädchengestalt nebenan, hinter der sich das schielende Gesicht eines berußten Jungen zu verbergen trachtete.
„Fremde hier?“ rief Reußer durch den Qualm.
Der Wirt in der blauen Schürze erwachte aus seinem Schläfchen, nahm das Filzkäppchen ab und wies verlegen in die Ofenecke.
„Sie wollen hier bleiben“— sagte er. „Der Alte säuft in einem fort und guckt ins Glas, als ob er den Teufel sähe. Das Mädel und der schielende Junge, die bei ihm sitzen, haben noch kein Wörtlein geredet.“
Reußer trat an den Tisch.
(Fortsetzung folgt).
Die Obstruktion der brandenburgischen Städte gegen die Lebensmittelzölle
vor mehr als 400 Zahren.
Von Collner. (Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Aber die Städter pfiffen etwas auf die Urteile, die sie ganz richtig als das erkannten, was sie waren— als eine Farce, und sie dachten nicht im Traume daran, den verlangten Zoll zu entrichten. Der Kurfürst begann daher mit seinen Untertanen neue Unterhandlungen. Er meinte, er wolle aus dem Lebensmittelzoll gar keine höheren Einnahmen erzielen, als 4000 Gulden jährlich; wollten ste diese Summe auf irgend eine andere Weise aufbringen, so würde ihm das auch recht sein— ein Vorschlag, auf den die Städter ebenso wenig eingingen, wie auf alle bisherigen.
Albrecht war im höchsten Grade ungehalten über die Halsstarrigkeit seiner Landeskinder; er überließ daher jetzt die Verwaltung der Mark seinem Sohne, dem Markgrafen Johann, dem Kanzler und einigen Räten, er selbst aber zog gen Augsburg auf den Reichstag.
Man kann sich denken, daß unter dem Interims⸗Regiment die Lage für den Kurfürsten sich nicht besserte, denn es fehlte dem Sohn nicht nur die Erfahrung und die Kraft des Vaters, sondern auch dessen Ansehen, wenigstens bei einem Teile der Bevölkerung; wie hätte er also die Anerkennung eines Rechtes durchsetzen können, die dem eigentlichen Fürsten schon nicht gelungen war! Trotzdem hatte er den Mut, da er die Absicht hatte, sich mit Margarethe von Sachsen zu vermählen, die Städte um 10 000 Gulden zu seiner Aussteuer zu bitten — eine Forderung, die ihm natürlich rundweg abgeschlagen wurde.
Der Markgraf schämte sich, seinem zukünftigen Schwiegervater als Ursache der Verzögerung seiner Hochzeit seinen Geldmangel anzugeben, andererseits war es ihm auch peinlich, den Ständen seine Bitte nochmals vorzutragen; indes Not bricht Eisen, und gelegentlich eines im Sommer 1473 zu Berlin abgehaltenen Land⸗ tages trug er von neuem sein Anliegen vor. Die Städte zeigten sich nicht abgeneigt, dem bemitleidenswerten Bräutigam das gewünschte Geld zu geben, aber nicht eher, als bis der Kurfürst die Aufhebung des Lebens mittelzolls verfügt hätte. Johann und sein Kanzler meinten, man könne doch an den Fürsten nicht eine solche Zumutung richten, die wie eine Drohung er⸗ scheinen müsse, hingegen wolle man den Regenten
in einem Schreiben bitten, auf den Zoll zu verzichten, die Städte würden jetzt 4000 Gulden nach eigenem Ermessen aufbringen und die übernommenen Schulden tilgen. Aber das geftel den Städtern nicht, ebenso wenig auch der weitere Vorschlag, ein Gesuch wegen Er⸗ mäßigung des Zolls an Albrecht zu richten. Der Kurfürst riet seinem⸗Sohne darauf an, sich mit den Querköpfen auf 3000 Gulden jährlich zu einigen, doch solle er so tun, als ob er, der Fürst, nichts von diesem Anerbieten wisse; indes auch darauf gingen die bevoll⸗ mächtigten Vertreter nicht ein, und mit konse⸗ quenter Energie erklärten sie nach wie vor: Es gibt gar nichts.
Albrecht Achill sann hin und her, wie er den Widersetzlichen wohl beikommen könnte. Er sagte sich, wenn sein Ansehen auch nicht groß genug set, seinen Willen bei den Märkern durchzusetzen, würde doch wohl ein Machtgebot des Kaisers Eindruck machen. Er ließ sich daher von Kaiser Friedrich III. die in seinen Angelegenheiten ergangenen Urteile bestätigen und sandte die Urkunden an seinen Sohn, der jedoch auch damit ganz und gar nichts erreichte und seinem Vater in einem Briefe beweglich klagte, die gesandten Aktenstücke würden von den Untertanen gar nicht gewürdigt und geachtet.
Die Lage des jungen Markgrafen war eine recht wenig angenehme. Fortgesetzt bat er seinen Vater, er möchte doch nach Brandenburg kom— men, da er nicht mehr wüßte, wie ers anfangen sollte; auch seine Hochzeit könne doch nicht bis in alle Ewigkeit hinausgeschoben[werden, und zudem machten die begehrlichen pommerschen Herzöge schon wieder Miene, in das Land ein⸗ zufallen. Tatsächlich bedrohten sie auch bald darauf Gartz, doch trotz des Aufgebots, das Markgraf Johann erlassen hatte, zeigten sich die Städte im höchsten Grade unwillig, Heeres⸗ folge zu leisten; so sandte Frankfurt statt 40 Mann deren 12, und als man der Stadt vor— hielt, sie sei doch zu einer größeren Leistung verpflichtet, entgegneten ihre Vertreter, in Zu⸗ kunft werde sie überhaupt nicht einen Mann ins Feld schicken, wenn nicht die Abschaffung des Lebensmittelzolls verfügt würde.———
Wie dieser Zollstreit geendet hat, darüber wissen die Historiker nichts Genaues zu berichten. G. W. von Raumer, dessen Mitteilungen über die Ereignisse jener Zeit wir im Vorstehenden im Großen und Ganzen gefolgt sind, meint zwar, daß die Städte wohl später in irgend einer Weise nachgegeben haben, indessen braucht dies keineswegs richtig zu sein, denn nur so viel ist erwlesen, daß die Stände sehr viel später dem Nachfolger Albrechts, dem Kurfürsten Johann, die Biersteuer bewilligten, zum Dank dafür, daß er mit den Raubrittern so überaus energisch aufgeräumt hatte.
Gemeinnütziges.
Mücken im Sommer aus den Zim⸗ mern zu vertreiben. Man lege auf ein Kohlenfeuer oder ein glühendes Eisen ein Stück Kampfer und räuchere damit, wodurch sie augenblicklich vertrieben werden.
Wie lange sollen wir unser Kind schlafen lassen? Im Kindesalter ist noch viel Schlaf notwendig, weil während desselben die Zunahme des Körpers und seiner Gewebe, die Verdauung des Genossenen und die Stärkung des Körpers erfolgt. Man darf daher die Schlafzeit nicht verkürzen oder beeinträchtigen und muß sich in dieser Hinsicht ganz nach dem Bedürfnisse des Kindes richten, derart, daß man ein gesundes Kind im 2. und 3. Lebensjahre 12 bis 14 Stunden, ein blutarmes, schwächliches dagegen 14 bis 16 Stunden innerhalb 24 Stunden schlafen läßt.
Warnung vor ungekochter Milch. Bei den regelmäßig um diese Zeit auf⸗ tretenden Typhus- Erkrankungen muß dringend vor dem Genuß von ungekochter Milch gewarnt werden, weil diese geeignet ist, Typhus⸗ und andere Krankheitskeime zu übertragen. Die Milch muß mindestens 5—7 Minuten gekocht werden. Das Abkochen der Milch erfolgt am besten gleich in dem Gefäß, in das die
Milch von dem Lieferanten hineingegossen ist. Wird die Milch in einem anderen Topfe abge⸗ kocht, so darf man sie wenigstens nicht in jenes erste Gefäß zurückgießen, bevor dieses mit kochendem oder sehr heißem Wasser gereinigt ist, weil sonst die in dem Gefäße sich etwa befindlichen Krankheitskeime in der durch Ab⸗ kochen sterilisierten Milch erst recht günstige Bedingungen zur Vermehrung finden.
Humoristisches.
Ein Geschäft. Küster: Das ganze Dorf hat sozialdemokratisch gewählt!— Pfarrer: Die gottlosen Banditen— keinem wird Absolution erteilt!— Küster: Freilich, Hochwürden! Nachher gibt's ein anständiges Ablaßgeld!
Der liebe Gott hört's doch. Ein zum sonn⸗ täglichen Gottesdienst kommandierter Leutnant hatte nach dem am Abend vorher stattgefundenen, bis zum frühen Morgen ausgedehnten Liebesmahle das natürliche Be⸗ dürfnis sich in der Kirche auszuschlafen. Zum Unglück sitzt in seiner Nähe ein biederer, gottesfürchtiger Ostpreuße, der durch seinen andächtigen, lauten Gesang den ruhe— bedürftigen Offizier am Schlafen hindert. In höchster Erregung sucht deshalb der gequälte Vorgesetzte den lauten Sänger durch den heftig zugeraunten Befehl zum Schweigen zu bringen:„Kerl, willst du wohl dein un⸗ verschämtes Brüllen unterlassen; der liebe Gott hört dich auch, wenn du leise singst.“(Simpl.)
Des Sachsen Trost.
„Mir sein vom beesen Feind bedroht, Das ganze Ländchen is Sie rot! Nur Eenen Drost in all der Not, En' eens'gen hat der Badriot:
Die gute, dreie Elbe,
Die blieb Sie scheene gelbe!“
(Kladderadatsch.)
9. August. 1901: Deutsche Südpolexpedition. 1792: Pariser Kommune. 2
10. 1902: Max Kegel, Arbeiter⸗Dichter, Verf. d. Sozialistenmarsches, 7. 1895: Feuerbestattung Engel's in Rockwood(England). 1792: Sturm auf die Tuilerien in Paris.
11. 1901: Crispi, ital. Beutepolitiker, gestorben. 1815: Napoleon I. wird auf die Insel St. Helena gebracht.
12. 1848: Stephenson, Erfinder der Lokomotive, gestorben. 1792: Ludwig XVI. als Gefangner im Temple.
13. 1802: Nikolaus Lenau(Niembsch v. Streh⸗ lenau), Dichter,*.
14. 1902: Frauenstimmrecht in Neu-Südwales eingeführt.
15. 1831: Revolution in Warschau. 1534: Ignaz von Loyola stiftet den Jesuitenorden.
Litterarisches.
Großes illustriertes Kräuterbuch von Dr. C. Anton. Unter diesem Titel ist vor Kurzem im Verlage von E. Stahl in Regensburg ein Liefe⸗ rungswerk erschienen, dessen Verfasser sich bemüht, eine gründliche und leicht verständliche Beschreibung und Er⸗ klärung aller in⸗ und ausländischen Pflanzen und Früchte zu geben. In der ersten Lieferung, die uns vorliegt, sind die Nahrungspflanzen behandelt; in den folgenden sollen die Pflanzenarten, welche Gewebe, Gerb- und Färbestoffe, Gewürze, Genuß-⸗ und Arznei⸗ mittel liefern, beschrieben werden. Das Buch stellt eine fleißige, mit großer Sachkenntnis ausgeführte Arbeit dar, gute kolorierte Abbildungen vieler Pflanzen und Früchte fördern das Verständnis und machen das Werk zu einer interessanten Lektüre für jeden Naturfreund.— Wir empfehlen elne Anschaffung besonders den Klein⸗ bauern, sowie Arbeitern, welche ein Stückchen Land ihr Eigen nennen oder bewirtschaften, sie können vieles Nützliche daraus lernen. Das Werk ist vollständig in 10 Lieferungen à 50 Pfg. Bestellungen nimmt auch unsere Expedition entgegen.
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Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk.
Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts unt Abbildungen. Preis 30 Pfg.
Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 Mk.
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