Ausgabe 
8.11.1903
 
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Seite 6.

Nr. 45.

Diejenigen Wahlmänner ⸗Kandidaten, welche bei den Urwahlen gewählt worden sind, müssen, wenn ste im Wahllokal bei Verkündung ihrer Wahl anwesend sind, sofort erklären, ob sie die Wahl annehmen. Sind ste nicht anwesend, so haben sie binnen 3 Tagen, nachdem die Wahl ihnen angezeigt, die Erklärung abzugeben.

Theodor Mommsen

ist am Sonntag Vormittag in Berlin, beinahe 86 Jahre alt, gestorben. Sein Tod bedeutet einen empfindlichen Verlust für die deutsche Wissenschaft und wird als solcher in der ganzen Presse gewürdigt. Geboren am 30. November 1817 zu Garding(Schleswig), wo sein Vater Prediger war, widmete sich Mommsen von 1838 bis 1843 zu Kiel juristischen und histo⸗ rischen Studien und lebte dann einige Zeit als Privatlehrer zu Altona. Darauf machte er wissenschaftliche Reisen in Italien und Frankreich und wurde 1848 als außerordentlicher Professor der Rechte nach Leipzig berufen.

1858 wurde der Gelehrte zur Leitung des großen lateinischen Inschriftenwerkes von der Akademie der Wissenschaften nach Berlin berufen. 1874 wurde er zum ständigen Sekretär der königlichen Akademie der Wissenschaften gewählt; dieses Amt legte er 1895 nieder. 1895 wurde er Mitglied der Pariser Akademie, 1886 Ehren⸗ bürger von Rom. 1873 bis 1882 gehörte Mommsen dem preußis hen Abgeordnetenhause an, wo er sich erst zur nationalliberalen Fraktion hielt, später der liberalen Vereinigung beitrat. Mommsen war Forscher in der alten, speziell der römischen Geschichte. Die materialistische Geschichtsauffassung blieb ihm fremd, er sah die Ereignisse alsTaten großer Persönlich⸗ keiten. Aber er war doch Sachkenner genug, um nichts zu verhüllen und sein Forscherfleiß und Forschergeschick machten ihn zum Quellen⸗ finder ersten Ranges. Er blieb ein tapferer Mann bis in sein Alter. Er hat zur Zeit der Zolltarifdebatten bekanntlich erklärt, die einzige große Partet, die Anspruch auf Achtung habe, sei die Sozialdemokratie.

Eine Anerkennung der Wahrheit, die seinen bürgerlichen Freunden ein Wermutstropfen ist im Tranke der Erinnerung an den großen Toten.

Geht auch ohne Fahne!

Die Kriegervereine in Schöppenstedt und Wieda i. Harz waren aus dem braun⸗ schweigischen Landwehrverbande ausgetreten. Daraufhin hatten sie von der Behörde(Kreis⸗ direktion) die Aufforderung erhalten, entweder dem Verbande wieder beizutreten oder das braun⸗ schweigische Landeswappen aus der Fahne zu entfernen. Der Kriegerverein in Wieda hat jetzt, wie berichtet wird, den Wiederbeitritt ab⸗ gelehnt und beschlossen, die Fahne künftig un⸗ benutzt zu lassen. Solchen gesunden Oppo⸗ sitionsgeist dürfte man bei den meisten Krieger⸗ vereinen vergeblich suchen.

Zur Konitzer Mordaffaire.

Moritz Lewy, der im Jahre 1901 vom Konitzer Schwurgericht wegen Meineid zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, ist kürzlich begnadigt worden. Lewy hatte damals eidlich erklärt, daß er den ermordeten Ernst Winter nicht gekannt habe. Auf Grund einiger Zeugen⸗ aussagen, mit denen aber andre im Widerspruch standen, hatte das Schwurgericht angenommen, daß diese Angabe unwahr gewesen sei. Es gibt aber viele veute, welche überzeugt sind, daß L. zu Unrecht verurteilt worden sei. Die antisemitische Presse nutzte jenen Wahrspruch für ihre Hetzereien aus und stellte es unter bewußten Been so hin, als ob der Spruch der

eschworenen einen bestimmten Schuldverdacht gegen die Familie Lewy in Bezug auf die Er⸗ mordung des Winter enthalte, und hatte in diesem Zusammenhang immer wieder von einem Ritualmord gesprochen. Beides ist inzwischen bündig widerlegt worden. Die Familie Lewy steht außerhalb jedes Verdachts, und gleichzeitig ist amtlich festgestellt worden, daß von einem Ritualmord keine Rede sein kann.

entsprechendem Selbstgefühl wegen bewiesener

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

S 8 Anterhaltungs-Ceil.

Der Sieg des Schwachen.

Erzählung von Melchior Meyr.

6.(Fortsetzung.)

Tobias kehrte zurück.Es ist nichts, sagte er zu der Bäbe.Auch auf dem Felde ist niemand wir können ganz außer Sorge sein. Erheitert schaute das Mädchen den Wackern an, der bei erneuter Röte des Gesichts und

Geistesgegenwart ein stattlicheres Ansehen er⸗ langt hatte. Sie freute sich, daß er der Ge⸗ fahr so beherzt entgegengetreten war, um ste zu beruhigen, und belohnte ihn mit einem Blicke voll Erkenntlichkeit. Dann fragte sie:Du bist so gut, Tobias Hast du mich denn wirklich so gern?

Wie kannst du nur so fragen! rief Tobias. Ins Feuer tät ich gehen für dich, wenn's nötig wär'! Umbringen ließ ich mich auf der Stell'!

Nun, entgegnete die Bäbe,so weit wird's nicht kommen! Lächelnd ließ sie ihren Blick auf ihm ruhen. Sie sah, daß er viel versprach, aber sie sah auch, daß er's aus Liebe und aus ganz ehrlichem Herzen tat. Sie fühlte, daß er ihr gehörte, und gab sich schweigend der Lust dieser Empfindung hin.

Nach einer kleinen Weile rief sie kindlich erfreut und empordeutend:Ei sieh!

Eine Grasmücke hatte auf dem nächsten Baume ihren holden, heimlichen Sang begonnen; eine zweite, durch sie angeregt, antwortete ihr aus benachbarter Baumkrone. Die Liebenden horchten mit Ausrufungen des Vergnügens. Sie hörten nun auch den Lerchensang, der fern und hoch herab ertönte, eine Himmelsmusik, die feiner, ätherischer und allseitig erscholl, so daß die ganze Welt von stlängen umfaßt schien und die fernen di hen nicht störten, sondern recht eigentlich deze mmten.

Der Abend war köstlich. Die ungewöhnlich klare Luft hatte von den Strahlen der tief⸗ stehenden Sonne einen goldenen Ton erhalten, der ihr Blau lichter und wärmer erscheinen ließ, und die grünen Bäume hoben sich in reinster Frische davon ab. Es war alles verschönt und verklärt. Die Blumen von dem kleinen Beete hinter dem Hause leuchteten aus dem Schatten mit auffallendem Scheine; sogar das Unkraut im Winkel sah fett und behaglich her, und den Nesseln schien es wohl in ihrer stachelgeschützten 1 zu Nabe f

ie Bäbe fühlte sich so glücklich, daß sie das ernste Gespräch, um dessentwillen sie 155 kommen war, nicht sogleich beginnen, sondern lieber uoch den Augenblick genießen wollte. Sie sah umher und sagte zu Tobias:Wie schön ist s jetzt im Garten! Sieh nur, so hell ist mir der Himmel noch nie vorgekommen wie heute, und so schön hab' ich die Vögel noch nie singen hören, mein' ich. Jetzt horch nur! Tobias horchte ein wenig, sah aber haupt⸗ sächlich dem Mädchen ins Gesicht und meinte: Nun,'s freut mich, daß es dir gefällt! Aber ich 1 doch noch besser als du!

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Ja; denn ich seh' das Allerschönste! Die Bäbe lachte über das Kompliment, das der gute halb wohlgefällig, halb geschämig vorgebracht hatte, und erwiderte neckend:Du bist ein rechter Schmeichler und Lügner! Sei still 1 5 15 Hand ich geh' fort! obias hatte ihre Hand gefaßt und rief: Das probier' einmal! 5 5 Sie zog ein wenig, er drückte stärker, und sie ließ sich gerne drücken und den Geliebten, den Mann, seine Kraft an ihr beweisen.Ach, rief sie,wer hätte geglaubt, daß du so stark bist Hör' auf, oder ich schrei'!

das Drücken zum för enlichen Pressen, und die Bäbe tat den Mund auf, als ob sie schreien

wollte. Er aber kehrte sich nicht dran und leistete nochmals das Allerbeste, dann erst ließ er sie los. f

Die Bäbe, mit der Miene jenes Scheinvor⸗ wurfs, der die beste Anerkennung enthält, sagte: Du bist aber bös! Wenn ich jetzt geschrieen hätt', und man hätt's gehört, und uns hier getroffen?

Bah, rief Tobias in stolzer Sicherheit; so hitzig geht's nicht! Und am Ende was wär's dann?

Sie, die mutige Weise ihm lassend, versetzte mädchenhaft:Ja, das glaub' ich, du hast gut reden! Aber wenn man mich bei dir im Garten träfe, da würde es schön über mich hergehen!

's hat keine Gefahr, entgegnete Tobias. Kein Mensch ist um den Weg,? ist ordentlich, als ob's so sein sollt', daß wir hier ungestört beisammen sind. Schau doch herum siehst du was?

Das Mädchen sah und hörte niemand; aber ste sah, daß die Helle sich gemindert hatte, daß die Sonne untergegangen und die Frist beinahe schon verstrichen war, die ihr die Pfarrerin zum Besuch einer Kamerädin vergönnt hatte. Sie sagte;s wird dunkel, Tobias, und die Zeit vergeht. Wir müssen jetzt von dem reden, warum wir zusammengekommen sind!

Tobias war ernsthaft geworden. Die Mahn⸗ ung hatte ihn mit einem Rucke aus dem heitern Gebiete der Phantasie in die wirkliche Welt versetzt, wo man sich nicht so frei und so schön bewegen kann, sondern vor Hindernissen steht, die aus dem Wege geräumt sein wollen. Be⸗ deutsam nickend, sagte er:'s ist wahr!

Die Bäbe begann:Du hast mir geschrieben, daß du die Sibylle heiraten sollst und nicht weißt, wie du's anfangen sollst, um von ihr loszukommen! Nun sag' mir vor allem eins: hast du mit ihr, eh' du mich kennen gelernt hast, vom Heiraten gesprochen? 5

Nein! versetzte Tobias, froh, diese Antwort geben zu können.

Auch mit ihrem Vater nicht?

Nein, wiederholte er.Ich hab' wohl. gesehen, daß sie mich gern hätt' und sich viel⸗ leicht auch einbildet, ich wollte sie; aber gered't ist nichts worden in der Sach'! 5

Nun, das ist gut, sagte die Babe.Wir haben's also nur mit dem Vater zu tun!

Ja, versetzte Tobias,nur mein Vater will's haben! Aber das ist ein gewalttätiger Mann, der sich nicht weisen läßt, und wenn er sich einmal was in den Kopf gesetzt hat, dann meint er, es muß'nausgeführt sein, bieg's oder brech's. Darum hab' ich dir eben geschrieben, ob du mir keinen Rat geben kannst, wie wir auf irgend eine Weis' Er hielt inne und schaute sie fragend an.

Nach kurzem Bedenken entgegnete sie:Wir können zweierlei tun. Wenn s wirklich ernst 110 mir ist und du etwas wagen willst für m

Bäbe! rief Tobias mit der Miene des Vorwurfs,kannst du daran noch zweifeln? Alles wag' ich für dich alles, was du willst, gar alles!

Nun, erwiderte das Mädchen,dann hat's keine Not, und die Sach' ist einfach. Du gehst zu deinem Vater, sagst, du kannst die Sibylle nicht nehmen, und er solle und er müsse ein Einsehen haben; du würdest unglücklich sein dein ganzes Leben lang es ginge nicht und Wa nicht tun um die ganze Welt nicht!

Tobias hatte betroffen gehorcht und sah nun sehr betreten vor sich hin. Um ein solches Gespräch mit seinem Vater zu vermeiden, hatte er ja gerade an sie geschrieben und von ihr einen Rat gewünscht und jetzt war das der Vorschlag, den sie machte? Nun, den hätte er sich auch wohl selber machen können und nicht nötig gehabt, deswegen an sie zu schreiben und mit ihr im Garten zusammenzukommen! Er hatte gedacht, sie wüßte eben ein Mittel, wo er mit seinem Vater gar nicht mehr zu

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Tobias, dem das Lob seiner Stärke wohler tat als alle Schönheit des Abends, steigerte

reden brauchte! So ein Mittel, wo die Sache

auf irgend eine andere Weise ging, ohne einen

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