Ausgabe 
8.11.1903
 
Einzelbild herunterladen

Seite 4.

Mitteldentsche Souutags⸗Zeitung.

Nr. 45.

die Höchststeuerleistung bei einem Einkommen von 1½¼ Million auf 130 000 Mk. festsetzt. Es wurde beschlossen, die Regierung aufzufordern, auf Grund dieser Berechnung eine Aufstellung vorzulegen, aus der zu ersehen ist, welche Mehr⸗ einnahmen hierdurch zu erzielen seien.

Für den Um bau der Markuskirche in Butz bach verlangt die Gemeinde Butzbach einen Beitrag unter Hinweis darauf, daß es sich um Erhaltung eines Baudenkmals handele, das für das ganze Land historisches Interesse habe. Wir meinen, das Geld wäre an vielen andern Stellen notwendiger zu gebrauchen. Für die Renovierung solcher und ähnlicher Baudenkmäler sind in den letzten Jahren sehr bedeutende Aufwendungen gemacht worden, man sollte damit mal etwas langsam tun.

Gießener Angelegenheiten.

Von der Lebenshaltung der Ar⸗ beiter. Es wird immer viel davon geredet, daß sich in den letzten Jahrzehnten die Lebens⸗ haltung und die Lage der Arbeiter überhaupt vedeutend gebessert habe. So hieß es in einem Artikel, den sich derGieß. Anz. vor einiger Zeitvom Lande schreiben ließ:

Der Volkswohlstand hat sich seitdem ent⸗

sprechend gesteigert; die Lebenshaltung des

Einzelnen ist infolge höheren Verdienstes

besser, wenn auch teurer geworden. Besonders für die Arbeiterklasse haben sich die ma⸗ teriellen Verhältnisse erheblich gebessert.

Die Leute, welche derartiges behaupten, sollten sich einmal genau über die Arbeiter⸗ verhältnisse orientieren. Die Besserung ist keineswegs in dem Maße eingetreten, wie es öfters dargestellt wird. Wo soll sie auch her⸗ kommen? Man sehe sich nur die Löhne an, die gegenwärtig gezahlt werden, sie sind kaum höher als vor 20 Jahren. Gewöhnlichen Tage⸗ löhnern bietet man selten mehr als täglich 2 Mk.; Zigarrenmacher kommen nicht viel höher. Aehnlich stehts mit andern gewerblichen Arbeitern. Erst kürzlich wies eine Statistik über die Löhne der Bergarbeiter das Sinken derselben im Jahre 1902 nach. Und dabei stetige Verteuerung der notwendigsten Lebens⸗ mittel und vieler Haushaltungsartikel. Man vergleiche die heutigen Preise der Haupt⸗Konsum⸗ artikel, mit denen vor 20 Jahren und man wird fast überall eine Steigerung feststellen können. Wohnungsmiete, Kohlen, Lebensmittel, Schuhwerk, Steuern für alles das muß heute die Arbeiterfamilie mehr opfern. Daß heute mindestens neun Zehntel aller Arbeiter sich nicht menschenwürdig ernähren können, ist eine bekannte Tatsache, es lehrt der Augenschein. Von sonstigem Lebensgenusse ist überhaupt keine Rede. Bezüglich der Er⸗ nährung sagte vor Kurzem dieDeutsche Wirt⸗ schaftspolitik:

Aber von den vorgenannten 35000000 hat nur der kleinst Teil ein Einkommen von 900 Mk., der weitaus größte Teil muß mit noch weniger auskommen, und so ist es nicht erstaunlich, daß viele Millionen Deut⸗ sche überhaupt auf Fleischnahrung verzichten müssen. Speisefette und Speiseöle, sowie Heringe treten in diesen Klassen unserer Arbeiterbevölkerung an die Stelle des Fleisches.

Die Leute, welche soviel von den besseren Verhältnissen in der Arbeiterklasse reden, sollten einmal genötigt sein, sich ein Vierteljahr mit einer Lebenshaltung, wie sie Arbeiter führen müssen, zu begnügen, sie würden dann bald zu anderer Ansicht kommen.

Friedensvortrag im Krieger⸗ verein. Am Mittwoch Abend hielt ein Agitator des Friedensvereins, Herr Fel d⸗ haus aus Basel, in Steins Garten einen Vortrag vor den Kriegervereinen über den Krieg der Zukunft. Nach dem Bericht des Anz. schilderte er die Schrecken des zukünf⸗ tigen Krieges und das Unheil, was daraus für alle Völker entstehen muß. Ein solcher werde gewaltige Erschütterungen des Geldmarktes her⸗ vorrufen, das Versagen der Verkehrsmittel zu Wasser und zu Lande werde eine unerträgliche Verteuerung der Lebensmittel und Hungersnot

zu Folge haben. Es gebe, um Kriege zu ver⸗ meiden, nur einen Ausweg: das Schiedsgericht. Der Redner schloß seine Ausführungen mit den Worten des großen Pasteur:Die Wissenschaft und der Friede werden triumphieren über Un⸗ wissenheit und Krieg. Hm, von sozialdemo⸗ kratischer Seite ist alles das schon seit Jahr⸗ zehnten gesagt worden, da hat man das aber alles höchst vaterlandslos gefunden. Es ist ent⸗ schieden ein Fortschritt, daß die Kriegervereine sich einen derartigen Vortrag halten ließen, das ist jedenfalls besser, alsnationale Hetz⸗ reden. Rückständiger als die Gießener sind die Wetzlarer Krieger, die ließen den Friedens⸗ mann nicht reden.

Antisemitische Gemeinheit. Diese Woche wurde vor dem Schwurgericht in Hanau gegen eine Anzahl Burschen und Männer aus Lütter bei Fulda verhandelt. Diese waren im vergangenen Sommer eines Nachts in das Haus des dorthin neu zuge⸗ zogenen Schneiders Schäfer eingedrungen, hatten dasselbe demoliert, die Bewohner furchtbar mißhandelt, den Schäfer erschlagen. Aus der Verhandlung ging hervor, daß die blutige Tat von den verrohten Menschen aus Haß gegen den Fremden verübt wurde. Auch der religiöse Fanatismus spielt dabei eine Rolle. Wie wir hierbei gleich hinzufügen wollen, erhielten drei der Täter 6 Jahre Zuchthaus, einer 3 Jahre Zucht⸗ haus, einer Jahr Gefängnis. Bevor nun die Gerichtsverhandlung noch stattgefunden hatte, besaß das Offenbacher antisemitische Blättchen die unerhörte Frechheit, jene mensch⸗ lichen Bestien als Sozialdemokraten zu bezeichnen! Ueber einen solch' ver⸗ rückten und schmutzig⸗gemeinen Angriff wird jeder Einsichtige lachen! Der in jeder Beziehung bankrotte Antisemitismus versucht jetzt nur noch mit derartigen Schwindelnotizen Eindruck zu machen. Nein, in jenem entlegenen Orte gibts keine Sozialdemokraten. Sind wir soweit, daß jene zurückgebliebene Gegend sozialdemokratisch ist, dann kommen solche Roheiten nicht mehr vor, dann wird man aber auch nichts mehr von Antisemitismus hören. Denn es ist Pück⸗ lerischer Geist, der in dieser Tat zum Ausdruck kommt, derselbe, der auch die Anti⸗ semiten beseelte, die vor Kurzem in Schlochau den armen jüdischen Handwerksburschen tot⸗ prügelten.

Der Arbeiter-Sänger bund für den Rhein⸗ und Maingau hielt am Sonntag vor 8 Tagen seine fünfte von 75 Vertretern besuchte Generalversammlung in Sossenheim ab. Nach dem vom Vorsitzenden, Ge⸗ nossen Fladung⸗Hausen erstatteten Vorstandsbericht ge⸗ hören dem Bunde zur Zeit 86 Vereine mit etwa 5500 Mitgliedern an. Außerdem gehören noch zwei gemischte Chöre dem Bunde an. Neu gewonnen wurden in diesem Jahre 24 Vereine. Anschließend an den Vor⸗ standsbericht gab Genosse Burkhard den Kassenbericht. Die Einnahmen betrugen 1002,11 Mk., denen Ausgaben von zusammen 822,61 Mk. gegenüberstehen. Der Ver⸗ mögensbestand beträgt 484,40 Mk. Dem Bericht über das Sängerfest in Die burg entnehmen wir, daß an Ausgaben an die Gemeinde 20 Proz. vom Eintritts⸗ geld und 5 Proz. von der Einnahme für Volksbelustig⸗ ungen gezahlt werden mußten. Der Ueberschuß dürfte etwa 100 Mk. betragen. Bei der Beratung der Statuten werden die Bundesbeiträge in Zukunft wie folgt festgesetzt: Vereine bis zu 25 Sänger zahlen pro Quar⸗ tal 1,50 Mk., bis 50 Sänger 3 Mk., und Vereine über 50 Sänger 4,50 Mk. In den Vorstand wurden die Genossen Fladung als Vorsitzender, Burkhard als Kassier gewählt. Eine größere Anzahl von Vereinen hatten sich um die Abhaltung der nächsten Generalver⸗ sammlung in ihren Orten beworben. Die Mehrheit der Delegierten entschied sich für Kostheim. Aus Gießen nahm Fourier an der Generalversammlung teil.

Aus dem Rreise sriedherg⸗Püdingen.

* Wegen Körperverletzung im Amte hatte sich am Dienstag der Lehrer Kredel aus Petterweil vor der Strafkammer in Gießen zu ver⸗ antworten. Er hatte während der Schulstunden die 11 jährige Tochter des Bahnarbeiters Leichner derart geschlagen, daß diese einige Tage das Bett hüten mußte. Die vom hessischen Ministerium für die Lehrer herausgegebene Instruktion verbietet aber vernünf⸗ tigerweise die körperliche Züchtigung der Schulmädchen und es charakterisiert sich eine solche deshalb als Körper⸗ verletzung. Es mag wohl Fälle geben, wo es dem Lehrer sehr schwer gemacht wird, die Instruktion zu be⸗

folgen; besonders wenn er es, wie in diesem Falle mit

einem recht ungezogenen Kinde zu tun hat. Der An⸗ geklagte steht bereits im 75. Lebensjahre, seit 54 Jahren ist er Lehrer in Petterweil die Eltern des betr. Kindes gingen schon bei ihm in die Schule und er hat sich während dieser langen Zeit nichts zu schulden kommen lassen, seine vorgesetzten Behörden stellen ihm das beste Zeugnis aus. Der Staatsanwalt bedauerte, daß man gesetzlich genötigt sei, diese Sache hier(am Landgericht) zu verhandeln. Er billigte dem Ange⸗ klagten mildernde Umstände in weitestem Umfange zu und beantragte 3 Mk. Geldstrafe. Das Gericht er⸗ kannte auf 25 Mk. Geldstrafe und Kosten. Wenn aus der Rede des Staatsanwalts das Bedauern heraus⸗ klang, daß die erwähnte ministerielle Instruktion über⸗ haupt besteht, so vermögen wir uns demselben leineswegs anzuschließen. Anderseits läge es aber im Interesse der Eltern und besonders der Kinder, wenn erstere sich mehr mit dem Lehrer verständigten und bei der Er⸗ ziehung zum Besten ihrer Kinder Hand in Hand mit ihm arbeiteten. Es kommt leider noch oft vor, daß durch das Verhalten der Eltern dem Lehrer sein ohnehin nicht leichter Beruf erschwert wird, was ihn in eine gereizte Stimmung versetzt.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Vortrag. Die Lesevereinigung hält am Donnerstag 12. November ihren zweiten Vor trags⸗ abend ab. Herr Prof. Kohl-Marburg spricht über Die Beziehungen des Lichts zur Pflanzenwelt.

h. Auf die Parteiversammlung, welche diesen Sonntag nachmittags 3 Uhr im Lokale Orbig in Gießen stattfindet, machen wir nochmals aufmerksam.

Landtagswählerversammlung. Am Sonntag fand im Schützengarten zu Wetzlar eine stark besuchte Versammlung konserv. Land⸗ tagswähler statt. Der Kandidat der Konser⸗ vativen, Herr Stackmann, hielt seine Pro⸗ grammrede. In der Diskussion sprachen nur konservative Redner, obwohl die Herren des natl. Wahlvereins einschließlich ihres Kandidaten anwesend waren. Es fiel allgemein auf, daß der seitherige Vorsitzende des nationall. Vereins, Herr Justizrat Aldefeld demonstrativ am Vor⸗ standstische der Konservativen Platz genommen hatte. Die Nationalliberalen werden am Wahl⸗ tage die Erfahrung machen, daß man eine Minderheit vergewaltigen kann und doch am letzten Ende mit der Mehrheit keine Erfolge er⸗ zielt. Am nächsten Sonntag wollen die Nationalliberalen eine Wählerversammlung abhalten, in der Dr. Johannes aus Köln reden wird.

Sie wollen nichts vom Frieden hören. Die internationale Friedensliga zu Bern läßt gegenwärtig durch einen Wander⸗ redner für ihre Ideen Propaganda machen. Derselbe sollte im Kriegerverein zu Wetzlar überden Krieg der Zukunft reden, und den Vortrag mit Lichtbildern zu ergänzen. Der Kriegerverein hat aber dem Redner wieder ab⸗ geschrieben, als die Vereinsmacher merkten, daß die Friedensidee nicht zu den chauvinistischen Tendenzen der Kriegervereine paßt. Wie wir hören, wird der Vortrag nun doch von einem andern Verein aufgenommen werden.(Siehe unter Gießener Angelegenheiten. Red.)

Volks versammlung in Gleiberg. Zur Gedenkfeier an den Erlaß des Sozialisten⸗ gesetzes fand am Sonntag im Feußer'schen Saale in Gleiberg eine Versammlung statt, die einen sehr starken Besuch aufzuweisen hatte. Die Ge⸗ nossen Vetters und Krumm aus Gießen schilderten die Ursachen, welche Bismarck zur Verhängung jenes Gesetzes über die Arbeiter- bewegung veranlaßten, sowie die Kämpfe und Verfolgungen, die unsere Genossen während seiner Herrschaft über sich ergehen lassen mußten. Das Wachstum unserer Partei beweist, wie kläglich das Unterfangen der besitzenden Klasse, unsere gute und gerechte Sache zu vernichten, scheiterte. Unter lebhaftem Beifall schlossen beide Redner mit der Mahnung, im Kampfe nicht nachzu⸗ lassen, sondern tüchtig an der Ausgestaltung der politischen und gewerkschaftlichen Organi⸗ sation weiter zu arbeiten. Hierauf wurde noch über die bevorstehende Landtagswahl dis⸗ kutiert und beschlossen, sich an derselben durch Aufstellung eigener Kandidaten zu beteiligen. Einer Kommission wurden die Vorarbeiten hier⸗ zu übertragen.

J Aus dem 5. nassauisch. Wahlkreis. Von dem Artikel in Nr. 42 der M. S.⸗Z. so schreibt

*

2