Ausgabe 
8.11.1903
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 45.

den Freisinnigen Dr. Barth, der mit nur zirka 200 Stimmen Minorität seinem Gegner unterlag. In Groß⸗Satspe, wo die Brüder Käding Wahlvorsteher waren, erhielt bei der Hauptwahl der Konservative 20, Dr. Barth 23 und unser Genosse 30 Stimmen. Trotzdem die Sozialdemokraten für die Stichwahl die Parole ausgegeben hatten, für den Freistnnigen einzu⸗ treten, fielen auf diesen nur 15 Stimmen, dagegen 60 auf den Konservativen. Das fiel natürlich auf und es meldeten sich sogleich 40 Personen, die erklärten, für Barth gestimmt zu haben und beeideten dasselbe in der Verhand⸗ lung. Es stellte sich heraus, das Gustav Käding die Stimmzettel falsch vorgelesen und sein Bruder Otto dementsprechend Barth'sche Stimm⸗ zettel mit solchen für Malkewitz vertauscht hat. Das nennt man in der plumpen deutschen Sprache allerdings betrügen. Die braven Ordnungsmänner, die so nach dem Rezept des seligen Riccaut de la Marlinière für König und Vaterland und Wucherzölle arbeiteten, erhielten jeder 6 Wochen Gefängnis.

Monarchen⸗ Begegnungen.

Wilhelm II., der am Sonntag noch oben an der Ostsee sich aufhielt, traf andern Tags bereits in Wiesbaden ein, wo er mit dem russischen Kaiser zusammentrifft. Dabei wird ein gewaltiges Truppenaufgebot zum Zwecke der Spalierbildung und Absperrung in Bewegung gesetzt. Sechs Infanterie⸗Regimenter werden in Wiesbaden zusammengezogen. Das benach⸗ barte Mainz stellt dazu das Hauptkontingent; es wurden aber auch Truppenteile aus Hom⸗ burg, Gießen, Paderborn und Berlin, letzteres mit der Ehren⸗Kompagnie des Kaiser Alexander⸗Gardegrenadierregiments. Die Ein⸗ quartierungs⸗ und Verpflegungskosten fallen der Stadt Wiesbaden zu. Die Stadtver⸗

tretung kann also da den Beutel gehörig auf⸗

tun. Die umfassenden Sicherheitsmaßregeln sollen, wie versichert wird, dem ganz persön⸗ lichen Wunsche des Zaren entsprechen. Es wäre zu wünschen, daß der Zar, wenn er solche Sicherheitsmaßregeln für nötig hält, auch die Kosten derselben deckt. Uebrigens muß das ewige Hin⸗ und Hertransportieren der Soldaten das Jahr über ein nettes Sümmchen ausmachen. Im Reichstage sollten sich unsere Geuossen einmal nach der Höhe desselben er⸗ kundigen.

Wer ist Schuld an den Soldatenmiß⸗ handlungen?

Natürlich die Sozialdemokraten! Diese Neuigkeit setzt dieNationalliberale Korrespon⸗ denz in die Welt. Wie sie nämlich gehört hat, wird bei den Reichstagsverhandlungen settens der Heeresverwaltung darauf hingewiesen werden, in welchem Maße die Neigung in den Reihen der Mann⸗ schaften, die von soztialdemokratischen Einflüssen angesteckt sind, wächst, einmal die Vorgesetzten zum Mißbrauch der Dienstgewalt förmlich zu reizen und dann den Weg der Denunziation zu be⸗ schreiten. Beweise dafür, daß Unteroffiziere und Offiziere, beispielsweise namentlich im Königreich Sachsen, wo die Sozialdemokratie am gewissenlosesten wühlt, von Agenten der letzteren im Rocke des Königs absichtlich gereizt werden, liegen in nicht geringer Zahl vor. Diese Versuche mindestens ebenso hart zu strafen, wie die Ueberschreitungen der Dienstgewalt, ist unbedingt geboten. Diese Sätze verdienen wirklich der allgemeinen Lächerlichkeit überliefert zu werden! Welcher Mensch ist wohl so blödsinnig, an dasabsicht⸗ liche Reizen zu glauben? Danach lassen sich also die armen Teufel von Rekruten halbtot prügeln und schinden, nur um den Unteroffizier anzeigen zu können! Und die Schinder, die Hunderte von Mißhandlungen verbrochen haben, sind unschuldig, ganz unschuldig! In der Tat, eine gloriose Entdeckung!

Militärjustiz.

Das Heidelberger Schreckensurteil, durch welches am 22. September 4 Soldaten vom bad. Grenadier⸗Regt. Nr. 110 mit er⸗ schreckenden Strafen belegt wurden, hat vom Oberkriegsgericht in Karlsruhe noch eine Ver⸗ chärfung erfahren. Die Angeklagten hatten während der Manöver in Reichardtshausen in

Zivilkleidern zwei Unteroffiziere tätlich angegriffen und gemißhandelt. Das Heidelberger Kriegsgericht hatte am 22. Sep⸗ tember Keinarth zu 10 Jahren Zuchthaus, Oehler und Habich 50 je 6 Jahren und Feinauer zu 3 Jahren 9 Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt. Das am Montag gefällte Urteil lautet gegen Keinarth wegenMeuterei verbunden mit Aufruhr auf 7 Jahre Zuchthaus, gegen Feinauer wegen Aufruhr und Meuterei auf 6 Jahre Gefängnis, gegen Oehler und Habich auf 6 Jahre Gefängnis wegen Meuterei. Also das harte Urteil der ersten Instanz schien wenigstens gegen einen der An⸗ geklagten dem Oberkriegsgericht noch nicht ein⸗ mal hart genug!

Aus der Ferienkolonie.

Wegen gemeiner Soldatenschinde⸗ reien stand der Sergeant Wilhelm Nebelung vom 36. Infanterie⸗Regiment vor dem Kriegs⸗ gericht in Halle. Gegen diesen Stellvertreter Gottes führte der Vertreter der Anklage ein ganzes Register empörender Quälereien Unte r⸗ gebener ins Feld. Daß der Angeklagte seinen Untergebenen die Spinde ausräumte, Putzpomade, Flaschen, Wäsche und Kleidungsstücke auf einen Haufen warf und dann mit den Füßen darin umhersprang, das war nicht das schlimmste. Hundsgemein war es aber, daß er die Leute am rotglühenden Ofen 500 bis 700⸗ mal die Gewehre strecken ließ. Zur Instruktionsstunde ließ er seine Leute in strenger Kälte ohne Kopfbedeckung und leicht gekleidet vor seinem Fenster antreten. Er stand in der Stube, mit dem Mantel bekleidet, am Fenster und stellte daun seine Fragen. Wer gut ant⸗ wortete, konnte hineinkommen und sich wärmen und wer eine schlechte Antwort gab, wurde mit dem Kopf ins Wasser getaucht. Mit den Mänteln bekleidet und mit präsenttertem Gewehr mußten die Leute Kniebeuge machen, bis sie am geheizten Ofen zusammenbrachen. Die Stube ließ er zuweilen mit Zahnbürsten scheuern. Ein Mann, der braun und blau geprügelt worden war, hatte gesagt: Ich melde mich nach China, denn schlimmer kann ich dort auch nicht geschliffen werden. Der Ankläger beantragte mit Rücksicht auf das gemein⸗ gefährliche Treiben 1 Jahr Gefängnis. Das Gericht erkannte jedoch nur auf 4 Monate Gefängnis. Degradation wurde nach den vor⸗ liegenden Berichten nicht ausgesprochen, der Biedere kann, wenn er wieder herauskommt, seine Schindereien fortsetzen.

Fortschreitende antisemitische Verlemduung.

Welch traurige Rolle die Antisemiten bei den sächsischen Landtagswahlen gespielt haben, schildert Gen. Fleißner in den Neuen Zeit mit folgenden Worten: Bei der vorletzten Wahl traten ste in zehn der fraglichen Kreise den Konservativen mit eigenen Kandidaten ent⸗ gegen und forderten entsprechend ihrem Pro⸗ gramm das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht. Diesmal haben sie in keinem einzigen Kreise erusthaft kandidiert; der eine Reformer, Herr Zimmermann, ist mit Hilfe der Konservativen in einer für ihn geradezu auch persönlich entwürdi⸗ genden Weise gewählt worden. Das anti⸗ semitische Programm hat er in der für Sachsen wichtigsten, der Wahlrechtsfrage, positiv ver⸗ leugnet. Für den einst gefeierten Partei⸗ führer ist der Besttz eines Mandats heute ein einfaches Recheuexempel, eine Frage der mate⸗ riellen Existenz. Wie und wo das Mandat erlangt wird, ist gleichgültig. Während dieses Trauerspiels mit ihrem Führer verhielt sich die antisemitische Parteileitung wie überhaupt zur ganzen Wahlagitation mäuschenstill, während die antisemitischeDeutsche Wacht tüchtig auf die Konservativen und das Dreiklassenwahlrecht schimpfte. Ein ekelhafter politischer Sumpf.

Bei den Landtagswahlen in Baden,

die am Freitag stattgefunden haben, hatte unsere Partei in 9 von 32 Bezirken eigne Kandidaten aufgestellt. Zu verteidigen hatten unsere Ge⸗

nossen vier Mandate und zwar zwei von Mann- heim⸗Stadt, je eins von Pforzheim und Dur⸗ lach. Pforzheim ging leider an die National⸗ liberalen verloren. f

Für uns ist das Ergebnis kein günstiges. Unser Mannheimer Parteiblatt erklärt dies damit, daß die Regierung die Wahl am Frei tag hat stattfinden lassen, wo in Baden viel⸗ fach Lohnzahlungstag ist, ferner damit, daß die Gegner die Vorgänge auf dem Dresdner Partei⸗

N 1

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5 wel

tag ausgeschlachtet haben, sowie aus einer Reihe 10

lokalen Ursachen.

Im neuen Landtage werden die National- liberalen 25 Abgeordnete haben, Zentrum 23 wie bisher, Demokraten 6, bisher 5, Sozial⸗

demokraten 5, bisher 6, Freisinn 2 wie bis⸗

her; Konservative und Antisemiten haben je einen Abgeordneten.

Ausland.

Polizeigewalttaten gegen Arbeiter in Paris.

Als am Sonntag in der Pariser Arbeits⸗ börse etwa 6000 Arbeiter der Lebensmittel⸗

branche versammelt waren, um gegen die Aus.

beutzung der privaten Stellenvermittler und die Lässtgkeit der Regierung, hiergegen ge⸗

setzgeberische Maßnahmen zu ergreifen, zu pro⸗

testieren, entstand beim Verlassen des Lokals ein Konflikt mit der Polizei.

In der Kammer protestierten die Sozialtsten gegen das Vorgehen der Polizei.

Neues Ministerium in Italien.

Nach längeren Verhandlungen hat Giolotti, der bereits dem früheren Ministerium ange⸗ hörte, die Bildung eines neuen übernommen und auch zustande gebracht. Giolotti befragte auch Sozialisten von der gemäßigten Richtung wegen Eintritt in sein Ministerium, diese lehnten jedoch ab. Doch sollen sie ihm ihre Unterstützung

versprochen haben, da ste von ihm eine aufrichtige

demokratische Politik erwarten. Das vorher⸗ gehende Ministerium kam über die unterbliebene Zarenreise nach Rom zu Falle.

kundgebung gegen ihn zu erwarten war. Streikunruhen in Spanien.

Vorige Woche ist es in Bilbao, einern

der bedeutendsten Industriestädte Spaniens, zu f heftigen Unruhen gekommen. Sogar Barri⸗ kadenkämpfe haben stattgefunden, bei denen es auf Seiten der Aufständischen, wie auch auf Seiten der Polizei und dem zur Herstellung derOrdnung herbeigerufenen Militär, Tote 10 und Verwundete gab. In dieser im Norden Spaniens, am Golf von Biscaya gelegenen Stadt, befinden sich zahlreiche Fabriken aller Art und die Arbeiterbevölkerung vermehrt sich von Jahr zu Jahr. Eisen⸗ und Stahlwerke, Gießereien, Schiffswerften, Mühlen, Papier-, wieback⸗, Konserven⸗, Zement⸗, Thonwaren⸗, eder⸗, Segeltuch⸗, Seilerwarenfabriken und andere Industrien haben in Bilbao ihren Sitz, die Arbeiter sind politisch und gewerkschaftlich organistert und in ständiger Fühlung mit den Arbeitern der berühmten Eisengruben der Um⸗ gebung, die zum Teil der Firma Krupp gehören. Bilbao wird als eine liberale Stadt geschildert, in der letzten Zeit hat die spanische Sozialdemokratie festen Fuß gefaßt; in der Provinz jedoch herrscht der Pfaffe, der Jesuit. Das Unternehmertum beutet die bedürfnislosen Arbeiter in unverschämter Weise aus und so kam es zu einer Streikbewegung, die bei dem leidenschaftlichen Temperament der Südländer bald zu Tumulten führte. Die Pfaffen hetzten gegen die Arbeiter, die sich ihrer Vormundscha

Regierung verschärfte die Gegensätze durch eine bedeutende Verstärkung der Garnison und durch provokatorisches Vorgehen gegen die Streikenden. Das Sozialistenkomitee veröffentlichte einen Aufruf, durch den die Arbeiter aufgefordert werden, die Ruhe zu bewahren und Zu⸗

zu entziehen suchen und die reaktionäre spanische ö

sammenstöße mit dem Militär zu vermeiden, 1

denn es wäre den Arbeitgebern gerade erwünscht,

Diese schluig bliud auf die Menge ein, Blut floß in Strömen.

Der russische Kaiser blieb Rom fern, weil dort eine Volks⸗