Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung⸗
Nr. 10.
Seite 6.
100 GA Unterhaltungs-Ceil. 50 ———ů—ů
Ein Narr
des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke. 4(Fortsetzung) f „Nicht so, lieber Norbert,“ sagte die Baronin,
indem sie mich eine Weile schweigend anblickte, 9 0 5 lag in dem zärtlichen
Lächeln ihres
indungen zu machen, um das Leben erträg⸗ W ellen. Denn dessen bedürfen wir in unserm Vaterlande nicht, wo die Natur gütiger egen die nee ist 910 ai e 115 i reien wohnen 7 25 7 Wumut l i 115 Mühe gewinnen. Jene aber, Strenge 9 halbjährigen Wiuters seufzen, müssen darauf sinnen,
äusern 11 ie von der
Und weil f ö in sich selbst hineingebannt
mit eitlen Träumen, schönen Entwürfen,
Wissenswerten hingetrieben.
kenntnisreich und
die weder zur Weisheit no
wie sie in gccaffen. künstlichen Sommer erschassen. este 5 Natur zurückgestoßen und sind, werden fie mehr denn wir, zur Beschäftigung des 5 9 i ü d zur Erforschung alles
ste nie ausführen, un 3 e 1 5 1 Dingen vielwissend, en 9 Glückseligkeit
eine Krieger, die H i esgleichen die Künstler, Gelehrten und gemeine Priester. In der vierten Kaste sind die Leib⸗ eigenen oder Sklaven, welche man wie anderes Hausvieh verkaufen oder verschenken kann. Bei einigen Völkerschaften, die ihre erste Roheit schon zum Teil abgelegt haben, fehlt jedoch schon die vierte und die letzte von den Kasten; ebenso findet man einzelne Völkerschaften, wo gute Fürsten, welche die Gewalttätigkeit ihrer Großen erkannten, keine Gesetze mehr geben als mit Einstimmung eines Senats, aus den verschiedenen Kasten des Volks gewählt. Die Könige in den Ländern von leben untereinander in fast immerwährender Feindschaft. Die Schwächern durch den gegenseitigen
chwächern Staaten
7 f llen sie die s U. Sta 1 i erz,„du ützen, und chreiben sie große Bücher von sich verlieren, fa bel abel mit Krieg 7 0 e e e. 5 Aab Sachen, die bei uns weder 155 unter schlecht ersse unter sich. Dafür lassen füh 10 mit den Unglücklichen, nicht mit den achtet noch kaum dem Namen nach bekannt] an und Titel der Gerechten, der Väter des Glücklichen sollen wir Mitleiden haben!“ ver- sind. Ja, sie haben dafür besondere Schulen erlandes oder der Helden beilegen, wie 10 ich ausweichend. und Lehrstühle errichtet. denn dergleichen alte Beinamen überall und 5 0 5 weißt du's, er ist verabscheut Aber die Witterung ist auf jener, vaß von den jeher bei den Barbaren beliebt gewesen
„Vielleicht
i Verwandten, verachtet von seinen en und wird von aller
ehemaligen Bekannten und Welt als Verrückter behandelt.“ N„Liebenswürdige Freundin, abgerechnet, was mir woh scheint, die mit kluger um nicht anstößig zu
des Abscheues oder der Verach“
ichts, was 5 15 Doch ich kenne ihn noch gilt
wert wäre.
enig“ Meinung „Lieber Freund,“ fuhr ste dir die Stimme der beneinen Olivier
nichts?“ enn ich weiß gar
„Wenigstens e Meinung Jerusalems nichts,“ erwing der Unschuld rief; daß die wohl, daß dug Völkerverwüster groß nannte, einst die e für Wahnsinnige hielt und öffentlic Torheit und leppigkeit mit dem daß der Göttlichen schmückte.“
Pr; freue mich!“ sagte die Baronin mit
X Lebhaftigkeit.„Du wirst meinen Olivier
ewinnen; du bist ein edler Mann, seiner Freundschaft würdig. Glaube mir, Olivier ist ein Engel, und man stößt ihn von der menschlichen Gesellschaft aus wie einen Ver⸗ brecher oder Tollhäusler.“
Als wir noch so miteinander redeten, trat Olivier wieder zu uns. Er trug in der Hand ein kleines Buch. Mit dem warf er sich in einen Sessel und sprach:„Sieh hier des Zufalls oder der himmlischen Vorsehung Werkzeug zu meiner Genesung von Schwäche und zum Er⸗ wachen vom Wahnsinn. Es ist ein unbedeutendes Buch, der Verfasser ungenannt und unbekannt; es sagt viel Gemeines und Alltägliches, aber es hat zwischenein ganz unerwartete Lichtblicke. Sebst der Titel„Träumereien eines Menschen⸗ freundes“ verspricht nicht viel. Ich fand es eines Tages, da ich noch in Garnison lag, auf dem Tische eines Bekannten und steckte es zu mir, um allenfalls etwas lesen zu können, da ich mich im freien Grünen vor den Stadt⸗ toren ein wenig ergehen wollte. Als ich drau⸗ ßen im breiten Schatten eines Ahorns lag und über mancherlei Verkehrtheiten des Lebens ärgerlich war, schlug ich mein Buch auf, und es fiel mir ein Abschnitt mit der Aufschrift in die Hände:„Fragmente aus der Reisebeschrei⸗ bung des jüngern Pytheas nach Thule.“
„Laßt hören,“ sagte ich,„was der alte Grieche aus Masstlia von unserm Norden zu erzählen weiß. Er soll Zeitgenosse des Ari⸗ stoteles gewesen sein.“
Er las:
Fragmente aus der Reisebeschreibung des jüngern Pytheas nach Thule. (Aus dem Griechischen.)
... Ich rede aber die Wahrheit, o Freunde, wenn schon sie euch unglaubhaft scheinen wird. Doch bedenket, daß in jenen rauhen Gegenden des Nordens die Natur selbst den Menschen durch unfreundliche Härte von sich zurückdrängt und durch Versagungen zwingt, mancherlei
vielleicht einiges 1 Uebertreibung Umsicht zu meiden wäre, werden,— dies abge⸗* eine rechnet, bekenne ich, fand ich bisher an Olivier 4.“ fast die Länge von achtzehn Stunden
ächtlichen Seite der Welt alsa⸗ e on einem 92 und Frost, Tage Atzersten übergehen, Aeußersten zum andern Mittelzustand ein⸗ daß kaum ein ate und vem Leibe zuträg⸗ tritt, welche in ihren Sommern leiden ste lich„zarte Hitze als in ihren Wintern töt⸗ alte; eine Hälfte des Jahres haben ihre
und in der andern Hälfte kaum die Länge von sechs Stunden. Ebenso unstet und aus⸗ schweifend ist auch daselbst das Gemüt des Menschen und veränderlich wie ihre Witterung. Festigkeit der Denkart und des Willens gebricht fast allen. Sie haben von Jahr zu Jahr neue Kleidertrachten, neue Dichtungsarten und neue Weltweisheiten. Diejenigen, welche gestern die Tyrannei stürzten, begeben sich, nachdem sie das Glück der Freiheit mit dem Munde priesen und mit dem Leben mißbrauchten, morgen freiwillig in die Knechtschaft zurück.
Also ist bei jenen Barbaren die grö te Un⸗ gleichheit in allen Dingen. Ein Teil des Volkes, aus wenigen Familien bestehend, besitzt jede Bequemlichkeit und den größten Reichtum und schwelgt im Uebermaße; aber weitaus die Mehrheit ist arm und von der Gunst der Reichen in großer Abhängigkeit. Ebenso find zwar einzelne im Besitze der Schätze des Wissens, aber die Menge des Volks wohnt in Finsternis der Unwissenheit. Sowohl Fürsten als Prieste: finden solche Unwissenheit für ihr eigenes An⸗ sehen zuträglich und halten den Pöbel in der⸗ selben fest, welcher dazu ohnehin durch Armut und Trägheit geneigt ist. Daher liebt der Pöbel bei jenen Völkern die gewohnte Weise seiner Vorfahren in allen Gebräuchen, Einrich⸗ tungen und übrigen Dingen, welche den Geist betreffen, und ist nur in Sachen körperlichen Genusses zur Veränderlichkeit geneigt. Doch pflichtet er jeder Neuerung bei, sie möge ge⸗ recht oder ungerecht sein, wenn sie ihm Geld oder häuslichen Gewinn bringt. Denn Geld und hitziges Getränk geht bei jenen Barbaren über Gewohnheit, Ehre und Götterzucht.
Bei den Völkern in Thule ist die Freiheit unbekannt, und welche ste vorzeiten besessen haben mögen, die ist ihnen nach und nach durch Gewalt oder Schlauheit der Großen genommen worden. Sie werden von Königen beherrscht, welche vergeben, sie seien Söhne der Götter, und die Könige und ihre Satrapen werden ebenso oft von Beischläferinnen oder Lieblingen beherrscht als von ihren Ratgebern. Das Volk ist in erbliche Kasten geteilt, wie bei Indern und Aegyptern. Zur ersten Kaste gehören die Könige selbst und ihre Kinder. Zur zweiten gehören die Großen, deren Kinder beim Kriegs- herr und im Staat, auch beim Altar der Gottheiten die vornehmsten Aemter verwalten ohne Rücksicht auf ihre Würdigkeit. Denn was unglaublich für uns ist, das ist bei jenen Barbaren ein Herkommen, daß die Kaste oder die Geburt höher geachtet wird als alles andere Verdienst. In der dritten Kaste leben die
geringen Beamten, die Handwerker, Kaufleute,
sind. So oft aber die untere Kaste in irgend einem Lande, Gebrauch machend von ihren bessern Einsichten, sich gegen die unmäßigen Vorzüge der obern Kasten auflehnt, setzen alle Fürsten und höhern Kasten der übrigen Reiche ihre besonderen Streitigkeiten beiseite und ver⸗ einigen sich zur Herstellung der vorigen Ord⸗ nung auf fremden Boden, oft auf sehr uneigen⸗ nützige Weise. Ein solcher Krieg wird bei den Barbaren immer als ein heiliger angesehen, weil sie glauben, daß die Könige und die Rangordnung der Kasten von den Göttern selbst eingesetzt worden seien.
Unter allen öffentlichen Ausgaben ist die⸗ jenige zur Unterhaltung der Pracht an den Höfen die größte, und nächst dieser ist die Ausgabe für das Heer, selbst in Friedenszeiten, die den Für den Unterricht des Volks, für den Landbau und alles, was die Glück⸗ seligkeit der Menschen befördert, wird das wenigste gegeben. In den meisten Ländern von Thule, wo die gewerbtreibende Kaste 5 zahlreichsten Pflichten und die wenigsten Rechte hat, muß diese durch Abgaben fast allgemein den Aufwand und die Bebdüͤrfnisse des gemeinen Wesens befriedigen.
Was die Religion dieser Barbaren betrifft, behaupten sie alle, von einer und derselben zu sein, und alle rühmen sich ein und desselben Urhebers ihrer Lehre. Allein die Arten ihres
Gottesdienstes sind mannigfaltig verschieden,
sowie die Meinungen über die Person ihres Religionsstifters. Deswegen feinden sich die Parteien mit großer Erbitterung an. Sie verfolgen und verachten sich. Im ganzen findet man bei allen Parteien vielen Aber⸗ glauben, den die Priester befördern. Vom höchsten Wesen haben sie unwürdige Vorstellungen, denn sie eignen ihm sogar menschliche Leiden⸗ schaften zu. Und wenn die Könige ihre Völker gegeneinander in den Krieg führen, wird auf beiden Seiten den Priestern geheißen, das höchste Wesen anzurufen, die Gegner zu ver⸗ derben. Nach erfochtenem Siege danken sie dem höchsten Wesen für das ihren Feinden gestiftete Verderben. f
Ihre meisten Geschichtsbücher verdienen kaum gelesen zu werden; denn dieselben ent⸗ halten gewöhnlich keine Nachrichten von den Nationen, sondern nur von ihren Königen und deren Heiraten, Erbfolgen, Kriegen und Gewalttaten. Die Namen der nützlichen Er⸗ finder und Wohltäter werden kaum berührt, aber die Namen der verwüstenden Feldherren stehen überall voran, gleichsam als wenn sie Wohltäter des menschlichen Geschlecht wären. Auch sind die Geschichten dieser Völker wegen ihrer von den unsrigen abweichenden Sitten schwer zu verstehen. Denn bei ihnen ist weder zu allen Zeiten noch auch zu einer und derselben Zeit in allen Ständen einerlei Begriff von Ehre und Tugend zu finden. In den höhern Kasten kann Unzucht, Ehebruch, Verschwendung, Spielwut, Mißbrauch der Gewalt löblich ge⸗ nannt werden oder als anmutige Schwäch
irten und Ackerleute,
Thule
sind nur sicher Neid der Stärkern.
Wo aber die Stärkern solche Eifersucht unter


