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Nr. 10.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

erscheinen, was in den untern Kasten als Laster oder Verbrechen mit Tod und Kerker bestraft wird. Wider Betrug und Diebstahl hat das Gesetz für die untern Kasten die här⸗ testen Bußen angeordnet; wenn aber ein Großer mit Klugheit das Land betrügt und sich auf Kosten seines Fürsten bereichert, wird er sehr häufig in Ehren erhöht oder mit Gnadengehalten entlassen. Gleichwie in Tugen⸗ den und Lastern ist es auch in der Ehre ge⸗ halten. Die Mitglieder der obern Kasten bedürfen keiner andern Ehre als ihrer Geburt, alle Vorzüge zu verdienen; die wenigsten in den untern Kasten können nur selten durch Tugenden dem Ansehen jener Günstlinge gleichkommen. Die Ehre aber, welche durch Zufall der Geburt entsteht, kann ebenso zufällig durch ein bloßes Schimpfwort vernichtet werden. Der, welcher mit einem Wort die Ehre verletzt hat, und der, welchem sie verletzt worden ist, begegnen sich nach vorgeschriebenen Ordnungen wie Rasende mit Waffen und suchen einander zu verwunden. Sobald nun ein Wunde oder der Tod beigebracht worden ist, gleichviel welchen von beiden, glauben sie aufrichtig, die Ehre sei wiederhergestellt.

(Fortsetzung folgt.)

Ein Blick in denZukunfstsstaat. Dr. Robert Michels.

Es war ein heißer Septembertag des Jahres 1902. Wir, meine Frau, ich und eine ganze Reihe italienischer Genossen hatten eine über zehnstündige Eisenbahnfahrt, welche zwar man⸗ cherlei Beschwerden mit sich brachte, aber doch wenigstens in unseren Geldbeutel immerhin kein allzu starkes Loch riß, da uns das Königliche Ministerium bereitwilligst zu dem guten Zweck, den wir verfolgten, eine bis zu 60 Prozent gehende Verbilligung der Fahrkartenpreise zuge⸗ standen hatte, hinter uns, als wir endlich des Abends gegen 7 Uhr in Imola eintrafen. Imola ist ein altes, aber deshalb nicht weniger schön gebautes Städtchen in der alten Provinz Romagna, etwa eine Stunde südlich von Bologna gelegen. Schon die Römer hatten die Stadt gekannt und ste mit Wall und Mauern umgeben. Später im Mittelalter erlebte Imola die Ge⸗ schichte aller dieser kleinen italienischen Städte mit. Kämpfe mit den größeren Nachbarstädten, die sich darum schlugen, wem es Tribut zahlen solle, innere Fehden der Patriziergeschlechter untereinander und der Bürgerschaft mit ihnen, alles das war Imola zu Teil geworden. Im 16. Jahrhundert war es dann mit der ganzen Romagna in die Hände der Päpste gekommen und zum Kirchenstaat geschlagen worden. Aber die Imoleser haben stch als Untertanen seiner Heiligkeit nie sehr wohl gefühlt. Wenigstens glaube ich, daß man das daraus schließen darf, daß sie immer einmal von Zeit zu Zeit gegen das geistliche Joch rebellierten. Als dann die Jahre der glorreichen italienischen Freiheits⸗ kämpfe kamen, da gehörten die Bewohner von Imola zu den wackersten Vorkämpfern gegen den Zwang der in- und ausländischen Tyrannen, bis die Stadt im Jahre 1860 endlich dem ge⸗ einten Italien einverleibt wurde. Von dieser seiner großen und bunten Vergangenheit hat Imola noch heutzutage eine ganze Reihe von Andenken behalten. Wie das alte Kastell, die sogenannte Rocca noch an die Spätsommertage erinnert, so gemahnt die Kathedrale, die alt⸗ ehrwürdige San Cassiano an die Zeiten des Mittelalters, der Palast des Municipio(Rat⸗ haus) an die unter päpstlicher fd ver⸗ brachte Spät⸗Renaissance und das städtische Theater, welches gegen den Willen Papst Pius IX. erbaut worden il, an die Tage der nationalen Befreiungskämpfe. Aber all diese Monumente aus alter und neuerer Zeit haben Imola und das ist das Schöne dabei nicht ver⸗ hindert, den Geist der modernen Ideen in sich aufzurf men. Oereits die alte Internationale

hatle Imola festen Fuß gefaßt. Ein Sohn 11 5 der prächtige Andrea Costa, ein ehe⸗ me e Philologe, der sich schon in jungen

Ja mit Begeisterung dem Sozialismus 10 betrat als erster Sozialist das Haus

der italienischen Volksvertretung. Das war im Jahre 1882. Seit dieser Zeit ist die sozta⸗ listische Partei in Imola immens gewachsen und vor etwa anderthalb Jahren hat sie die größte Kraftprobe abgelegt, die in einem frei⸗ heitlich regierten Staat überhaupt abgelegt werden kann: Die Eroberung des Stadtrats. So kommt es, daß Imola zu den, wie ich glaube, fünfunddreißig italienischen Stadt⸗ gemeinden zählt, die einen Sozialisten als Bürgermeister zum Oberhaupt haben und in denen die Verwaltung der Krankenhäuser, ja selbst derfrommen Stiftungen in Händen von sozialistischen Kommunalräten liegt.

Als wir in Imola eintrafen, empfingen uns am Bahnhof viele Hunderte von Genossen und hießen uns mit freudigem Handschütteln und warmen Worten willkommen. Unter diesen Genossen befanden sich Arbeiter, Bauern, Hand⸗ werker, aber auch Rechtsanwälte, Universttäts⸗ professoren, Aerzte. Kurz, außer der Geistlichkeit und dem Militär waren alle Stände reichlich vertreten. Alle diese Männer verstehen sich untereinander und auch der nie vorher im Leben gesehene fremde Genosse wurde ohne Weiteres mit einem herzlichenDu begrüßt, wie es unter Männern Brauch ist, denen das gemeinsame Ideal die Herzen erfüllt und die zwar wohl Berufsunterschiede, aber keine Standesunter⸗ schiede kennen. Das Kongreßkomitee lud uns nun, nachdem sich der erste Begrüßungsjubel allmählich gelegt hatte, in bereitstehende Wagen, deren Lenker uns vor dem Einsteigen als Ge⸗ nossen ebenfalls wie alten Bekannten die Hand drückten, und dann ging es in einer langen Reihe von Wagen in die Stadt hinein zu dem Lokal, in welchem die Verteilung der Wohnungen an die fremden Genossen stattfinden sollte. Unterwegs schon hatten wir Gelegenheit, Imola als Stadt und als sozialistische Hochburg zu bewundern. Imola ist eine im besten Sinne des Wortes gemütliche kleine Landstadt, seine Einwohner bieder und ob ihrer ausgedehnten Gastfreiheit weit und breit berühmt, zudem ein schöner Menschenschlag, von hohem Wuchs und mit weiten offenherzigen Augen, die Straßen reinlich und breit mit vielen geräumigen Säulenhallen, unter denen Cafes und Läden einander abwechseln. Heute aber trug alles doch ein ganz besonderes Gepräge. Die Stadt hatte zu dem bedorstehenden Feste einen recht großen Bruchteil ihrer 14000 Ein⸗ wohner auf die Beine gebracht. Frauen wie Männer hatten Festeskleider angelegt. Fast in jedem Haar sah man ein rotes Band, fast in jedem Knopfloch eine rote Schleife. Festesfreude lag auf den Gesichtern. An allen Straßenecken wurde ein Eyvviva il Socialismo!(Es lebe die Sozialdemokratie!) laut, das weithin egeistertes Echo fand. Von vielen Balkonen herab wehte eine lange, stolze, rote Fahne. Es war, wie als ob siegreiche Truppen ihren Einzug in eine vom Feinde lange hart belagerte Stadt halten wollten! Und doch waren wir nicht gerade zu einem Fest hierher gekommen, sondern um in ernstester angestreng⸗ tester Arbeit in viertägigem Kongreß tiefgehende Probleme zu besprechen und womöglich zu lösen. Aber ist nicht Arbeit, wenn sie freiwillig und zum Wohle des Ganzen geschieht, immer ein Fest? Die Obrigkeit hatte sich zu diesem improvistierten Empfang denn mit jedem Zuge kamen neue Genossen und wiederholten sich daher dieselben Vorgänge, wie ich sie eben beschrieb, in zwei Lager geteilt. Die Re⸗ gierungsbehörden und die Polizei stellten dem Freudentrubel nichts in den Weg. Sie ver⸗ hielten sich neutral. Die städtischen Behörden aber hatten in den Straßen hunderte von Pla⸗ katen anschlagen lassen, in welchen der Sindaco (Bürgermeister) der Stadt, Genosse Fella, in herzlichen Worten der Genugtuung Ausdruck gab, daß gerade seiner Stadt die Ehre zu Teil geworden wäre, so viele liebe Freunde beherbergen zu sollen:In der lebhaften Freude über dlese seltene Festlichkeit hieß es in dem Aufruf,eine Festlichkeit, welche unserer Stadt die dreißig⸗ jährige Spanne heftiger Kämpfe um eine fried⸗ liche aber fortschreitende Entwicklung aller bürgerlichen und politischen Freiheiten in's Ge⸗ dächtnis zurückruft, bin ich stolz darauf, als Sozi⸗

alist sowohl wie als Bürger, daß ich meine lieben Gäste mit herzlicher Sympatie und Gastfreund⸗ schaft begrüßen kann.

Im Wohnungsbüreau, einem großen, im Erdgeschoß eines eleganten Hauses gelegenem Saal, war furchtbares Gedränge. Da die Sonne am Tage heiß geschienen hatte und auch die Abenddämmerung noch keine völlige Kühlung brachte, waren die Imoleser Genossen, welche die schwierige Arbeit der Verteilung der Ein⸗ quartterung auf sich genommen hatten, nicht im Frack, sondern in Hemdsärmeln. Auf diese Weise befand man sich auch hier leichsam wie im Kreise. jahrelanger alter Freunde!

Meine Frau und ich wurden dem Genossen

Domenico Galantt als Quartiergäste überwiesen. Galanti ist ein liebenswürdiger junger Mann, treuherzig, gutmütig, ein echter Landwirt. Er ist recht wohlhabend und ein überzeugter Genosse. Er ist der Meinung, daß auch der notleidenden Landwirtschaft durch den Sozialismus endgil⸗ tig geholfen werden kann. Er und seine Frau Fiorina empfingen uns mit jener von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Freundlichkeit, wie ste nur unter Ge⸗ sinnungsgenossen möglich ist und wiesen uns ihr eigenes schönes und großes Schlafzimmer zum Wohnen an, natürlichals Freunde, d. h. umsonst.Wir sind doch beide Sozialisten! sagte er.

Das Haus Galantis lag vor den Toren der Stadt. Von dem Balkon des Schlafzimmers aus sah man in die weite fruchtbare Ebene der Romagna hinein. Die Sonne ging unter am dunkelblauen Himmel und Knaben, die über die kreideweiß schimmernde Chaussee, welche zur Stadt führt, gen Imola zogen, sangen mit hellen Stimmen ein Lied von der Zukunft. Da kam uns plötzlich ein Zweifel:Zukunft? Ja, leben wir denn nicht schon jetzt in der Zukunft? Ist Imola nicht jetzt schon eine Zukunftsstadt?

Humoristisches.

Der kleine Sozialpolitiker. Mutter: Aber Fritz, wenn du so auf dem Boden herumrutschst, wird die neue Hose gleich wieder entzwei sein. Fritz: Das soll sie auch! Papa hat ja gesagt, die Textilindustrie brauche mehr Beschäftigung!

Unschuldig. Baron: Jean, gestern habe ich meine Zigarren gezählt, und heute fehlen 5 Stückl Diener: Die kann ich nicht genommen haben. Der Herr Baron sagen ja immer, ich könntekaum bis drei zählen.(W. Jak.)

Ein Grobian. Junger Ehemann: Meinst Du nicht auch, liebe Frau, daß die Gardinen durch mein starkes Rauchen leiden? Frau: Du bist doch der beste, sorgsamste Mann von der Welt, natürlich leiden sie darunter. Mann: Dann nimm sie ab!

Dekorierte Kriegsschiffe. Nachdem Sr. Maj. SchiffIltis kürzlich einen leibhaftigen Orden gekriegt hat, sind demPanther wegen seiner vor San Carlo bewies nen Bravour die Gefreitenknöpfe verliehen worden. Dieselben sind back- und steuerbord zu tragen und von jedem vorüberfahrenden Kriegsschiff mit einem halben Kanonenschuß zu salutieren.

Süd. Post.

Ein böser Satz befindet sich in einer kürzlich ergangenen Entscheidung eines norddeutschen Oberlandes gericht. Das Gericht hatte über eine Beschwerde wegen eines gepfändeten Schweines zu entscheiden. In dem Erkenntunisse heißt es:Das Beschwerdegericht hat die Indentität(Gleichheit) des gepfändeten Schweines mit dem Richter erster Justanz als erwiesen angenommen.

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Geschichtskalender.

3. März. 1875: Staatsanwalt Tessendorf löst die soz. Partei auf.

9. 1897: Reichsratswahlen in Wien, 88 000 soz. Stimmen.

10. 1872: Mazzini, soz. Revolutionär 7 1793: Einsetzung des franz. Rev lutionstribunals.

11. 1901: Eisenindustrieller St um m r.

12. 1898: Genosse Krewinkel, Aachen. 1895: Lesung der Umsturzvorlage. 13. 1881: Bombenattentat auf den russisch. Zar

Alexander II. 14. Utramontaner Krewinkels in Aachen.

Pöbel stört das Begräbnis 1883: Karl Marx 7

(Schluß folgt.)

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