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Nr. 9.
Mitteldenische Sonutags⸗Zeitung.
Seite 5.
Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach.
r. Die Gemeinderatswahl in Alsfeld steht für Montag, den 9. März bevor. Jeder Bürger und jeder Arbeiter weiß, daß sie für die Weiterentwickelung des Gemeinwesens und des Wohlergehen aller Ein⸗ wohner von schwerwiegender Bedeutung ist. Es ist deshalb Pflicht aller„kleinen Leute“ und ganz be⸗ sonders der Arbeiter, auch bei der Gemeinderatswahl ihre Interessen wahrzunehmen. Daß diese unter dem jetzigen Gemeinderat bisher in unverantwortlicher Welse vernachlässigt wurden, weiß jeder. Wir brauchen nur auf die herschende Wohnungsnot, die ungeheuere Stei⸗ gerung der Armenlasten hinzuweisen. Und die Zustände im Krankenhaus, das bekanntlich zugleich als Haft⸗ lokal benutzt wird, sind doch geradezu als erbärmliche zu bezeichnen. Daran ist aber die Gleichgültigkeit der Arbeiter mit schuld! Sie hätten schon längst dafür sorgen müssen, daß auch Vertreter ihrer Klasse im Ge⸗ meinderat vertreten sind. Jetzt besteht derselbe nur aus Vertretern des besitzenden Bürgertums, die— oft beim besten Willen— nicht die Lage des Arbeiters, des Armen verstehen und begreifen können. Darum be⸗ telligt Euch an der Wahl! Wählt Leute, die Euere Lage kennen, die soziales Verständnis besitzen! Als solche empfehlen wir Euch die von uns aufgestellten
Kandidaten: Konrad Dechert, Schneider; Wilhelm Jakob, Schneider; Jakob Eder, Sattler. Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Der Ostereier⸗Tribut. Schon
mehrfach waren wir genötigt, die in unserer Gegend noch herrschende Sitte oder vielmehr Unsitte der Eierspendierung an die Pfarrer von Seiten der Konfirmanden zu kritisteren. Alljährlich zur Osterzeit müssen die Konfir⸗ manden, als ob es im Gesetz vorgeschrieben wäre dem Pfarrer eine Anzahl Eier bringen. Für was weiß man nicht. Mancher armen Familie fällt es aber außerordentlich schwer, die Eier beizuschaffen. Viele haben keine Hühner und müssen infolgedessen die Eier kaufen und teuer bezahlen. So muß in Garbenheim jeder ͤKonfirmand dem Pfarrer 12 Stück Eier bringen; zum Gründonners⸗ tag geht in der Regel noch das Pfarrerdienst⸗ mädchen im Ort herum und sammelt von Haus zu Haus Eier ein, so daß eine beträcht⸗ liche Menge zusammen kommt. Natürlich kann der Herr Pastor die Eier nicht alle essen, sondern muß sie eben wieder verkaufen. Die Geistlichen sollten doch selbst dafür sorgen, daß dieser unwürdige und die Armen belastende Brauch beseitigt werde. l
h. Welterschütterndes Ereig⸗ nis! Das Kreisblatt teilt mit, daß Herr Fabrikant Ohlen burger eine Schnepfe ge⸗ schossen habe. Welch interessante Neuigkeit! Wird sie der Schnepfe oder des Herrn Ohlen⸗ burger wegen mitgeteilt?
h. Der Flotten verein ladet zu einem Abendessen ein. Hoffentlich strengen sich die Patrioten und Flottenschwärmer bei dieser Agitation für Deutschlands größere Flotte nicht allzusehr an, damit sie nicht seekrank werden.
Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.
St. Märzfeier. Wie aus dem Inserat der heutigen Nummer ersichtlich, findet am Samstag, den 14. d. M., abends 9 Uhr, im Jesberg'schen Lokale dahier zur Erinnerung an die Märztage des Jahres 1848 eine öffent⸗ liche Parteiversammlung statt, in welcher unser Parteigenosse Dr. Robert Michels einen Vor⸗
trag über„Karl Marx“ halten wird. Hoffent⸗ lich darf auch die diesjährige Märzversamm⸗
lung, ebenso wie diejenigen der letzten Jahre, nuf einen zahlreichen Besuch der hiesigen wie auch der Genossen aus den benachbarten Ort⸗ sschaften rechnen.
— Eine Revision der Kasse und der Geschäftsbücher des hiesigen Konsumpereins durch den Verbands⸗Revisor des Verbandes
füddeutscher Konsumvereine, Herrn Fr. Arndts
aus Stuttgart, fand am Freitag voriger W. Katt. Wie derselbe in der abends abgehalteue gemeinschaftlichen Sitzung des Aufsichtsrates And Vorstandes bekannt gab, hat er die Kasse And die Geschäfrsbücher in bester Ordnung
Befunden und konnte er dasselbe auch bezüglich ber Geschäftsräume und des Lagers konstatiren. Nachmittags fand auch eine Besichtigung der
stelle in Ocker shausen statt, welche
ebenfalls zu vollster Befriedigung des Repisors ausfiel. Herr Arndts sprach dem Vorstande sowohl als auch auch dem Aufsichtsrat für ihre mühevolle und pflichttreue Tätigkeit seine volle Anerkennung aus, er wunderte sich aber, daß es immer noch Mitglieder im Konsum⸗ verein gebe, die nur wenig oder gar nichts im Verein kauften, sondern ihre Waren größten⸗ teils von anderen Geschäften bezögen und zwar zu ihrem eigenen Nachteil. Es zeuge dies von wenig genossenschaftlichen Geiste, er hoffe jedoch, daß auch diese Mitglieder mit der Zeit zu einer bessern Erkenntnis kommen werden. Der Absicht des Vorstandes und Aufsichtsrates, demnächst für den Verein mit einen solventen Gesellschaft die Haftpflichtversicherung abzu⸗ schließen, stimmte Herr Arndts vollkommen bei.
— Das diesjährige Musterungsge⸗ schäft sür die militärpflichtigen Mannschaften des Kreises und der Stadt Marburg beginnt am Freitag, den 13. März, im Restaurant „Schloßgarten“, jedesmal von morgens 8 Uhr ab. Die Marburger selbst, deren Zuname mit A bis einschließlich M beginnt, haben Dienstag, den 27. März, diejenigen von N bis Z Mittwoch, den 28. Marz sich zu stellen bei Meidung der gesetzlichen Nachteile.
— Schwurgericht. Unter starkem Zu⸗ drang des Publikums begann am Montag morgen die erste Schwurgerichtsperiode. An⸗ geklagt war der 52jährige Schuhmacher Joh. Heinrich Noll aus Ernsthausen wegen vor⸗ setzlicher Körperverletzung mit tötlichen Erfolge. Er hatte dem Schreiner Gronau von dort einen Krug dergestalt an den Kopf geschlagen, daß der Tod besselben infolge dessen eintrat. Der Hergang war jedoch so verwickelt, daß dem Angeklagten nichts bestimmtes bewiesen werden konnte; er wurde freigesprochen.— Am Dienstag wurde gegen den Maurer Heinrich Maurer und den Taglöhner Justus Gunst aus Röddenau wegen Totschlags verhandelt. Bei einer in der„Spinnstube“ entstanden Schlägerei war ein junger Mensch erstochen worden. Die Anklagten wurden zu je einem Jahre Gefängnis verurteilt.— Am Mittwoch stand der Korbmacher Johs. Sauerwald aus Göttingen(Kr. Marburg) wegen Notzucht und Blutschande vor den Schranken des Gerichts. Der Augeklagte wird zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Neuer Hofskandal.
Nun hat auch der Hof in Schwerin seine „Affaire“. Als Mittelpunkt der neuen Affaire wurde die Großherzogin Anastasia, eine 42 jährige Dame, Wittwe des Großherzogs von Mecklenburg⸗Schwerin Friedrich Franz IV. genannt. Es hieß, daß an dem erwähnten Hof Gerüchte über in höchstem Maße Aergernis erregende Vorgänge zirkulieren. Die Groß⸗ herzogin⸗Mutter ist noch immer eine stattliche, auffallend schöne Dame und man sprach im Geheimen am Schweriner Hof viel davon, daß sie noch immer dem kleinen Gott Amor Opfer bringt, und damit sie schneller erhört werde, an untergeordnete Persönlichkeiten am Hof ihre Neigung, die unter diesen Umständen stets ein bereitwilliges Entgegenkommen fand, verschenkte. Ihr letzter Liebesheld soll ein Friseur, und zwar der Leibkoiffeur des regierenden Groß⸗ herzogs, ein junger Mann, dem die Großherzogin sich mit jugendlichem Feuer vollkommen hingab, gewesen sein. Die Folgen blieben nicht aus Und eines Tages teilte die hohe Mutter ihrem Sohne mit, sie müsse zu ihrer Erholung an die Riviera gehen, wohin sie sich den Koiffeur mitnahm. Das Verhältnis soll nicht ohne Folgen gewesen sein; denn, wie weiter verlautet, begab sich Großherzogin Anastasia, eine geborene russische Großfürstin, nach der Krim, wo dem weiland Großherzog Friedrich Franz III. ein posthumer Sprößling geboren werden soll.
Aus der göttlichen Weltordnung.
Aus Mannheim wurde dieser Tage be⸗ richte:„Aus Hunger wahnsinnig ge⸗ worden ist die Frau eines Arbeitslosen. Sie versuchte ihre beiden Kinder von 2 und 4 Jahren zu töten, wurde aber daran verhindert. Man verbrachte dann die Unglückliche(Perpetua
Weuger ist ihr Name) nebst ihren beiden zu Skeletten abgemagerten Kindern ir, s Krankenhaus. Die Letzteren wurden später in's Kinderhospital gebracht.“— Der Fall wirft auch ein Schlaglicht auf die sogenannten gesicherten Existenzbedingungen der Arbeiter.
Kleine Mitteilungen.
* Selbstmord an seinem Lebensabend beginn der Schreinermeister Klinkerfuß in Bad Na uh eim. Er stand bereits im 80. Lebensjahre und befand sich in guten Verhältnissen. Längere Krankheit nimmt man als Grund zu der Tat an.
* Blutiges Ehedrama. Der dem Trunke er⸗ gebene Bremser Krohn in Kassel verfolgte am Dienstag seine Frau, mit der er in Unfrieden lebt, mit dem Revolver und brachte ihr zwei Schüsse bei. Schwer verletzt brachte man die Frau nach dem Krankenhause. Krohn wurde verhaftet.
* Ordnungsstützen. In Mannheim er⸗ regt die Verhaftung von zwei angesehenen Persönlich⸗ keiten wegen Sittlichkeitsvergehen in weiten Kreisen peinliches Aufsehen. Der eine der Verhafteten ist der altkatholische Stadtpfarrer Bauer, ein hoher Sechzi ger, der audere der Bankbeamte Arthur Benckiser, ein Sohn des verstorbenen Landgerichts⸗Präsidenten gleichen Namens.
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Partei-Nachrichten.
Eine sozialdemokatische Mehrheit im Ge⸗ meinderate zu Hagsfeld bei Karlsruhe ist das Er⸗ gebnis der dort am Samstag stattgefundenen Gemeinde. wahlen. In der 3. Klasse wurden 9, in der 2. Klasse 8 und in der 1. Klasse 3 Sozialdemokraten gewählt.
Ueber eine starke politische Orgauisation verfügen die Hamburger Parteigenossen. Die sozial⸗ demokratischen Vereine der drei Hamburger Wahlkreise weisen die stattliche Zahl von zusam nen 14346 Mit⸗ gliedern auf. Darum können sich auch Hamburgs Leistungen an die Parteikasse sehen lassen; werden doch im vorjährigen Parteibericht an Beiträgen zur Partei⸗ kasse 28822 Mark allein aus Hamburg aufgeführt. Andere Wahlkreise sollten sich die Hamburger zum Muster nehmen.
„Der Parteivorstand giebt eine Erklärung über einige Fragen ab, die seit längerer Zeit größere Kreise der Partei beschäftigen und eine Stellungnahme des Parteivorstandes nötig machen.
f 1. Kann es mit den Interessen der Partei für vec⸗ einbar erachtet werden, daß Parteigenossen als Redakteure oder Mitarbeiter an bürgerlichen Preß⸗ unternehmungen tätig sind, in denen an der sozialdemo⸗ kratischen Partei gehässige oder hämische Kritik geübt wird?
Antwort: Nein!
2. Kann ein Parteigenosse Redakteur oder Mitar⸗ beiter eines bürgerlichen Blattes sein, auf welches obige Voraussetzung micht zutrifft?
Diese Frage ist zu bejahen, soweit Stellungen in Betracht kommen, in denen der Parteigenosse nicht ge⸗ nötigt wird, gegen die sozialdemokratische Partei zu schreiben oder gegen dieselbe gerichtete Angriffe aufzu⸗ nehmen.
Im Interesse der Partei sowohl wie im Interesse der in solchen Stellungen befindlichen Parteigenossen liegt es jedoch, daß den letzteren keine Vertrauensstellungen übertragen werden, weil solche sie früher oder später in Konflikt mit sich und der Partei bringen müßten.
Versammlungskalender.
Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen!
Samstag, den 7. März.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallar beiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Gießen. rauer verband. Abend 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Lö b, Wiener Hof.
Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein. ½9 Uhr Versammlung bei Wirt Kröck X.
Sonntag, den 8. März.
Alsfeld. Oeffentliche Versammlung nachm. 4 Uhr auf der Pfefferhöhe T.⸗O.: Die Gemeinde⸗ rats wahl.
Abends
Briefkasten.
Parteigenossen im Westerwald. Mit dem Schmutzartikel des Kasseler evange ischen Sonntag s⸗ blattes wollen wir uns in der nächsten Nr. befassen. Im übrigen ist das ja die bekannte niedrige Pfaffen⸗ kampfesweise.
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