Ausgabe 
8.3.1903
 
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Seite 2.

Mtteldentsche Sonntags Zeitung.

Nr. 10.

Wahlaufruf der Kriegervereluler.

Nach ihren eigenen Statuten wollen und sollen die Kriegervereine unpolitische und un⸗ parteiische Organisationen sein. Wir haben aber oft genug schon Beispiele dafür angeführt, daß sie den Kampf gegen denUmsturz für ihre besondere Aufgabe halten, eine eminent politische Tätigkeit entwickeln. Vor einigen Tagen hat das Blatt der Kriegervereine, die Parole einen wütenden Aufruf gegen die Sozialdemokratie gebracht, die zu bekämpfen die Ehrenpflicht eines jeden Kriegers sei. Mit Bedauern sehen die Generale der Ordnungs⸗ streiter, daß die bürgerlichen Parteien in der Bekämpfung des Umsturzes zu lau und lässig sind. Gebührende Heiterkeit muß es erregen, wenn in dem Aufruf zuerst gesagt wird:

Die Kriegervereine als solche können sich natürlich nicht in den Strudel des politischen Gebietes begeben. Das verstößt gegen ihren Beruf und ihre Grund satzungen.

Gleich darauf werden aber die Krieger auf⸗ gefordert, diesmal mit einmütiger Kraft den N vaterländischer Größe zu begegnen. Aber:

Die bürgerlichen Parteien stehen noch immer untätig, ratlos, verfeindet beiseite. Sie begreifen immer noch nicht, was sie bei den nächsten Wahlen zu verlieren haben. Da wird es Zeit, daß sich Stimmen im vaterländischen Lager vernehmen lassen, um sie auf das gefährliche und unverzeihliche ihres Verhaltens aufmerksam zu machen. Hier ist es der schöne Beruf der Kameraden in den Kriegervereinen, bahnbrechend zu wirken, denn der Kampf gegen die Sozial⸗ demokratie ist jedem Einzelnen zur Ehren⸗ pflicht gemacht. Der Ruf:An die Ge⸗ wehre! ist ertönt. Der deutsche Soldat ist prompt zur Stelle.

Also Sozialistenvernichtung ist des Krieger⸗ vereinlers Lebenszweck! Welche Doppelzüng⸗ igkeit ist es dann, sich alsunpolitisch hinzustellen. Mit Recht sagt unser Zentral⸗ organ dazu, solche Heuchelei zieme alten Soldaten am wenigsten. Traurige Heuchelei ist es, die politischen Zwecke der Kriegervereine hinter dem Gerede zu verstecken, daß sie vaterländische Größe verteidigen gegen deren Widersacher. In Wahrheit wird echte vater⸗ ländische Größe, die sich freilich nicht im Drill⸗ system erschöpft, sondern auf Kulturarbeit be⸗ ruht, von der Sozialdemokratie ge⸗ schützt und gefördert. Die Kriegervereine wollen aber Kasernengeist und Untertänigkeit auf das bürgerliche Leben übertragen. Wir wissen längst, daß die Kriegervereine als Kampf⸗ mittel gegen die Arbeiterklasse benutzt werden. Einem Teile ihrer Mitglieder mag vielleicht diese Erkenntnis noch nicht dämmern, aber be⸗ kanntlich sind auch die Krieger nicht vor sozia⸗ listischer Ansteckung geschützt. Der Aufruf des Kriegervereinsblattes muß uns zu energischem Kampfe anspornen. Jeder verständige Arbeiter lhre aber den Kriechervereinen den Rücken ehren!

Der Herrgott als Führer des Bundes der Landwirte.

Am Sonntag fand in Magdeburg eine große Bündlerparade statt. Einer der dort 5 Redner verstieg sich zu folgendem

atze:

Wohl hat uns der alte Herrgott manche Schlappe beigebracht, aber er lebt noch; der alte Herrgott steht noch immer an der Spitze des Bundes der Landwirte und kämpft mit uns für Kaiser und Reich!

Das ist wieder ein Beweis dafür, in welch' gotteslästerischer Weise die Religion von der beutegierigen Wucherzöllnergesellschaft miß⸗ braucht wird.

Ein feiner Ordnungsparteiler.

Mit was für einer Sorte Gegner sich die Sozialdemokratie herumschlagen muß, zeigt folgender Brief, der unserem Parteiorgan in Solingen zuging. Er lautet:

Sie Mäserabler Kerl Redacteur und Expeteur. Sie müssen am ersten besten Baum bammeln Sie dämlicher Sozealdemo⸗ kraten Gesicht die Leute beschwindeln weiter kennt Ihr nichts das Sie nicht Arbeiter sollen 5 Stunden arbeiten 5 Stunden saufen 1 Vergnügen nachgehen das wollt Ihr

erls! aber es ist noch eine andere Macht da die Euch mit emal Zerschmettert wir sind Deutsch keine Ausländer die den Staat über⸗ wältigen wollen. Ihr dreckeches Blatt sobald Ich eins von denselben in einer Wirtschaft sehe wird es dem Fituer übergeben verstehens Sie Dreckhammel, einer der Arbeiterklasse. Das ist so ein Prachtexemplar desschlichten Mannes aus der Werkstatt nach dem Herzen unserer christlichen, patriotischen und gesitteten Gegner.

Obdachloser König.

Zwar ist es kein wirklicher König, der mit leider! so vielen Volksgenossen das traurige Los der Unterkunftslosigkeit teilen muß, es handelt sich nur um das Denkmal, die Statue eines solchen. Als nämlich Prinz Heinrich von Preußen h Amerikafahrt machte und dort drüben mit so großem Enthustasmus aufgenommen wurde, versprach der Kaiser, der amerikanischen Uaion ein Denkmal und zwar das desAlten Fritz zu stiften. Nun ist das Denkmal vollendet und es sollte demnächst nach Amerika transportiert werden. Aber das Denk⸗ mal eines Monarchen aufzustellen, geht den Republikanern wider den Strich. Deshalb ließ die amerikantsche Regterung der deutschen wissen, die Absendung der Statue noch hinaus⸗ zuschteben, weilder dafür bestimmte Platz noch nicht in Ordnung sei. Amerikanische Blätter 19 50 aber mit dürren Worten, das Deutschland das Marmorbild am besten selbst behielte. Vorläufig hat es im Garten seines Schöpfers Aufstellung gefunden. Bei uns kommt es ja schließlich auf ein Denkmal mehr oder weniger nicht an, drum wird sich dafür wohl noch ein Platz finden, man spart dabei sogar noch Transport⸗ und andere Kosten. Hoffentlich giebts wegen der peinlichen Geschichte keine internationalen Verwickelungen!

Zu was Geld da ist.

Das Stadtverordnetenkollegium in Halle, das in seiner Mehrheit aus Freisinnigen besteht, bewilligte für den am 2. September stattfindenden Empfang des Kaiserpaars nicht weniger als 50000 Mark. Der Be⸗ schluß wurde in geheimer Sitzung gefaßt und nur unsere 5 Genossen stimmten dagegen. Diese wollten den Punkt, der bet der jetzigen wirt⸗ schaftlichen Krise große finanzielle Forderungen an die Stadtkasse stelle, in öffentlicher Sitz⸗ ung erledigt haben, aber das Kollegium hielt den Stoff, der da verhandelt wurde, für die breite Oeffentlichkeit nicht für geeignet. Für den Zentralvereinzum Wohle der arbeitenden Klassen bewilligte man in öffentlicher Sitzung 12, sage zwölf Mark. Diese beiden Beschlüsse karakterisiren ebenso den freisinnigeren Männerstolz vor Königstronen, wie den Wohltätigkeitssinn des Bürgertums gegenüber den Arbeitern.

Einen sozialdemokratischen Bürger⸗ meister

hat nun auch Dänemarks Hauptstadt Kopen⸗ hagen. Die letzten Gemeindewahlen ergaben dort eine sozialdemokratische Mehrheit in der Stadtverordneten-Versammlung und diese wählte einen Soztaldemokraten den Maler Jensen als Stadtoberhaupt. Am Montag Abend begaben sich die Gewerkschaften an das Rathaus, um den Bürgermeister mit Fackelzug abzuholen.

Die frommen Ausbeuter.

Der Appellationshof in Nancy hat nun⸗ mehr in der Klagesache von Fräulein Lecoanet gegen die Kongregation derGuten Hirten das Urteil gefällt. Die ede wurde zu einem Schadenersatz von 10 000 Franks sowie 8 Tragung sämtlicher Unkosten verurteilt.

n den Motiven wird gesagt, es sei Frl. Le⸗ coanet gelungen, den Wahrheitsbeweis für

ihre Behauptungen anzututreten. Es handelt ch bekanntlich hier um das Fräulein, welches m Jahre 1877 als Waise in dasWohl⸗ tätigkeits⸗Institut der Guten Hirten aufge⸗ nommen wurde, und welches dort gleich wie ihre Leidensgefährten, bei der Wäschenäherei und anderen Näharbeiten dermaßen ausgebeutet worden ist, daß sie das Sehvermögen verloren hat.(Ueber die haarsträubende Ausbeutung und Behandlung in diesem frommen Institute ist in dem ArtikelChrisiliche Wohltätigkeit in Nr. 8 d. Bl. näheres mitgeteilt.)

In Holland

ist die Lage noch eine äußerst gespannte. Die Arbeiter rüsten sich, um dem geplanten Zucht⸗ hausgesetz, das geradezu unerhörte Bestimmun⸗ gen gegen die Arbeiter enthält, womöglich mit dem allgemeinen Streik zu begegnen. Ob es dazu kommt, ist allerdings noch fraglich. Bis jetzt beschränkten sich die Arbeiter darauf, gegen das Unterdrückungsgesetz durch große Demon⸗ strationen zu protestteren.

Soziales.

Entwickelung der Genossenschaften. Der Umsatz der Hamburger Großeinkaufs⸗ gesellschaft Deutscher Konsumvereine hat einen ganz riesigen Umfang angenommen. Er betrug im Jahre 1900 7956 335 Mk., stieg in 1901 auf 15 137761 Mk. und erreichte im verflossenen Jahre die enorme Höhe von 21500 000 Mark.

Die Wabhlbewegung.

Das Zentrum hat im Wahlkreise Lim⸗ burg⸗Dietz wieder den bisherigen Abg. Kaufmann Cahensly⸗Limburg aufgestellt. Vom Freisinn kandidiert dort Rechtsanwalt 1 f⸗Frankfurt, von unserer Partei Schreiner

abicht⸗ Frankfurt. 5

Im ersten nass. Wahlkreise Höchst⸗ Usingen het der Abg. Müller⸗Fulda, der ihn jetzt vertritt, eine Wiederwahl abgelehnt. Das Zentrum stellt au seiner Stelle den Land⸗ richter Itschert- Frankfurt auf. Die Natio⸗ nalliberalen beabsichtigen den Rechts⸗ anwalt der Höchster Farbwerke, Häuser aufzustellen. Kandidat unserer Partei ist Ge⸗ nosse Brühne, Schuhmachermstr. in Frank⸗ furt, der den Kreis schon von 1893 bis 1898 vertrat. Wir hoffen bestimmt, daß sich Brühne diesmal den Wahlkreis wieder zurückerobert.

Vergangenen Sonntag fand in Höchst eine

sehr stark besuchte Wählerversammlung statt, in der Gen. Brühne über die bevorstehenden Reichstagswahlen sprach. Gegner waren eben⸗ falls anwesend, ergriffen aber nicht das Wort.

Eine Parteiversammlung in München proklamierte für München I. den Genossen

Birk, für München II den Genossen von

Vollmar als Kandidaten der Sozialdemo⸗ kratie. Im Wahlkreise Fürth stellten unsere Genossen den bisherigen Abg. Segitz

wieder auf. In allen Wahlkreisen Südbayerns

hat unsere Partei ihre kandidaten schon nominiert.

Deutscher Reichstag. Sehr schlechte Besetzung wies das deutsche Parlament in den letzten Tagen auf. Zu Anfang der Mittwochs-Sitzung waren ganze sechs Reichsboten anwesend! Die Dinge, die jetzt zur Beratung stehen, sind wohl wichtig genug; aber die Mehrheit der Herren vom Zentrum und der Rechten er⸗ scheinen blos, wenn es gilt, sich und ihrer Klasse Vor⸗ teile durch Zölle zuzuschanzen. Zunächst stand der Etat des Reichsgesundheitsamtes zur Be⸗ ratung. Dabei kam man auf das Verbot der Borsäure als Fleischkonservierungsmittel zu sprechen. Gestützt auf die Urteile hervorragender Fachgelehrten bekämpften die Redner der Freisinnigen das Borsäureverbot, das in der Tat mehr aus agrarischen denn aus hygienischen Rück⸗ sichten erlassen worden ist. Graf v. Posadowsky ver⸗ suchte denn auch gar keine wissenschaftliche Rechtfertigung des Verbotes, sondern begnügte sich mit der Erklärung, daß er dasselbe aufrecht erhalten werde. Am gleichen Tage wurden bei Beratung des Etats des Reichs versicherungsamtes von unserem Genossen Molkenbuhr auf Mängel bei der Rechtsprechungs⸗ prapis des Reichsversicherungsamtes hingewiesen, welche

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