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Nr. 10. Giessen, den 8. März 1903. 10. Jahrn. . Redaktion: Redaktions 2 Kirchenplatz 11. Schloßgasse. ee n 4 Uhr.
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Juserate 2 Die ögespalt. Bei mindestens
Zu den Reichstagswahlen. III. Die Nationalliberalen.
Im deutschen Reichstage giebt es mehrere sogen. liberale Parteien. Die am weitesten rechtsstehende ist die nationalliberale Par⸗ tei, die im letzten Reichstage mit 43 Abgeord⸗ neten vertreten war, bei der 98er Wahl erhielt sie 971 300 Stimmen.
In den liberalen Parteien fand das Bürger⸗ tum, vorwiegend das städtische, seine politische Vertretung. Die Liberalen führten früher den Kampf gegen die Vorrechte der Adeligen und die Geistlichkeit, gegen Zunftwesen und Abso⸗ lutismus; traten für freie Entfaltung der indu⸗ striellen und Handelsinteressen, Hebung des Schulwesens ein. Früher!
„Liberal“— die Bezeichnung stammt aus den spanischen Revolutionskämpfen zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, in denen sich die Revolutionäre Liberale von(liber= frei) und ihre Gegner Servile(servus Sklave) nannten.
Also die Liberalen waren früher freiheit⸗ liche Parteien, welche die Beseitigung der Zünfte, der Leibeigenschaft forderten; gegen die unbe⸗ schränkte Gewalt der Krone, die Bevormundung des Staates über das wirtschaftliche Getriebe ankämpften. Sie erschienen somit als wahre Volkspartei, berauschten sich an schönen Schlag— worten von Freiheit und Gleichheit, die sie stets im Munde führten. So lange der Liberalismus gegen Adelsvorrechte, Unfreiheiten und Schran⸗ ken im öffentlichen Leben kämpfte, für möglichste Geltendmachung der individuellen Freiheit ein⸗ trat, befanden sich die Arbeiter und kleinen Leute in seiner Gefolgschaft. Je mehr aber das Bürgertum seine Herrschaft befestigte, fühlte die Arbeiterklasse, daß die Geltendmachung der individuellen Freiheit zur Uebermacht des wirt⸗ schaftlich Starken, zur Verelendung und Unter⸗ drückung des wirtschaftlich Schwachen führt. Bei dem„freien Sp el der wirtschaftlichen Kräfte“ gelangte der rücksichtslose Egoismus zur Herr⸗ schaft; die Arbeiterklasse verfiel der schranken⸗ losen Ausbeutung der Kapitalisten. Das Ver⸗ mögen, der Besitz wurde zur Bedingung des politischen Vollrechts gemacht und damit sowie durch indirekte Wahlen zu den Vertretungs⸗ körpern der Einfluß der Volksmassen noch mehr herabgedrückt.
Zu den liberalen Parteien rechnen wir in Deutschland die Nationalliberalen, die Freisinnigen,(Vereinigung und Volks⸗ partei), sowie die südd. Volkspartei.
Die stärkste Gruppe sind die Nationalliberalen. Im Reichstage von 1874 hatten sie beinahe die absolute Mehrheit, 155 Abgeordnete gehör⸗ ten ihrer Fraktion an. Von da an gingen sie stetig zurück, nur bei den Angstwahlen von 1887 brachten sie es noch einmal auf 1677979 Stimmen und 99 Abgeordnete. Ihre jetzige Stärke ist oben angegeben.
Die Nationalliberalen sind die Vertreter des großen Kapitals. Ihr Liberalismus ist voll⸗ ständig verblaß., von fretheitlichen Ideen keine Spur; sie haben sich mehr und mehr den Kon⸗ servativen genähert; find Verfechter von Aus⸗ nahmegesetzen gegen die ihnen unbequemen po⸗ litischen Strömungen. Das Sozialistengesetz
und andere Ausnahmegesetze entstanden in
erster Linie durch ihre Hilfe. Sie gehen mit! sie wirtschaftlich vom Kapitalisten und politisch
der Regierung durch dick und dünn, suchen ihr in jeder Weise gefällig zu sein.
Gegen die klassenbewußten Arbeiter richtet sich ihre besondere Feindschaft, daher ihre Gegnerschaft gegen das allgemeine gleiche direkte und geheime Wahlrecht. Preß⸗, Vereins⸗, Versammlungs⸗ und Koalitionsfreiheit suchen sie für die Arbeiter und ihre politischen Gegner auf das äußerste Maß zu beschränken und dulden und rechtfertigen deshalb die Ueber⸗ schreituugen behördlicher Maßnahmen und Ge⸗ setze durch Beamte nach Kräften. Das höchste in dieser Beziehung haben sie neben den Kon⸗ servativen in Sachsen geleistet. Im Eintreten für Militär und Marineforderungen und der Bewilligung von Zöllen und indirekten Steuern befinden sie sich im Wettlauf mit den Konser⸗ vativen. Die Kolonialpolitik findet bei ihnen die eifrigsten Fürsprecher. Nationalliberale und Konservative setzten 1880 die Verlängerung der Legislaturperiode von 3 auf 5 Jahre durch.
Neuerdings treiben sie immer mehr ins agrarische Fahrwasser; alle stimmten für den Zolltarif, einige von ihnen(v. Heyl, Graf Oriola u. a.) gehen sogar in agrarischen Fragen mit dem Bunde der Landwirte einig. Auch in der Handwerkerfrage nehmen sie vielfach eine reaktionäre Haltung ein. Nächst den Anti⸗ semiten sind die Nationalliberalen am meisten unter sich gespalten, jene mehr aus persönlichen, diese mehr aus grundsätzlich abweichenden An⸗ schauungen. In fast keiner Frage von Wich⸗ tigkeit stimmten sie geschlossen; ihre wetter⸗ wendische Haltung in wichtigen politischen Fragen hat ihnen den Namen: Fraktion„Dreh⸗ scheibe“ eingebracht.
Lassalles„Offenes Antwort⸗
schreiben“.
Am 1. März waren 40 Jahre verflossen, daß Lassalle sein Offenes Antwort⸗— schreiben in die Welt schleuderte und der deutschen Arbeiterschaft den Kompaß fuͤr ihre Heerfahrt gab, als sie nach den bösen Jahren der Gegenrevolution, der Manteuffelei und Beusteref, die die Keime der 48 er Arbeiter⸗ bewegung brutal zerstampft hatte, zum ersten⸗ mal wieder, unsicher tappend, anschickte, die Bühne der Geschichte zu beschreiten. Noch un⸗ bewußt ihrer großen Aufgabe, nur in wenigen ihrer besten Köpfe erst mit einer Ahnung des Zieles, ohne Erkenntnis des Weges, ward ihr durch Lassalle gesagt, was ihre Mission sei und wie sie ste zu erfüllen habe. Das offene Ant⸗ wortschreiben, das Lassalle nach vorheriger Verabredung an das Leipziger Zentralkomitee zur Einberufung eines Arbeiterkongresses sandte, ist der erste Katechismus der jungen deutschen Sozialdemokratie gewesen und hat seiner Zeit eine gewaltige, aufrüttelnde, aufklärende Wir⸗ kung in der deutschen Arbeiterschaft gehabt. Es ist Lassalles unbestrittenes historisches Ver⸗ dienst, daß er in einer Zeit, wo überall die liberalen Selbsthilfler und Manchestermänner die Arbeiter zu fangen und zu politischen Schleppenträgern der Bourgeoisie zu machen suchten, daß damals Laffalle das Klassen⸗
bewußtsein weckte und in die richtige Bahn lei⸗ tete, daß er den Arbeitern die tiefe Kluft zeigte, die
vom feigen rechnungsträgerischen Liberalen scheidet. Zweifellos— auch ohne Lassalle wäre die deutsche Sozialdemokratie geworden. Aber wenn der günstige entscheidende Moment nicht den geistgewaltigen Mann gefunden hätte, der unter genialer Anknüpfung an die Gedanken der Zeit, an die praktischen Bestrebungen, die damals die Arbeiterschaft bewegten, sich mit einem Programm versah, das in seiner Kon⸗ sequenz zu dem höchsten Ziele des Sozialismus führen mußte und so Arbeiterschaft und Bour⸗ gebisie für immer schied— es wäre vielleicht gelungen, den Strom unklaren Wollens, der sich in den Bewegungen der Leipziger und Berliner Arbeiter damals auftat, noch für längere Zeit in ein falsches Bett zu leiten und kostbare Zeit wäre verloren gegangen und unter schweren Kämpfen erst hätte die falsche Richtung wieder geändert werden können.
Das offene Antwortschreiben bezeichnet den Anbruch einer historischen Epoche, den Beginn der deutschen Sozialdemokratie. Es bleibt ein kostbares Dokument unserer Partei, so weit unsere Erkenntnis auch heute darüber hinaus⸗ gekommen ist. Das eherne Lohngesetz, die Produktivgenossensch ften mit Staatsh elfe sind längst aus dem Rüstzeug unserer Partei ver⸗ schwunden. Aber das mindert das Verdienst Lassalles nicht. Seine Irrtümer sind die Irr⸗ tümer seiner Zeit— in seinen Vorzugen aber ragt er über die Masse seiner Zeitgenossen hinaus. An der Erkenntnis des Wesens der Gesellschaft und der wirtschaftlichen Kräfte überragen ihn unsere beiden großen Vorkämpfer Marx und Engels. Lassalle aber hatte vor ihnen voraus, daß er aus eigener Anschauung auf deutschem Boden die Möglichkeiten und die Mittel einer praktischen Agitation in der Ar⸗ beiterschaft besser überschauen konnte. Wie sehr er damals im Kern das Richtige traf, als er das Offene Antwortschreiben schrieb, das zeigt der Umstand, daß das allgemeine Wahlrecht, das er als das wichtigste Mittel im Be⸗ freiungskampfe der Arbeiterschaft hinstellte, heute von der deutschen Sozialdemokratie zu einer wuchtigen Waffe gemacht ist und eifersüchtig gehütet wird.
Vierzig Jahre— mehr als ein Menschen⸗ alter sind inzwischen verrauscht. Jahre harten Kampfes, bitterer Verfolgungen und glänzender Siege. Und was uns geführt hat in diesem Kampfe ist nicht zum kletusten Teile der revo⸗ lutionäre Feuergeist, den Lassalle in der deutschen Arbeiterschaft geweckt hat. S. A..
politische Rundschau. Gießen, den 5. März.
Die Reichstagsverhandlungen sollen sich nach den Dispositionen des Seni⸗ orenkonvents bis nach Ostern erstrecken. Die Osterferien sollen vom 28. März bis 21. April dauern. Vor den Osterferien soll der Etat erledigt werden, nach den Ferien will man noch die Novelle zum Krankenversicherungs⸗ gesetz und das Gesetz über die Phosphorzünd⸗ waren verabschieden. An welchem Tage die Wahlen stattfinden sollen, darüber verlautet noch nichts Bestimmtes.
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