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Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung.
Die Friedensrede Jauréès.
Die Rede, welche kürzlich unser Genosse Jaures in der französischen Kammer hielt und die wir in der vorigen Nr. in der Pol. Rund⸗ schau erwähnten, hat überall das allergrößte Aufsehen erregt. Noch nie ist im französtschen Parlamente der Friedenspolitik so rückhaltlos, offen und mutig das Wort geredet worden, als es durch den Führer der Sozialisten geschah. Auch in rhetorischer Beziehung wird die Rede als ein Meisterstück bezeichnet. Jaures verfügt über eine glänzende Redner⸗ gabe; man kann ihn wohl als einen der besten— wenn nicht den besten— Redner Europas bezeichnen. Er ist 43 Jahre alt. Früher Professor in Toulouse hat er sich vom gemäßigten Republikaner, als welcher er im Jahre 1889 in das politische Leben eintrat, um Sozlalisten entwickelt. Und im Verfolg feiner sozialistischen Ueberzeugung ist Jaures zum Förderer internationaler Verständigung und zum Bekämpfer der Revancheidee geworden. Ueber die Bedeutung dieser Tat kann niemand im Zweifel sein, der sich die von den franzö— sischen Nationalisten mehr als einmal dringend gemachte Gefahr einer kriegerischen Verwickelung Deutschlands und Frankreichs vergegenwärtigt. — Wir hielten es für angebracht, einen größeren Auszug der Rede Jaurés im Folgenden wiederzugeben.
Die jüngst hier gehörten Reden haben der Debatte eine solche Bedeutung gegeben, daß die Kammer es entschuldigen wird, wenn ich mich nicht streng an den Gegenstand der Inter— pellation halte. Was man mit diesen Reden versucht, ist mir klar. Man will die republi⸗ kanischen Parteien trennen! Man hat das nicht vermocht, indem man uns die Feinde des Eigentums nannte, man versucht es jetzt, indem man uns als Feinde des Vaterlandes hinstellt. Jaures erwähnt dann Ribots letzte versöhaliche Rede; dieser hat Erklärungen ge— macht, welche man glücklich ist, verzeichnen zu können, weil sie ein Zeichen der Zeit und der unbezwinglichen Arbeit der Geister sind. Er sagte, die Stunde wäre gekommen, um die Last der militärischen und Marine-Auslagen zu verringern! Er sprach von der Notwendig— keit, die Ziffer der Rüstungen mit der Ziffer der Einnahmequellen in ein richtiges Verhält⸗ nis zu bringen und aus dem zweijährigen Militärdienste nicht bloß eine Ueberbürdung des Budgets zu schöpfen.
Nunmehr, sagte Jaurés weiter, gewinnen bereits viele Hoffnungen, welche in den inter— nationalen Beziehungen einst so fernabliegend, ja eine Chimäre zu sein schienen, Gestalt. Das Faltum, welches unsere Zeit beherrscht, ist, daß von jetzt ab Friede in Europa mög⸗ lich eist, ein tiefer, dauerhafter, organistrter, definitiver Friede möglich ist. Man sagt: Gebt acht, denn weun es wahr wäre, daß die Verwirklichung des Friedensideals so nahe ist, als ihr euch einbildet, so seid ihr unvorsichtig, dem Volke zu laut von einer Friedenshoffnung zu sprechen, denn ihr lauft Gefahr, die Energie zu entnerven. Aber empfiehlt es sich, immer die Energie aufzustacheln im Hinblicke auf stets vorgeschobene Gefahren? Man riskiert so, die Nation an die Illusion des Mutes und des Heroismus in Worten zu gewöhnen. Die Energie einer Nation tritt von selbst am Tage der Gefahr hervor. Nur drei Dinge giebt es, die ein Volk entnerven.: Lüge,. und der Mangel eines Ideals. Wir besitzen Eigenschaften, welche diesen Lastern entgegen— wirken.... Was hoffen läßt, daß der Friede dauern wird, ist der Umstand, daß zwei große Bündnissysteme heute in Europz bestehen, die einander zurückhalten, überwachen und den nationalen und dynastischen Ehrgeiz zügeln. Diese beiden Bündnisse, die Fürsten gegen- einander abgeschlossen haben, entwickeln sich allmählich in friedlichem Sinne; sie führen zu Entrevuen und Annäherungen und erscheinen wie die Vorläufer einer größeren Allianz, der europäischen Allianz! Ich höre, meine Geguer sagen, das sei nur naiver Optimismus. Hüten Sie sich vor eagherzigem Pessimismus! Iq glaube bicht, daß bei der Bildung des
Dreibundes ein agresstver Gedanke gegen uns vorgewaltet hat. Der Dreibund wurde gebildet, um ein für uns schmerzliches Resultat der Eroberung zu verteidigen.(Rufe rechts: Ah! Nun also!— Comte Dion, der Jaurès zuruft: „Sie sind ein Virtuose!“ wird zur Ordnung gerufen.) Ich bin überzeugt, daß auch Deutsch⸗ land seid 32 Jahren keinen Angriff gegen uns geplant hat. Allerdings hat es seine Erober⸗ ungen oft mit Brutalitat und Arroganz geschützt, die oft unerträglicher ist als ein offener Angriff. herz ung.) Wenn heute Deutschland fast
10 Beziehungen zu uns erstrebt, Italien sich uns nähert: was ist da die Ursache? Die Ursache ist die ökonomische Rivalität zwischen England und Deutschland, der Aufschwung des Liberalismus in Italien, aber auch der Umstand, daß in Frankreich die Republikaner den Cäsarismus niedergeworfen lis) der Europa in Unruhe hielt.(Beifall inks.
Er erhebe gegen das Bündnis mit Rußland keinen prinzipiellen Einwand, aber es war ein großer Fehler, die Notwendigkeit dieser Allianz so zu übertreiben und die Dinge so darzustellen, als ob Frankreich ohne Alltanz nicht frei atmen könnte. Heute ist das Bündnis auf das richtige Maß beschränkt. Aber selbst heute noch sagt Herr Deschanel, Rußland habe Frankreich durch seine herzliche Umarmung erwärmt! War etwa Frankreich so durch die Furcht zu Eis erstarrt? In der schwierigsten Periode war Frankreich allein, die Allianz, die uns retten sollte, kam erst, als wir stark geworden waren.(Lebhafter Beifall links.)(Millevoye ruft:„Sie schädigen mit jedem Worte Frank⸗ reich!“) Jaurés: Es giebt nur eins, was uns schädigen kann: Die Furcht vor einer offenen Aussprache! Daraus allein entstehen alle Ueberraschungen, alles Unglück.(Großer Beifall links.) Man hat versucht, die Allianz für reaktionäre Zwecke auszubeuten. Das ist mißglückt. Heute empfindet man eine Ent⸗ täuschung. Jaures steht, wie er weiter erklärt, in der Befestigung des Friedens die Fortsetzung des Werkes der großen Revolution. Friede war die erste Idee der Revolution, welche den Krieg verabscheute als gehässigste Folge des Despotismus und wenn diese Idee von der niedergehenden Revolution auch aufgegeben, so ist diese Periode der Verwirrung jetzt doch ihrem Ende nahe. Der heutige Friede ist bereit Wahrzeichen und Wirkung der Ideen der Revolution. Wie das Proletariat aller Länder sich einigt, so einigten sich die Regier⸗ ungen zur internationale Regelung ihrer bko⸗ nomischen Interessen. Einem neuen Rechtszu⸗ stande gehen die Völker entgegen.
Unser Land hat vor dreißig Jahren einen schweren Eingriff in seine Rechte erfahren, menschliche Wesen sind gewaltsam ihrem ge— liebten Vaterlande entrissen worden, sie haben die schwerste Antastung ihrer Rechte erlitten. So besteht die elsaß-lothringische Frage andauernd für uns auf einer Seite, das ver⸗ letzte Recht auf der andern. Die blutige Lösung, die man als einzig mögliche hinstellt: welch ein tragisches Problem ist sie für uns! Doch nicht durch Krieg kann diese Frage gelöst werden, nur im Frieden durch die befreite Demokratie ist sie zu lösen. Frankreich bedarf keiner bru⸗ talen Revauche und keiner Kriegswirren. Es hat, durch das Erwachen des republikanischen Geistes einen neuen Aufschwung nationaler Energie gefunden.(Stürmischer, immer er⸗ ueuter Beifall.) Wir hoffen, wir wollen, daß dieser Krieg von 1870 der letzte Krieg zwischen Frankreich und Deutschland war. Frankreich hat genug Heroismus bewiesen, um über diese blutige Seite das Buch schließen zu dürfen. Stürmischer Beifall.) Es braucht kein neues
eugnis der Geschichte.
Ich höre, daß man mir auf der Rechten zuruft, meine Lösung sei sehr fern— aber die Ihrige?
„Welches Datum setzen Sie an? Wollen Sie die Verantwortung übernehmen, wenn Sie einen baldigen Krieg am Horizont heraufbe⸗ schwören? Nein, Sie fürchten ihn, vertagen ihn! O! man hat mir gesagt, ich sei ein Agent des Auslandes— wir Alle, wir seien
Agenten des Auslandes. Aber ich sehe unter allen Republikanern nicht einen Einzigen, der nicht so genannt worden ist.(Stürmischer Beifall links.) Gambetta, der Genuese, war ein Agent des Auslandes und man erkennt ihn 0
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kaum unter dem Schmutz, den sie auf ihn ehäuft haben; Spuller, der Badenser, erry der Preuß e, Ribot der Engländer, alle waren, so sagt man, Agenten des Auslandes oder vom Auslande 12 Jubelnder, immer erneuter Beifall links.) Alle Republikaner, alle, die für die Republik gekämpft haben, sind von den Söhnen der Emigrirten aus dem Baterlande hinausgewiesen worden. Es gab immer in unserer Geschichte zweit Worte, die den gleichen Sinn hatten: Gegenrevolution und Verleumdung!“ 4
Jaureès hat diesen ganzen letzten Teil seiner 1 Rede mit großer Gewalt gesprochen. Als er von der Tribüne herabsteigt, bricht endloser, tobender Beifall aus, in den selbst ein Teil des Zentrums einstimmt. Er wird von
den Mitgliedern der Majorität umringt und beglückwünscht.
Ein Rarr ö des 19. Jahrhunderts. 1 Von Heinrich Zschokke. 1
Vorläufige Nachrichten.. Auf meiner letzten Reise im Norden unseres Vaterlandes ließ ich mich einen kleinen Umweg nicht gereuen, um meiner Lieblinge einen aus dem goldenen Zeitalter des Lebens einmal wiederzusehen. Man erlaube mir indessen nur, in der folgenden Erzählung Namen von Gegenden, Ortschaften oder Personen zu verschweigen oder zu verstellen. Die Geschichte ist darum nicht weniger wahr, wie unwahrscheinlich sie auch vielen vorkommen mag. 1 Jener Liebling also war der Freiherr Olivier von Flyeln, mit dem ich auf der Göttingischen Hochschule zugleich den Wissenschaften angehört hatte. Er war damals einer der trefflichsten Jünglinge und zugleich einer der geistreichsten jungen Männer gewesen. Die Liebe der griecht⸗ schen und römtschen Schriftsteller hatte uns zusammengeführt und verbunden. Ich naunte ihn nur meinen Achilles, er mich seinen Patroklus. Aber er hätte in der Tat jedem Künstler zum Urbild eines Achilles dienen können. In Gestalt und edler Haltung einem jungen Halbgott ähnlich, Trotz und Güte im dunklen Feuer seines Blicks, gelenk und gewandt wie keiner, der kühnste Schwimmer, der schnellfüßigste Renner, der wildeste Reiter, der anmutigste Tänzer, hatte er dabei das edelmütigste und furchtloseste Herz. Sein Edelmut verwickelte ihn eben in mancherlei unangenehme Händel, weil er sich oft ungerufen der Unterdrückten annahm. Er mußte sich dabei mehrmals mit andern schlagen; er scheute den besten Fechte 5 nicht, ging in den Kampf wie zu einer Lust⸗ partie, ward dabei niemals verwundet, als wäre er am ganzen Leibe gefeit, ließ aber keinen ungezeichnet von sich. 9 Seit unserer Trennung hatten wir uns mehrmals geschrieben; aber wie es denn so geht, wenn man in den Wogen des Lebens auseinander kommt; wir vergaßen uns zwar nie, aber zuletzt doch den Briefwechsel. Ich wußte von ihm endlich nur, daß er Hauptmann bei einem Infanterieregiment gewesen war. Jetzt mochte er etwa fünfunddreißig Jahre alt und im Range vorgerückt sein. Sehr zufällig erfuhr ich auf der Reise den Standort se Regiments, und das verleitete mich, wie gesag zu dem Umweg. Der Postknecht fuhr mit mir in die Str der alten, weitläufigen, reichen Handels ein und hielt vor dem angesehensten Gast


