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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung
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Nr. 6.
— Die Gewerkschaftsversammlung am Sonntage war nur mäßig besucht. Vor Eintritt in die Tagesordnung teilte der Vor⸗ sitzende Bock mit, daß der vor Kurzem ver⸗ storbene Buchdrucker Genosse Döring der Gewerkschafts-Bibliothek eine große Anzahl teilweise sehr wertvoller Bücher hinterlassen habe. Zu Ehren des toten Genossen, der jederzeit seine Pflicht als zielbewußter Arbeiter erfüllt habe, erheben sich die Versammelten von den Sitzen.— Der vom Kassierer Baum erstattete Kassenbericht weist in Einnahme seit dem 1. Okt. 1901 1143,68 Mk., eine Ausgabe von 915,48 Mk. auf. Es verbleibt somit ein Kassenbestand von 228,20 Mk. Nach Bestätigung der Richtigkeit der Abrechnung durch die Revisoren, wird dem Kassterer Decharge erteilt. Dem Kassierer, dem Vorsitzenden und den Bibliothekaren wird für ihre Mühewaltung eine kleine Entschädigung bewilligt. Ferner wird die Anschaffung eines neuen Schrankes für die Bibliothek, die jetzt über 500 Bücher umfaßt, beschlossen. Nach einem Referate des Genossen Vetters über das Gewerbegerichtsgesetz und das neue Gießener Statut für das Gewerbe⸗Gericht, an welchem sich eine lebhafte Debatte schloß, wird eine Kommission gewählt, welcher die nötigen Vor⸗ bereitungen zu den bevorstehenden Gewerbe⸗ gerichtswahlen übertragen werden.
— Als Reichstagskandidaten für den Wahlkreis Gießen schlägt der„Gießener Anz.“ Herrn Justizrat Gutfleisch vor. Er würde, meint das Blatt, die Stimmen aller Parteien, mit Ausnahme der sozialdemokratischen und antisemitischen, erhalten. Wir glauben kaum, daß sich Herr Gutfleisch, dem das Amts⸗ blatt selbst„unerschütterliche Ueberzeugungstreue“ nachrühmt, als Mischmasch⸗Kandidat hergiebt.
— Von einer sozialdemokratischen Schandtat weiß das Gießener Amtsblatt zu berichten. Mit großem Getöse verkündet es in der Donnerstagsnummer, ein Offen⸗ bacher sozialdemokratischer Stadt⸗ verordneter sei beim Felddiebstahl erwischt worden. Für jeden vernünftigen Menschen mußte es ja nun sofort einigermaßen schleierhaft sein, was jetzt im Winter eigentlich viel auf dem Felde zu holen ist. Was ist's mit der Räubergeschichte? Nach der Mit- teilung unseres Offenbacher Parteiorgaus ver— hält sich die Sache folgendermaßen: Der Stadtv. Georg, der seit Jahren kränklich ist, machte am hellen Nachmittag zwischen 3 und 4 Uhr einen Spaziergang und pflückte von einigen vereinzelt in der Nähe des Weges stehenden Kohlstengeln, die er für wertlos hielt einige der wallnußgroßen Rosenkohlköpfchen ab, die er in seine Ueberziehertasche steckte. Der Wert des„Raubes“ soll nicht ganz 20 Pfg. betragen.— Deshalb also Räuber und Mörder! Wegen so einer Lappalie läßt sich das Gießener Amtsblatt ein„Privattelegramm“ schicken! Natürlich nur, weil es sich um einen Sozialdemokraten handelt, wenn Staats⸗ stützen Tausende ergaunern, weiß es in der Regel nichts zu melden. Selbstverständlich mißbilligen wir die Handlung Georg's ganz entschieden, er wird auch die Folgen davon zu tragen haben, aber der Lärm, den der Anzeiger macht ist einfach albern.—, Georg erfreut sich, wie das„Offenb. Abendbl.“ hinzufügt, in seinen Bekanntenkreisen all⸗ 1 Achtung, kein Mensch hält den in Ehren grau gewordenen Mann eines Dieb— stahl fähig.
— Vom Gießener Stadttheater. Dem Direktor Kruse vom hiesigen Theater wurde am vorigen Freitag eine Ehrung von seinem Künstlerpersonal dargebracht, wie sie wohl selten einem Theater⸗Unternehmer zuteil wird. Die Schauspieler überreichten Herrn Kruse einen großen Lorbeerkranz, wobei einer derselben(Herr Steinert) eine Ansprache an den Direktor richtete, in der ihm in künstlerischer Beziehung und als Leiter der Gesellschaft viel Anerkennendes gesagt wurde. Die Veranlassung dazu lag in einer Notiz des„Gießener Anz.“, worin das Repertoire als„verarmt und ver— simpelt“ bezeichnet war. Gegen diesen Vorwurf protestierten die Schauspieler, die sich mit ge⸗
troffen fühlten und nahmen ihren Direktor durch diese Ovation in Schutz. Sie erklärten — unseres Erachtens mit Recht— daß trotz der geringen Mittel und beschränkten Verhält- nissen, mit denen dis Gießener Bühne zu rechnen habe, Tüchtiges geleistet worden sei; sowohl die Direktion wie die Spieler hätten ihre Schul⸗ digkeit getan.— Zugegeben muß ja werden, daß der Svielplan in letzter Zeit etwas mager war, daran sind aber die Verhältnisse schuld; den Angriff gegen Herrn Kruse halten wir für unberechtigt.— Als Direktor für das Städte⸗ bundtheater soll Herr Steingötter in Erfurt gewählt worden sein. Diese vom„Anz.“ ge⸗ drachte Nachricht wurde von der„Hess. Landes⸗ zeitung⸗Marburg bestritten. Es sei noch gar keine Wahl erfolgt, Marburg z. B. sei gar nicht gefragt worden. Wir sind darüber nicht genau unterrichtet.
—„Ein Narr des 19. Jahrhunderts“ ist der Titel der Erzählung, mit deren Abdruck wir im heutigen Unterhaltungsteil beginnen. Heinrich Zschokke, der Verfasser derselben, zeichnete sich in seinen Novellen und Erzählungen durch feine Beobachtung der sozialen Verhält⸗ nisse aus, die er oft genug zum Gegenstande seiner scharfen Kritik machte. Davon legt auch sein„Goldmacherdorf“, das wir vor einiger Zeit abdruckten, Zeugnis ab. Wohl jeder Leser wird die kritische, auch heute noch vielfach zu⸗ treffende Schilderung ländlicher Zustände ig diesem Roman bewundert haben, wenn auch vielleicht manchem das Hervorheben der Religion weniger gefallen mag. Stellt das„Goldmacher⸗ dorf“ einen Art Zukunftsroman dar, so der „Narr“ einen Zukunfts menschen, der, weil er vernünftig und menschlich denkt und handelt, von seinen„gebildeten“ und„gesitteten“ Mit⸗ menschen für verrückt erklärt wird. Ist's heutzutage— das Werkchen dürfte bald hundert Jahre alt sein— etwa anders? Geht man nicht vielfach heute noch genau so gegen Leute vor, die bessere und meuschenwürdigere Zustände erstreben? Wir Sozialisten können ein Lied davon singen! Und erklären„Gebildete“ nicht heute noch barbarischen, gemeinen Mord für „Sitte“? Zahlreiche Duellaffairen beweisen es! — Wir wünschen, daß die von uns ausgewählte Erzählung des beliebten Volksschriftstellers unsern Lesern gut gefallen möge. Zschokke— das sei noch hinzugefügt— wurde am 22. März 1771 in Magdeburg geboren und starb in Aaran(Schweiz) am 2. Juni 1848.
Aus dem Nreise gießen.
n. Die Volksversammlung in Rö d⸗ en, in welcher am Sonntag unser Reichstags⸗ andidat, Genosse Krumm, über die bevor⸗ stehenden Wahlen sprach, war außerordentlich gut besucht. Der Redner beleuchtete an der Hand eines reichen statistischen Materials die Verderblichkeit der Zollpolitik der Regierung und Reichstagsmehrheit und besprach eingehend den Fall Krupp mit seinem für die Hurrah⸗ patrioten kläglichem Ausgange. Seine Aus⸗ führungen fanden stürmischen Beifall. Genosse Beckmann forderte noch zum Beitritt zu unserer politischen Organisation auf und betonte namentlich die Pflicht jedes sozialdemokratischen Wählers, die Verbreitung der Mitteldeutschen Sountags⸗Zeitung sich angelegen sein zu lassen.
Aus dem Nreise Wetzlar.
Die Flugblatt⸗ und Kalender⸗ verbreitung, welche in unserm Kreise statt⸗ fand, hat, wie man uns aus Betzdorf a. d. Sieg mitteilt, im Lager der Kapläne wie eine Bombe gewirkt. Die„Siegblätter“, Organ der ultramontanen Partei, fahren in ihrer Nr. 9 vom 31. Januar über den Landkalender her, welchen sie alle bösen Eigenschaften nach⸗ sagen. Wir denken dabei mit dem Dichter:
„Und der Köder laut Gekläff,
Weweist uns, daß wir reiten.“ Uns wundert nur, daß das Pfaffeublättchen nicht mit der platonischen Liebestat einer Wittwen⸗ und Waisenversicherung auf Kosten des hungernden Volkes renommiert. Es scheint demnach doch noch so viel Schamgefühl zu haben und die 4 Proz. Reserve aus der Ge⸗
samtlebensmittelverteuerung, wie wir zu beur⸗ 9 0 Nämlich als eine Komödie der Zentrums⸗ partei.
Die Nationalliberalen hielten am Sonn⸗ 0 0
tag den 1. Februar eine Vertrauensmänner⸗Versammlung in Wetzlar ab. Der Vorsitzende Justizrat Alde feld gab der Versammlung kund, daß der seitherige Abge⸗ ordnete Krämer⸗Kirchen a, d. Sieg geneigt sei, die
Kandidatur wieder anzunehmen.— Ueber die politische
Lage hielt Herr Dr. Johannes aus Köln einen längeren Vortrag. Dieser Redner verstieg sich zu der Behauptung, daß unser Kandidat, August Bebel, stets der Anwalt der anti⸗deutschen Interessen im Reichstage set, was sich aus dem Munde des Generalsekretärs der rheinischen Syndikat⸗Ring⸗ und Trust⸗Interessenten merk⸗ würdig genug ausnimmt. Kein Wort des Tadels fand der Redner mit dem wissenschaftlichen Dr.⸗Prädikat, gegen das vaterlandsverräterische Treiben der Kohlen-, Rohstoff⸗ und Halbfabrikatssyndikate, welche nach dem Auslande zu Schleuderpreisen und im Inlande zu Wucher⸗ preisen verkaufen, und somit die deutsche Versesnerungs⸗ Industrie und das kleine Handwerk der Konkurrenz des billig einkaufenden Auslandes ausliefern. Unter diesem Gesichtspunkte versteht man erst das lebhafte Eintreten der nationalliberalen Redner für die Zöllnerei auf der Regierungslinie. Der Bund der Landwirte macht dem Redner schwere Kopfschmerzen und er zählt die Vorteile auf, die seine Partei bereits für die Landwirtschaft(sollte heißen Großgrundbesitz) mitbewilltgt habe. Der Undauk der Bündler sei unverdient(was wir den Nationallibe⸗ ralen nachfühlen d. Red.) und es sei zu beklagen, daß seine Nörgelei so große politische Verheerungen anrichte. Im großen ganzen ging aus dem Verlauf dieser Ver⸗ sammlung hervor, daß die Natlonalltberalen isoliert da⸗ stehen, und daß die Bündlerisch Christlichsoziale-Deutsch⸗ konservative Kandidatur ihnen schwer zusetzt. Herr Krämer wurde wieder als Kandldat aufgestellt und ein Wahlverein gegründet. Der letztere soll den Namen „liberal“ führen, was wahrscheinlich auf linksstehende Wähler Eindruck machen soll. Wir können den Herren nach unserer unmaßgeblichen Meinung nur versichern, daß sie mit diesem Kniff keine Katze mehr vom Ofen locken, geschweige denn linksliberale Wähler einfangen. Seit die Nationalliberalen im Verein mit dem Zentrum und den Konservaliven die Gewalt an Stelle des Rechts setzten; wie beim Durchdrücken des Zollturifs, sind sie politisch kastriert. Wenn die Herren ihrem Wahlverein den richtigen Namen geben wollen, daun müssen sie schreiben:„Wahlverein Bassermannscher Gestalten.“
n.„Was braucht Ihr Preißelbeeren zu fressen!“ Diese Worte rief ein biederer Landmann unserem Genossen Vetters zu, als er in der vo m Bauernbund einberufenen Versammlung in Aß lar, die vorigen Freitag stattfand, an der Hand einer in unserm Bremer Parteiblatte erschienenen Notiz auf die Ver⸗ teuerung dieser Beerenart durch die Zölle hinwies. Wie manche Arbeiterfrau kocht sich zum Herbst ein paar Pfund dieser Beeren ein, um im Winter etwas zu haben. Und jede Frau wird eine Verteuerung dieser Frucht um etwa 5 Pfg. das Pfund sehr unangenehm empfinden Aber, was braucht der Arbeiter Preißel⸗ bꝛeren zu fressen? Was brauchen Sie denn Cigarren zu rauchen, Bier und Schnaps zu trinken? antwortete Vetters dem Agrarier. Und in der Tat, will man dem Arbeiter den Konsum eines jeden Genußmittels untersagen, so kann man das mit ganz dem gleichen Recht für die„notleidenden Landwirte“ verlangen. Wo⸗
hin sollte das führen? Diese Versammlung war übrigens? Unter anderm warf warf der Anti⸗ f 0
sehr interessant. semit Reuther dem anwesenden Abg. Schlabach vor, daß er mit Schuld daran sei, wenn die so zialdemo⸗
kratischen Stimmen bei der nächsten Reichstagswahl im Wetzlarer Kreise bedeutende Zunahme erfahren deswegen,
weil Schlabach durch die Körordnung die Unzufrieden⸗ heit der Bauern mit erregt habe. Genosse Vetters fühlte sich veranlaßt, Herrn Schlabach dafür— vor⸗ ausgesetzt, die Ansicht Reuthers trifft zu— den Dank der sozialdemokratischen Partei auszusprechen. Alle
Orden könne unsere Partei nicht verleihen; abe
Schlabach werde wohl den Dank der werktätige
völkerung trotzdem zu schätzen wissen! Wir sin 5
mit dem Verlauf dieser Versammlung zufrieden
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W. Der Konsumverein Wetzlar
Braunfels berichtet über
gegen 378 376 Mk. im Vorjahre. Die Mit⸗ Durchschnittsumsatz stieg dagegen von 213 Mk. auf 215 Mk. 105 seine Ursache darin, daß infolge der großen
artoffel⸗ und Körnerernte des Vorjahres für
etwa 10000 Mk. landwirtschaftliche Erzeugnisse,
sein 27. Geschäfts⸗ jahr. Der Umsatz beziffert sich auf 367 376 Mk. 5
Der Rückgang des Umsatzes
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gliederzahl sauk von 1780 auf 1710, der 9 c 14 1
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wie Brotmehl, Futterartikel und Kartoffeln
weniger gekauft wurden. Der geplante Umbau des Vereinshauses in Burgsolms wurde voll⸗ endet und der neue Laden schon im vorigen
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