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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
keinem Lande die Landwirtschaft betrieben. Was in Dänemark möglich ist, muß auch in Dentschland möglich sein.———
Es liegt im absoluten Interesse der Klein⸗ bauern, daß die Einkommensverhältnisse der Arbeiter verbessert werden. Arbeiterpolitik ist auch Bauernpolitik und ger Beide haben ein gleiches Interesse an der Bekämpfung des Kapitalismus. Hat der Bauer eingesehen, daß ihm die Zölle keinen Vorteil bringen, wird er in Massen zu uns strömen. Jeder Sozial⸗ demokrat muß für Aufklärung unter den Bauern sorgen! Dann wird endlich jeder ehrliche und fleißige Arbeiter und Bauer den Segen seiner Arbeit genietzen können.
Politische Rundschau.
Gießen, den 6. Februar. Für die Reichstagswahlen
ist, wie halbamtlich mitgeteilt wird, ein be⸗ stimmter Tag noch nicht festgesetzt. Sicher sei aber, daß die Wahlen nicht im Herbst statt⸗ finden. Danach kann man sich auf einen Tag Ende Mai oder Anfangs Juni einrichten. Es ist also nur noch reichlich ein Vierteljahr bis zum Wahltermin; unsere Freunde dürfen des⸗ halb, wie wir schon in der vorigen Nummer ausführten, keine Zeit verlieren, sondern müssen tun, was nur in ihren Kräften steht, die Ange⸗ hörigen der besitzlosen Klasse über ihre Interessen und die verderbliche Politik der herrschenden Kreise aufzuklären, damit nicht wieder die Volks⸗ ausbeuter die Mehrheit erhalten!
Nene Opfer für den Militarismus.
Für Verbesserung der Mord waffen und zwar der Kanonen soll das deutsche Volk wieder zirka zehn Millionen Mark berappen. Wie nämlich aus Essen berichtet wurde, soll das Feldgeschütz der Konstruktion von 1896, das Krupp lieferte, in ein Rohrrücklauf-Geschütz umgeändert werden. Die Umänderung soll bald erfolgen und bei Krupp ausgeführt werden. Immer wieder Millionen⸗Aufwendungen für Mordwerkzeuge! Wenn es sich aber darum handelt, das Elend zu lindern, unter dem viele Tausende Deutscher seufzen, da ist kein Geld vorhanden.— Aus Baden kommt ferner die Nachricht, daß zwischen der Seckach-Walldürner und der Osterburken⸗Würzburger Eisenbahnlinie ein Uebungsplatz für das 14. Armeekorps an⸗ gelegt werden soll, dem eine ganze Gemeinde, der Marktflecken Altheim zum Opfer fallen wird und zu dem des Weiteren eine Anzahl angrenzender Gemarkungen Gelände abzutreten hätten. Es werden im Ganzen zirka 2200 Hektar Gelände gebraucht, und die Kosten für Gelände und Gebäude würden 6 bis 7 Millionen betragen. Das sind die Segnungen unseres Zeitalters der„Kultur“! Auf der einen Seite will man die deutsche Landwirtschaft heben, auf der anderen eutzieht man weite Landstriche dem landwirtschaftlichen Anbau und verurteilt sie dem unersättlichen Moloch zu Liebe zu völliger Unfruchtbarkeit.
Vom„gleichen“ Wahlrecht.
Im Reichstage ist ein Antrag anf Neuein⸗ teilung der Wahlkreise eingebracht worden. Wenn es dem Grafen Bülow mit der Reform des Wahlrechts Ernst ist, dann muß er der Durchführung des Wahlgeheimnisses die der Wahlgleichheit zufügen. Steht doch klar und deutlich im§ 8, Abs. 2 des Wahlgesetzes geschrieben:„Eine Vermehrung der Zahl der Abgeordneten infolge der steigenden Bevölkerung wird durch das Gesetz bestimmt.“ Und 8 6, Abs. 4 desselben Wahlgesetzes besagt:„Ein Bundesgesetz wird die Abgrenzung der Wahl⸗ kreise bestimmen.“ Wie sieht es aber mit dieser Abgrenzung der Wahlkreise aus? Es giebt Wahlkreise mit 15000 Wählern, die mit diesen opiel Einfluß haben, wie Wahlkreise mit der achen Wählerzahl. In Berlin stellt sich e wie folgt: reis Bevölkerungszahl Wählerzahl
90 576 18 837
328 644 76727
Serlag ber Mette
Wahlkreis Bevölkerungszahl 308585 3 3085
123 607 4. 400 422 96924 5. 137428 31435
6. 586 926 142 226
15000 Wähler in dem einen Wahlkreise (3. B. in Konttz) haben mithin einen Abgeord⸗ neten zu wählen, wie der um das Zehnfache rößere Berlin 6. Diese politische Entrechtung Handerd are von Wählern muß aufhören. Und zwar erwarten wir, daß diese Durchführung der Wahlgleichheit noch bis zu den bevorstehenden Neuwahlen W eee wird. Dann ist aber keine Zeit zu verlieren.
Sozialdemokratische Wahlerfolge.
Im 3. schleswig⸗holstein'schen Wahlkreise Schleswi der e e tag eine Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Jakobsen stattzufinden. gezählt für Spethmann Hoffe Volkspartei) 5124; für unsern Genossen Hoffmann 4480; für den Nationalliberalen 2952; für den Bauern⸗ bündler Reventlov 3231 und für einen par⸗ teilosen Professor, der sich die totale Vernichtung der Sozialdemokratie zur Aufgabe gemacht hat — 219 Stimmen. ei der Hauptwahl vom Jahre 1898, wo es zur Stichwahl zwischen Sede und Freisinn kam, fielen auf den Sozialdemokraten 4116, die Reichspartei 6357, die Freis. Volkspartei 5895; in der Stichwahl wischen dem Reichsparteiler und der Freis.
olkspartei erhielt ersterer 6280, letzterer 10029 Stimmen. Diesmal hat Stichwahl zwischen Freisinn und Sozialdemokratte stattzufinden. Unsere Partei verzeichnet eine Zunahme von 360 Stimmen; die anderen Parteien ver⸗ zeichnen Rückgang.
In Braunschweig siegten bei der Stadt⸗ verordnetenwahl unsere beiden Genossen Harz⸗ 1127 und Wasemeher in der Stichwahl mit 1727 Stimmen gegen 1602 der gesamten Gegner. Unsere Genossen sind jetzt 10 Mann stark im dortigen Rathause vertreten.
Elnen uner wünschten Erfolg erreichten unsere Gegner in der Gemeinde Dölau in Reuß a. L. mit einer Wahlanfechtung. Dort wurden kürzlich vier Genossen in den Gemeinderat gewählt. Das wurmte die Gegner mächtig und
Es wurden dabei
sie ließen sich zu einem p verleiten,
der auch den Erfolg hatte, daß der ganze Wahl⸗ akt für ungiltig erklärt wurde. Bei der jetzt vorgenommenen Neuwahl wurden aber statt 4 Sozialdemokraten deren 5 gewählt.
Staatsminister Delbrück,
der erste Chef des Bundeskanzleramts ist im hohen Alter von 87 Jahren gestorben. Er hat auf die Gestaltung der Handelsbeziehungen des Reiches so lange entscheidenden Einfluß ausgeübt, bis Bismarck die Aera der Hoch— schutzzöllneret heraufführte.
Deutsche Kultur.
Wegen Majestätsbeleidigung be⸗ gongen in einer Privatunterhaltung in Rangers⸗ orf in Schlesien, wurde der Händler Franz Bartsch aus Friedrichswald in Böhmen von der Strafkammer zu Glatz zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Bartsch war bisher unbescholten. Wegen des gleichen„Verbrechens“ erhielt ein Schuhmacher in Solingen drei Monate Gefängnis und in Danzig ein Redakteur zwei Monate Monate. Auch in dem Solinger Falle war die Aeußerung im vertraulichen Gespräch ge⸗ fallen. So wird das gemeinste Denunzianten⸗ tum gezüchtet.— Unsern Genossen raten wir größte Vorsicht auch im vertrautesten Ge⸗ spräche an! f
Die Dreyfuß⸗ Affaire
dürfte in nächster Zeit die Oeffentlichkeit wieder beschäftigen. Unser Genosse Jaurès äußerte sich in zwei Versammlungen in sehr bestimmter Weise dahin, daß neue Ade ene angestellt und neue Verbrechen entdeckt wurden, welche zur Reviston des kriegsgerichtlichen Urteils von
Rennes führen müßten. An der zuständigen Stelle wurden die Aeußerungen Jaures als richtig bezeichnet. a
Beutscher Reichstag.
Die Präsideuten⸗Koms die.
Als der Reichstag am Donnerstag(29. Jan.) nach kurzer Pause wieder zusammentrat, hatte er zunächst die Wahl eines ersten Präsidenten vorzunehmen. Die Zollwuchermehrheit war sich schon vorher darüber einig geworden, den Grafen Ballestrem, der die Sache der Agrarier bei den Zollkämpfen ja so gut geführt hat, wiederzuwählen, was denn auch, wie in letzter Nummer schon mitgeteilt, mit 195 Stimmen geschah. 89 Abge⸗ ordnete protestierten durch Abgabe weißer Zettel gegen die Wiederwahl des Zentrumsgrafen, dem Hauptschuldigen an der Erdrosselung der Redefreiheit im Reichstage. Unter den Protestierenden befand sich diesmal auch die Freisinnige Volkspartei; ihr Führer, der große Eugen, war in einer Anwandlung von Schamgefühl dem Akte ferngeblieben.— Zur Verhandlung stand an diesem Tage das Gesetz betr. Verbot der Phosphor- zündwaren⸗Fabrikation. Graf Posadowsky begründete das Gesetz nicht unwirksam. Der frelsinnige Redner Wiemer äußerte lebhafte Fabrikanten⸗Entschädi⸗ gungsschmerzen. Von Seiten unserer Fraktion sprach mit großer Sachkunde Genosse Wurm, dessen Ausführungen Genosse Reiß haus in wertvoller Weise ergänzte. Die Vorlage wurde schließlich mit Einstimmigkeit an eine 21 gliedrige Kommission verwiesen. Dann kam aus der
Kommission das
Kis derschutzgesetz an die Reihe. Es entspricht ganz der deutsch⸗preußischen Sozialpolitik, daß die Bestimmungen dieses Gesetzes sich auf die gewerblichen Betriebe beschränken, während an die himmelschreienden Zustände in der ländlichen Kinder⸗ arbeit beileibe nicht gerührt werden soll. Denn das leiden die Agrarier nicht, als deren Wortführer der behaglich⸗breite Herr Gamp auftrat, der das idyllische Lied vom stillen Glück des Hirtenjungen und des Hirten⸗ mädchens, das er bei der ersten Lesung angestimmt, in Ausführlichkeit weiter ausspann. Genosse Wurm führte ihn glänzend ab und bewles an der Hand umfangreichen Materials die Notwendigkeit, unsern Anträgen Folge zu geben, welche Ausdehnung der Bestimmungen auf die ländliche Kinderarbeit und Beseitigung des Unterschieds zwischen fremden und eigenen Kindern fordern. Aber die atzrarische Mehrheit wird dieser sittlichen Notwendig⸗ keit um so weniger gehorchen, als doch selbst die frei⸗ sinnigen Redner bei aller prinzipteller Anerkennung der Berechtigung unserer Anträge sich hinter der voraussichtlich nicht erfolgenden Zustimmung des Bundesrats verschanzten.
Am Freitag beschäftigte sich der Reichstag wieder einmal mit der Verfolgungspolitik, die seit Caprivis Sturz in den ehemals zum polnischen Reiche gehörenden Provinzen betrieben wird und die ein würdiges Gegenstück zu der Verfolgung der Sozialdemokratie bildet.
Eine Polen⸗Juterpellation stand auf der Tagesordnung, die der Abg. v. Dzie m⸗ bowski⸗Pomian begründete, der dabei eine Reihe für einen Kultur- und Verfassungsstaat wenig erbaulicher Tatsachen zur Sprache bracht. Graf Posadowsky verkroch sich hinter den mit Recht so beliebten Kompe⸗ tenzeinwand, erklärte, die Sache gehöre vor den preußti⸗ schen Landtag, murmelte etwas von bedauerlichen Miß⸗ griffen, die überall vorkämen— und damit basta! Noch bequemer machte es sich der Kriegsminister; nach ihm ist es ein Zeichen von mehr als großer„Milde“, daß „nur“ 14 von den im lächerlichen Thorner Schüler⸗ Hochverrats-Prozeß verurteilten Jünglingen der Berech⸗ tigungsschein zum einjährigen Militärdienst entzogen ist. Von Seiten der Freisinnigen sprach zu dieser Sache der Abg. Lenzmann. Seine Rede war eine der besten Leistungen, die die sterbende„Volks“partei in den letzten Zeiten hervorgebracht hat; ste warf scharfe Schlaglichter auf den Fall Löhning und beleuchtete drastisch dunklen Untergründe preußischer Bureaukratie. 2 Kriegsminister Goßler stammelte etwas, das nach ein 5 Erwiderung aussah; Graf Posadowsky, eingede daß Vorsicht der beste Teil der Tapferkeit, erhob wieder den Kompetenzkonflikt.— Unsern Genossen Ledebour wurde durch Schluß der Debatte das Wort abgeschnitten.
Samstag wurde die zweite Lesung des
Kinderschutzgesetzes vorgenommen. Mit Ausnahme zweier kleiner Verbesses⸗ rungen, die in dem einen Falle der Volksparteiler Zwick, im andern der Zentrumsmann Trimborn beantragte und die ziemlich einstimmig angenommen wurden, siegte die Kommissions⸗ oder, was dasselbe ist, die Zentrums⸗ fassung auf der ganzen Linie. Alle Verbesse ungen, die unsere Fraktion beantragte und die von den Genossen Wurm und Reißhaus eingehend begründet wurden, wanderten in den parlamentarischen Papierkorb.
Vom„Glück“ der Hütekinder sang auch der Frei⸗ sinnige Volksparteiler Bräsicke dem staunenden Hause ein Lied vor. Der Mann ist nämlich Gutsbesitzer und steht von diesem Standpunkte die Frage an. Sein
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