Ausgabe 
8.2.1903
 
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Nr. 6.

Gießen, den 8. Februar 1903.

10 Jahra.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Sozialismus und Laudwirtschaft.

Unter diesem Titel hat Genosse Dr. David⸗ Mainz ein dickes, mehr als 700 Seiten um⸗ fassendes Buch herausgegeben. Darin erörtert er eingehend das Wesen und die Eigentüm⸗ lichkeiten der landwirtschaftlichen Produktion und begründet seinen Standpunkt in der Agrar⸗ frage, der bekanntlich von den in unserer Partet herrschenden Anschauungen verschiedentlich ab weicht. Wir haben in diesem Buche zweifellos ein bedeutendes Werk vor uns, das die volle Beachtung auch derjenigen finden wird, die in der Agrarfrage gegenteiliger Ansicht sind. Die Hauptgrundzüge seiner Agrarpolitik hat Gen. David auch in mehreren Vorträgen, die er neulich in Frankfurt, Stuttgart und anderen Orten gehalten hat, kurz zusammengefaßt dar⸗ gelegt und es wird unsere Leser interessieren, sie kennen zu lernen. Folgendes sind seine Ausführungen in der Stuttgarter Versammlung nach dem Berichte unseres dortigen Partei blattes.

Der Zolltarif, der unter dem Vorwand, die Landwirtschaft vom Untergang zu retten, eingebracht wurde, bedeutet nicht anderes als ein Gesetz, das bestimmt ist zur Erhaltung der Junkerkaste und des Grundadels, also ein Schutzgesetz im Interesse des landwirtschaftlichen Großbetriebes, der sich, wie uns gesagt wird, in Notlage befindet. Die Frage: Sind die Landwirte wirklich notleidend? könne mit Ja und Nein beantwortet werden. Im eigent⸗ lichen Sinne notleidend, daß die Junker und Großgrundbesitzer Hunger leiden müßten ꝛc., seien sie gewiß nicht, denn diese Not des Hungerns und Frierens, die Hunderttausende von Menschen am eigenen Leibe sparen müssen, kennen diese Leute gar nicht.(Auch die Klein⸗ bauern kennen solche Notlage nicht. Red.) Diese Junkerkaste hat es einfach nicht verstanden, sich als Produzenten im weltwirtschaftlichen Konkurrenzkampf oben zu halten, trotzdem ihr die Regierung seit dem Jahre 1880 fortgesetzt geholfen hat auf Kosten der übrigen Bevölkerung, zum Beispiel durch die Zucker liebesgaben im Betrag von jährlich 82 Millionen Mk., Spiritus⸗ gaben von 44 Millionen Mk., durch den Korn⸗ zoll(3,50 Mk. pro Doppelzentner) im Betrage von jährlich ca. 158 Millionen Mk. Von 1882 1895 sind auf diese Weise 2800 Mil⸗ lionen in die Taschen der Junker und Groß⸗ grundbesitzer geflossen. Aber Alles hilft nichts

Z sie brengen es trotz alledem nicht fertig, sich

auf der Höhe der Produktion zu halten. Zu alledem kommt noch das Privilegium der Fideikommisse, durch das ste selbst vor dem direkten Bankrott bewahrt werden. Und nun die Tatsache, daß sich die Fläche des Groß⸗ grundbesitzers in den Jahren 1382 bis 1892 um 1,33 Prozent verminderte. Auf künstliche Art wurde Alles getan, daß diese Junkerkaste nicht zu Grunde gehen sollte. Die besten Stellen in der Verwaltung des Staates, im Heer, sind in den Händen der Junker; in Preußen regiert die Junkerklasse und von da aus wird das Reich regiert. Nun aber die Frage: Verdient eine Kaste, die nicht aus eigener Kraft sich zu erhalten vermag, unsere

ilfe? Ich fa nein! Der richtige bi geht nicht zu Grunde. Ein

Besitz von 2 bis 20 ha ist groß genug, einer Familie Unterhalt zu gewähren, aber nicht groß genug, um dauernd fremde Arbeitskräfte beschäftigen zu können. Daher nenne ich die Bauern dieser Betriebsgrößen Selbstwirtschafter. Wenn wir nun diese Bauernverhältnisse betrachten, so finden wir statistisck festgestellt eine Zunahme bebauter Bodenfläche von 1,26 Proz. in demselben Zeitraum, in dem der Großgrundbesitz ebensoviel an bebauter Boden⸗ fläche abgenommen hat und zwar ist diese

nnahme eingetreten ohne Staatshülfe und ohne Liebesgaben also aus eigener Kraft. Dieser Selbstwirtschafter war also im Stande, trotz der schwierigen Periode in den 80er Jahren, nicht nur seine Existenz zu behaus teu, sondern noch vorwärts zu kommen. Wir haben also gar keine Veranlassung, dem Grundbesitz Liebes⸗ gaben zu bewilligen.

Diese Erfahrung lehrt also, daß in der Landwirtschaft nicht die gleichen Konkurrenz- verhältnisse vorhanden sind wie in der Industrie, daß die Ueberlegenheit des Großbetriebs in der Landwirtschaft gegenüber dem Kleinbetrieb nicht vorhanden ist. Der Werdeprozeß auf dem industriellen Gebiet ist folgender: Der Groß betrieb, dem bezüglich Kauf und Verkauf alle Vorteile zu Gebote stehen und der hinsicht⸗ lich der Produktion in der Lage ist, sich alle Arten von Maschinen anschaffen zu können, um nicht nur rasch, sondern auch billig zu produzieren, vermag den Kleinbetrieb einfach konkurrenzunfähig zu machen. Wie kommt es uun, daß auf dem landwirtschaftlichen Gebiet der Großgrundbesitz nicht auch gesiegt hat und der Kleinbetrieb in der Landwirtschaft im Gegen⸗ satz zum Gewerbebetrieb nicht nur allein existenz⸗ fähig, sondern sogar noch ausdehnungsfähig ist? Man sagt im Allgemeinen: weil der Kleinbauer besser das Hungerleiden versteht, übermenschlich erbeitet ohne Ruh und ohne Rast und weil er Zähigkeit und Ausdauer besitzt. Trotzdem aber, daß diese Eigenschaften sehr wesentlich zu dem obigen Resultat beitragen, genügt das als Er⸗ klärung der Existenzfähigkeit gegenüber dem landwirtschaftlichen Großbetrieb nicht, denn auch im Großbetrieb werden alle diese Eigenschaften ausgeübt, wenn auch nicht von den Besitzern selbst, sondern von deren Arbeitern. Der ost⸗ elbische Landarbeiter lebt noch schlechter als unsere Kleinbauern. Die Ursache liegt ganz wo anders. Die landwirtschaftliche Entwicklung vollzieht sich unter wesentlich andern Bedin⸗ gungen als die der Industrie. Während im ersten Falle es sich um Hervorbringung orga⸗ nischer Wesen handelt, deren Werdeprozeß von den Bedingungen der Natur abhängt, sind im industriellen Werdeprozeß rein mechanische Mittel maßgebend, mittels deren der Große dem Kleinen in jeder Beziehung überlegen ist. Ihm erwachsen auch bedeutende kommerzielle Vorteile, die seine

roduktion günstig beeinflussen, während der leinbetrieb viel teurer produziert. 5

In der Landwirtschaft ist das anders. Je mehr der landwirtschaftliche Großgrundbesitz sich ausdehnt, desto größer werden seine Produktions- kosten.(Dieser Satz trifft sicher nicht überall zu. Red.) Ein Kleinbauer baut billiger, er ist selbst bei der Sache, er verwendet seine ganze Aufmerksamkeit auf seine Produktion, was von ausschlaggebender Bedeutung ist. Im

landwirtschaftlichen Großbetrieb arbeitet der Besitzer nicht selbst und seine Arbeiter haben nicht dasselbe Interesse wie der Selbstwirt⸗ schafter. Eine Arbeitsteilung, die im besonderen Maße der Großindustrie ihre Ueberlegenheit gegenüber dem Kleinbetrieb verschafft, giebt es in der Landwirtschaft nicht, weil der Produk⸗ tionsprozeß an die Naturbedingungen gekettet ist. Die industrielle Arbeitsteilung ermöglicht eine viel raschere und billigere Produktion die landwirtschaftliche Arbeit ist aber nicht Teilarbeit, sondern Saisonarbeit. Die Ein⸗ führung der Dampfmaschine, die die Groß⸗ industrie in kurzer Zeit auf eine kaum geahnte Höhe und dem Kleingewerbe empfindlichen Schaden brachte, hat die großen Hoffnungen in der Landwirtschaft auch nicht annähernd erfüllt. Die tierische Kraft, die auch den Klein⸗ bauern zur Verfügung steht, hat sich bis heute als die zuverlässigste erwiesen. Die Werkzeug⸗ maschinen aller Art, die der Großindustrielle sich anzuschaffen in der Lage ist, gehen dem Kleingewerbe den Todesstoß, auf landwiktschaft⸗ lichem Gebiet aber sind sie bet weitem nicht genügend, die Konkurrenzfähigkeit des Klein⸗ bauern zu vermindern, da er die Hülfsmaschinen gerade so ausnutzen kann wie der Großbetrieb. Die Unständigleit des Kraftbedarfs in der Landwirtschaft läßt in vielen Fällen die Maschine oft unrentabel erscheinen, sie ermöglicht wohl eine raschere Arbeit, aber mehr produzieren kaun dieselbe nicht.

Die wichtigste Maschine im landwirtschaft⸗ lichen Betrieb ist zweifellos die Dreschmaschine; nun giebt es aber Unternehmer, die mit Dampf⸗ dreschgarnituren von Ort zu Ort fahren, den Vorrat dieser Kleinbauern gegen Lohn dreschen und wieder weiterziehen. Das ermöglicht also auch dem Kleinbauern die Ausnützung dieser Maschine, und somit sind die Konkurrenzunter⸗ schiede zwischen Groß⸗ und Kleinbetrieb in der Landwirtschaft bei weitem nicht von der Be⸗ deutung, wie zwischen Groß- und Kleinbetrieb in der Industrie. Somit bleiben die Zugtiere für den Bauern die leistungsfähigsten Motoren, und da kann der Großbetrieb dem landwirt⸗ schaftlichen Kleinbetrieb ebenfalls nicht schaden. Die Maschine hat also im ganzen auf land⸗ wirtschaftlichem Gebiet nicht so revolutionierend gewirkt wie auf dem der Industrie. Der springende Punkt ist, daß die maschinelle Pro⸗ duktion in der Landwirtschaft kein Mehr an Produktion bedeutet, was in der Industrie umgekehrt der Fall ist.

Was ein landwirtschaftlich geschultes Land zu leisten vermag, das zeigt Dänemark. Dieses verhältnismäßig kleine Agrarland ohne Agrar⸗ zölle hat in Folge seiner vorzüglich organisierten Produktion in einem Jahre nicht weniger als für 250 Millionen Mark land wirtschaftlicher Produkte aller Art exportiert. Man pflanzt dort Mais, Gerste, Hafer ꝛc., aber nicht für den Export, sondern verbraucht die Produkte für seine hochentwickelte Viehhaltung. Das groß⸗ landwirtschaftliche England ist sein Haupt⸗ abnehmer und auf dem Londoner Markt wer dez Dänemarks Produkte mit den höchsten Pre ist bezahlt. Das hat dieses Land fertig 9 Tage ohne Staatshülfe. Jeder produziert seter nach aber die Verarbeitung der Rohprodysich unserer genossenschaftlich. ernunftger

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