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Nr. 23.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 6.
S I
„ Unterhaltungs-Ceil. a. eee 1
Auch ein Bild aus dem Rechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte.
4(Fortsetzung.)
Ich bemühte mich nun nochmals, in der Stadt etwas Verdienst zu erhalten und hielt bei mehreren Bürgern an, erhielt aber keine Beschäftigung.— Da ließ mir schließlich ein reicher Bürger sagen, daß ich ihm seine Keller⸗ treppe und den Keller von der/ Fuß hohen Erde mit der Axt behauen, dann sein Gärtchen graben und 2 Grotten machen solle. Er bot mir bei freier Kost 40 Pfennige. Ich war das zufrieden und unterzog mich diesen Arbeiten. Am ersten Abend gab er mir nur 25 Pfg, ich sagte aber nichts, denn ich war froh, daß ich überhaupt etwas verdiente. Das Graben im Gärtchen war äußerst mühsam. Als nun die Woche zu Ende war, bat ich um meinen Lohn. Da gab er mir 40 Pfennige und behauptete, er hätte dies für die ganze Woche gemeint. Der fromme Mann hielt es also wörtlich mit dem biblischen Gleichniß:„Und er gab jedem seinen Groschen zum Tagelohn.“ Ich wußte wohl, daß ein Recht für mich nicht existierte und ließ ihm seine Grotte liegen. Beinahe wunderte ich mich, daß er nicht noch gesagt hatte, eine einmalige Kost wäre auch fuͤr die ganze Woche gemeint. Mein Vormund machte mir natürlich Vorwürfe, ich hätte doch das Essen da verdient uud bedrohte mich mit dem Arbeitshaus.
Ich entschloß mich nun nach Frankfurt zu reisen, um dort irgend eine einfache Stelle ausfindig zu machen, und bat den Vormund um Reisegeld. Er verweigerte mir jedoch die 5 Mk. und sagte, daß ihm der Obervormund Grobheiten gemacht hätte, schon wegen den täglichen Ausgaben von 50 Pfg. zu meinen Lebensmitteln. Auch meine Schwester sandte mir nichts zur Reise. Es hielt mir schwer die 10 Pfg. zur Briefmarke aufzubringen und mußte dafür meine Mahlzeit aussetzen. Dies war ich schon gewöhnt; ich war manchen Tag ohne jeden Pfennig, hatte nichts als ein Glas Wasser zu trinken und oft kein Stückchen Brot. Sonst kochte ich mir selbst, und habe gut hausgehalten.
Jetzt entschloß ich mich zur Fußreise nach F., nahm enge Lebensmittel in die Tasche und marschirte an einem prächtigen Junimorgen um 6 Uhr von hier weg. Am Abend war ich in N., lernte da ein paar Arbeiter und Heizer kennen und habe auf einer Werkstätte ein Plätzchen zum Rasten erhalten. Morgens aber um 3 Uhr marschirte ich weiter und kam um 12 Uhr mittags in F. an. Ich hatte noch zuletzt Gelegenheit eine Strecke zu fahren. Von meiner Schwester wurde ich nicht freundlich aufgenommen. Gerne hätte ich nun die be⸗ kaunten früheren Geschäftsleute gesprochen, allein die Müdigkeit und der unsaubere Anzug, welcher durch Schweiß gelitten hatte, besonders auch die Schuhe, hinderten mich am ersten Tage vorzusprechen. Als mein Schwager erschien, grüßte er kurz und benahm sich gegen mich einsilbig. Statt mir Hoffnung zu machen, daß ich ein paar Tage bleiben könne und meine Sachen indes in Ordnung gebracht werden könnten, setzte er sich an das Klavier und sang mir etwas vor. Auch die übrige Art ihres Benehmens war hochmütig. Doch man ließ mir das neue Sopha zum Schlafen herrichten. Gerne hätte ich zwar dafür, um sie nicht zu belästigen, eine einfache Schlafstelle zu 50 Pfg. genommen.
Die unfreundliche Aufnahme in Frank⸗ furt war mir natürlich ein Strich durch meine Rechnung und mit einem Fluch ging ich von dort hinweg. Ich begab mich zu Fuß wieder auf die Heimreise. Ich versuchte nun bei einem Gärtner, der eine Lehrstelle zu besetzen hatte, wenn auch vorläufig nur gegen die Kost,
„Arbeit zu erhalten, konnte aber nichts erreichen.
Dadurch verlor ich viel Zeit und dämmerte schon der Abend, als ich F. verließ. Bald fing es zu meinem Verdruß auch noch an zu regnen. Da verging mir die Lust am Weiter⸗ marschieren. Ich versetzte meine Uhr gegen M 2.30, aß und trank und fuhr nach Hause. Die Uhr löste mein Vormund wieder ein. Von F. aus schrieb bald darauf meine Schwester an den Vormund einen verleumderischen Brief (wie ich erst nach 5 Jahren erfuhr). Sie machte eine verächtliche Beschreibung über meine ver⸗ schwitzte Wäsche, auch hätte ich sie außerdem durch den Besuch belästigt, und mich überhaupt durch Aufräumen und nächtliches Aufstehen (ich war morgens 5 Uhr gewohnheitsgemäß aufgestanden, doch habe ich nachts ruhig ge⸗ schlafen) unsinnig benommen, ich müßte in's Irrenhaus.— Mein Vormund sagte mir damals nichts davon, denn daß ich die Ver⸗ leumdungen gründlich widerlegt hätte, dachte er sich schon, aber er war froh, mich los zu werden. Der Vormund gab diesen Verleumder⸗ brief dem Obervormund und dieser überwies mich dem Verfahren des Oberbürgermeisters.
Dieser hatte nichts Eiligeres zu tun, als meine Aufnahme in's Irrenhaus zu beantragen. Es war aber nicht sogleich Platz und es dauerte noch ein ganzes Jahr, bis meine Aufnahme stattfinden konnte. Vorläufig verdingte mich nun der Vormund zu einem Gärtner gegen die Kost. Da habe ich schwer gearbeitet von morgens 6 bis abends 7 Uhr und half häufig nachher noch in Buchführung und Korrespondenz, bis 11 Uhr. Neben der eigentlichen Gärtner⸗ arbeit mutete man mir sogar zu, den Wagen mit Pflanzen durch die Straßen zu ziehen. Das war für mich allerdings peinlich weil jeder mich kannte; nicht einmal am Sonntag Morgen zu einer jüd. Hochzeit wurde ich davon verschont. Ich unterzog mich ergebungsvoll all diesen Zumutungen, denn ich war des Zan⸗ kens mit dem Vormund müde; auch hoffte ich dadurch, die versprochene Aufhebung der Eut⸗ mündigung endlich zu erhalten. Einmal waren für ein Fest über 1000 Meter Guirlanden zu winden. Der Preis derselben war ungemein billig. Es wurde einfach kein Forstzettel m hr gelöst, mit andern Worten, die benötigten Zweige im Walde gestohlen. Ich ging zum Vormund und sagte ihm, daß ich mehr an Kleider zer- risse, als ich an der Kost ersparte, übrigens auch keine Lust hätte— stehlen zu gehen. Er erwiderte, das käme bei einem Geschäftsmaun nicht darauf an, ich müßte auch zu solchen Dingen zu brauchen sein!— Ich blieb jedoch zu Hause und er mußte mich wohl oder übel gewähren lassen. Dann fand ich bei einem Töpfer Arbeit, und wurde mit Holzschichten, Töpfe tragen ꝛc. beschäftigt, bekam aber auch nur Kost und keine weitere Vergütung. Zu derselben Zeit wurde mir von der Verwaltung eines Hospitals angeboten, dort zu wohnen. Ich wollte aber meine eignen Sachen nicht mis- sen, blieb deshalb in meiner Wohnung. Kohlen u. Wäsche zahlte mein Vormund. Ich machte Blumensträuße aus Seidenpapier, verschenkte sie an Bekannte und erhielt dafür einige Lebens⸗ mittel. Inzwischen erhielt ich auch ein paar Rückstände aus dem Geschäft, die schon für verloren galten.— So konnte ich weiter vegetieren. Doch es war ein erbärmliches Lebeu.
Namentlich fühlte ich die Entmündigung durch die daraus folgende Entfremdung mit der menschlichen Gesellschaft. In meiner Wohnung vor der Stadt ging es mir nicht besser als in der vorigen. Ich erhielt zur Wohnungsmiete ein Ländchen, das ich mit großer Mühe mittels der Rotthacke umarbeitete und eine dicke Schicht zahlloser Backsteinbrocken entfernen mußte. Der Vermieter verlangte mich überdies zu einer ähnlichen Arbeit, er machte ohne Weiteres auf meine Gefälligkeit Ansprüche. Für diese Arbeit und Flaschenreinigen erhielt ich täglich ein Fläschchen Bier(), darum verzichtete ich bald auf diese mühevolle Arbeit; hatte dadurch natürlich seine Freundschaft verscherzt, was ich bald erfahren mußte.
Im Uebrigen suchte ich mich möglichst vor Langeweile zu schützen. So habe ich alle vier
Wochen gründlich meine Stube gesäubert, Mat⸗
ratzen und Sopha au geklopft, um Bewegung
und etwas zu tun zu haben. In der vorigen Wohnung hatte ich zum Scheuern keinen Raum und mußte den Gang in Anspruch nehmen um die Möbel herauszustellen. Bei dieser Gelegen⸗ heit kam einmal der Vormund herauf und
konnte mich nur aus gewisser Entfernung
sprechen. Wie ich später erfuhr, hatte er dem Obervormund gemeldet, ich hätte mich„ver⸗ barrikadiert“. Diese Mitteilung ist auch in die Akten gekommen. Sonst beschäftigte ich mich mit Zeichnen, franz. u. engl. Lesen, Guitarre⸗ spielen, Rechnen und Laubsägearbeiten; und habe mit letzteren manchmal etwas verdient.—
Am 2. Juni 93 morgens 4 Uhr wurde ich durch ein furchtbares Getöse und Rütteln an der Haustüre erschreckt. Ich stand auf und sah durch das Fenster einen Polizisten. Ich schloß ihm die Haustüre auf, er wünschte mich zu sprechen. Er sagte, daß ich entweder zu meiner Schwester oder einer anderen Familie ziehen solle. Ich konnte aber nicht begreifen, warum die Familie, bei der ich wohnte und verkehrte, nicht gut genug sein sollte und teilte ihm meine Lebensweise und Beschäftigung mit. Dies befriedigte ihn und er entfernte sich.— Zwei Stunden später kommt der Polizeikommissar und forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich er⸗ klärte ihm, daß es wohl ein Irrtum sei, mich so ohne Weiteres zu arretieren. Er schwieg, blieb ruhig stehen und ging dann mit mir, als ich herausging.— So verließ ich denn ein Heim, das mir immer noch manche Annehmlich⸗ keiten bot. Eigene Möbel, Wäsche, Koch- und Eßgeschirre, Gartengeräte, Bücher, Pflanzen und Gärtchen mit aufgehender Saat.
Der Kommissar begleitete mich zu einer Chaise und wurde ich in Gemeinschaft eines von der Irrenheilanstalt mitgebrachtenpPfleglings und dem Wärter Sch. nach dem Irrenhaus gefahren.— Ich fuhr getrost mit, denn ich dachte, ich würde dortselbst nur geprüft und dann mündig geschrieben werden, da ich mir nichts zu Schulden hatte kommen lassen, und die Gerichtsbarkeit wohl ein Einsehen hätte.— Als wir nun in die Nähe der Wirtschaft kamen, wo wir nach unserer Verabredung Mittag machen wollten, der Kutscher aber weiter fuhr, stand ich halb auf, um ihn daran zu erinnern. Da faßte mich der Wärter gleich hinten am Kragen, rief dem mitfahrenden Pflegling zu und rissen sie mich, daß ich längs zu liegen kam. Um mich aufzurichten, faßte ich nun den Wärter an der Brust und drückte ihn auf seinen Sitz zurück, damit ich mich wenigstens ordentlich setzen konnte. Von der Austalt ist der Vorgang ge— merkt worden, denn als ich(12 Uhr mittags) ausstieg, hingen sich wohl 1 Dutzend Wärter und Pfleglinge an meine Arme, nach jeder Richtung hin zerrend, als wollten sie mich in Stücke reißen. Da ich mir die Pforte als das beste Ziel dachte, um sie zur Einigkeit zu bringen, zog ich sie alle mit hindurch und nun wurde das Tor hinter mir geschlossen. nun die Pfleglinge sahen, daß ich keinen Wider⸗ stand leistete, ließen sie mich erst recht nicht los, sie verdrehten mir die Arme und hätten sie mir fast noch vom Leibe gerissen. Die Wärter ent⸗ rissen mir meine Uhr und den Rock.
(Fortsetzung folgt).
Der Kater als Kandidat. Eine Fabel.
Als die Erschaffung der Welt vollendet war, berief der Löwe den großen Rat der Tiere zusammen, zu welchem sämtliche Tier⸗ gattungen ihre Vertreter senden sollten. Bei den Mäusen trat der Kater als Kandidat auf. Er miaute eine schöne Rede, versicherte, daß er für das Wohl aller Geschöpfe im Allgemeinen und der Mäuse im besonderen ein warmes Herz habe, ja, daß die Mäuse gar keinen besseren Freund hätten als ihn, und schwor, er hätte keinen höheren Wunsch, als daß alle Mäuse wohlgenährt seien und fette, kugelrunde Bäuchlein hätten. Das gefiel den Mäusen und sie erwählten den Kater zu ihrem Vertreter.
Von dem Tage an begannen die Katzen die Mäuse zu fressen, die fetten am liebsten, und
Obgleich
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