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Nr. 23.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung
Seite 3.
zeigt. Sodann wendet sich Krumm gegen die Unter⸗
stellung des liberalen Wahlkomites, als ob wir Rüpel und Rowdys wären; die Herren aus den besitzenden Kreisen könnten von uns noch Anstand lernen. Gegen solche gemeine Verleumdungen muß am 16. Juni die Antwort lauten:
Nieder mit den LügenpeternI
Eingesandt.
Aus Wieseck ging uns unter Bezugnahme in der vorletzten Nr. erschienen D.⸗Artikel folgende Zuschrift zu:
Ein Konflikt, wenn man überhaupt von einem solchen sprechen kann, zwischen dem Bürgermeister und dem Gemeinderat besteht zur Zeit nicht. Der Konflikt, den der Artikelschreiber meint, besteht nur zwischen dem Gemeinderat und dem Kreis amte wegen der von dem Kreisamte festgesetzten Büreaukosten des Bürgermeisters. Daß es sich um eine seitens des Bürgermeisters besonders gestellte Mehrforderung der Büreaukosten handelt, ist gänzlich unwahr. Die Büreaukosten der Bürgermesster der Landgemeinden des Kreises Gießen wurden seinerzeit seiteus des Kreisamtes einheitlich geregelt, mit Rücksicht darauf, daß das Bürgermeisteramt infolge der neuen Gesetze in der jetzigen Zeit und namentlich in größeren Orten eine ganz bedeutende Arbeitslast in sich vereinigt und nicht mehr ein bloßes Ehrenamt sei. Der Arbeits⸗ last entsprechend sollten auch die Büreaukosten gezahlt werden. Nach der vom Kreisamt bestimmten Regelung berechneten sich die Büreaukosten für Wieseck als der größten Landgemeinde des Kreises mit ca. 3000 Ein⸗ wohner auf 1786 Mk, incl. des Staatszuschusses auf 1986 Mk. Das Kreisamt hatte danach an den Gemeinde⸗ rat das Ansinnen gestellt, dieser Berechnung zuzustimmen. Der Gemeinderat lehnte dies ohne jegliche Begründung und ohne jeden Vermittlungsantrag zu stellen, wiederholt ab. In allen Gemeinden des Kreises— mit Ausnahme, daß etwa eine Gemeinde in letzter Zeit Neuwahl des Bürgermeisters gehabt hätte, jedoch wird diese Gemeinde sicher mit der gedachten Regelung der Büreaukosten nachfolgen— werden die Büreaukosten nach der vom Kreisamte festgesetzten Norm gezahlt; blos in Wieseck nicht: etwa weil hier weniger Arbeit ist?
In Lich mit 2400 Einwohner betragen die Büreau⸗ kosten ohne Versehung des Standesamts 2400 Mk., in Alten⸗Buseck mit 1219 Einwohner 1100 Mk., Großen⸗ Buseck mit 1705 Einwohner 1350 Mk., Großenlinden mit 1737 Einw. 1350 Mk., Heuchelheim mit 2145 Einw. 1500 Mk. ausschließlich des Staatszuschusses, Kleinlinden mit 1526 Einwohner 1240 Mk., Hungen mit 1369 Einw. 1250 Mk. und Wieseck 2632 Einw. der letzten Volkszählung 1200 Mk.
Unter diesen vorstehenden Orten— es sind die größten und bedeutendsten des Kreises— bezahlt Mieseck seinen Bürgermeister am schlechtesten.
Wenn der Artikelschreiber Sparsamkeit üben will, warum zieht er nicht das gute Gehalt des Rechners in Betracht? Dasselbe betrug im verflossenen Jahr 1500%
Die weiteren Ausführungen des Artikelschreibers bedürfen hiernach wohl nicht mehr der Beachtung, denn die Bürgerschaft wird nach Kenntnisnahme vorstehenden Ausführungen die Angelegenheit ganz anders beurteilen und wohl zu einer ganz anderen Ansicht gelangen, als es der höchste Wunsch des Artikelschreibers ist. d.
Aus dem Nreise Alsfeld-Cauterbach.
„Eine Berichtigung. Wir brachten in Nr 20 unseres Blattes eine Mitteilung, wonach in Alsfeld an zwei schulpflichtigen Kindern Sittlichkeitsverbrechen begangen wurden, deren Verüber Angehörige der„besseren“ Kreise wären. Dazu erhalten wir von der Staatsanwalt⸗ schaft beim Landgericht der Provinz Ober⸗ hessen folgende Zuschrift:
„Zu der in Nr. 20 dieses Blattes erschienenen Notiz, wonach in Alsfeld an Schulkindern Sittlichkeitsverbrechen von Personen verübt worden seien, die„fast ausnahmslos Angehörige der sog. besseren Kreise“ seien, und worin ausgesprochen wird, daß die Täter vielleicht längst ver⸗ haftet wären, wenn sie dem Arbeiterstande angehörten, wird bemerkt, daß die Angeschuldigten ein Schreibgehilfe, ein Maurer und ein Weichensteller sind und daß zwei dieser Personen verhaftet sind.“
Unser Gewährsmann wird wohl nicht ver⸗ fehlen, sich hierzu weiter zu äußern.
Aus dem Rreise Wetzlar.
K. Eine antisemitische Versamm⸗ lung, die keine war,„tagte“ am Mittwoch vor 8 Tagen in Bieber. Herr Reuther wollte dort seine antisemitische Weisheit aus- kramen. Sie zu hören waren aber noch keine
20 Mann erschienen, darunter noch eine Anzahl, die sich als entschiedene Gegner des Antisemitis⸗ mus bekennen. Herr Reuther hielt es deshalb für geratener, sich still wieder zu drücken und
die Versammlung gar nicht zu eröffnen. Zu diesem Entschlusse mag wohl auch mit bei⸗ getragen haben, daß zufällig unser Genosse Vetters anwesend war.
Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain.
R. M. Professoren-Ausichten über Soztalismus. Man ist es ja leider gewohnt, daß, wenn deutsche Universitätsprofessoren einmal über soziale Dinge reden, die Herren sich halt stets als ziemlich unbeschriebene Blätter präsentieren. So unwissend aber, wie, nach seiner in Nr. 145 der„Oberhess. Zeitung“ abgedruckten Rede nach zu urteilen, der derzeitige Rektor der Marburger Universität, Prof. Dr. Th. Birt in diesen Dingen ist, dürften fraglos doch nur wenige seiner Kollegen sein. Gelegentlich der Einweihung einer sogenannten Bismarcksäule hielt derselbe eine Rede, in welcher es u. a. wörtlich heißt: „Denn genußsüchtig ist unsere Zeit geworden. ... Auf Wohlleben zielt der Großhandel, auf Wohlleben der ganze Sozialismus der Gegen⸗ wart und Arbeiter und Arbeiterfreunde sind bereit, um des Wohlleben willen unser Vater⸗ land selbst mitsammt dem Königtum zu zer⸗ trümmern. Wir aber wollen nicht vergessen, daß der Egoist eine Niete ist im Haushalt Gottes und daß nur der lebt, der dem Ganzen lebt“. Mit dem letzten Nachsatz sind wir ein⸗ verstanden. Er ist sogar unser Kernsatz. Daß Herr Birt das aber nicht weiß, beweist nur, daß er, um in seinem eigenen pastoralen Ton weiter zu reden, offenbar eine Niete im Haus⸗ halt der politischen Wissenschaft ist. Es ist einfach
empörend, daß ein Vertreter der Wissenschaft
über ein so wichtiges Problem wie es die moderne Arbeiterbewegung ist, so geradezu gewissen⸗ los unwissenschaftlich zu urteilen wagt. Wir könuen dem Herrn Birk an dieser Stelle nicht gut eine Privatvorlesung über National⸗ ökonomie und Sozialismus halten, legen ihm aber nah, sich von hiesigen Arbeitern einmal über Theorie und Praxis der sozialistischen Bewegung orientieren zu lassen. Auch unsere Versammlungen stehen ihm frei. Er sei hier⸗ mit feierlichst zum Besuch derselben eingeladen.
R. M. Es kriselt bei den Nationalsozialen! „Nationale und Sozialdemokraten“ überschreibt die„Hess. Landesztg.“ einen dieser Tage von ihr gebrachten Ar⸗ tikel, der in ungehinderter Vermischung und Verkleiste⸗ rung krassester Gegensätze wieder einmal bis hart an die Grenze des Menschenmöglichen geht. Der Artikel⸗ schreiber, gezeichnet Wek., führt in ihm unter anderm aus, daß eine Gruppe— Partei kann man ja auch nicht sagen— durch ihr Bekenntnis zur Erhaltung der geschichtlich gewordenen Regierungsformen schlech⸗ terdings nicht mit den Sozialdemokraten verwechselt werden könne. Stimmt! Aber wenn die National⸗ sozialen auf das geschichtlich Gewordene als etwas zu Erhaltendes pochen, so unterscheidet sie selbst schlechter⸗ dings nichts mehr von den Konservativen. Die Arbeiter sollen sich aber aus diesem entschlüpften Be⸗ kenntnis der Nationalsozialen eine Lehre ziehen und die Anhänger des„geschichtlich Gewordenen“ bald zu„ge⸗ schichtlich Gewesenen“ befördern. Es ist nun aber gar spaßig zu beobachten, wie der nationalsoziale Herr Wek. trotz seiner ultrakonservativen Vorliebe zum histo⸗ risch Gewordenen dennoch— freilich wohl mehr aus einem Versehen als mit Bedacht— die Sozialdemo⸗ kratie vollauf zu würdigen weiß. Er schreibt nämlich wörtlich:„Der Sozialdemokratie ist wie den National⸗ sozialen eigen, daß sie die politische und wirtschaftliche Emporentwicklung der arbeitenden Volksmassen erstreben, zu denen außer der großen Masse der„Arbeiter“, die Handwerker und die kleinen Bauern gehören.“ Es ist in hohem Grade erfreulich, daß der vernünftigere Teil der Nationalsozialen es endlich eingesehen zu haben scheint, daß auch die wirtschaftliche und politische„Em⸗ porentwicklung“ der Kleinbauern von der Sozial⸗ demokratie eifrigst erstrebt wird. Was meint aber der „Führer“ Herr von Gerlach zu diesem Weck. schen Ge⸗ ständnis? Herr von Gerlach, der von Ort zu Ort ziehend die Legende verkündigte, die Sozialdemokratie wolle die Bauernschaft radikal vernichten? Jetzt scheint die richtige Würdigung der Sozialdemokratie ja sogar in„sein“ Blatt eingedrungen zu sein. Darauf läßt auch ein anderer Satz des Wek. schen Artikels schließen, in welchem zugegeben wird, daß jedes Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie„indirekt die Arbeiter über⸗ haupt treffe, sowie„ihre Berufsvereinigungen schädigt“. Und Herr von Gerlach, der noch jüngst in unserer Ver⸗ sammlung die Behauptung aufgestellt hatte, die Sozial⸗ demokratie schädige die Berufs vereinigungen! Also gehört Soziald mekratie und Gewerkchaft nun doch zusammen,
auch in den Augen der Nationalsozialen! Ob die Herren sich am Ende gar„mausern“? R. Von der Wahlbewegung! In dem nahe
bei Marburg gelegenen Dorfe Ockershausen fand am Samstag, den 31. Mat eine von etwa 160 Per⸗ sonen besuchte sozialdemokratische Wählerversammlung statt. Unser Reichstagskandidat Paul Bader besprach in seinem eineinhalbstündigen Vortrag das sozialdemo⸗ kratische Programm. Auf Wunsch einiger Versammlungs⸗ teilnehmer beschäftigte er sich hauptsächlich mit der „Religion“, dem„Tei en“ und der„freien Liebe“. An zahlreichen Beispielen wies er den Miß⸗ brauch nach, den die Gegner mit diesen Worten treiben und wies die oft geradezu blödsinnigen Augriffe zurück. In Ermangelung von vernünftigen Gründen gegen unsere Grundsätze müßten die„Ordnungs leute allerdings solche Mittelchen anwenden, um der Masse des Volkes vor der Sozialdemokratie graulich zu machen. In der Dis⸗ kusston meldete sich trotz mehrfacher Aufforderung des Vorsitzenden niemand zum Wort. Einige anwesende Bündler machten sich durch öftere Zwischenrufe bemerk⸗ bar. Die siegeszuversichtlichen Nationalsozialen glänzten außer einigen Abkommandierten durch Abwesenheit. Jedenfalls steckt ihnen die Abfuhr von der Marburger Versammlung noch in den Gliedern. Gen. Bader, der sich in der Diskussion und im Schlußwort mit dem Zolltarif, den Militärvorlagen und der Presse beschäftigte, schloß seine Rede unter stürmischem Beifall mit der Aufforderung, am 16. Juni für den Kandidaten der sozialdemokratischen Partei zu stimmen.— Lokal- frage. Das Lokal des Herrn Gastwirt Metzig in Ockershausen steht uns zu politischen Versammlungen zur Verfügung. Die Genossen wollen dies Lokal bei Ausflügen usw. berücksichtigen.
Unwetter
haben Anfangs der Woche die Main⸗ und Rheingegend heimgesucht. Im Siebengebirge schwollen die Gebirgsbäche zu reißenden Strömen an und rissen Brücken und Gebäude nieder. Auch Menschen sind umgekommen.— In Kochem a. d. Mosel traf ein Blitzstrahl den Aussichtsturm auf den Prinzenkopf seitwärts der Marienburg, und erschlug den Wärter des Turmes.— Auf der Insel Niederwerth bei Koblenz zündete der Blitz; es brannten zwei Wohnhäuser und eine Scheune nieder, ein kalter Schlag traf ein Wohnhaus.
Wahlhumor.
Eine Anzahl Patienten der Heilstätte Sand⸗ bach im Odenwald verlangten in die dortige Wählerliste eingetragen zu werden. Die Er⸗ füllung ihres Verlangens wurde unter der Bedingung zugesichert, daß sie aus ihren Heimatsgemeinden Bescheinigungen beibrächten über ihre Wahlberechtigung. Selbstverständlich wurden diese Atteste sofort von den hessischen Bürgermeistern eingefordert und manche der⸗ selben sahen recht merkwürdig aus. Hier die Abschrift eines solchen Scheines der unserem Gewährsmaun vorgelegen hat:
„Es wird hiermit bescheinigt, daß der Steinhauer Johannes Krichbaum von Klein-Gumpen zur diesjährigen Reichstagswahl in Klein⸗Gumpen stimmberechtigt ist und sich seither noch zur nationalliberalen Partei bekannt hat.
Klein⸗Gumpen, den 26. Mai 1903.
Großh. Bürgermeisterei
(Stempel) Weimar.“ 5
Die Heiterkeit, die diese Bescheinigung in der Heilstätte hervorrief, soll sehr günstig auf den Gesundheitszustand der Patienten einge⸗ wirkt haben.
Für den Wahlfonds des Wahlkreises Gießen gingen weiter ein: Wahlverein Gießen 200 Mark; H. 10.—; Liste 45: 7.55. Wahlkr. Wetzlar:
Unge. Wtzlr. 10 Mark; N. N. Wtzlr. 3.—; N. N. Krofdorf 3.— Die Vertrauensleute.
Versammlungskalender.
Samstag, den 6. Juni Gießen. Wählerversammlung abends 9 Uhr im„Wiener Hof“(Saal und Garien). Ref.: Landtagsabge. Ulrich und Stadtverordn. Krumm. Sonntag, den 7. 7 f 9 59 0 elheim. Arb. ⸗Bild.⸗Verein. Nachmit⸗ 9 5 pünktlich Versammlung bei Wirt Auzust
Rinn.
5 Quittung.
Dienstag, den 9. Juni. Gießen. Gewerkschaftskartell. Sitzung bei Orbig.
Abends 9 Uhr
5
euer


