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Milleldeulsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 23
anständig. Einige Zwischenrufe brachten die Freisinnigen in Zorn. Betrunkene, die in der Versammlung anwesend waren und mit andren Besuchern persönlichen Streit anfingen, haben mit unserer Partei gar nichts zu tun.“
Daß die Freisinnige Partei nicht gegen diese pöbelhaften Angriffe des Gießener Amtsblattes, gegen die verächtliche Kampfes⸗ weise des liberalen Wahlkomitees protestiert, mag Mancher bedauern, der bisher noch glaubte, daß die Freisinnige Volkspartei mit einem Tropfen demokratischen Oeles gesalbt sei; aber das Verhalten dieser Partei hier in Gießen bestätigt lediglich die schon öfters anderwärts gemachte Erfahrung, daß die Freisinnigen mehr und mehr in das reaktionäre Fahrwasser ge⸗ raten. Wirklich freisinnige Elemente schlagen sich- zur Sozialdemokratie; die Uebrigen treten verstimmt bei Seite oder gehen in den national⸗ liberal⸗antisemitisch⸗konservativen Mischmasch auf. Die meisten der ihren haben aber ver⸗ gessen, was ein Führer des Freisinns, der berühmte Professor Mommsen, vor mehreren Monaten schrieb:
„. es ist leider wahr, zurzeit ist sie(die Sozial⸗ demokratie) die einzige große Partei, die An⸗ spruch hat auf politische Achtung. Von dem Talent ist nicht nötig zu reden; jedermann in Deutsch⸗ land weiß, daß mit einem Kopf wie Bebel ein Dutzend ostelbischer Junker so ausgestattet werden könnten, daß sie unter ihresgleichen glänzen würden. Die Hingebung, die Opferbereitschaft der sozialdemokratischen Massen imponiert auch dem, der ihre Zwocke nichts weniger als teilt... Dem eben so falschen wie perfiden Köhler⸗ glauben muß ein Ende gemacht werden, daß die Nation sich teilt in Ordnungsparteien und in eine Umsturzpartei, und daß es die erste politische Pflicht der zu jenen sich zählenden Staatsbürger sei, die Millionen der Arbeiter als pestverdächtig zu meiden und als staats⸗ gefährlich zu bekämpfen. In der Tat gibt es im politischen Leben weder Ordnungs⸗ noch Umsturz⸗ parteien, oder wie man es auch ausdrücken kann, jede Partei ist eine Umsturzpartei.
Das war noch ein ech ter Liberaler!
E Das Gießener Amtsblatt quittiert in der Donnerstags Nummer in der ihm eigenen Weise, über die moralischen Ohrfeigen, die ihm das sozialdemokratische Wahlkomitee für seine Verleumdungen zu applizieren gezwungen war. Es ist der alte Amtsblattkuiff: Erst den poli⸗ tischen Gegner aufs gröbste beschimpfen und dann sich über den groben Keil der auf den Amtsblattklotz kommt, sittig und verschämt wie ein Backfischchen zu entrüsten. Selbstverständlich hütet sich das Blatt auch nur ein sachliches Wort zu schreiben und so stellen wir nochmals fest: Es war eine amtsblattliche Unver⸗ schämtheit ersten Ranges, uns zu unter⸗ schieben, daß wir gegnerische Versammlungen stören wollten. Gerade von gegnerischer Seite bird diese Knüppeltaktik geübt. Erst kürzlich kam die Nachricht von Ausschreitungen, welche die Zentrumsleute gegen unsere Genossen in Solingen und anderen Orten Rheinlands und Westfalens begingen. Und wie geht's unseren Genossen und Flugblatt⸗Verteilern erst in den gesegneten Gefilden Ostelbiens, wo der„Gieß. Anz.“ seine Redakteure herbezieht! Dort sind talsächlich unsere Genossen des Lebens nicht sicher, dort sind die„Staatserhaltenden“ ge⸗ wohnt, den politischen Kampf mit Stuhlbeinen ꝛc. zu führen.
Nun führt der Anzeiger eine Reihe Zahlen an, durch welche nachgewiesen werden soll, daß die an dem Staatshaushalt, den Militärlasten und dem Steuerwesen von sozialdemokratischer Seite geübte Kritik nicht berechtigt sei. Zu⸗ nächst ser bemerkt, daß die Zahlen, durch die das Amtsblatt beweisen will, wie herrlich die Zustände im deutschen Vaterlande sind, der im Auftrage des Zentralverbandes deutscher In⸗ dustrieller herausgegebenen Broschüre von Bürger(Fränkel) entnommen stnd, die längst eine gründliche Widerlegung durch eine sozialdemokratische Broschüre erfahren hat.
Redet der Anzeiger z. B. von den Militär⸗ und Steuerlasten anderer Länder, so müßte er ehrlicherweise auch die Einkommensverhältnisse dieser Länder anführen. Im Großherzogtum Hessen sind rund 150000 Steuerzahler mit unter 900 Mk. Einkommen angeführt, während die indirekten Steuern allein über 80 Mk. pro Familie betragen. Hierzu kommt die durch Zölle bewirkte Inlandssteigerung, die man bet
Getreide allein ruhig auf 40—50 Mark pro Familie schätzen kann. Das sind 10—15 Proz. des Einkommens an indirekten Steuern, die gerade den 600 Mark Mann belasten wie den Millionär. Hätten die Arbeiter in Deutsch⸗ land Einkommen wie in Amerika und Eng⸗ land, könnte die Arbeiterklasse auf alle die „Wohltaten“ verzichten, deren Kosten sie selbst ja vorher erst verdienen müssen.
Eugen Richter und die Freisinnigen werden vom Amtsblatt gelobt. Das wird für den Vater der Sparagnes ein magerer Trost sein, denn er ist in seinen guten Tagen von der Reptilpresse argegeifert worden. Uns tut der Mann leid, der noch auf seine alten Tage auf das Niveau der Schweinburg, Korbmacher, Fischer, Fränkel, Fink, Lorenz und der sonstigen Sozialistentöter herabgekommen ist. Jedenfalls ist ihm das„Schimpfen“ der Sozialdemokratie noch nicht so unangenehm, als wie das Lob der Reptilchen im Lande.
— Ein angeblicher Handwerker ergriff dieser Tage im Anzeiger in einem Ein⸗ gesandt das Wort zu den Reichstagswahlen. Das Fabrikat kommt uns zwar etwas ver⸗ dächtig vor, wir argwöhnen, daß es irgendwo in einem Mischmasch-Wahlkomitee oder einer antisozialdemokratischen Korrespondenz auf die der„Anzeiger“ ja abonniert ist, entstand. Das soll uns nicht weiter anfechten. Wenn der„Hand⸗ werker“ aber klagt, daß für den Mittelstand nichts getan worden sei— ja die patentierten Mittelstandsretter hatten doch bisher im Reichs⸗ tag die NMehrheit! Warum taten sie nichts? Sollte die Handwerksretterei blos Schwindel sein? Am Schlusse seiner Epistel sagt der „Handwerker“:
„Jeder, der dem gewerbtätigen Mittel⸗ stand angehört und für die Folge einen seinen Standesinteressen würdigeren Vertreter im Reichstage wissen will, trete ein für den Kandidaten der freisinnigen national⸗ liberalen Partei, falls es nicht mehr möglich sein sollte, einen geeigneten Kandi⸗ daten aus dem kleineren Mittelstande zu proklamieren, denn als selbständiger Hand⸗ werker oder Geschäftsmann einen Sozial- demokraten wählen, hieße direkt gegen sich arbeiten.“
Sollte das wirklich ein Handwerker ge⸗ schrieben haben, so empfehlen wir ihm unseren heutigen Leitartikel zum eingehenden Studium. Allerdings macht die Sozialdemokratie den Handwerkern keine unerfüllbaren Versprechungen, redet ihnen nicht vor, daß Befähigungsnach⸗ weis und Innungsrummel geeignete Mittel wären, dem Handwerk den„goldenen Boden“ zu verschaffen. Der Großindustrielle Heyligenstädt, der außerdem noch für die das Handwerk schwer belastenden Zölle eintrikt, als Handwerksretter! Es ist zum Lachen! Jeder einsichtige Handwerker stimmt für die Sozialdemokratie!
Inu der liberalen Wähler⸗ versammlung, die am Donnerstag in Steins Garten tagte, hatten sich doch ca. 400 Teilnehmer eingefunden. Ein großer Teil war natürlich in Erwartung einer Diskussion hin⸗ gekommen und sah sich schwer enttäuscht. Auch von unseren Parteifreunden waren eine große Anzahl anwesend. Das ist zu tadeln! So⸗ bald vom Wahlkomitee eine Parole ausgegeben ist, muß sie befolgt werden!— Im Uebrigen machte die Versammlung einen jämmerlichen Eindruck. Die ganze Geschichte dauerte nur / Stunde. Erst„entwickelte“ Herr Heyligen⸗ städt sein„Programm“, das heißt, er las von einem Zettel herunter, was er wollen soll und was ihm vorher irgend einer aufgeschrieben hat. Dann beschäftigte sich Herr Schloß⸗ macher⸗Offenbach mit den Handelsverträgen, Herr Gutfleisch ging auf das Flugblatt des sozialdemokratischen Wahlkomitees ein, nahm aber auch keine Veranlassung, die gemeinen Verdächtigungen unserer Partei durch den An⸗ zeiger von sich und dem liberalen Wahlkomitee abzuweisen. So lange das nicht ge⸗ schieht, müssen wir annehmen, daß das liberale Wahlkomitee Uebrigens
diese Pöbeleien billigt.
spielte Herr Gutfleisch den politisch Naiven. Er sagte, wir hätten für den Kandidaten der Liberalen eintreten(1) sollen, erst erklärte er aber, die Freisinnigen scheide von der Sozial- demokratie eine ganze Welt, was ganz richtig ist. Köhler sei keine„würdige“ Vertretung, meinte er, vergaß aber zu sagen, daß ihn die Freisinnigen gewählt haben!
— Andere Kerle als die Gießener Frei⸗ sinnigen sind die Mainzer. Sie beschlossen am Mittwoch in einer gut besuchten Versamm⸗ lung einstimmig, bei der Reichstagswahl mit allen Kräften für den Kandidaten der sozial⸗ demokratischen Partei Dr. David ein⸗ zutreten.
J Versammlungsstörungen. Die bürgerliche Presse hat sich nach dem Schema Eugen Richters einen Rubrik zugelegt, in welchem sie über sozialdemokratische Versamm⸗ lungsstörer die unglaublichsten Schauer⸗ geschichten erzählt. Wo ein Körnchen Wahrheit in diesem systematischen Schwindel steckt, mißbilligen wir, im Einverständnis mit der ganzen Partei derartige Störungen.— Man muß aber auch einmal nach den Ursachen der an sich meist recht harmlosen Vorgänge (Zwischenrufe ꝛc.) fragen. Es gibt auch unter uns temperamentvolle Leute, denen solche Verdächtigungen wie die des„Gießener Anzeigers“, wo man uns verblümt als Rüpel bezeichnet, das Blut in Wallung bringen. Hierzu kommt die systematische Saalab⸗ fkreiberei, durch Behörden, Krieger⸗ vereine, Fabrikanten und auch durch die bürgerlichen Parteien. Da ist es begreislich, daß die um ihr gesetzlich garantiertes Versamm⸗ lungsrecht betrogenen Arbeiter sich nicht immer in der Stimmung befinden um noch Beleidigungen und Verdächtigungen gegnerischer Redner widerspruchslos hinzunehmen. Hätten wir, wie z. B. die Liberalen, bei der 98er Wahl, die uns als die herabgekommensten Mit⸗ glieder der menschlichen Gesellschaft bezeichneten, gehandelt, dann hätte man die Herren schimpfen, toben hören sollen! Unseren Genossen sagen wir nochmals: Laßt die Augstmeier unter sich!
— Ortskrankenkasse. Am Mittwoch fand eine zahlreich besuchte Versammlung der Generalvertreter im„Postkeller“ statt, um den Geschäftsbericht sowie den Bericht über den Krankenkassen-Kongreß in Berlin entgegen zu nehmen. Auf den Geschäftsbericht gehen wir in der nächsten Nr. näher ein, für heute sei nur bemerkt, daß von den Kontrolleuren be⸗ stätigt wurde, daß die Geschäftsführung sich in bester Ordnung befinde. Ueber den Kongreß, zu welchem die Herren Hanau, Dahmer und Fourier delegiert waren, erstattete der Vorsitzende Dahmer eingehend Bericht. Auch darauf kommnen wir noch zurück.
Aus dem Areise gießen.
Wahlagitation. unsererseits noch Versammlungen in Watzenborn, Queckborn und Großen-Buseck abgehalten. Ueberall war guter Besuch zu verzeichnen. In Watzenborn erörterte Gen. Krumm ausführlich die Tätigkeit des verflossenen Reichstags, besprach den Zolltarif und die Wirkung der Zölle; Militarismus, Marine und Kolonialpolitik erfuhren eingehende Kritik. Die gegen die Sozialdemokratie er⸗ hobenen Vorwürfe wurden zurückgewiesen. Krumms Ausführungen wurden durch Genosse Vetters ergänzt, während Häuser⸗Steinberg die Wahl Krumms empfahl und zur Organisation aufforderte.— Sehr gut besucht war auch die Versammlung in Queckborn. Mit gespannter Aufmerksamkeit wurden die Darlegungen des Genossen Vetters verfolgt und beifällig aufgenommen. In der Diskussion sprach der Nationalliberale Jöckel aus Grünberg, der in langen Ausführungen für die Kandidatur Heyligenstädt eintrat. Der Redner ver⸗ mied indessen gehässige Angriffe auf unsere Partei, erkannte vielmehr die Ruhe und Sachlichkeit in der Versammlung an. Seine Ei nwendungen wurden von Vetters widerlegt.
In Großen⸗Buseck sprach am Sonntag Abend Genosse Krumm in sehr stark besuchter Versammlung über die Reichstagswahl. Er wies besonders darauf hin, daß der Kampf gegen unsere Principien von den Gegnern aufgegeben sei. Nur noch mit den kleinlichsten Mittelchen und Zitaten, die meistens mit der Reichstagswahl gar nichts zu tun haben, krebsen Antisemiten und Nationalliberale herum. Dabei kommt es auf eine Handvoll Lügen nicht an, wie Redner unter lebhaften Beifall an Beispielen
Vor den Feiertagen wurden
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