e eee, bene
r
N
Nr. 23.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
Betätigung„christlicher Nächstenliebe“.
Ueber die Judenmetzeleien in Kischinew in Rußland werden grauenhafte Einzelheiten bekannt. Aus Privatbriefen wird berichtet:
Am Denkmal Alexanders II. in Kischinew wurde ein jüdisches Mädchen tot aufgefunden, mit allen Zeichen der Gewalttat, halb entblößt, mit Schaum vor dem Munde. Ein Blechschmied, der die Ehre seiner Schwester verteidigen wollte, wurde in Stücke gerissen. Mädchen wurden mit ausgeschnittenen Brüsten gefunden; außer Leichen wurden in den Straßen Köpfe, Arme, Beine gefunden, welche vom Rumpf abgeschnitten und auf die Straße geschleudert worden waren... Man hat zehnjährigen Mädchen Gewalt angetan und sie nachher in Stücke gerissen. Eine der Bestien hat während der Gewalttat seinem Opfer die Nase abgebissen, nachher versetzte es ihm Fußtritte und riß es in Stücke. Bei Männern wurden Nasen, Ohren, Hände, Beine abgerissen und Zungen ausgeschnitten. Einem Manne hat man lebend die Haut von Schädel abgezogen, dem anderen in die Augen Holzstücke hineingeschlagen. Kindern hat man Händchen und Beinchen abgeschnitten und sie auf die Straße geworfen, oder man schlug sie so lange mit den Köpfen an die Wand, bis die letztere mit Blut und Hirn bedeckt war. Mehr als 100 Ermordete sind schon begraben. In den Krankenhäusern stirbt jeden Tag eine Menge fürchterlich Verstümmelter.— Wenn solche Ueberbestialitäten von einer Bevölkerung verübt werden, die so strenggläubig„christlich“ erzogen ist, muß da nicht jeder menschlich fühlende von von dieser Sorte Christentums den tiefsten Ab⸗ scheu empfinden?
Zu den Judenmetzeleien in Kischinew
erläßt das internationale sozialistische Bureau einen Aufruf an die Arbeiter aller Länder, worin es heißt:
Wer das Verfahren der Regierung Nikolaus II. kennt, der wird in diesen traurigen Vorgängen nichts als einen Abschreckungsversuch und zu— gleich einen Racheakt sehen gegen die Juden wegen der revolutionären Tätigkeit des jüdischen Proletariats in Rußland.
Der russische Absolutismus sucht in der Erregung von Rassen⸗ und Religionshaß ein Mittel, die allgemeine Unzufriedenheit abzu⸗ lenken, und zugleich einen Vorwand, um eine Bevölkerung im Blute zu ersticken, die, indem sie für ihre Befreiung kämpft, ihn in seiner Existenz bedroht.
Wir denunzieren diese verwerfliche Politik allen Arbeitern, allen ehrlichen Menschen!
Schmerzlich bewegt bei dem Gedanken an die Opfer, die unter den Streichen des Agenten des Zarismus gefallen sind, tief empört von jenen scheußlichen Vorfällen, richten wir an die zivilisierte Menschheit einen dringenden Appell, damit Wiederholungen dieser Greuel vermieden werden. In Südrußland, in Polen, in Litauen, überall, wo eine dichte jüdische Bevölkerung vorhanden ist, da ist die Wiederkehr der Er⸗ eignisse von Kischinew zu befürchten.
Arbeiter, wenn die Regierungen nicht sprechen noch handeln wollen, dann sprecht und handelt Ihr! Wenn bei den Regierungen kein Mitleid, kein menschliches Gefühl mehr zu finden ist, dann laßt sie Euren Protest hören und bringt Eure Entrüstung zum Ausdruck!
1
Die Wahlbewegung.
In 396 Wahlkreisen stellt die sozialdemokratische Partei Kandidaten auf. Als einziger Wahlkreis bleibt nur der elsässische Kreis Saarburg unhes etzt.
Die Zentrumspartei stellt in den Zoberhessischen Wahlkreisen Gießen, Als⸗ feld, Friedberg den Landtagsabgeord⸗ neten Molthanu als Reichstagskandidaten auf.
Sozialdemokratische Reichstagskandidaturen
in Oberhessen und den angrenzenden Wahlkreisen.
Wahlkreis Giessen-Grünberg-Nidda: Eduard Krumm, Kaufmann und Stadt⸗ verordneter in Gießen.
Wahlkreis Friedberg-Büdingen: Heinrich Busold, Schreinermeister und Stadtverordneter in Friedberg. Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach- Schotten: Dr. phil. Robert Michels in Marburg Wahlkreis Wetzlar- Altenkirchen: August Bebel in Berlin.
Wahlkreis Marburg-Kirchhain: Paul Bader, Schriftsteller in München.
Wahlkreis Limburg-Diletz(4. nass.): Robert Habicht, Schreiner in Frankfurt.
Wahlkreis St. Goarshausen-Nassau(. n.): F. A. Vetters, Redakteur in Gießen.
Zur Beachtung bei der Reichstagswahl!
Das Geheimnis der Wahl ist gesichert! Keine Stimmzettelspitzeleri mehr! Nach dreißigjährigem Sträuben hat sich die Regierung zum Aerger der Rückwärtser endlich entschlossen, die verfassungsmäßige Geheimhaltung der Wahl zu sichern.
Jeder kann diesmal furchtlos den Mann seiner Ueberzeugung wählen. Niemand kann seine Abstimmung kontrollieren. Kein Gutsherr, Inspektor, Fabrikleiter ꝛc. kann mehr die Arbeiter mit kenntlich gemachtem Wahlzettel zur Urne marschieren lassen.
Jedermann nehme sich in der Tasche von Hause einen sozialdemokratischen Wahl⸗ zettel ins Wahllokal mit. Er muß ungefähr 9 zu 12 Zentimeter groß sein.
Wesentliche Abweichungen in der Zettel größe machen die Wahl ungültig!
Im Wahllokal empfängt er ein amt⸗ liches Wahlkouvert, die alle gleich sind und keinerlei Kennzeichen haben dürfen.
Mit dem Wahlkouvert geht jeder einzeln in einen Nebenraum oder an einen durch einen Verschlag abgetrennten Tisch. Hier steckt der Wähler, unbeobachtet von jeder— mann, seinen sozialdemokratischen Stimm—⸗ zettel in den Umschlag und schließt ihn wie einen Brief; Zukleben ist nicht not⸗ wendig.
Der Wahlvorsteher darf keinen Zettel annehmen, der nicht vorher an der vor Zuschauern geschützten Stelle in den Um—⸗ schlag gelegt ist.
Man achte darauf, daß der Nebenraum oder der Tisch so beschaffen ist, daß wirklich niemand beobachten kann, was für einen Zettel der Wähler ins Kouvert steckt.
Der Wahlvorsteher hat die Kouverts in geschlossene Gefäße(Urnen), die oben einen Spalt haben, zu legen.
Ungesetzliche Wahlgefäße Wahl ungültig!
Die Wahl dauert diesmal von 10 bis 7 Uhr.
Niemand darf aber seine Stimme nach 7 Uhr abgeben, auch wenn er vor 7 Uhr im Lokal ist. Es empfiehlt sich also, nicht im letzten Augenblick, sondern so früh wie möglich zu erscheinen, damit jeder seine Stimme bis 7 Uhr abgeben kann.
Eure Arbeitgeber können Euch bei diesen Wahlen nicht mehr für die Betätigung
machen die
Eurer sozialdemokratischen bestrafen. Ihr wählt frei! Wählt sozialdemokratisch!
Von Uah und Lern.
Hessisches.
J Freisinn in Gießen und Darm⸗ stadt. Im Gegensatz zu unseren Gießener Freisinnigen, die schon selt Jahren den National⸗ liberalen Schlepperdienste leisten, scheint in Darmstadt noch eine freisinnige Partei etwas besserer Qualität vorhanden zu sein. In einer am Freitag dort stattgefundenen freisinnigen Versammlung erklärte Prof. Staudinger, daß die Nationalliberalen mehr und mehr jeder Willkürpolitik Vorschub leisteteten. Die Herren Dr. Reis, Fabrikant Langenbach und Andere betonten, daß der Kampf gegen die Reaktion hauptsächlich gegen die Reaktionäre in national⸗ liberalem Gewande geführt werden müsse. Freisinn und Freisinn ist eben je nach den ört⸗ lichen Verhältnissen bald links bald rechts wie's gerade trifft.
— Liberale Kampfesweise und Amtsblatt⸗Rüpelei. Die Herren von der Mischmasch⸗Kandidatur Heyligenstädt fangen den Wahlkampf recht vielversprechend an. Sie wollen, wie es scheint, durch gehässige und ver⸗ leumderische Angriffe auf unsere Partei ersetzen, was sie bisher an wirklicher Wahlarbeit nicht geleistet haben. Und als Preßkosak haben
Ueberzeugung
sie sich den Redakteur des Amtsblattes erkoren,
der sich auf das Geschäft der Sozialistenver⸗ nichtung oder wenigstens ihrer Verdächtigung schon einigermaßen versteht. Das beweist er durch die in seiner Pfingstnummer enthaltene Anpöbelei unserer Partei. Da wird zunächst mitgeteilt, daß in der„liberalen“ Versaumlung keine Diskussion stattfinden werde und die feige Kneiferei wird zu rechtfertigen gesucht unter Hinweis auf irgendwo angeblich vorgekommene sozialdemokratische Ausschreit ungen in Wählerversammlungen. Das Amtsblatt druckt eine solche Schauermär als dem als Lügen⸗ blatt bekannten„Fränk. Kurier“ ab und fügt dem hinzu:
„Derartige anmutige Scherze, deren wir hier in Gießen womöglich auch teilhaftig werden können, wollen wir uns ersparen.“ Diese ganz gemeine Verdächtigung
hat unser Wahlkomité sofort durch ein in der ganzen Stadt verbreitetes Flugblatt zurückge⸗ wiesen. Unsere Parteifreunde wurden darin aufgefordet, der Versammlung der Angstmeier fern zu bleiben. Weiter unsere Redner in den zahlreichen Versammlungen, die bisher von unserer Seite abgehalten wurden, mit keinem Worte die Person des aufgestell⸗ ten gegnerischen Kandidaten angegriffen haben, außerdem wird darauf hingewiesen, daß wiedes⸗ holt liberale in unseren Versammlungen volle Redefreiheit genossen, daß erst am Sonntag ein liberaler Redner in Queckborn drei⸗ viertel Stunden redete und dabei hervorhob, wie ruhig und anständig es in der Versamm⸗ lung zugehe.
Aber die in der Verleumder⸗Notiz enthaltenen tatsächlichen Angaben erwiesen sich als plumper Schwindel. Unserem Zentralorgan, das Erkundigungen darüber einzog wurde berichtet:
Die Ruhestörer waren nicht die Sozialdemokraten, sondern die Freisinnigen. Genosse Zöllner war in die Versammlung gekommen,(es handelt sich hier um eine Versammlung in Fürth. D. R.) nicht um das Wort zu ergreifen, sondern um für die Zeitung Bericht zu erstatten. Der freisinnige Kandidat Barbeck bielt eine Schmährede gegen die Sozialdemokratie und provozierte die anwesenden Genossen in der unerhörtesten Weise. Diese verhielten sich sehr maßvoll und wurden nur fünf bis sechs Zwischenrufe laut. Nach Barbecks Schimpfrede erbat sich Genosse Zöllner das Wort, um die Augr affe zurückzuweisen. Allein kaum hatte er drei Sätze gesprochen, als er von den Freisinnigen niedergebrüllt wurde. Diese haben den Skandal gemacht und nicht die Sozlaldemo— kraten. Gegen einige Genossen ging man sogar hand— greiflich vor.
Ebenso erlogen sind die Angaben über die Ver⸗ sammlungen in Leichendorf und Baudenbach. Auch dort verhielten sich unsere Parteigenossen durchaus
2
wird betont, daß.
—ͤ *
15 4
28
—
elner
. 1
——
———
—
93—————
W
——
—
2


