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Mtteldentsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 23.

hervor, daß die sozialdemokratische Partei in jedem Kreise einen offiziellen Vertrauensmann hat, der den Verkehr mit dem Parteivorstande vermittelt, außerdem in jeder Stadt und jedem Dorf einen örtlichen Vertrauensmann, die zu⸗ sammen mit erprobten Genossen Parteiangelegen⸗ heiten beraten. Natürlich auch solche Gegen⸗ stände, die nicht vor die breite Offentlichkeit und in Versammlungen gehören. Das nennt man eineGeheimorganisation! Alte Attentats⸗Märchen.

R. M. Die nationalsozialeHess. Landesztg. brachte in ihrer Nummer 127 unter der Aufschrift: Ein Tag trauriger Erin⸗ nerung einen Artikel, weil am 2. Juni 25 Jahre verflossen sind, daß.... auf Kaiser Wilhelm J. das bekannte Nobiling'sche Attentat verübt wurde. Dabei kann sich das demokratisch und modern fühlende Blatt denn auch nicht enthalten, die Mordtat Nobilings der angeblichenVerirrung durch sozialistische und anarchistische Irrlehren zuzuschreiben.

Nun, unsere Stellung zu jenem Attentat ist ja sattsam bekannt. Auch für uns ist übrigens der 2. Junt 1878 einTag trauriger Erinne⸗ rung. Freilich nicht im Sinne der byzantini⸗ schen Naumannianer. Denn es sind viele Tage im Jahr in denen ein Mord geschieht und selbst wenn wir den Mord aun einem Fürsten für schlimmer ansehen wie den an irgend einem anderen Menschen(was wir natürlich nicht tun), würden wir es dennoch für unter unserer Würde halten, dem Mordversuch eines Irrsinnigen ein Jubiläumsartikelchen nachzuweinen. Wenn wir uns ebenfalls mit Trauer an den Tag erinnern, so geschieht es, weil mit ihm gleich⸗ zeitig auch jene wilde Jagd auf Sozialdemokraten begann, die vielen von unseren Genossen ihre Lebenskraft und manchem sogar das Leben selbst kosten sollte, und das alles nur weil niedrige Rachsucht und bodenlose Bornirtheit in uns die Attentäter auf den Kaiser erblicken wollte. Nun ist die nat.⸗soz. Zeitung schamlos genug, die alten Lügen wieder aufzuwärmen. Es ist historisch festgestellt, daß unsereIrrlehren, die ja bekanntlich die Gewalttätigkeit in jeder Form verdammen und nur den Sieg durch den Gedanken predigen, noch zu keiner Zeit und in keinem Volk auch nur einen einzigen ihren Anhänger in die Scharen der Attentäter getrieben haben. Nobiling war, so viel sich feststellen läßt, eine Zeitlang Nationalliberaler gewesen. Unsere Irrlehren machen niemand zum Mörder. Wir wissen, daß die Monarchie eine Institution ist, und daß auf den Kaiser der Kronprinz folgt. Da wäre es immerhin noch viel eher denkbar, daß die national-sozialen nicht Irr-, aber Wirrlehren bei einem geistesschwachen Menschen ein solches Resultat erzielen könnten. Die Nat.⸗soz. halten an der Institution der Monarchie fest. Aber von der Person des Monarchen erwarten sie allen Segen. Wenn dieser aber einmal nicht ein⸗ treffen sollte... 2 Eine kollektivistisch⸗ organische Weltanschauung wird immer auch praktisch gegen jedwede Bluttat wirksam sein, eine individualistische hingegen ist gegen ein solches Resultat viel weniger gefeit. Individualisten sind aber nicht nur die Anarchisten.

Freie Liebe der Ordnungsleute.

Alle Wahlflugblätter der Ordnungsparteien sind natürlich auch jetzt wieder voll der albernsten Angriffe auf die Sozialdemokratie. Und wie man es seit Jahrzehnten schon gewohnt war, kann man jetzt wieder lesen, die Sozialdemokratie »beabsichtige die christliche Ehe aufzuheben und die freie Liebe einzuführen.

In Berlin ist kürzlich der Major Reich von einer ehemaligen Geliebten, die er abge⸗ halftert hatte, erstochen worden. Man hätte nun in der vaterländisch, christlich und germanischen Presse Bußpredigten über die freie und noch dazu brutale Liebe von Männern erwarten sollen, die sogar den vornehmsten Rock tragen, ganz fromme Blätter hätten viel⸗ leicht auch in der Tat die Buße für die schwere Sünde sehen sollen. Nichts von dem. Man malte vielmehr das vor Eifersucht wahnsinnig gewordene Weib als ein verruchtes Scheusal.

Offenbar folgte diese sittliche Presse ganz naiv ihrem dunklen Instinkte, daß die freie Liebe von Majoren und sonstigen staatserhaltenden Persönlichkeiten vor so lebensgefährlichen Konse⸗ quenzen geschützt werden müsse. Hier und da erhob sich ein feuilletonistisches Mitleid für die Mörderin aus Liebe. Solche Gefühlsduselei wurde einem Humoristen desTag zu toll und er scherzte grimmig:

Du lieber Himmel, wollten alle entlassenen Wirtschafterinnen, die, mit demTageblatt zu reden,begründe e Eifersucht hegen, ihre Rechte solcherweise geltend machen, das Tier⸗ garten⸗Viertel wäre mit Leichen übersäet, und die Polizei müßte vor der Börse die Mörderinnenansammlung zerstreuen, um die Straße für den Verkehr freizuhalten.

Der Mann muß es wissen. Es scheint danach, als ob die Sozialdemokratie verdammt wenig Ehen zu zerstören übrig behalten wird; und die freie Liebe vollends wird sie auch nie⸗ manden mehr lehren können.

Wem die Zölle nützen.

Unser Leipziger Parteiorgan berichtet nach derKönigsb. Hartung'schen Ztg. über einen Fall, der so recht die Wirkung der erhöhten Getreidezölle illustriert: In einem Erbteilungs⸗ falle mußte der Preis eines Landgutes festgestellt werden; der Erblasser hatte es um 60000 Mk. erstanden, dem Erben jedoch, der das Gut übernehmen wollte, wurde von den Miterben unter ausdrücklicher Berufung auf den neuen Zolltarif 80000 Mk. abver⸗ langt. Die Rechnung stimmt allerdings: Wird der neue Zolltarif Gesetz, so steigen die Lebens⸗ mittelpreise, damit die Einnahmen, die Rente, und nach der Rente bemißt sich der Verkaufs⸗ preis des Gutes. Es ist das längst von der Sozialdemokratie erkannt und ausführlich dar⸗ gelegt worden. Das Beisplel zeigt mit aller Deutlichkeit, wem schließlich die Zölle zu Gute kommen. Der Landwirt, der zur Zeit des Bestehens dieser Zölle im Besitze cines Korn und Fleisch für den Verkauf produzierenden Grundstückes ist, hat Chancen, höheren Gewinn aus dem Verkaufe der Produkte zu erzielen; wer aber in Zukunft Land kauft oder erbt, hat die Rente zu verzinsen, und sein Profit schwindet zum größten Teil. Es ist schließlich das zinstragende Kapital, das den Agrariern so verhaßte Geldkapital, das am meisten dabei profitieren wird.

Das Fleischbeschaugesetz

sollte den Zweck haben, die Gesundheit des Volkes zu schützen, die hochwohlweise vater⸗ ländische Regierung wollte damit das Volk vor dem Genusse des sehr gefährlichen ausländischen Fleisches behüten. Am besten wird nun jeden⸗ falls das liebel verhütet, wenn überhaupt kein Fleisch konsumiert wird, und man muß wirklich anerkennen, daß die Regierung so ziemlich alles getan hat, um in dieser Richtung zu wirken. Nicht etwa, daß sie den Konsum verbietet, beileibe nicht! so rückständig darf man nicht sein; man erhebt nur Gebühren für die Untersuchungen, die zum Schutze der bedrohten Gesundheit der lieben Konsumenten notwendig sind. Daß diese Untersuchungen so viel Geld kosten, ist nun einmal nicht zu ändern, und wenn dann der Konsument diese Kosten nicht mehr tragen kann, so mag er eben Vege⸗ tarier werden. Daß dies keine Uebertreibungen sind, ergiebt sich aus folgenden Beispielen: Die Frankfurter Zeitung teilte mit: In& wurde eine Sendung von 25 Kisten Rückenspeck untersucht. 18 Trlschinenschauer machten sich an die Arbeit und untersuchten mit peinlichster Sorgfalt die 423 Speckseiten. Das Vergnügen kostete nur 265 Mark, während nach den früher bestehenden Vorschriften die Untersuchung 70.50 Mk. gekostet hatte. Die Weser⸗Zeitung berichtet über die Erfahrungen einer Bremer Firma: Diese hatte 20 Fässer Schweineleber aus New⸗ York bezogen: natürlich mußte die Kontrolle stattfinden und verursachte folgende Kosten: Allgemeine Untersuchungsgebühren 76.65 Mk., chemische Untersuchung 60.50 Mk., Untersuchung auf Trichinen 295.50 Mk., zu⸗

sammen 429.65 Mk. Außerdem was aber natür⸗

lich noch der Zoll zu bezahlen, der 513.50 Mk., ausmachte, gibt die nette Summe von 943.15 Mk. Im Falle der Wuchertarif Gesetzeskraft erhält, wird sich natürlich die Rechnung noch etwas höher stellen.

Es dürfte aber selbst ohne Zollerhöhung unter solchen Bedingungen der Import von Fleischwaren bald aufhören. Daß aber die ein⸗

heimische Landwirtschaft den Ausfall nicht decken wird, nicht decken kann, steht heute schon fest.

Gegen die agrarische Unersättlichkeit

sprach sich der württembergische Minister Pischek auf der am Dienstag in Geislingen abgehaltenen Wanderversammlung württewbergischer Land⸗ wirte aus. Er richtete an den Bund der Land⸗ wirte eine scharfe Absage und stellte fest, daß heute der Bund der Landwirte weitergehende Forderungen stellt als vor 3 Jahren. Der Appetit komme aber mit dem Essen und die Begehrlichkeit der Landwirte sei durch die Agi⸗ tation der bezahlten Wortführer des Bundes der Landwirte gewachsen. Dem Frieden sei es nicht dienlich, solche besoldeten Agitatoren zu bestellen, die keine Versöhnung, sondern Ver⸗ schärfung der Gegensätze brächten. Der Minister sei nicht allein für die Landwirtschaft da, son⸗ dern müsse auch für Handel, Gewerbe und Sozialpolitik sorgen. Selbst wenn es möglich wäre, soviel Getreide zu bauen, wie Württem⸗ berg brauchte, müßte Württemberg doch noch viele andere Dinge einführen und diese müsse der Export bezahlen. Darum müsse die Regierung auch auf die Erhaltung einer kräf⸗ tigen Exportindustrie bedacht sein, wenn die Lebenshaltung der Bevölkerung nicht zurück- gehen solle.

Nun kann sich der Minister aber freuen! Sich so geringschätzig über die bezahlten Wort⸗ führer auszusprechen! Beißt ihn, Ihr Hirschel und so weiter!

Hohe freisinnige Weisheit.

Einer der gelehrigsten Schüler Eugen Richters', der Rektor Kopsch hat neulich in einer Versammlung in Liegnitz Folgendes von si h gegeben:

Ich kenne überhaupt kein Prole⸗ tariat, keinen vierten Stand! Beides ist von den Sozialdemokraten nur erfunden worden, um hetzen zu können.Ich bin ein eifriger Turner und habe in den Turnvereinen mit den Arbeitern grade so gut verkehrt, wie mit den anständigen Turnbrüdern! Wer die Gesinde⸗Ordnung beseitigen will, nimmt damit dem Gesinde auch sehr viel Gutes weg.

Proletarier kennt der Herr nicht, aber die Arbeiter zählt er danach offenbar nicht zu den anständigen Leuten. Und die preußische Gesinde⸗ ordnung erscheint ihm noch als ein Segen. Armer Freisinn!

Fleischteuerung in Belgien.

Auch in Belgien haben es die klerikalen Großgrundbesitzer fertig gebracht, die Sperrung der Grenzen gegen die Einfuhr von fremden Vieh durchzusetzen. Natürlich hat die Sperre, die im Interesse der Großgrundbesitzers er⸗ folgte, ihre Früchte getragen. Die Fleisch⸗ preise sind so enorm gestiegen, daß der Bürger⸗ meister von Brüssel sich veranlaßt sah, der Regierung eine Eingabe zu machen, in welcher er die sofortige Oeffnung der Grenzen empfiehlt. In dem Schreiben wird mitgeteilt, daß die Fleischpreise in Brüssel, die so schon sehr hohe waren, seit dem 15. Mai noch um weitere 10 pzt. gestiegen seien. Etwa 100 Fleischer von Brüssel seien in der letzten Zeit gar nicht in der Lage gewesen, sich genügend 960 zu verschaffen, andre hätten solches für höheren

Preis gekauft als sie es verkaufen konnten. Das ausländische Vieh sei immer rarer, die Bauern könnten sich nicht genug mit Mager vieh versorgen, so daß man schon Milchkühe habe als Schlachtvieh verwenden müssen. Herr de Mot fordert im Interesse der städtischen Be⸗ völkerung die sofortige Oeffnung der Grenzen.

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