Gießen, den 7. Juni 1903.
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Mitteldeutsche
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Parteifreunde! Nur noch wenige Tage trennen uns von der Reichstags— wahl. Benutzt die noch zur Verfügung stehende kurze Spanne Zeit zu ausgiebiger Agitation. Viel steht auf dem Spiele! Nicht blos neue große Lasten werden die
cherschenden Klassen im Falle ihres Sieges
der Masse der Minderbemittelten und Be— sitzlosen auferlegen, sondern es droht auch die politische Entrechtung aller Arbeiter und aller kleinen Leute. Das Reichs— tagswahlrecht ist in Gefahr! Die Parteien der Junker, Schlot- und Börsen⸗ barone rüsten sich, es zu beseitigen. Darum seid auf der Hut!
Tue ein jeder seine Schuldigkeit im Kampfe für Freiheit, Gerechtigkeit und wahres Menschentum. Möge am 16. Juni die Sache des Volkes triumphieren!
Die Mittelstandspolitik der Sozialdemokratie.
„Mittelstandspolitik!“ So heißt eines der meistgebrauchten und in der leider immer noch nicht ausgestorbenen Schar der Unwissen⸗
den, Denkfaulen und„Armen im Geiste“ un⸗
begreiflicher Weise immer noch ziehenden Schlag⸗ wörter, mit welcher die reaktionären Parteien in den Wahlkampf ziehen, um, dieses Schlagwort als Keule benutzend, die böse Sozialdemokratie wieder einmal zu erschlaͤgen.
„Die Sozialdemokraten wollen den Mittel⸗ stand vernichten. Sie freuen sich darüber, wenn recht viele kleine Leute krachen gehen, denn sie sind über nichts glückseliger, als wenn die so—⸗ genannte Verelendung der Massen recht schuell um sich greift.“ So hören wir die sonst so oft einander feindlichen Brüder, die Konser⸗ vativen, Antisemiten, Nationalliberalen und Zentrumsleute mit freundschaftlichst vereinter Lungenkraft schreien. Auch der nationalsoziale Kandidat von Gerlach tutete in einer kürzlich in Waidenhausen abgehaltenen Versammlung in dasselbe Horn.
Nun ist es ja an und für sich schon eine unglaublich dumme Lüge, die unsere Gegner mit jenen Worten aussprechen. Die Sozial⸗ demokratie ist wahrlich keine Partei, die Leuten, denen es selber im Leben doch fraglos nicht allzu gut geht, ihr bischen Brot wegnehmen will. Die Sozialdemokratie geht nicht darauf aus, irgend jemanden oder irgend etwas zu „verunjenieren“, sondern sie erstrebt ja, gerade umgekehrt, eine gewisse Gleichmäßigkeit der Lebenshaltung aller durch eine Ausgleichung der schroffen Gegensätze von Arm und Reich. Man könnte also viel eher behaupten, daß die Sozial⸗ demokratie, weil sie ja sowohl das Proletariat als auch das Privateigentum an allen werte⸗ schaffenden toten Gegenständen abschaffen will, eigentlich eine Partei des Mittelstandes sei, denn sie wolle ja eben die Ueberreichen auf das Niveau des Mittelstandes herunterdrücken und die Besitzlosen in den Mittelstand erheben. In gewissem Sinne wäre diese Anschauung sogar nicht ganz unrichtig. Nur müßte man dabei bedenken, daß von einem Mittelstand nach
unserem Siege insofern keine Rede sein könnte, als die sozialist. Gesellschaft überhaupt keine„Klassen“ mehr kennen wird und ganz besonders müßte man sich dabei stets vor Augen halten, daß die Art der Lebenshaltung und die Höhe der Kulturstufe, die der Sozialismus erstrebt, natürlich über der Lebenshaltung und Kultur⸗ stufe des heutigen Mittelstandes unvergleich— lich hoch erhaben sein würde.
Das eine ist richtig: dem Mittelstand geht es schlecht. Während die Zahl der in ihm beschäftigten Lohnarbeiter(Gehülfen, Lehr⸗ linge, Kommis ꝛc.) beständig steigt und die Großbetriebe überall wie die Pilze aus dem Boden wachsen, bleibt die Vermehrung der selbständigen Kleinbetriebe nachweisbar hinter dem Wachstum der Bevölkerung zurück. Ein großer Teil des Handwerkerstandes nennt sich zwar offiziell noch— und mit welchem Stolz!— Handwerksmeister, nährt sich aber, wie ein überaus großer Prozentsatz der Klempner, Uhrmacher, Schuster, Böttcher, Goldschmiede, Kürschner, Korbmacher usw., entweder überhaupt nicht mehr oder doch wenigstens nur zum Teil noch von selbständiger Warenher⸗ stellung, sondern schlägt sich ganz oder doch wenigstens hauptsächlich nur durch den Handel mit selbstgekaufter Fabrikware oder mit Reparaturen derselben, und auch das noch kärglich genug, durchs Leben. Viele anderen Zweige des selbständigen Handwerks, wie die Spinner, Färber, Weber, Mützenmacher, Gerber, Brauer, Nagel⸗ schmiede, stehen heute schon, man kann wohl sagen, auf dem Aussterbeetat. Der vom Groß— kapital unterhaltene Großbetrieb hingegen greift immer weiter um sich, und wie ein Bär schlägt er mit seinen vergoldeten Tatzen den kleinen Konkurrenten zu Boden und erwürgt ihn. Und das ergeht nicht nur dem Handwerk so, sondern auch dem kleinen Handelstand. Mit berechtigtem Entsetzen sieht der kleine Kaufmann hülflos die übermächtige Entwicklung der Riesenbazare und Warenhäuser. Diese statistisch tausendmal bewiesene Tatsache vom Niedergang des Mittelstandes wird nun von den reaktionären Parteien meist einfach hinweggeleugnet, trotzdem aber schreien sie logischer Weise nach einer„Rettung“ des ihrer Ansicht nach ja nicht einmal in Gefahr befind⸗ lichen Handwerkertums u. Kleinkaufmannstandes!
Nun erscheint das mittelstandsretterische Geschrei der Herren Antisemiten ꝛc. ja schon aus dem Grunde als ein ödes und leeres Wahlgequake, weil alle diese Mittelstandsretter in der vergangenen Reichstagsperiode, in welcher sie über die überwiegende Majorität verfügten, absolut nichts unternommen haben, um aus ihren Worten auch Taten zu machen. Als überaus vorsichtige Leute warfen sie ihrem in der Gefahr des Ertrinkens befindlichen Mittelstand nicht einmal einen Rettungsgürtel zu, geschweige denn, daß sie sich selbst in die Fluten gestürzt hätten, ihn vom Untergang zu erretten!
Freilich existiert schon jetzt eine sogenanute Mittelstandsgesetzgebung. Hierher gehören z. B. die Beschränkung des Haustierhandels, das Gesetz gegen den unla 1 Wettbewerb, die Umsatzsteuer und die Innungsgesetze. Aber diese Bestimmungen haben entweder nicht d erwarteten Erfolg gehabt oder aber sis
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sogar wie z. B. das Gesetz gegen den Hausier⸗ org
handel, gerade den kleinen Leuten im Mittelstand lästig, ja unheilbringend geworden. Heute agitieren nur die Herren„Mittel⸗ standsretter“ vornehmlich für die gesetzliche Einführung des sogenaunten Befähigungs⸗ nachweises, mit anderen Worten, sie wollen es durchsetzen, daß zum vollständigen Betrieb eines Handwerks erst ein abgelegtes Examen die Berechtigung giebt. Diese For⸗ derung ist geradezu absurd. Der Großhandel, den man doch mit ihr treffen will, bleibt durch sie ganz unversehrt. Dem Großkapfstal kostet es wahrlich nicht viel Mühe, ja nicht einmal viel Kapital, sich zu Vorarbeitern statt wie bisher meist ungeprüfte, nunmehr geprüfte Handwerker zu engagieren! Dagegen wird der Befähigungsnachweis andererseits gerade vielen kleinen Haudwerkern vollends den Garaus machen. Man überlege einmal selbst! Kann man sich von einer weiteren Spezialisie⸗ rung des Handwerks Gutes versprechen? Sollen sich die kleinen Handwerker, zumal die auf dem flachen Lande, denn tatsächlich auf ihr bischen gelerntes Handwerk beschränken müssen, bei Strafe das Gesetz zu verletzen und womöglich in's Gefängnis zu wandern? Soll der Sattler unter keinen Umständen mehr Tapezierarbeit verrichten, der Schreiner niemals mehr Fenster machen dürfen, der Zimmer⸗ mann nie mehr Tischlerarbeit ausführen? Das wäre doch alles andere als Mittelstandsrettung, das wäre die sichere Vernichtung vieler kleiner Existenzen, eine künstlich be⸗ schleunigte Proletarisierung weiter Schichten des Handwerkertums.
Da machen die Sozialdemokraten nicht mit. Wie sie die Helfer aller um ihr Leben ringenden Volksklassen sind, so sind sie auch allein die wahren Freunde des Mittel- standes. Freilich, umschmeicheln tun sie ihn nicht, noch weniger, ihm Unmögliches versprechen. Aber sie unterstützen ihn in der Tat, indem sie die kleinen Leute durchihre hartnäckige Gegnerschaft zu allen Zöllen, über⸗ haupt zu allen indirekten Steuern sowie zu der alles verschlingenden Drillingsmißgeburt des Militaris⸗ mus, Marinismus und Kolonialismus in ihrer Eigenschaft als Konsumenten stärken und ihnen auf diese Weise mit einer billigeren und besseren Lebens⸗ haltung auch eine größere Wider⸗ standskraft gegen das Andrängen des Großkapitals verbürgen.
Das ist unsere„Stellung des Mittelstandes die einzig ehrliche und die einzig mögliche.
Dr. Robert Michels.
Politische Rundschau. Gießen, den 4. Juni.
Eine Geheimorganisation der Tozialdemokratle
hat der Max Lorenz entdeckt und weiß darüber in seiner Antisozialdemokratischen Korre J i Schauermäre en
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