Ausgabe 
6.12.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 49.

bürgerlichen Parteien unseres Landes freilich werden dem großen Finanzkünstler Gnauth, der mit solchen und andern Mittelchen, getreu dem Grundfatz: Viele Wenige geben ein Viel, die drohende Erhöhung der Vermögens⸗ steuer noch einmal hintanhielt, nunmehr ein rührend Loblied singen. Die Landtagsersatzwahl in Mainz für unsern verstorbenen Genossen Ph. Haas hat am Mittwoch n Genosse Re⸗ dakteur Bernhardt Adelung wurde mit 144 Stimmen gewählt. Außerdem wurden 3 weiße Zettel abgegeben. Einen Wahl protest gegen die Wahl des Reichstagsabgeordneten für den Wahlkreis Offenbach, Dr. Becker, haben unsere dor⸗ tigen Genossen eingereicht, weil sich, wie unser Offenbacher Parteiorgan mitteilt, herausgestellt hat, daß bei der letzten Reichstagswahl im Kreise Offenbach⸗Dieburg doch viel mehr Un⸗ regelmäßigkeiten oder Ungesetzlichkeiten zugunsten der nationalliberal⸗antisemitisch⸗freisinnig⸗ultra⸗ montanen Kandidatur vorgekommen sind, als zuerst angenommen worden war. Das immer mehr anschwellende Belastungsmaterial erschien dem Zentral⸗Wahlkomitee unserer Partei s chließ⸗ lich so gewichtig, daß es sich zur Einreichung Protestes gegen die Gültigkeit des Becker'schen Mandats verpflichtet fühlte.

Gießener Angelegenheiten.

Der Weberstreik in Crimmit⸗ schau macht sich in verschiedenen Geschäften fühlbar. Mehreren hiestgen Schneidermeistern ging folgende Zuschrift des Tuchversandtgeschäftes P. Knaur in Frankfurt zu:

Durch die schon seit 12 Wochen dauernde Arbeitseinstellung in den Tuch⸗ fabriken Crimmitschau's kann ich meinen nunmehr zu Ende gegangenen Vorrat in den Dessins(folgen 16 der Nummer nach aufgeführte Dessins) vor der Hand nicht durch Neuanfertigung ergänzen. Selbst wenn der Streik in Kürze zu Ende geht, wofür aber noch keine Anzeichen da sind, wird die Neuanfertigung mehrere Wochen in An⸗ spruch nehmen.

Daher bitte ich Sie, sich bei den oben genannten Dessins ein Zeichen zu machen und vorläufig nicht mehr danach zu ver⸗ kaufen, damit Sie bei Ihrer Kundschaft nicht in Verlegenheit damit kommen. Dieses Schreiben zeigt, in welchem Maße

der Kampf in Crimmitschau das übrige Ge⸗ schäftsleben in Mitleidenschaft zieht. Selbst⸗ verständlich werden dadurch verschiedene Ge⸗ schäfte geschädigt. Wer ist schuld daran? Unsern Lesern ist bekannt, daß die Weber Crimmit⸗ schau's für die Erringung des zehnstündigen Arbeitstages kämpfen, den die millionenreichen Fabrikanten zu bewilligen sich sträuben. Sie wollen es sich an der täglich zehnstündigen Ausbeutung der Arbeitskraft nicht genügen lassen. Es ist ein Kampf zwischen Kapital und Arbeit, der sich in der sächsischen In⸗ dustriestadt abspielt und es ist die Pflicht aller Arbeiter, ihre Klassengenossen zu unterstützen, welche nun schon über ein Vierteljahr lang im hartnäckigen Kampfe aushalten. Die Fabri⸗ kanten versuchen mit allen Mitteln Streikbrecher heranzuziehen und die Streikenden zum Verrat zu verleiten; dauernde Beschäftigung bis ans Lebensende, Geldgeschenke von 50 bis 100 Mk. usw. boten sie an, die Arbeiter begingen aber keinen Treubruch. Jetzt bietet der Landesverband der Industriellen Sachsens jeden Streikbrecherbis auf weiteres eine Prämie von zwei Mark pro Woche extra. Trotzdem haben sich keine neuen Streik⸗ brecher gefunden, die bisherige Zahl der Arbeits⸗ willigen ist im Gegenteil noch zurückgegangen. Diese Angebote beweisen jedenfalls, daß die Unternehmer sehr wohl die berechtigten For⸗ derungen ihrer jämmerlich entlohnten Arbeiter bewilligen könnten, sie wollen nur nicht, aus Machtdünkel und Kapitalisten⸗Hochmut! Opfern wir deshalb alle unser Scherflein zur . der kämpfenden Weber!

.Unser Abgeordneter hat sich, wie derAnz. meldete, nach Berlin begeben, um

im Reichstage seine Volksvertreterpflicht aus⸗ zuüben. Viel hören werden wir davon aller⸗ dings nicht; er wird sich, wie sein Vorgänger, in vornehmes Schweigen hüllen. Doch wir wissen ohnedies, daß er die auf Ausbeutung der Armen und Minderbemittelten zu Gunsten der Reichen gerichtete Politik der herrschenden Klassen und der Fraktion⸗Drehscheibe unter⸗ stützen wird. Mit Reden braucht er sich da nicht anzustrengen, da genügt schon Kopfnicken.

Ein eigenartiges Benehmen als Leidtragender legte der Schwiegersohn des am Sonntag beerdigten Fabrikanten Klingspor an den Tag. Als die zwei Arbeiter, welchen die Vorbereitung zu Beerdigungen auf dem Fried⸗ hofe übertragen ist, dort etwa eine halbe Stunde früher, als sie da sein müssen, ankamen, war der Herr bereits anwesend. Als er die Arbeiter erblickte, schrie er ihnen zu:Kommt Ihr end⸗ lich, Ihr Langschläfer? Die beiden entgegneten, daß sie ja noch Zeit bis 11 hätten und gingen in die Leichenhalle. Hier rauchte der eine noch den Rest seiner Zigarre(Rauchen ist dort er⸗ laubt), das scheint jenen Herrn in Wut gebracht zu haben, und er schlug dem Arbeiter die Zigarre aus dem Munde! Uns wundert, daß sich ließ Arbeiter eine solche Behandlung gefallen

eßen.

Der erste Schöpfungstag betitelt sich der Vortrag, den Schriftsteller Thiel aus Kassel nächsten Montag im Saale des Cafe Leib halten wird, nichtDie Eutstehung der Erde, wie wir in der letzten Nummer sagten. Doch behandelt der Vortrag diesen Gegenstand. An Beispielen, wie sie uns die modernen Riesen⸗ Refraktoren der Lick⸗Sternwarte auf dem Ha⸗ miltonberge in Nordamerika und andere in prachtvollen Photographien festgehalten haben, können wir vergleichungsweise den geheimnis⸗ vollen Werdegang unseres Planeten⸗ Syste ms von dem im Aether wallenden, regel⸗ losen Lichtnebelgebilde von schier unermeßlicher Ausdehnung angefangen verfolgen, das fich später spiralförmig gestaltet, zum leuchtenden Ringe mit deutlich sichtbarem Mittelkern wird, um schließlich ein ähnliches Planeten⸗System mit einer Zentral⸗Sonne zu bilden, wie jenes ist, zu welchem unsere Mutter Erde gehört. Wir werden in das allmähliche Wachsen der Erkenntnis unserer Weisen bezüglich der Him⸗ melswunder eingeführt, lernen das 1 eines Pythagoras, Ptolomäus, Tycho Brahe und Newton kennen, das sich endlich an der Kant⸗La Place'schen Nebular⸗Theorie auswächst, welche uns schließlich Dank der Spektral⸗Analyse die grandiosen Wunder des Himmels bezw. der Sternenwelt entschleiert hat. Mit einer Erörterung darüber, wie der einst⸗ mals feuerflüssige Erdball mit seiner dichten Dunsthülle allmählich sich abkühlte und durch den steten Kampf der beiden feindlichen Elemente Feuer und Wasser die schädlichen Stoffe aus der Atmosphäre hinausfiltriert wurden, wie Hand in Hand mit dieser Abkühlung durch die Falten⸗ und Runzelbildung der Erdkruste die Urgebirge und Urmeere entstanden welche gigantischen Kräfte im Innern des Erdhalls rumoren und an der Fortbildung und steten Veränderung der Erdoberfläche in Verbindung mit der nagenden Gestalt des Wassers wirken: damit schließt der erste Teil der Vorlesung.

Im zweiten Teile wird uns zunächst die Sonne etwas näher gebracht. Dann werden der Mond, sowie die Einzelplaneten der Reihe nach behandelt, wobei sich das Hauptinteresse dem Mars mit all den rätselhaften und hoch⸗ interessanten Erscheinungen, welche die moderne Mars⸗Forschung zu berichten weiß, zuwenden wird. Die Vorlesung bringt eine reiche Fülle erläuternder Lichtbilder, die das Besprochene dem Verständnis eines jeden noch so wenig vorgebildeten Zuhörers nahebringen. Der Vortrag selbst ist trotz des abstrakten Stoffes, den er in durchaus wissenschaftlicher Weise an der Hand der neuesten sichergestellten Forschungen behandelt, Dank der eingestreuten Vergleiche und Zitate für jedes halbwegs aufgeweckte ältere Schulkind begreiflich und in all seinen Teilen hochinteressant. Die Dauer der Vorlesung samt den Lichtbilder⸗Demonstrationen beträgt zwei Stunden mit eingeschobener Pause. e

Festliches. Besuch hatte das am Sonntag in Lonys Bier⸗ keller abgehaltene Stiftungsfest des Arbeiter- GesangvereinsEintracht aufzuweisen, so daß sich die Lokalitäten für die Zahl der Be⸗ sucher fast zu klein erwiesen. Die Gesangsstücke sowie die sonstigen Darbietungen gefielen allge⸗ mein; vortrefflich gelang besonders das Köschat⸗ sche WalzerliedAm Wörther See, für dessen exakten Vortrag die Sänger unter ihren rührigen Dirigenten Herrn Bauer stürmischen Bet all ernteten. Fährt der nun 30 Jahre bestehen de Verein so weiter fort, so kann er allgemeiner Anerkennung sicher sein und wird bei seinen Veranstaltungen stets auf ein volles Haus rechnen können. Diesen Sonntag veranstaltet der Bäcker verband, der sich hier in der letzten Zeit wieder recht erfreulich entwickelt hat, im Postkeller eine Abendunterhaltung, verbunden mit Verlosung, Tanz ꝛc. Namentlich im Hinblick darauf, daß es sich hier um eine junge Gewerk⸗ schaft handelt, ist zahlreiche Unterstützung durch die übrigen Gewerkschaftsmitglieder geboten; außerdem wird, wie man uns mitteilt, für beste Unterhaltung gesorgt werden.

Die allgemeine Sterbekasse Gießen hält Sonntag nachmittag 4 Uhr im RestaurantGambrinus ihre ordentliche Generalversammlung ab, worauf wir die Mit⸗ glieder noch besonders hinweisen.

Aus dem Rreise gießen.

Wegen Errichtung eines Gewerbe⸗Ge⸗ richtes für den Kreis Gießen sollen demnächst Peti⸗ tionslisten in Umlauf gesetzt werden. Die Partei⸗ genossen und Arbeiter der in Betracht kommenden Orte wollen hierbei nach Kräften behülflich sein. Besonders notwendig wäre, wenn in den einzelnen Orten festgestellt würde, wieviel selbständige gewerbliche Betriebe am Orte sind und wieviel Arbeiter von diesen beschäftigt werden.

1. Watzenborn⸗Steinberg. In der letzten Ge⸗ meinderat ssitzung fand der vom soz. Wahlverein gestellte Antrag, die Oeffentlichkeit der Gemeinderats⸗ sitzungen betreffend, keine freundliche Aufnahme. Er wurde erst am Schlusse der Sitzung verhandelt und mit den merkwürdigsten Einwendungen bekämpft. Gemeinderat Schäfer z. B. meinte, diejenigen, welche diesen Antrag gestellt hätten, müßten doch ein besonderes Interesse an den Beschlüssen des Gemeinderats haben, er für seine Person interessiere sich gar nicht so sehr dafür! Für ein Gemeinderatsmitglied ist das eine sehr wunderbare Ansicht! Tatsache ist, daß die Mehrheit der Bürger die Oeffentlichkeit wünscht und man wird sich auf die

Dauer nicht mit leeren Ausreden abspeisen lassen.(Nach N

unserer Meinung sind die Sitzungen üb erhaupt öffentlich; es hat dazu jeder Zutritt. Sollen einzelne Gegenstände in nichtöffentlicher Sitzung verhandelt werden, so bedarf es dazu eines Beschlusses des Gemeinderats. D. Red.) Eine heitere aber teuere Geschichte ist die Sache mit den Pfarr⸗Brunnen. Dieser war näm⸗ lich reparaturbedürftig. Weil nun Garbenteich mit zur Pfarrei Watzenborn⸗Steinberg gehört, sollte es zu den Kosten der Reparatur beitragen, weigerte sich dessen aber. Nun beschloß der Gemeinderat gegen die Stim⸗ men unserer Genossen einen neuen Brunnen für die Pfarrei zu bauen, um so die Garbenteicher heranziehen zu können. Die Kosten betragen natürlich das zehn⸗ fache der Reparatur und so werden dabei auch die Stein⸗ berger höher belastet. Respekt vor solcher Weisheit!

Wie Arbeiter behandelt werden. Auf der Main⸗Weser⸗Hütte in Lollar lassen nicht nur die Lohnverhältnisse zu wünschen übrig, auch über die Behandlung gingen uns wiederholt Klagen zu. So wird uns mitgeteilt, daß der Meister Bitt endorf im Versandtraum sich erlaubt, die dort beschäftigten Arbeiter perDu anzureden. Es wäre nun zwar dagegen gar nichts einzuwenden, wenn der Gebrauch dieses vertraulichen Pronomens auf Gegenseitigkeit be⸗ ruhte. Das ist aber keineswegs der Fall; die Arbeiter erlauben sich natürlich dasDu gegenüber dem Werk⸗ führer nicht, es herrscht mithin ein so ideales Verhältnis wie im Zuchthause zwischen Aufsehet und Sträflingen! Kürzlich wurde Meister Bittendorf sogar tätlich gegen einen Arbeiter. Diesen hatte er im Verdachte, einen in der Metallarbeiterzeitung erschienenen, die Ver⸗ hältnisse auf der Main⸗Weser⸗Hütte kritisterenden Artikel veranlaßt zu haben. Der betr. Arbeiter erhielt die Kündigung wenige Stunden später, als Bittendorf von dem Artikel Kenntnis genommen hatte. Auf seine Er⸗ kundigung beim Betriebsführer und Direktor erhielt der

Einen sehr zahlretchen

Arbeiter keine Auskunft über den Grund seiner Entlassung.

Seit 2 ½ Jahren hatte er stets zur enheit ge⸗ arbeitet; es ist daher begreiflich, daß er in Erregung geriet, als er erfuhr, Bittendorf habe als Kündigungs⸗