Ausgabe 
6.12.1903
 
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Seite 2.

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Mitteldeutsche Sounntags⸗Zeitung.

Nr. 49.

teien gewinnen. Sie wird sich des Vertrauens- votums wert zeigen, das ihr drei Millionen Wähler erteilt haben.

Der NMeichshaushaltsetat

ist in derNordd. Allg. Ztg. veröffentlicht worden. Er schließt in Einnahme und Aus⸗ gabe mit 2460 735004 Mk., gegen das Vorjahr mehr 43 706092 Mk.; die fortdauernden Ausgaben betragen 2057047075 Mk., mehr 59817552 Mk. Dazu kommen die einmaligen Ausgaben mit 403 687929 Mk. Auch in diesem Etat übersteigen die Ausgaben die Einnahmen ganz beträchtlich und es ist deshalb nötig, einen neuen Pump von 214 Millionen Mark aufzunehmen. Das Schuldkonto erfährt dadurch eine weitere Belastung um beinahe eine Viertel⸗ milliarde. Für diese Schul denwirtschaft hat das deutsche Volk im Jahre 1904 fast 105 Mill. Zinsen aufzubringen. Die se Summen werden aus den Taschen der Armen in diejenigen der Reichen geleitet.

Sozialdemokratische Wahlerfolge.

Einen glänzenden Sieg erfochten am Freitag unsere Berliner Parteigenossen bei den Stadtverordneten⸗Ergänzungswahlen. Von 16 Mandaten der dritten Klasse, die bisher durch 8 Liberale, 7 Sozialdemokraten und 1 Antisemiten besetzt waren, behaupteten die Sozial⸗ demokraten die bisherigen Bezirke ohne Wider⸗ spruch und gewannen von den Liberalen 5 Be⸗ zirke. Die Liberalen behaupteten nur zwei Bezirke. In einem andern Bezirk kam der bisherige freisiunige Stadtverordnete Marggraf in die Stichwahl mit dem Sozial demokraten. In dem bisher antisemitisch vertretenen Bezirk findet Stichwahl zwischen dem antisemitischen und dem liberalen Kandidaten statt. Damit erhöht sich die Zahl der sozialdemokratischen Mandate im Berliner Stadtverordnetenkollegium von 28 auf 33. Das ist die Quittung für die Landtagswahlen!

In Remscheid siegten ebenfalls die drei soztialdemokratischen Kandidaten bei den Stadtverordnetenwahlen der dritten Klasse mit etwa 100 Stimmen Mehrheit über die Kandi⸗ daten der vereinigten liberalen Parteien. Die dritte Abteilung hat nunmehr sieben sozial⸗ demokratische Vertreter in der dortigen Stadt⸗ verordnetenversammlung.

Zur Ersatzwahl im 22. sächs. Reichs⸗ tagswahlkreise

hat eine am Sonntag stattgefundene Kreis⸗ parteiversammlung den Genossen Adolf Hoff⸗ mann⸗Berlin als Kandidaten aufgestellt. Die Wahl findet am 5. Januar statt. Von seiten der Gegner ist noch kein Kandidat proklamiert.

Zur Wahlreform in Bayern

haben die sozialdemokratischen Mitglieder des Wahlgesetzausschusses folgende Anträge ge⸗ stellt: Für die Einteilung der Wahlkreise ist der räumliche Bestand der Amtsgerichte, Stadt⸗ bezirke und Stadtdistrikte nach der jeweils einer Wahl vorausgegangenen Volkszählung maß⸗ gebend. Das aktive Wahlrecht ist an das 21., das passive Wahlrecht an das 25. Lebens⸗ jahr gebunden. Die Karenzzeit für den Besitz der Staatsangehörigkeit und für die Steuer⸗ leistung ist zu beseitigen. Auf Kosten der Staats⸗ kasse sind Wahlurnen von entsprechender Größe und Beschaffenheit herzustellen und den Gemeinden mach Bedarf zur Verfügung zu stellen. Auch beantragten unsere Freunde die Einführung von Wahlkouverts und Isolierräumen. Sie ver⸗ langen ferner Gewährung von Diäten an alle Abgeordnete, während die Gesetzesvorlage die in München wohnenden Abgeordneten(wie zurzeit) vom Bezug der Diäten ausschließt.

Gegen die Soldatenschindereien

energischer vorzugehen, forderten unsere Genossen im bayrischen Landtage. Sie stellten einen e in welchem der Kriegsminister ersucht wird, dahin zu wirken, daß Offiziere und Unter⸗ offiztere unnachsichtlich aus dem Heeresdienste verabschiedet werden, deren Mitschuld an syste⸗ matischen Soldatenmißhandlungen(sei es durch

aktive Beteiligung, sei es durch Mangel an pflichtgemäßer Beaufsichtigung) nachgewiesen ist. Als am Mittwoch über den Antrag verhandelt wurde, wies Genosse Ad. Müller dem Kriegs⸗ minister in einer sehr wirksamen Rede nach, daß die Zahl der Mißhandlungen in der bayri⸗ schen Armee nicht, wie dieser behauptet hatte, gleich geblieben, sondern gestiegen ist. Bei dem Beginne der Amtstätigkeit des jetzigen Ministers (im Jahre 1892) habe die Zahl der gerichtlich abgeurteilten Fälle 38 betragen, im letzten Jahre dagegen 78. Genosse Müller forderte, der Minister möge einen Einfluß auf die Rechts⸗ pflege insofern nehmen, daß er die Gerichts⸗ herren veranlasse, bei zu milden Bestrafungen von Soldatenschindern Berufung einzulegen. Im übrigen solle der Antrag anfeuernd auf den Reichstag wirken, daß er die Anregungen, die dem bayrischen Kriegsministerium gegeben werden, in gesetzlich wirksamer Form fixieren möge.

Die bürgerlichen Parteien hatten ursprünglich staatsrechtliche Bedenken gegen den Antrag, da dieser angeblich einen Eingriff in Rechte der Krone darstelle. Doch haben die Herrschaften diese ihre Bedenken schließlich überwunden und erklärten sich unter heftigen Ausfällen gegen die Soldatenschinder und gegen die Militär⸗ justiz mit dem Antrage Müller einverstanden. Der Kriegsminister war sehr kleinlaut und machte ebenfalls formelle Bedenken geltend, da die Entfernung aus dem Heere nur durch kriegs⸗ gerichtliches Urteil erfolgen könne. Die Verab⸗ schiedung von Offizieren sei schon wiederholt erfolgt und zwar nicht nur wegen Mißhand⸗ lungen, sondern auch dann, wenn sie es an der nötigen Aufficht fehlen ließen. Bei Unter⸗ offizieren müsse in beiden Fällen grundsätzlich die Kapitulation gelöst werden. In diesem Sinne könne er sich zu dem Antrage nicht ab⸗ lehnend verhalten. Schließlich wurde der Antrag unsrer Genossen einstimmig angenommen. Hoffentlich findet der Beschluß die nötige Be⸗ ahtung bei den Offizieren und Unteroffizieren! Und wünschenswert wäre ferner, wenn der Reichstag dem Beispiele des bayrischen Land⸗ tags folgte. Es hat sich auch bei dieser Gelegenheit wieder die Sozialdemokratie als diejenige Partei erwiesen, welche am energischsten gegen Mißstände 99 955 und die Behörden zum Eingreifen antreibt.

Wie die Orduungsleute schwindeln.

Bei der Ersatzwahl im Kreise Mittweida soll, wie bürgerliche Blätter zu berichten wußten, der nationalliberale Abg. Patzig er ist auch in unserer Gegend besonders im Kreise Wetzlar bekannt von den Sozialdemokraten vergewaltigt worden sein. Patzig war in Ge⸗ meinschaft mit seinem Freunde Paasche ausge⸗ zogen, um das Mandat der Sozialdemokratie zu entreißen. Da wird geschwindelt, Patzig sei niedergeschrieen worden, als er dem Abg. Bebelhart zusetzte. Nun, wer unseren Ge⸗ nossen Bebel kennt, der wird wissen, daß dieses hart zusetzen selbst einem größeren Hecht, als es Herr Patzig ist, wohl nicht so leicht ge⸗ lingen würde. Herr Patzig ist lediglich durch ein paar treffliche Zwischenrufe von Versamm⸗ lungsbesuchern so aus dem Konzept gekommen, daß er schimpfte wie ein Rohrspatz, was sich die Versammlung natürlich nicht stillschweigend gefallen ließ. Wie aber die Gegner kämpften, dafür geben folgende Stellen aus einem national⸗ liberalen Flugblatte Zeugnis:

Wie steht es aber mit Herrn Bebel? Der Mann besitzt drei Millionen und eine fürstliche Villa am Züricher See. Er war früher blutarm, bis er anfing, Berufsagitator zu werden. Da strömte ihm das Geld aus den Arbeitertaschen haufenweise zu, er hat ein fürstliches Einkommen. Wie verträgt sich das mit den gleichen Menschen⸗ rechten, daß er sich seine schlechten Dienste so bezahlen läßt, daß er 100 000 auf 100000 häuft! Warum hat Bebel denn gerade seine Villa im Auslande? Warum denn gerade in der Schweiz, die politische Verbrecher schützt? Nun, wenn der große Skandal einmal ausbricht,

wenn dieses lästige, kapitaltstische Kaiserreich

*

der Hohenzollern einmal beseitigt werden soll,

und daß ein Hohenzoller einem Bebel freiwillig

und ohne blutige Kämpfe bis aufs Messen

weichen könnte, werdet Ihr wohl doch nicht

glauben bei diesen ersten Kämpfen wird

Herr Bebel gleich den wortstarken, aber im 1

übrigen recht feigen Anstiftern früherer W 1 e⸗

lutionen nach der Schweiz verschwinden.

kommt die sozialdemokratische Masse, was doch

das Wahrscheinlichere ist, blutige Köpfe, wird sie geschlagen, so hat Herr Bebel im Auslande sein Schäflein im Trocknen, er kann leben.

Sollte der blutige Strauß aber gelingen, so

wird er bald wieder erscheinen und seine so

oft erprobte Gewalt über die Massen für sh

ausnutzen. Dann wirdAugust der Unfehlbare sicher Präsident oder gar König. Andere

Mitbewerber, wie auch Göhre und Genossen,

wurden ja beizeiten an die Wand gedrückt, Ihr aber soweit Ihr im Kampfe übrig geblieben wäret, würdet weiter arbeiten und zahlen müssen.

Und diese Schurken, die solche offen⸗ kundige Lügen und Gemeinheiten zu verbreiten wagen, wollen sich über unsachliche oder ge⸗ hässige Kampfesweise der Arbeiter beklagen!? Hier tritt die Geistesarmut der Leute vonBe⸗ sitz und Bildung so recht zu Tage! Allerdings, auch in andern Gegenden wurde bei der Reichstagswahl solcher erbärmlicher Schwindel von den Gegnern verzapft.

Ueber angeblichesozialdemokratische Ausschreitungen

bei Gelegenheit der preußischen Abgeordneten⸗ wahlen hat diegutgesinnte Presse eine Menge verlogenes Zeug berichtet. In Bernau bei Berlin war nämlich die Kirche als Wahl⸗ lokal benutzt worden und es wird von einem Pastor in dem frommen StöckerschenReichs⸗ boten erzählt, daß die sozialdemokratischen Wahlmänner in jener Kirche allerlei Unfug getrieben hätten. Unter anderem beschwert sich der Diener Gottes darüber, daß Früh stück und Vesper in der Kirche verzehrt wurde, daß die Schnapsflasche gekreist habe, daß ge⸗ raucht und allerlei Kurzweil getrieben worden sei, die Kanzel sei von einemRauchverein der Sozialdemokraten erklommen und nur . geräumt, ein Sozialdemokrat hätte einem Pastor nachgeäfft, ein andrer sei mit einer Stall⸗Laterne einem Haufen Sozialdemo⸗ kraten vorangezogen usw. Der Vorwärts war aber in der Lage, diese Märchen durch genaue Darstellung des wahren Sachverhalts zu zerstören. Ihm wurde darüber berichtet: Die Kirche war durch zwei Kronleuchter spärlich beleuchtet. Am Eingang waren zu jeder Seite noch je drei Laternen es mögen Stall⸗Laternen gewesen sein nicht von sozialdemokratischer Seite auf⸗ gestellt. Dieser Laternen mußte sich bedienen, wer über die dunklen Räume fortkommen wollte. Dies haben, genau so wie Kon⸗ servative und Liberale, auch Sozial⸗ demokraten getan. Ein Rauchverein oder dergleichen war von sozialdemokratischer Seite am Altar nicht etabliert. Unrichtig ist natür⸗ lich auch, daß Sozialdemokraten den Altarraum auf wiederholte Bitten widerwillig geräumt hätten, daß sie im Zuge marschiert seien und dergleichen mehr. Zutreffend ist, daß in der Kirche von Mitgliedern aller Parteien geraucht worden ist. Das Rauchen wurde auf Ersuchen des Wahlvorstehers eingestellt. Das Ersuchen mußte öfters wiederholt werden; das ist bei einer Anzahl von 1400 Männern, deren Mehrzahl ohne Unterschied der Partei⸗ richtung rauchlustig ist, begreiflich. Richtig ist, daß die Sozialdemokraten ihre Stärkung in der Kirche verzehrt haben. Dazu waren ste vollauf berechtigt. Von den Konservativen ver⸗ ließen recht Viele die Kirche, um in einer Pema der Kirche belegenen Kneipe mit

amenbedienung Stärkung zu sich zu nehmen. Manche von ihnen betraten die Kirche dann mit brennender Zigarre und in

recht gehobener Stimmung. Ist das dem

Herrn Pastor entgangen?

Diese Richtigstellung der Bernauer Märchen