Ausgabe 
6.12.1903
 
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Nr. 49.

Gießen, den 6. Dezember 1903.

10. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Juserate Die ögespalt. Bei mindestens

Selbstzucht.

Herr von Hammerstein, weiland Chefredakteur derKreuzzeitung, schrieb in den schönsten Zeiten der mit Sekt so reichlich begossenen Flora Gaß⸗ Idylle jene fulminanten Buß⸗Artikel, in denen er die sündige Menschheit aufforderte, sich auf ihr Seelenheil zu besinnen und in Sack und Asche zu gehen. Wie mögen der Junker und die holde Flora über die dumme Menschheit Hude haben, welche diese Artikel des frommen

lattes ernst nahm und das Satyrspiel nicht ahnte, dem sie als Kulisse dienten. Seitdem sind wir nicht mehr im stande, die Bußartikel der bürgerlichen Presse ernst zu nehmen, auch wenn wir wissen, daß kein Hammerstein und keine Flora dahinter stecken; es mutet uns eben das alles einmallachhaft an.

Diese Bußpredigten, sie mögen nun mehr oder weniger ernst gemeint sein, ertönen jedes⸗ mal in der bürgerlichen Presse, wenn ein Sensations⸗ oder Skandalprozeß stattgefunden hat. Der Prozeß Bilse und der Oldenburger Spielerprozeß haben verschiedene solcher Predigten mit den üblichen Ermahnungen an dieoberen

ehntausend, dochSelbstzucht zu üben, nach sich gezogen. In einigen Blättern wird sogar gedroht, die Sozialdemokratie werde ganz gewiß stegen, wenn die besitzenden Klassen nicht in sich gehen und plötzlich tadellossittlich werden wollen.

Dieserollenwidrigen Seitensprünge naiver bürgerlicher Journalisten können den köstlich amüsieren, der über die soziale Position dieser Erwerbskategorie unterrichtet ist. Wer sich in den hpournalsstischen Dienst der Kapitalistenklasse stellt, der hat alle Ideale wie getragene Röcke

einfach abzulegen und muß begreifen, daß, wenn

vonidealen Gütern gesprochen wird, damit

die Befestigung des kapitalistischen Ausbeutungs⸗

systems und der Klassenherrschaft gemeint ist. Der Journalist ist Lohnarbeiter der Bourgeoisie resp. des kapitalistischen Zeitungsunternehmer⸗ tums, und dies will seine Ware nach seinem Geschmack gefertigt haben. Und wenn nun solch ein Journalist dem UnternehmerSelbst⸗ zucht empfiehlt er würde es zumeist nicht tun, wenn er wüßte, was dabei im Innern des Kapitalisten vorgeht. Solchesdumme eng will der in sein er Zeitung nicht lesen. ergert er sich, dann fliegt derNarr, der so aus der Rolle gefallen, gelegentlich hinaus, auch wenn der Unternehmer Pharisäer genug ist, die Bußpredigt vortrefflich zu finden und sie seinen Mitmenschen zur Betätigung zu empfehlen. Daß unsereoberen Zehntausend Selbstzucht üben sollen, heißt aber auch wirklich etwas viel von ihnen verlangen. Der moderne Kapitalis⸗ mus hat in der Tat, wie man zu sagen pflegt, Berge versetzt. Eine unabsehbare Warensamm⸗ lung häuft er auf, die neben den Naturschätzen den Reichtum der Gesellschaft bildet. Sein Betriebswesen ist ein ungeheurer Apparat ge⸗ worden, der von den Arbeitssklaven tagtäglich in Bewegung gehalten wird. Dieser Apparat versorgt die Gesellschaft mit den Verbrauchs⸗ egenständen, die zu ihrem Unterhalt erforderlich 19 Die Besitzer der Produktionsmittel bilden ene kleine Minderheit, denen der gesamte Ap⸗ barat gehört, und sie geben darum an die Ar⸗ peiter von dem Arbeitsertrag nur so viel ab,

als sie durch die Verhältnisse des Arbeits⸗ marktes zu geben gezwungen sind. Ungeheuere Quoten von Kapitalgewinn werden da einge⸗ strichen; an der Börse werden buntbemalte und bedruckte Papiere in blankes Gold verwandelt. Rohe Emporkömmlinge werden auf die Höhe der Gesellschaft emporgeschnellt. Man konkur⸗ riert nicht nur in der Produktion und auf dem Warenmarkte, man konkurriert auch in dem Raffinement und in dem Uebermaß der Genüsse. Die Legenden von demeinfachen Leben so mancher Millionäre und Milliardäre sind eine Lächerlichkeit, denn wollen sie eine ihrem Besitz entsprechende Position in der Gesellschaft be⸗ haupten, so müssen sie auch demgemäß reprä⸗ sentieren; sonst werden sie nicht auerkannt. Die raffiniertesten und feinsten Genüsse werden immer, noch gesteigert und da kommt denn auch die Notwendigkeit, den Kapitalgewinn zu er⸗ höhen. Die industriellen Ringe und Syndikate, die eigentlichdie Produktion regeln sollen, verstehen es, wie man in großem Maßstabe schröpft. Die Jagd nach Genuß, der Tanz um das goldene Kalb wird immer toller. Und da ruft man den blasierten, übersättigten Men⸗ schen, die sich in einem solchen Strudel bewegen, im Bußpredigertone zu: Selbstzucht! Wer lacht da?

Die alte Aristokratie wird mit in den Strudel hineingezerrt, wo sie sich nicht selbst hineinstürzt. Es erinnert das an die Zeit vor der Refor⸗ mation, als die Patrizier in den Städten durch den Gewinn von Handel und Gewerbe in den Stand gesetzt wurden, eine Ueppigkeit zu ent⸗ falten, die bei den Junkern auf den alten Eulen⸗ nestern den blassen Neid hervorrief. Mit dem Reiten und Rauben konnte man leicht an den Galgen kommen. Darum warf man sich auf die Bauernschinderei; man suchte aus dem Volke soviel herauszupressen, als nur menschen⸗ möglich war, und damit erreichte das Elend der Feudalzeit die Höhe der Unerträglichkeit. Heute ist es ähnlich; der Adel könnte von den Erträgnissen des Großgrundbesitzes ganz er⸗ träglich leben; aber die Rücksicht auf diestandes⸗ gemäße Lebenshaltung spornt ihn, es der verschwenderischen Bourgeoiste gleich zu tun. Daher die Beutezüge mit Zöllen und Liebes⸗ gaben, denn die Aristokratie befaßt sich nur ungern mit industriellem Erwerb, wenn sie sich auch in vielen Fällen zu demselben entschlossen hat. Diepatriarchalischen Verhältnisse der Landwirtschaft sagen ihr mehr zu. Dieser Aristokratie Selbstzucht predigen, ist ebenso lächerlich wie bei der Bourgeoisie.

Die Klassenherrschaft ist doch kein Schäfer⸗ spiel; der große Kampf zwischen Besitzenden und Enterbten rührt doch eben daher, daß die Besitzenden sich das Monopol der höheren Lebens⸗ genüsse sichern wollen. Dabei wird das Raffi⸗ nement und der Luxus bis zum Wahnwitz getrieben, während eine gerechte Gesellschafts⸗ ordnung alle Arbeit produktiv machen und eine behagliche Lebenshaltung für alle ermöglichen könnte.

Selbstzucht! Die Prediger der Selbstzucht können unter Umständen froh sein, daß sie von den herrschenden Klassen nicht ernst genommen werden. Wo aber wirklich ernsthafte Propheten der Selbstzucht auftraten und die übertriebene Ueppigkeit der herrschenden Klassen einzuschränken

suchten, da erging es ihnen gewöhnlich schlecht. Der althellenische Philosoph Diognes, der in einem Fasse wohnte, der aus der hohlen Hand trank und am hellen Tage mit der Laterne umherlief, umMenschen zu suchen, ward nicht ernst genommen; man lachte über ihn und ließ ihn gewähren. Der Mönch Savonarola, der sich der öffentlichen Gewalt bemächtigte, um die Ueppigkeit der Großen zu Gunsten der Armen einzuschränken, starb den Feuertod.

Wozu ist denn derEntbehrungslohn des Kapitalisten da, als daß man sich damit die Genüsse dieser Erde verschafft? So werden die oberen Zehntausend den Predigern der Selbstzucht erwidern. Die Armen mögen auf die Belohnung nach dem Tode warten.

Wir sehen, daß der Mangel an Selbstzucht und die wilde Jagd nach Genuß aus dem Vorrecht der Besttzenden entspringt. Die dabei sich fortwährend zeigende Steigerung ist voll⸗ kommen natürlich. Die alte und die neue Welt zeigen sich hier deutlich in ihrem schärfsten Gegensatz. Die alte Welt der Klassenherrschaft will den Genußtaumel der Besitzenden immer noch steigern auf Kosten der großen Masse. Die Arbeiterwelt erstrebt eine Ausgleichung, einen Durchschnitt der Lebenshaltung für die Gesamtheit, menschenwürdig und ausreichend. Die übergroße Ueppigkeit hat noch jede Klasse degenerieren lassen. Darum kann man auch keinen Augenblick im Zweifel sein, daß zum Heil des Menscheutums die alte Welt von der neuen überwunden werden wird.

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politische Rundschau.

Gießen, den 4. November.

Der Reichstag

wird mit seinen eigentlichen Verhandlungen kaum vor Mittwoch oder Donnerstag nächster Woche beginnen; diese Woche dürfte nicht mehr als die Präsidentenwahl und das übrige rein Geschäftliche erledigt werden. Bis zu den Weihnachtsferien bleiben dann etwa noch 6 bis 8 Beratungstage übrig und es ist zweifelhaft, ob in dieser Zeit die erste Lesung des Etats erledigt wird.

Zu den Vorlagen, die dem Reichstag in seiner ersten Tagung außer dem Reichshaus⸗ halts⸗Etat bestimmt zugehen werden, gehören das Militärpensionsgesetz, das Gesetz wegen der Kaufmannsgerichte, das Automobilpolizeigesetz und der Entwurf wegen Entschädigung un⸗ schuldig Verhafteter. Ob von den neuen Handels⸗ verträgen einer vorgelegt werden wird, ist einst⸗ weilen noch nicht abzusehen. Von dem schweizer⸗ ischen wird es für möglich gehalten. Der Ge⸗ setzentwurf über den Versicherungsvertrag wird dem Reichstag in der ersten Tagung schwerlich noch zugehen können, da er vor Ende Januar kaum an den Bundesrat gelangt und dieser einige Zeit mit der Beratung zubringen wird. Von einer Vorlage wegen Gewährung von Diäten an die Mitglieder des Reichstages ver⸗ lautet einstweilen noch nichts. Uns kann es recht sein. Unsre Fraktion wird stets ihre Schuldigkeit tun und dadurch umsomehr Ueber⸗ gewicht über die faulenzenden bürgerlichen Par⸗