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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 36.
Von Nah und Lern. Soldatenschindereien.
Vom Oberkriegsgericht des achten Armeekorps zu Koblenz wurde der Unteroffizier Geis hek⸗ ker wegen fortgesetzter Miß han dlungen Untergebener zu sechs Monaten Gefäng⸗ nis und Degradation verurteilt. Damit sollen u. a. folgende in einem kurzen Zeitraum verübte Scheußlichkeiten gesühnt sein:
Der Musketier Jahn war abends vor dem Schlafengehen noch einmal ausgetreten; als er auf die Stube kam, empfing er Schläge ins Gesicht, dann faßte ihn G. am Halse und würgte ihn, daß der Mann Atmungsbeschwerden empfand; weiter erhielt er Faustschläge ins Gesicht; als er im Glied gesprochen, stieß ihn G. mit der Fanst gegen die Brust, daß er taumelte. Musketier Richter hatte sich zu früh ins Bett gelegt, er wurde mit Fuß⸗ tritten daraus entfernt. Musketier Hüsch wurde drei bis viermal wöchentlich im Dienst
eohrfeigt, mit dem Stiefelschaft auf den Kopf und die Brust geschlagen, wöchentlich mußte er in der Putzstunde einen beschwerten Schemel ausstrecken unter Kniebeugungen, die Müdigkeit wurde durch Ohrfeigen„beseitigt“. Am ge⸗ heizten Ofen mußten die Musketiere Griff üben. Musketier Röhn erhielt täglich Ohrfeigen; Musketier Röper wurde beim Turnen am Ohr hochgezogen, auch andere Musketiere wurden beim Turnen geohrfeigt, mit der Faust gegen die Brust gestoßen. Noch eine ganze Reihe weiterer empörender Mißhandlungen werden diesem Stellvertreter Gottes nachgewiesen. Zu seiner Verantwortung führte der Schinderknecht an, die von ihm verübten Mißhandlungen seien nicht so schwer, es kämen viel schwerere vor, die unbestraft blieben, ja es gäbe keinen Unter⸗ offizier in der deutschen Armee, der sich frei wisse von Mißhandlungen.— Der Mann muß es ja wissen!
In ähnlicher Weise malträtierte der Unter⸗ offtzier Bauer von der 6. Komp. des 168 Inf.⸗ Regts. in Offenbach den Musketier Kläses. Er traktierte den armen Teufel mit Ohrfeigen und Fußtritten, würgte ihn am Halse, stieß ihn wider das Spind oder mit beiden Fäusten gegen die Brust und erlaubte sich noch andere Roheiten, so daß der Mißhandelte mehrfach in Weinkrämpfe verfiel und ins Lazarett gebracht werden mußte.
Vom Kriegsgericht war Bauer zu nur 2 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Dem Gerichtsherrn erschien das Strafmaß zu gering und er legte auch aus dem Grund Berufung ein, weil man den Unteroffizier nicht degradiert hatte. Das geschah unverständlicherweise auch beim Oberkriegsgericht nicht, das nur die Strafe auf 6 Monate Gefängnis erhöhte. Der Soldatenschinder darf seine Untergebenen unge⸗ niert weiter mißhandeln.
Zu Tode gequält wurde der Pionier Hennings, der bei dem Pionierbataillon in Harburg zum Vaterlandsverteidiger ausgebildet werden sollte. Den Eltern des Mannes teilte das Bataillonskommando mit, daß ihr Sohn beim Turnen abgestürzt und verstorben sei. Auf Verlangen der Eltern, die Sacke zu untersuchen, gingen ihnen mehrere Berichte zu, denen die„Mecklb. Volksztg.“ folgendes entnimmt: Die 4. Komp., bei der Hennings diente, hatte am 8. August Turnen. Hennigs fiel vom Klettergerüst und verletzte sich wahrscheinlich innerlich. Aber der Unterofftzier bestand darauf, daß Hennigs weiter sich an den Turnübungen beteiligen solle, obwohl H. erklärt hatte, er „könne nicht mehr“. Als Hennings sich dann das Blut, das aus seiner Nase strömte, abwischen wollte, erklärte der Unteroffiziere gemütvoll, Hennings solle sich das Blut ablecken, wozu er denn sonst seinen Lecker habe! Schließlich mußte Hennigs noch eine halbe Stunde nachexerzieren, wobei er dann umfiel. Er meldete sich dann krank — und etliche Stunden später war er eine Leiche.
Hinzufügen wollen wir noch, daß die Sektion der Leiche ergeben haben soll, daß der Soldat an einer Gehirnerkrankung gelitten habe. Die Untersuchung des Vorfalles wird hoffentlich nicht auf sich warten lassen.
Ein schwerer Unglücks fall ereignete sich Ende voriger Woche am Bord des dem Nordd. Lloyd gehörigen Dampfer „Neckar“. Als er von Bremenhaven aus in See ging, barst plötzlich das Hauptdampf⸗ rohr der Backbordmaschine, wobei der dritte und vierte Maschinist und fünf Heizer ver⸗ brüht wurden, während zwei andere Heizer leichtere Verletzungen erlitten. Der Dampfer mußte mit reduzierter Fahrt zur Reparatur nach der Weser zurückkehren.
4000
Kinder in russischen Gefängnissen.
Einige Wohltätigkeitsanstalten, die sich mit der Unterstützung von aus der Haft entlassenen Sträflingen beschäftigen, haben festgestellt, daß in den russischen Gefängnissen 4000 un⸗ schuldige Kinder gefangen gehalten werden, die sich nicht gegen das Gesetz vergangen haben, aber doch hinter Kerkermauern schmachten müssen. Es sind dies Kinder van verhafteten Eltern, die nirgends Unterkunft erhalten können und deshalb die Freiheitsstrafe ihrer Eltern teilen. Die Hauptgefängnisverwal⸗ tung in Rußland besitzt über die Zahl der in Gefängnissen schmachtenden unschuldigen Kinder keine genauen Angaben, aber die Wohltätig⸗ keitsanstalten schätzen sie auf mindestens 4000. Alle Maßnahmen, welche zur Steuerung dieses Uebels bis jetzt ergriffen wurden, haben keinen nennenswerten Erfolg gehabt. Rußland besitzt im ganzen nur 27 Heime für unterstandslose Kinder von Sträflingen und Verhafteten, die von Wohltätigkeitsausschüssen begründet wurden. Aber alle diese Heime vermögen nicht die großen Ausgaben, die die Versorgung der Kinder von Sträflingen jährlich erfordert, zu bestreiten, so daß das Uebel der Einkerkerung von Kindern in Rußland mit jedem Jahre wächst.— So verkommt das Volk unter der verbrecherischen Wirtschaft einer korrupten Regierung und ihrer
Kreaturen. 17 2 2 Anterhaltungs-Ceil.
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Der Wunderschrank.
Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk. (Schluß.)
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Seit die Welt weiß, daß das Eigentum der gute Geist unserer Gesetze ist, kann man sich das Leben ohne die nützliche Menschenklasse der bürgerlichen Sachwalter nur schwer vorstellen. Was würde aus der Institution der parlamen⸗ tarischen Diners, wenn sie plötzlich der rhetorischen Sträußlein ermangelte, welche den Lesern der Morgenblätter von diesen klugen und beweglichen Händen gebunden werden! Und wo blieben unsere kunstgewerblichen, vaterländischen Hand⸗ werker, wenn sie ohne die gewandte Unterstützung ihrer rechtskundigen Glaubensbrüder das kleine Vorstadthäuschen räumen müßten.
Der kleine Advokat, der den Rechtssachen des Seebald'schen Hauses vorstand, jenen Rechts⸗ sachen, die von dem Geiste des Wunderschrankes beherrscht wurden, war sich seiner Würde nie mehr bewußt, als in dem Augenblicke, da er dem neuen Chef dieses Hauses zum ersten Mal im Gespräche gegenüberstand.
„Doktor!“ sagte der junge Herr,„es ist mein Wunsch, daß die Sache betrieben werde. Ich finde, daß das Geld, dessen Natur die Beweg⸗ lichkeit ist, in diesen Hypotheken völlig lahm liegt. Uebedies bin ich kein Wucherer. Ich denke mich als schlichter Kaufmann an der Aktienunternehmung zu beteiligen, die der alte Mörwitz mit solchem Geschicke fördert; die Sache hat fast nationale Bedeutung. Doktor, kündigen Sie meine Hypotheken zu Neujahr! Wir geben keine weitere Frist. Geht die Sache wirklich
in dem einen oder andern Fall auf einen Verkauf
der Realitäten hinaus, so mag es immerhin sein. Das neue Frühjahr bringt neue Arbeit, und unser Unternehmen gibt den Leuten tausend⸗ fache Gelegenheit, der nationalen Industrie zu nützen und dabei ihr Auskommen zu finden!“
if Der kleine Rechtsfreund war völlig hinge⸗ 1
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„Es ist meine Sache, Ihren Wünschen ge⸗ recht zu werden, Herr von Seebald!“ bemerkte er salbungsvoll.„Die Kündigung wird sogleich erfolgen. Was befehlen Sie in der Angelegenheit des Schmiedes, der sich im Nelkendorfe wieder etabliert hat?“
„Schmiedes?“
„Ja, der grobe, lange Mensch, der sich an Ihrem 15 Vater selig vergriff. Wir hatten damals die größte Mühe, für das verschuldete
aus einen annehmbaren Käufer zu finden.
r schuldete ihnen noch an dreitausend Mark.“
In der Erinnerung des Herrn Thomas Seebald begann es zu dämmern. Das Bild eines Sommerabends, an dem er ein braun⸗ zöpfiges Mädchen der Vorstadt der Ehre seiner Ansprache gewürdigt, stieg er vor ihm auf.
„Diesen Fall, Doktor!“ sagte er langsam, „will ich bedenken. Ich bitte, die Angelegenheit ruhen zu lassen!“
Dann ging er die Treppe hinab. Sein be⸗ weglicher eit weilte sinnend auf der Reihe junger weiblicher Gestalten, welche die Erfahrung seiner letzten Jahre noch bereichert hatten, und und allmälig erhob sich in dem Blumenflor, der seinen Kopf erfüllte, das dornige Röslein, 155 die Züge Lenchens, der Schmiedstochter, rug. „George!“ befahl er unter dem Portale „mein Pferd nach Tische; ich reite heute. Allein George!“
Am Nachmittage dieses bedeutungsvollen Tages zwang hastiger Hufschlag den langen Hans, seine Arbeit zu unterbrechen.
„Blasius, da kommt'n Reiter über die Brücke, will das zu uns?“ Der Junge knetete ruhig fort und schielte durch die Türe, aber er fand nicht Zeit, zu antworten; denn sein Meister wurde offenbar in diesem Augenblicke verrückt.
Die Gestalt des Schmiedes schien in ihren Grundvesten erschüttert zu sein. Seine Augen traten fast über die buschigen Brauen heraus, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck eines Raub⸗ tieres, das sich auf seine Beute stürzen will. glasius“,— keuchte er—„bei meiner Seligkeit, das ist der Pomadebengel!“ Der Junge ließ die Bälge los und faßte seinen Meister an der Schürze.„Meister, tut den Hammer weg, den Hammer!“ stotterte er in Todesangst.
Diese Worte brachten den Schmied auf die Erde zurück. Aber den Hammer gab er nicht aus der Hand; er stellte sich vor seinen Amboß und hieb in fünf Sekunden mit eben so viel Schlägen ein glühendes Eisenstück völlig in Trümmer.
Wahrscheinlich rettete dieser Vorgang dem jungen Herrn Seebald das Leben; denn mit der Tapferkeit des Tierbändigers war er eben jetzt in die Höhle der Löwen getreten. Der Schmied wurde todtenbleich, und der arme Blastus klapperte mit den Zähnen wie ein Fieberkranker.
„Guten Tag Meister!“— sprach jetzt eine vornehme, herablassende Stimme.
„Junger Herr!“— klang die heisere Ant⸗ wort—„tut mir den Gefallen, ins Freie zu treten, Ihr kommt da wahrhaftig vor die un⸗ rechte Schmiede!“
„Vielleicht doch vor die rechte, Meister!“ — kam es zurück—„Ihr könntet dem Sohne nachsehen, was der todte Vater verschuldet!“
„Der Herr Thomas todt?“— lachte der Schmied—„na, dann hat mich der Teufel abgelöst und verdirbt sich an der härtesten Gaunerseele, die je in sein Loch kam, den hölli⸗ schen Magen!“
„Was wagt Ihr da, Meister?“ schrie der junge Herr.
„Ihr Euer Leben, Hundesohn, dafern Ihr noch weiter Maulaffen feilhabt vor meinem Schmiedfeuer!“ brüllte der Hans.
„Das sollt Ihr mir büßen!“ klang es wieder in sehr vornehmer Zurückhaltung.


