Nr. 36.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
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Mitgliederzahl des Wahlvereins 625.— Die nun folgende Vorstandswahl ergab keine wesentlichen Aenderungen.— Ueber die Landes⸗ konferenz sprach Genosse Vetters. Was die Tätigkeit des Landeskomitees betreffe, be⸗ merkt Redner, sei es wohl möglich, daß es nicht in der Lage war, während der Reichstagswahl alle Wünsche zu befriedigen, z. B. hätten die Alsfelder Genossen dringend mehr agttatorische Unterstützung gebraucht, es müsse aber berück⸗ sichtigt werden, daß in dieser Beziehung Schwie⸗ rigkeiten bestehen, die das Komitee zu beseitigen nicht in der Hand hat.— Einer Abschaffung des Landeskalenders, wie sie von mehreren Seiten gewünscht werde, sollten wir nicht zu⸗ stimmen. Orbig erklärt in der Debatte, das Landeskomitee habe auch dem Alsfelder Wahl⸗ kreise gegenüber seine Pflicht getan.— Zu „Parteitag“ referierte Beckmann. 05 wies zunächst auf den Bericht des Partei⸗ vorstandes sowie auf den der Reichstagsfraktion hin, die von der umfassenden Tätigkeit der Parteileitung Zeugnis ablegten. Welche andere Partei erstatte Bericht über ihre Reichstags⸗ tätigkeit? Hier könne jeder Wähler ersehen, ob unsere Abgeordneten im Volksinteresse gehandelt hätten. Redner geht dann noch weiter zu den Aufgaben des Parteitages über. In der De⸗ batte darüber wird gewünscht, daß es bezüglich der Maifeier beim Alten bleiben solle(von verschiedenen Seiten war beantragt worden, die Arbeitsruhe am 1. Mai wegfallen zu lassen). Was die Vizepräsidentenfrage anlange, so solle der Parteitag mit Erörterung derselben nicht zu viel Zeit verlieren. Man solle dabei nicht vergessen, daß wir eine republikanische Partei seien und solle höfische Verpflichtungen ablehnen, meinte Genosse Faber-Leihgestern. — Als Delegierter wird Orbig gewählt.— Ueber den Punkt„Presse“ entspinnt sich eine lange Debatte, die zur Annahme einer Reso⸗ lution führt, in welcher sich die Konferenz be⸗ reit erklärt, wegen Einführung eines Tage⸗ blattes mit den Offenbachern in Verhandlung zu treten. Auf diesen Teil der Beratung kom⸗ men wir noch zurück.
Aus dem Rreise sriedberg⸗Püdingen.
r. Die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Friedber g⸗Büdingen, welche am Sonntag in Friedberg stattfand, war von 36 Delegierten aus 26 Orten besucht. Vorsitzender war Genosse Busold. Derselbe erstattet auch den Bericht des Vorstandes, womit er zugleich einen solchen über die Reichstagswahl verbindet. Das Resultat sei ein befriedigendes, führt Redner aus, obwohl die Hoffnungen der Genossen, die auf Eroberung des Mandats gerechnet hatten, nicht er⸗ füllt wurden. Es mußte unter den schwierigsten Ver⸗ hältnissen gearbeitet werden, Bürgermeister und Beamte aten das möglichste in der Bekämpfung der Sozial⸗ demokratie. Der Zolltarif war in dem meist ländlichen Wahlkreis keine zugkräftige Wahlparole(). Dann fehlte es aber auch an geeigneten Rednern, die das nötige Verständnis für Landagitation besaßen. Auch habe die hessische soztaldemotratische Landtagsfraktion durch ihre Hofgängerei das Vertrauen bei vielen Wählern verloren(1). Nur zu oft mußte man den Vorwurf hören, daß die Sozialdemokratie auch regierungsfähig werde. Der Stimmenzuwachs betrug 66 Prozent.
Die Organisation habe gute Fortschritte gemacht. An den Bericht schloß sich eine lange Diskussion. Zuerst sprach Genosse Harris, der sich ebenfalls gegen das „Zuhofegehen“ der hess. Abgeordneten aussprach und weiter bemerkte, es fehle an einem Organ, in welchem die Vorgänge im hessischen Landtag ausführlich besprochen würden. Die Mitteldeutsche Sonntagszeitung müsse in dieser Beziehung mehr tun. Auch das Offenbacher Abendblatt könnte mehr im Kreise eingeführt werden. — Armbrust⸗Vilbel tritt für die Frftr. Volksstimme ein, die den ländlichen Verhältnissen genügend Rechnung trage, Dasselbe tut Redakteur Zander⸗Frankfurt.—
Den Kassen bericht giebt Genosse Kühn; danach sind für die Reichstagswahl eingegangen 4169,82 Mk. Die Ausgaben betrugen 3857,94 Mk. Der Ueberschuß von 311,88 Mk. wird durch Beschluß dem Kreiswahl⸗ verein überwiesen. In den Vorstand wurde Genosse Ihl als Vorsitzender und Genosse Kühn als Kassier gewählt.
Ueber die Landeskonferenz in Steinbach referiert Gen. Harris. Außer der Frage über die Gestaltung der Presse dürfte die Tätigkeit der hessischen Landtags⸗ fraktion, welche merkwürdigerweise auf der Tagesordnung fehle, die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Redner
kommt dann wieder auf die Preßverhältnisse zu
sprechen. Eine die Tätigkeit der Landtagsfraktion kritisierende Resolution gelangt zur Annahme. Als Reichstags⸗Delegierte wurden Harris und Busold gewählt.
(Wir verstehen nicht, wie die Genossen Busold und Harris von„Hofgängerei“ der hessischen Landtagsfraktion reden konnten. Das ist doch geradezu eine Ver⸗ kehrung der Tatsachen. Wer ist denn zu Hofe gegangen? Ulrich etwa? Nein, der ging nicht zum Großherzog, sondern dieser kam zu Ulrich. Wir glauben fast, die Aeußerungen Busolds sind in dem Bericht der„Volksst.“ auf den wir uns stützen, unrichtig wiedergegeben, denn wir trauen Busold solche unvor⸗ sichtige und unwahre Behauptungen nicht zu.— Auch kann B. nicht von dem„Zolltarif als Wahlparole“ gesprochen haben. Das war er für uns sicher nicht, wohl aber ein sehr gutes Agitationsmittel.
Red. d. M. S.⸗Ztg.)
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Die Lassallefeier in Launsbach er⸗ freute sich zahlreichen Besuches. Der Vortrag des Genossen Quint⸗Frankfurt fand großen Beilall.
h. Der frühere Bürgermeister von Wetzlar, Herr Moritz ist im Alter von 64 Jahren gestorben. Er erfreute sich großer Be— liebtheit.
— Zur Landtagswahl. Im Kreise Dillen⸗ burg stellen die Nationalliberalen den bisherigen Ab⸗ geordneten Amtsgerichtsrat Hofmann wieder als Kandidat auf.
Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain.
Bh. Der Wahlverein hielt am Samstag abend im Jesberg'schen Lokale seine konstituierende Versammlung ab. Nach Wahl des Vorstandes erfolgte die Statuten⸗ beratung, welche ohne längere Diskussion verlief. Als Vorsitzender wurde Gen. Wolf gewählt, als Kassterer Gen. Behrent s, als Schriftführer Gen. Wessel sowie 3 Revisoren. Der Verein führt den Namen „Wahlvereinfür Marburg u. Umg.“, er zählt gegenwärtig ca. 45 Mitglieder. Gen. Dr. Michels erläuterte den Anwesenden in kurzen, leicht faßlichen Worten, daß der Wahlverein im eigentlichen Sinne als ein Diskutierklub zu betrachten sei und das Ziel verfolge, seine Mitglieder agitatorisch heranzubilden. Alle 4 Wochen soll eine Sitzung stattfinden, in welche die Gen. ihre Referate entwickeln. Vorerst erhlelten Referate Frau Dr. Michels für Sept., Gen. Dr. Thesing für Okt., Gen. Wolf für Nov. Nach Erörterung der Preß⸗ verhältnisse gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die Genossen von Marburg und Umg. werden als Wochenblatt die„Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung“ bei⸗ behalten, jedoch als Tageszeitung den, Vorwärts“ wählen“. Die Versammlung teilte die Berichterstattung in Partei, Gewerkschaftliches und Genossenschaftliches und übertrug sie dementsprechend drei Genossen. Gegen 12 Uhr er⸗ folgte Schluß der Versammlung, die für unsere Be⸗ wegung in Marburg wieder einen Schritt vorwärts bedeutet.
Es dürfte interessant sein, den soeben ge— gründeten Wahlverein in Marburg einmal auf seine Zusammensetzung hin zu untersuchen. Er zählt zu seinen Mitgliedern: 1 Tapetendrucker, 1 Brauereihilfsarbeiter, 1 Heizer, 1 Weißbin⸗ der, 1 Bildhauer, 1 Kupferschmied, 1 Zinn⸗ Gabin 1 Hausburschen, 1 Installateur, 1
ärtner, 1 Gastwirt, 1 Doktor der Medizin, 1 Doktor der Philosophie, 3 Formstecher, 2 Schneider, 5 Schuhmacher, 7 Holzarbeiter und 14 Buchdrucker. Von diesen 44 Mit⸗ gliedern, unter deuen, wie man sieht, die Buch⸗ drucker und Holzarbeiter allein beinahe die Hälfte ausmachen, sind etwa 35 organisterte Arbeiter. Leider fehlen die in Marburg keinen geringen Prozentsatz unter der Arbeiterschaft ausmachenden Maurer und Steinarbeiter noch gänzlich. Es steht zu erwarten, daß auch aus dieser Kategorie Arbeiter der Wahlverein Hülfe erhält. Immerhin ist der Anfang, den die Marburger Genossen gemacht haben, schon ein recht stattlicher zu nennen, zumal wenn man bedenkt, daß neben dem Wahlverein ja noch die natürlich bedeutend stärkere sozialdemokr. Parteimitgliedschaft besteht.
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Kleine Mitteilungen.
*. Ein Eisenbahnunfall ereignete sich am Samstag bei Niederlahnstein dadurch, daß ein 200 Zentner schwerer Eisenblock von einem Wagen eines Güterzuges herabfiel. Infolgedessen entgleisten 7 Wagen,
Verletzungen sind nicht vorgekommen, dagegen ist der Materialschaden erheblich.— Besondere Vorsicht ist da bei dem Verladen auch nicht geübt worden!
* Ungetreuer Kassier. Der Rendant des Vorschuß⸗Vereins in Berleburg wurde unter dem Verdacht 60000 Me. unterschlagen zu haben, verhaftet.
e Ein Frommer. Der Frankfurter Schreiner Waßenberg, ein eifriger Verfechter der„guat' Sach'“, der jeden Sonntag zweimal in die Kirche ging, sich im Wirtshaus an wütenden Anfällen gegen die„unsittliche“ Sozialdemokratie nicht genug tun konnte, wurde wegen Sittlichkeitsverbrechen an einem 5jährigen Mädchen zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt und sofort ver⸗ haftet.
** Im Gefängnis erhängt hat sich in Mar⸗ burg am Freitag der Schmied Ad. Schmitt aus Josbach, der am Dienstag vorher zu 1 Jahr 9 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde.
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Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.
Neues Arbeitersekretariat. Das Hanauer Gewerkschaftskartell beschloß die Bestellung eines Arbeitersekretärs mit einem Jahresgehalt von Mk. 1200 und bestimmte für den Posten den früheren Reichstagsabgeordneten G. Hoch.
F Ortskrankenkassentag. Der Zen⸗ tralverband der Ortskrankenkassen Deutschlands hält seine 10. Generalversamm⸗ lung vom 13. bis 15. September in Breslau ab. Neben zwei Vorträgen über die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und über die Aufgaben der Krankenkassen stehen eine große Anzahl Anträge auf Abänderung verschiedener Gesetzes⸗ bestimmungen auf der Tagesordnung. Im Anschluß daran wird am 16. September eine Konferenz der Zeutralkommissionen und anderer Krankenkassenvereinigungen stattfinden.
Partei-Machrichten.
Der gemaßregelte Oberpostsekretär Wagner in Hanau, welcher erst wegen Veröffent⸗ lichung einer philosophischen Arbeit von seiner vorgesetzten Behörde getadelt wurde und gegen den nun ein Dis⸗ ziplinar⸗Verfahren wegen Betätigung sozialdemokratischer Gesinnung schwebt, soll, wie die Hanauer Ztg. mitteilt, vor kurzem in die Redaktion der sozlaldemokratischen „Leipziger Volkszeitung“ eingetreten sein.
Wegen angeblicher Majestätsbeleidigung ist der Redakteur der Leipziger Volkszeitung, Genosse Lüttich verhaftet worden.— Genosse Nitz sche, Redakteur der Sächsischen Arbeiterzeitung wurde wegen des gleichen Vergehens kürzlich zu drei Monaten Gefängnis verurteilt und hat seine Strafe bereits ange⸗ treten. Auf den Artikel, in dem die Majestätsbe⸗ leidigung enthalten sein soll, machte das konservative Dresdener Blatt„Vaterland“ die Staatsanwaltschaft aufmerksam und dieses saubere Organ hatte später noch die Schamlosigkeit, sich dieser schuftigen Denunzitation zu rühmen. Der Artikel enthält keine Wendung, die der Leser als Majestätsbeleidigung deuten könnte.
Versammlungskalender.
Samstag, den 5. September.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag von Krumm.— Brauer. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).
Friedberg. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 8 ½æ Uhr Versammlung in Stadt New⸗Nork.
Montag, den 7. September.
Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Dienstag, den 8. September.
Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig.
Sonntag, den 13. September.
Gießen. Glaser⸗Verband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Or big.
Letzte Nachrichten. Reichstagsersatzwahl in Dessau. Bei der Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Rösicke am Don⸗ nerstag erhielten: Käppler(Soz.) 11738 Stimmen, (am 16. Juni 10 518), Schrader(Freis.) 9 620, der Bündler 2323. Stichwahl erforderlich.
Der Land⸗ und Post⸗ Auflage der heutigen Nummer unseres Blattes liegt der Preis⸗Conrau⸗ des Engros⸗ Versandhauses Gebr. J.& Pt Schulhoff in München bei, welches seine Ar titel der Weiß⸗, Woll⸗, Schuitt⸗, Kurz⸗ und Spielwarenbrauche besonders Wiederverkäusern empfiehlt.
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