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Mitteldeulsche Sonntags⸗ Zeitung.

Nr. 36.

frage das Verhältnis sozialdemokratischer Schrift⸗ steller zur bürgerlichen Presse. Der Artikel enthält auch einen Abschnitt, der sich speziell mit dem Charakter der sogenannten parteilosen Presse beschäftigt. Da dieser Abschnitt sehr Zutreffendes über das auch von uns schon wiederholt besprochene Thema sagt, wollen wir ihn unseren Lesern zur Kenntnis bringen. Diese Stelle lautet:

Allein unter den mancherlei Wunderdingen, die der Kapitalismus vollbracht hat, steht nicht in letzter Reihe die sogenannte parteilose oder unparteiische Presse, die Lassalles brandmarkendes Wort, daß die bürgerlichen Preßorgane nur Kapitalanlagen und Geldspekulationen seien, zur höchsten Vollendung gebracht, die selbst den letzten Schein abgestreift hat, als wolle sie die Bildnerin und Lehrerin des Volkes sein, die, eben deshalb weil sie selbst auf jedes Rückgrat verzichtet, allen Parteirich⸗ tungen die offene Aussprache in ihren Spalten gewähren zu wollen erklärt. Diese Presse ist das äuß er ste Maß von geistiger Gehirn⸗ und Knochen- erweichung, zu der es der Kapitalismus bisher ge⸗ bracht hat; sie verzichtet auf jedes Ideal und jedes Prinzip, weil auch das verschwommenste Ideal und das schwächlichste Prinzip dem schrankenlosen Umtriebe der Geldschlagemaschine noch eine gewisse Fessel anlegt.

Dieses Urteil ist vollkommen zutreffend und jeder Mensch von politischer Ueberzeugung muß sich ihm anschließen, vor allen Dingen die Arbeiter.

Pon Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Die Kriegervereine beginnen jetzt bald wieder die Jagd auf neue Mitglieder. An alle unsere Parteifreunde richten wir die dringende Bitte, verhindern zu helfen, daß die nächstens zur Entlassung kommenden Re⸗ ser visten den Kriegervereinen beitreten. Diese Vereine sind nicht, wie sie angeben,nnpoli⸗ tische Vereine zur Pflege der Kameradschaft, ondern ste werden von denMachern immer mehr als Schutztruppe des aus⸗ beutenden Kapitals verwertet. Ist man erst ein Mal in einem solchen Verein, hat man jahrelang Beiträge bezahlt, Rechte auf Unterstützung erworben, dann tragen die meisten Bedenken, alles dieses im Stiche zu lassen, obschon sie längst die wahren Ziele der knopflochkranken Führung erkannt haben.

Bei der letzten Reichstagswahl haben manche Kriegervereinsleiter im Schimpfen über die Sozialdemokratie beinahe die Amtsblattredak⸗ teure übertroffen. Mit einer Unverfrorenheit und Unwahrhaftigkeit haben diese Vereine den politischen Kampf geführt, sodaß es für denkende Arbeiter unmöglich sein muß, beizutreten. Es ist Pflicht eines jeden Parteigenossen, die jüngeren Arbeitskollegen auf die Heuchelei der sich unpolitisch nennenden Kriegervereine aufmerksam zu machen. Gegner mit offenem Visir sind uns lieber wie maskierte Feinde. Also den Kriegervereinen, den politischen Organisationen der Kapitalisten, ferngeblieben!

Vom guten Ton. Kürzlich machte folgende Notiz durch die Ordnungsblätter die Runde, die selbstverständlich auch derGieß. Anzeiger schleunigst nachdruckte:

Welch ein Ton in sozialdemokrati⸗ schen Versammlungen angeschlagen wird, dafür liefert einen Beweis ein Ausspruch der Genossin Frau Zetkin. Diese Führerin der sozialdemokratischen Frauenbewegung be⸗ zeichnete den Fürsten Bismarck als Ober⸗ sauhirt. Ohne Widerspruch wurde diese Bemerkung von der Versammlung hinge⸗ nommen.

Diese Notiz ist in dieser Form un wahr. In der betr. Versammlung wurde die Frage der Mitarbeiterschaft von Parteigenossen an bürger⸗ lichen Blättern erörtert, dabei erwähnte Frau Zetkin M. HardensZukunft und bezeichnete Harden als journalistischen Obersauhirten Bis⸗ marcks. So sieht die Sache ganz anders aus, obwohl wir die Aeußerung auch in dieser Form nicht als besonders geschmackvoll anerkennen können. Aber die Amtspresse hat kein Recht, uns Vorlesungen über guten Ton zu halten, was will dieser Ausdruck besagen, gegenüber den unflätigsten und pöbelhaftesten Beschimpf⸗

ungen, womit jene Blätter die Sozialdemokratie seit Jahrzehnten überschütten! Möge der An⸗ zeiger nur an sein Verhalten vor der Reichs⸗ tagswahl denken! Was für ein Ton herrscht übrigens in denbesseren Kreisen! Sagte doch einer der Edelsten s. Zt.:Die Minister können uns sonst was!

Die hessische Landeskonferenz tagt, wie bekannt, diesen Sonntag von vor⸗ mittags 10 Uhr ab in Steinbach bei Hom⸗ burg v. d. H. im Gasthaus zumDarmstädter Hof. Dort versammeln sich die Abgesandten unserer hessischen Parteifreunde um in ernster Beratung und fleißiger Arbeit unsere Beweg⸗ ung, die Sache des in politischer und wirtschaft⸗ licher Beziehung unterdrückten Volkes zu fördern. Es gilt, an dem bisher Geleisteten Kritik zu üben, Mittel und Wege zu finden, wie wir den immer neuen und größeren Aufgaben, die unserer Partei erwachsen, gerecht werden können. Wir sind überzeugt, alle Delegterten sind sich dieser hohen Aufgabe bewußt, und wir wünschen ihren Arbeiten den besten Fortgang. Allen Delegierten unseren herzlichsten Gruß!

Die Delegierten aus Oberhessen können den Personen⸗Zug 6.52 oder den Schnellzug 8.02 ab Gießen nach Frankfurt benutzen. Von Frankfurt geht der Zuge 9.30 in der Richtung Homburg. Sta⸗ tion Weißkirchen aussteigen, von hier geht man in einer Viertelstun de bis Steinbach. Man kann auch in Eschersheim aussteigen(ab Gießen 6.52), von hier erreicht man Steinbach in einer reichlichen Stunde. Ueber Friedberg⸗Homburg ist der Anschluß nicht günstig.

Sauberer Bursche. Manche unserer Parteigenossen werden sich noch des Bürsten⸗ machers Klink erinnern, der sich vor einigen Jahren in Gießen aufhielt, einigemale in Ver⸗ sammlungen auftrat, sich dabei äußerstradikal gebärdete und in Anarchismus zu machen suchte. Verschiedentliche Anrempelungen unserer Ge⸗ nossen Krumm und Scheidemann bekamen ihm allerdings schlecht. Später gab er im Würt⸗ tembergischen ein anarchistisches BlättchenFrei⸗ heit heraus. Seine mangelnde Wahrheitsliebe unseren Parteigenossen gegenüber hätten ihm eher zum nationalliberalen Amtsblatt⸗Redakteur befähigt. Jetzt kommt aus Stuttgart die Nach⸗ richt, daß Klink vom dortigen Landgericht wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Es ist die alte Geschichte, entweder sind derartige Schreier Dummköpfe, Polizeispitzel oder moralische Lumpen.

Eisenbahner⸗Tod. Seinen Verletz⸗ ungen erlegen ist der Weichensteller Hofmann aus Wieseck, der vor kurzem im Gießener Bahnhofe überfahren wurde.

Unsere Parteipresse in Hessen.

Unter dieser Ueberschrift brachte das Offenbacher Abendblatt in der Mittwochsnummer einen längeren Artikel, in dem es seine früher ge⸗ machten Vorschläge wiederholt. Der Artikel stelltzunächst verschiedene irrtümliche Auffassungen richtig, die auf der Mainzer Konferenz zu 105 traten und sagt dann: Die Hauptfrage ei: Wie ist es möglich, auf dem Lande, wo weder das Mainzer, noch das Offenbacher Blatt auf Jahre hinaus hinkommen werden, anhal⸗ tend und wirksam für die Partei zu agi⸗ tieren?

Es kann gar keine Rede davon sein, daß den Genossen in Gießen die M. S.⸗Z. fort⸗ genommen werden foll. Redaktion und Verlag bleiben dort. Lediglich die Drucklegung müßte in Offenbach erfolgen und zwar aus Gründen, die wir bereits in dem Artikel vom 19. August angeführt haben und die für jeden Genossen wirklich durchschlagend sein sollten:

1. weil das Blatt bedeutend vergrößert und trotzdem wesentlich verbilligt werden könnte und

2. weil die Expedition des Blattes, das als Landesorgan gedacht ist, von Offenbach aus gleichfalls eine viel vorteilhaftere wäre, wie von Gießen aus. 8

Würde das Blatt in Offenbach gedruckt, so würde sich seine Herstellung billiger stellen und es könnte infolgedessen mehr bieten:

Die M. S.⸗Z. würde mindestens 80 Pro⸗ zent mehr Text bieten, wie jetzt und den Gießener Genossen trotzdem wöchentlich rund 30 Mk. oder sagen wir jährlich 1500 Mk. weniger kosten!

Diese in jeder Hinsicht sehr wesentlichen Vorteile könnten dadurch erzielt werden, daß nach Angaben des Red akteurs der M. S.⸗Ztg. aus dem politischen Teil des O. A., an dem er mitarbeiten soll, ca. 12 Seiten Text Ver⸗ wendung fänden(Leitartikel, Reichstag, Land⸗ tag, Politische Rundschau usw.) und daß dann den Gießener Genossen für Inserate, sowie spezielle lokale und provinzielle Bedürfnisse, Korrespondenzen aus Wetzlar, Marburg usw. volle vier Seiten für Neusatz zur Verfügung ständen. Wer will denn im Ernste bestreiten, daß unsere Vorschläge für die Genossen in 9919 ganz wesentliche Vorteile mit sich ringen!

Diese Ausführungen unseres Offenbacher Parteiorgans auf seine detaillierten, mehr die technische Seite der Sache behandelnden Darlegungen können wir leider nicht eingehen werden hoffentlich die mißverständlichen Auffassungen klären, die auch in der Gießener Konferenz mehrfach geäußert wurden. Mögen die Genossen nun diese Vorschläge prüfen! In dem einen Punkte werden alle einig sein, nämlich, daß eine Besserung unserer Preßver⸗ hältnisse von Nöten ist.

Kreiskonferenz des Wahlkreises Gießen ⸗Grünberg.

Am Sonntag fand die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Gießen statt. Anwesend waren außer dem Kreiswahlvereins⸗Vorstand 31 De⸗ legierte aus 15 Orten. Nach Erledigung des Geschäftlichen erstattet Senosse Beckmann für das Wahlkomitee Bericht. Trotzdem nur wenig agitatorische Kräfte zur Verfügung standen, wurden während der Wahlbewegung 78 Ver⸗ sammlungen im Kreise abgehalten. Mit dem Resultate könnten wir zufrieden sein. Während bei der 1898er Wahl noch 14 Orte vorhanden waren, in denen keine sozialdemokratischen Stim⸗ men abgegeben wurden, war das diesmal nur in 6 Orten der Fall; außerdem haben sich in einer großen Anzahl Orte unsere Stimmen verdoppelt, in manchen erhielten wir drei⸗ und viermal soviel Stimmen als bei der letzten Wahl. Nur selten verzeichnet ein Ort Rück⸗ gang. Redner weist im Weiteren auf die Er⸗ folge unserer Partei im Reiche hin, überall erkennt die Wählerschaft mehr und mehr die Richtigkeit der sozialdemokratischen Grundsätze, sogar die katholischen Arbeiter, die sich bisher vom Zentrum leithammeln ließen, erblicken in unserer Partei die Vertretung ihrer Interessen. Unsere glänzenden Erfolge in Sachsen sind bekannt und sollten den Wahlrechtsräubern zu denken geben. Doch unsere Organisation im Kreise lasse noch viel zu wünschen übrig, sie auszugestalten muß unsere nächste und wich⸗ tigste Aufgabe sein. Die Abrechnung des Wahlkomitees, vom Kassierer Bock verlesen, verzeichnet in Einnahme 2154.09 Mk., die Ausgaben belaufen sich auf 2025.38 Mk., wovon allein 1053 Mk. Druckkosten. An dem Bericht schließt sich eine längere Diskusston, an der sich Häuser⸗Steinberg, Vetters⸗Gießen, Ludwig⸗Ortenberg, Diehl⸗Gießen, Groß⸗Hirzen⸗ hain beteiligen. Es wird anerkannt, daß das Wahlkomitee mit wenig Mitteln respektables geleistet habe, außerdem wird dem Kandidaten Genossen Krumm für seine opferwillige Tätig⸗ keit gedankt. Ein Antrag Diehl⸗Gießen: Wo es auf dem Lande angebracht erscheine, die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung vertrauens⸗ würdigen Personen eine Zeit lang gratis zuzu⸗ senden wird angenommen.

Der Bericht des Vorstandes des Kreiswahl⸗ vereins war nur kurz, da sich seine ganze Tätigkeit auf die Wahlen konzentrierte. Der Kassenbericht weist in Einnahme 535.88 Mk., in Ausgabe 369.20 Mk. auf, so daß ein Bestand von 166.68 Mk. verbleibt. Die Sterbekasse hatte 159.75 Mk. Einnahme und zahlte in 6 Sterbefällen je 20 Mk. Unterstützung. Sie verfügt über einen Bestand von Mk. 242.