Ausgabe 
6.9.1903
 
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Nr. 36.

Mitteldenutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

Büßen?... und in mächtigem Schwunge

flog der schwere Hammer gegen die Tür.

Blasius stieß einen Schrei aus. Auch der Schmied fand seinen Verstand wieder; finster

starrte er nach der Richtung seines mörderischen

Wurfes. Die Türöffnung war leer, und der schwere Hammer stand aufrecht in dem harten

Grund, in den er sich eingebohrt. Ueber die

Dorfbrücke trabte ein schlanker Reiter mit dem Gefühle eines Menschen, der einer großen Gefahr

entgangen ist.

VII. Reiche Leute soll man nicht reizen; denn

groß ist ihre Macht und zahllos das Heer der

Mittel, die ihnen Gott verliehen hat.

Aber der lange Hans zählte nicht zu den Menschen, die sich über die Tiefe der vater⸗ ländischen Sprichwörter die Köpfe zerbrechen. Der alte Reußer, der die Begebenheit dieses folgenreichen Tages durch Lenchen erfuhr, betrat ie Werkstätte seines Freundes in einer Haltung, die kummervoll genug aussah. Späte Rede nützt wenig, der Wachtmeister schwieg also; aber dies Schweigen war beredt genug. Der Schmied verstand die stumme Sprache.

Wachtmeister! sagte er dumpfjeder Mensch hat sein Geschick, das sich so oder so erfüllen muß. Mich reitet der Teufel um den Wunderkasten des Herrn Thomas so lang herum, bis mir der Atem ausgeht!

Das Geschick des Schmiedes erfüllte sich. Als die liebe Lenzluft wieder durch das Nelken⸗ dorf wehte, erschien der Mann mit der Uniform⸗ mütze auf dem Kopfe und einer Pferdeglocke in der Hand; er grüßte den Schmied wie einen alten Bekannten. Die Leute sammelten sich, und die Versteigerung begann. Man räumte die Stube aus und ließ nur den Kachelofen zurück. Auch Hämmer, Zangen und Amboß des langen Hans blieben unberührt; denn das milde Gesetz des Landes verbot, dem Schuldner das Hand⸗ werkszeug zu pfänden. So blieb dem Schmied die tröstliche Aussicht, seine Esse in den Straßen⸗ gräben aufstellen zu dürfen und sein Lager in such Schatten einer vaterländischen Eiche zu uchen.

Um das kleine Häuschen ward eine halbe Stunde länger gemarktet. Endlich gab ein Fremder den Anschlag. Es war ein Produkten⸗ händler aus dem Aurichsdorf. Produktenhändler sind solche Leute, welche das schönste Haus und den größten Körperumsang im Dorfe besitzen. Unter den Hütten leuten und Lohnwebern nehmen sie denselben Platz ein, den der Chef des Hauses Seebald im Kreise der städtischen Handwerker so gut ausfüllte. Die Leute des Nelkendorfes hatten noch keinen Produktenhändler aufzuweisen; jetzt wurden sie dieser Wohltat teilhaftig.

Während das nützliche Geschäft dieser Versteige⸗ rung vor sich ging, machte sich der lange Hans aus dem Staube; Lenchen suchte ihn den Abend vergeblich. Das arme Kind band eine Hand⸗ voll Kleidungsstücke in ein Tüchlein und trabte nach des Wachtmeisters Hause gedrückt, doch rüstig, ein Bild der heimatslosen Tüchtig⸗ keit. Wahrscheinlich führt sie jetzt das Hauswesen des alten, einsamen Mannes, der des Trostes so gut bedurfte wie sie selbst.

Von dem Schmied erfuhr die Welt schöne Geschichten. Er hatte in der Dämmerung das Seebald'sche Haus, das er in allen Winkeln genau kannte, aufgesucht, und mit dem Herrn, den er neben dem Wunderschrank antraf, ein Gespräch angefangen. Da dem Wütenden bald die Wörter ausgingen, die ihm nötig schienen, um feinen Gegner gebührend zu zeichnen, faßte er den jungen Herrn plötzlich am Halse. Nun hatte der neue Chef des Hauses Seebald in seinen mannigfachen, jugendlichen Beschäftig⸗ ungen niemals die Zeit gefunden, seinen ge⸗ schmeidigen Körper auf einen Ringkampf dieser Art gehörig vorzubereiten. In der nächsten Minute beschrieb er also, von der Riesenfaust des Schmiedes geschleutert, einen anmutigen Bogen und schlug schwer gegen die scharfe Kante des eiseenen Schrankes, der seinen Reichtum umschloß.

Much solchem Wurfe erhebt man sich nicht mehr. Dem Schmiede schien eine Ahnung dieser Tatsache aufzudämmern; denn er suchte noch

zur selben Stunde den jungen Kreisrichter auf

und verhalf diesem würdigen Beamten zu dem

8 der seine amtliche Beförderung nach zog.

Dann trat der Hans den Weg ins vater⸗ ländische Zuchthaus, an, und somit blieb der Wunderschrank des Herrn Thomas Seebald allein als Sieger auf dem Platze.

Das Trinken und die Trinkpoesie.

Ein hannoversches Blatt hatte in einem Rundschreiben die bekanntesten Dichter und Schriftsteller um ihre Ansicht über das Trinken und dessen dichterische Lobpreisung befragt. r Wee ist die Antwort E. v. Wolzogens.

r sagt:

An meiner Antwort auf Ihre Umfrage werden Sie wenig Freude erleben, denn ich bin in meinem ganzen Leben niemals betrunken gewesen und habe den Suff immer für ein ekel⸗ haftes Laster gehalten. Ich liebe meine Deut⸗ schen von Herzen mit Schmerzen, darum tut mir's in der Seele weh, daß so viele prächtige Burschen im nationalen Suff versumpfen und verstumpfen. Ein ganz besonders abscheulicher Unfug, gegen den man im lautesten Fortisstmo ehrlicher Entrüstung schmettern sollte, dünkt mich die poetische Verklärung des studentischen Saufzwanges, diese drakonische Rüpeletikette, dies ohrenschinderische, widermusikalische Gebrüll, das so ganz und gar schauerlich aus über⸗ schwemmten Magenhöhlen hervorstöhnt und so übel nach dem Vomitorium duftet.... Ich verabscheue den Alkoholrausch, well er die Jugend vergiftet und unfähig macht zum schönen Rausche der Begeisterung. Der Rausch der Jugend gilt mir als das herrlichste Glück der Welt, der Rausch, der aus dem Kraft⸗ nnd Freiheitsgefühl, aus Schönheitsdurst und Lebensüberschwang aus allen tiefsten Fähigkeiten des Gemüts ent⸗ springt. Ich bin keineswegs ein Verächter eines guten Tropfens feinen Mosel⸗, Pfälzer und die feurigen italienischen Rebensäfte schätze ich ganz besonders, und in der fröhlichen, köstlichen Studentenzeit habe ich mir die leichten offenen Weine Badens, des Elsaß wohlschmecken lassen; aber nicht in dumpftger, rauchiger Kneipe, sondern draußen in den Bergen, im gesunden Durst nach froher Wanderschaft. Meine Zech⸗ (nicht Sauf⸗ brüder von damals sind alle tüchtige Männer geworden, keiner von ihnen läuft jetzt als knechtseliger Philister mit Bierbauch, ge⸗ dunsener Blässe und verblödeten Aeuglein herum, wie so viele von den anderen. Der Wein als Zungenlöser, als Gaumenschmeichler und gesellschaftlicher Kettenbruder ist ein guter Geselle; aber ihn im Uebermaß saufen heißt ihn entehren. Der Suff als nationales Bekenntnis schafft elende Knechte der Freie, Starke braucht keine flüssigen Gifte, um sich nobel zu berauschen. Der Rausch der Begeisterung treibt zu tüchtigen Taten, der Rausch des Suffs zu wüsten Worten und zum Rinnstein. Der edle Rausch ist Poesie, der andere vernichtet alle Schönheit. Ich begreife nicht, wie man den poetisch verklären kann.

Ernst Freiherr v. Wolzogen.

Splitter.

Die Wahrheit ist stärker als ihre Gegner: sie überwindet sie; stärker als ihre Verteidiger: sie braucht sie nicht. 5

eux.

* **

Leben zu lernen ist die stete Aufgabe unseres Lebens, an der wir studieren und probieren bis an unser seliges Ende.

Reichel.

*

Alles verwandelt sich; nichts stirbt. In schöner Verwandlung wird die Hoffnung Genuß und das Verlorene Gewinn. 79

erder.

Humoristisches.

Unbeachtete Gebote. Richter: Sie sind in die Kirche gegangen und haben den Andächtigen die

Brieftaschen gestohlen. Wissen Sie nicht, daß es heißt: Du sollst nicht stehlen? Angeklagter: Freilich weiß ich das, Herr Richter. Ich weiß jedoch auch, daß es heißt:Gib uns heute unser tägliches Brot. Aber niemand hat es mir gegeben.

Doppelfinnig. A.: Du, kannst du mir nicht mit zwanzig Kronen unter die Arme greifen? B.: Du, das ist eine kitzliche Sache!

Höchste Schändlichkeit.Wie kommt denn Ihre Frau dazu, Sie zum Rauchen aufzufordern? das tun doch sonst Frauen nicht!Sie weiß, ich kann es nicht vertragen!

Häusliche Fürsorge. Mieter:Sie, Herr Huber, da müssen neue Fenster rein, wenn der Wind geht, zieht's darin, daß einem die Haare um den Kopf rumfliegen! Hauswirt:Na, da lassen's Enna mal die Haar' schneiden!

(Lustige Blätter.)

ff pff

Geschichtskalender.

6. September. 1901: Attentat auf den amerik. Präsidenten Me. Kinley in Buffalo. 1898: Wilhelm II. Zuchthausdrohrede für Streikanreizung.

7. 1901: Lockspitzel Naporra, T. 1830: Aufstand in Braunschweig; Abdankung Herzog Karls.

3. 1901: Miquel, f. 1895: Erlaß Wilh. II. gegen die vaterlandslosen Feinde dergöttlichen Welt⸗ ordnung.

9. 1870: Braunschweiger Ausschuß der soz.⸗dem. Partei wird in Ketten nach der Festung Lötzen trans⸗ portiert.

10. 1898: Kaiserin von Oesterreich in Genf er⸗ mordet. 1878: Vorlage des zweiten Sozialistengesetzes. 1867: Erster norddeutscher Reichstag eröffnet.

11. 1895: Der Führer der Konservativen, Frhr. v. Hammerstein legt seine Mandate nieder.

12. 190m: Die in Peking weggenommenen astro⸗ nomischen Instrumente werden in Potsdam aufgestellt.

Empfehlenswerte Schriften.

Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer.

Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg.

Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg.

Sozialdemokratie und Zentrum.(Arbeiter⸗ versicherung und Zentrumspolitik). Preis 20 Pfg.

Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg.

Der Umsturz im Reichstage.(Die Kämpfe um den Zolltarif.) Preis 20 Pfg.

Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg.

Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg.

Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk.

Wilhelm Liebknecht. Sein Leben und Wirken. Unter Benutzung ungedruckter Briefe und Aufzeichnungen. Herausgegeben von Kurt Eisner. Mit Porträts und Abbildungen. Preis 30 Pfg.

Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Von Ed. Bernstein. Preis brosch. 2 Mk.

Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk.

Christentum und Sozialismus. Von A.

Bebel. Preis 10 Pfg.

Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß.

Das Erfurter Programm. Von Karl Kautsky. Preis brosch. 1.50 Mk., gebd. 2 Mk.

Sozialdemokratisches Neichstagshandbuch. Von Max Schippel. Ein Führer durch die Zeir⸗

und Streitfragen der Reichspolitik. à 20 Pfg. Gebunden 9 Mk.

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