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Nr. 27.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung
Seite 3.
nehmertums. Diese süßen m ätzchen! Er sagt aller⸗ dings nicht, daß diese vermeintlichen Opfer indirekt ebenfalls aus der Tasche des ausgebeuteten Arbeiters
fließen.
Weiter nennt er den Lebensnerv der Sozialdemokratie Unzufriedenheit, womit ich eigentlich mit ihm über⸗ einstimme, nur daß er die Sache unrichtig bezeichnet. Allerdings würden wohl die meisten Besitzlosen nicht mehr unzufrieden sein, wenn ihnen ein Dasein wie Herrn Dr. Kahl und vielen seiner natlib. Freunde be⸗ schieden wäre. Er müßte sich manche Arbeiter⸗ und Kleinbauernwohnung und deren Lebensweise näher an⸗ sehen, dann könnte er sich wohl die Unzufriedenheit er⸗ klären. Aber auch in Bezug auf die Lebenslage des Volkes ist der Herr Professor sehr schlecht informiert. Weiter erzählte er von dem ungeheuern„Terrorismus“ in unserer Partei und suchte dies mit einer Aeußerung Bebels in Breslau:„Wer sich nicht fügt, der fliegt“— zu beweisen. Darauf antwortete ich ihm: Phrasen⸗ drescher wie Herr Kahl würden schon am ersten Tage mit Hochdruck aus unserer Partei fliegen. Die„Ver⸗ nichtung der individnellen Freiheit“ sieht er in der Acht⸗ und Bannerklärung der Streilbrecher.
Es ist doch wirklich ein Bißchen viel von den Ar⸗ beitern verlangt, wenn sie demjenigen, der ihnen bei dem Kampfe um bessere Existenzbedingungen in den Rücken fällt, noch mit Hochachtung behandeln sollen! Und wie halten es denn die Unternehmer? Sobald einer unter ihnen etwa gegen das geheiligte Ausbeuter⸗Interesse ver⸗ stößt, hat er sich die bittere Feindschaft seiner Kollegen zugezogen, die ihm das auch in jeder Beziehung fühlen lassen. Das Gleiche haben wir bei den Aerzten gesehen, wo diese mit Krankenkassen im Kampfe lagen.— Kurz, die an abgebrauchten Schlagwörtern so reiche Rede des Herrn Prosessors konnte auf halbwegs denkende Ar⸗ beiter gar keinen Eindruck ma ben, hat auch keinen ge⸗ macht, wie der glänzende Sieg unseres Genossen Cramer im ersten Wahlgange beweist.— Mit diesen Zeilen wollte ich nur dartun, daß die denkenden Arbeiter mit der Kritik, die unsere Führer und Blätter an den heu⸗ tigen Zuständen üben, vollkommen einverstanden sind und daß sich die Gegner auf dem Holzwege be⸗ finden, wenn sie zwischen unsern Vorkämpfern und den Ar⸗ beitern Zwietracht säen wollen. Dem Herrn Professor Kahl möchte ich nur zurufen:„Man braucht wirklich kein mit einer Professur betrautes Genie zu sein, um Ihre gehässigen, un wahren Auslassungen in jeder Hinsicht zu widerlegen.“
Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.
s. Parteiversammlung. Am Montag Abend fand im Lokale Jesberg eine außerordentliche Partei⸗ versammlung statt, die sich in der Hauptsache mit der Stichwahl und dem Verhalten des„Vorwärts“ be⸗ schäftigte. Kurz vor der Stichwahl brachte nämlich unser Zentralorgan eine Notiz, in welcher empfohlen wurde, für Gerlach in der Stichwahl einzutreten Von den National⸗Sozialen wurde diese Notiz als Flugblatt verbreitet und damit bewirkt, daß der größte Teil der sozialdemokratischen Wähler für Gerlach stimmte. Gen. Dr. Michels, der die Angelegenheit in längerer Rede klarlegte, wies daraufhin, daß es sich heute nicht darum handeln könne, ob der Beschluß der vorherge⸗ gangenen Parteiversammlung richtig oder falsch sei, sondern darum, daß dem von der maßgebenden Partei⸗ instanz gefaßten Beschlusse von einer großen Anzahl Genossen zuwider gehandelt und von dem„Vorwärts“ bewußt entgegengearbeitet worden sei. Dagegen müßten sich die Marburger Parteigenossen wehren und er empfahl folgende Resolution:
„Die außerordentliche sozialdemokratische Parteiver⸗ sammlung vom 29. Juni ist unangenehm berührt über die Rücksichtslosigkeit des„Vorwärts“, der trotz des hier mit großer Majorität gefaßten Beschlusses aus ge⸗ wichten Gründen Stimmenthaltung zu empfehlen (ein Beschluß, der durch viele Blätter ging und per gedrucktem Zirkular den Vertrauensleuten zugesandt wurde) am 24. Juni eine Notiz brachte, in welcher unter gänzlicher Nichtbeachtung des uns bindenden Marburger Parteibeschlusses kategorisch die unbedingte Unterstützung v. Gerlachs gefordert wurde. Die Versammlung ist ferner unangenehm berührt über die Taktlofigkeit, mit welcher der„Vorwärts“ über die Köpfe der hiesigen Parteiorganisation und des Kandidaten Bader hinweg unseren rechtskräflig gewordenen Beschluß umzustürzen suchte und durch die Verwirrung, die jene Notiz ganz besonders unter den Genossen auf dem Lande auch an⸗ richtete, tatsächlich umstürzte. Da die hiesige Partei⸗ vertretung dadurch in ein schiefes Licht gebracht ist, wird der verantwortlichen Leitung des„Vorwärts“ ein Tadelsvotum ausgesprochen.“
Nach langer und lebhafter Debatte, in der sich auch mehrere Zenossen gegen die Resolution aus⸗ sprachen, wird dieselbe mit allen gegen 3 Stimmen
angenommen. R. Vor der Wahl voll Schneidig⸗
keit, nach der Wahl voll Traurigkeit!“ So kann man von der konservativeuß Partei!
unseres Wahlkreises sagen. Denn sehr schneidig führte der Redakteur der„Oberhessischen Zeitung“ Freiherr v. Wangenheim den Wahlkampf von der Kanzel. Zur Stichwahl noch schneidiger als zur Hauptwahl selbst. Hatten doch die Konservativen zur Stichwahl die Antisemiten als Bundesbrüder erhalten, trotzdem sich beide vor der Hauptwahl in den Haaren lagen, wie keine der anderen Parteien. Und so hofften die Konservativen den Wahlkreis zu erobern. Allein traurig endete die Wahl für den konser⸗ vativ⸗antisemitischen Kandidaten; der liberale, pardon, nationalsoziale Kandidat ging mit 700 Stimmen Mehrheit als Sieger aus der Wahl⸗ urue hervor. Aber auch das Organ„unseres“ jetzigen Reichstagsabgeordneten Herrn v. Gerlach stand in Bezug auf schroffen und gehässigen Ton der„Oberh. Ztg.“ in keiner Weise nach. Denn bei' den sogenannten Nationalsozialen handelte es sich um Tod und Leben ihrer Partei. Ging Marburg verloren, dann war alles verloren. Und so holten sie noch am letzten Tage vor der Stichwahl den Pfarrer Fr. Naumann herbei, der in einer öffentlichen Versammlung noch einmal den liber alen Herrn v. Gerlach als den allein seligmachenden Reichstagskandidaten zur Wahl empfahl. Und so wurde der liberale Herr pv. Gerlach mit Hilfe des Zentrums und der sozialdemokratischen Stimmen als Reichstagsabgeordneter gewählt. Ist unser Wahlkreis jetzt durch keinen Brot⸗ wucherer vertreten, so doch um einen so größeren Militärschwärmer. Und an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!
— Ein gutes Agitationsmittel für den Konsumverein haben uns die hiesigen Bäckermeister in die Hand gegeben, indem sie den Preis von dem Laib Brot um 4 Pfg. erhöhen. Da der Brotpreis im Konsumverein der alte bleibt, so wollen die Mitglieder diese Gelegenheit ausnützen und für den Konsumverein neue Mitglieder werben.
— Gewerkschaftsfest. Das diesjährige Sommer⸗ fest der vereinigten Gewerkschaften Marburgs findet am 19. Juli auf der Schanze statt.
— Ausflug der Genossen am Sonntag nach Cölbe, Wirtschaft Ortwein, Sammelpunkt nachmittags 3 Uhr bei Jesberg.
— Aus Cappel. icht aus der Irrenheilan⸗ stalt). Der ev. Geistliche der Gemeinde Cappel hat schon einmal, als Geld für die in Marburg zu errichtende Bis marcksäule fehlte, von der Kanzel herab ver⸗ kündet, man möge doch sein Scherflein dazu geben, da⸗ mit das Werk seiner Vollendung bald entgegen sehe. Als dies aber nichts half, da die kleinen Bauern und Arbeiter(die„Großen“ sind vom Geben keine Freunde) nur so viel verdienen, wie zu ihrem Lebensunterhalt notwendig ist, so versuchte es der Pfarrer an einem der letzten Sonntage noch einmal. Hoffentlich werden die Arbeiter und Kleinbauern von Cappel ihre sauer ver⸗ dienten Groschen zu etwas Nutzlicherem verwenden als zu einer Bismarcksäule. Auch verweigerte der Herr Pfarrer einigen Personen den Zutritt zum hl. Abend⸗ mahl, weil diese die„Buße“ noch nicht bezahlt haben. Die betreffendeu Personen haben keinen Schaden dadurch erlitten. Darüber werden sich die Betroffenen wohl zu trösten wissen, denn so groß wer den ihre Sünden wohl nicht sein, als daß sie ihnen auch nicht ohne Abendmahl vergeben werden könnten,
Großfeuer.
Mehrere große Brände haben sich in den letzten Tagen ereignet. In Marburg brannte das Papierlager von Haas am Pilgrimstein in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag total nieder. Durch das in der Luft umher⸗ fliegende brennende Papier gerieten die Scheuern der Brauerei Bopp in Flammen und brannten ebenfalls total nieder.— Weiter brach Montag nachts ein bedeutender Brand in der Schuh⸗ waren⸗Fabrik Goldschmidt u. Löwenick in Frankfurt aus, der mit rapider Schnellig⸗ keit um sich griff und den größten Teil des umfangreichen Gebäudes in Asche legte. Bei den Loͤscharbeiten sind hier auch eine Anzahl Feuerwehrleute verunglückt und zum Teil schwer verletzt worden.
Kapital und Presse.
Bei dem Prozesse gegen die Aufsichtsräte der verkrachten Pommerschen Hypothekenbank kam an's Tageslicht, daß von der Bank dem
Berliner Presseklub 25 000 Mart zu⸗ gewiesen worden waren, um, wie der Angeklagte
in zynischer Weise zugestand, die Presse günstig für das Bankunternehmen zu stimmen. Das Vorkommnis liefert wieder einen Beweis für die Käuflichkeit eines großen Teiles der bürgerlichen Zeitungen. Profit machen ist der Zweck dieser Unternehmungen, nicht etwa die hohen Aufgaben der Presse zu erfüllen.
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Kleine Mitteilungen.
. Wegen Kindesmord wurde eine Witwe in Oberbiel bei Wetzlar verhaftet. Sie ist geständig, ihr neugeborenes Kind, das tot bei der Grube „Schlagkatz“ aufgefunden wurde, dort versteckt zu haben.
e Vom Schlachtfeld der Arbeit. In Köln geriet in einer Feilenfabrik an der Hansemannstraße ein Arbeiter in der Transmission, wurde mehrere Male herumgeschleudert und erlitt einen Aem⸗ und zwei Bein⸗ brüche Er ist noch in der gleichen Nacht gestorben.
ze Ein würdiger Pastor. Pfarrer Ziemer aus Wollin wurde vom Prenzlauer Schwurgericht wegen Verbrechens im Amte und schwerer Urkundenfälschung zu zwei Jahren und einem Monat Zuchthaus perurteilt unter Anrechnung von vier Monaten auf die erlittene Untersuchungshaft.
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Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.
Bauarbeiteraussper rungen. In Köln hat der Arbeitgeberverband etwa 4000 Bauarbeiter ausgesperrt. Die Aus⸗ sperrung erfolgte, weil die Verputzer und Fuger die Arbeit nicht zu den von den Unternehmern gestellten Bedingungen aufnehmen wollten. Bei diesem Lohnstreite handelte es si in der Hauptsache um die Abschaffung der Akkord⸗ arbeit, sowie die Einführung eines Mindest⸗ stundenlohnes von 55 Pfennig. Die Arbeit⸗ geber erklärten sämtlich, auf die erste Forderung nicht eingehen zu können, was bei den Streiken⸗ den mit Recht als die hauptsächlichste Forderung galt.— Durch die Aussperrung werden natür⸗ lich auch andere Kreise in Mitleidenschaft ge⸗ zogen. Die Maureraussperung in Mainz dauert nun schon 8 Wochen. Die Bauunternehmer suchen mit allen möglichen Mitteln Streikbrecher heranzuziehen; doch ge— lang es bisher den Streikenden noch immer jene zur Abreise zu bewegen.
Partei-Nachrichten.
Das„Offenbacher Abendblatt“ ist mit dem 1. Juli aus den Händen des Genossen Ulrich in den Besitz der Partei übergegangen. Es war noch das einzige, das sich in Privatbesitz befand. Es hatte früher und besonders unter dem Sozialistengesetz mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Als Ulrich im Jahre 1878 Blatt und Druckerei übernahm, war beides mit mehr als 22 000 Mark Schulden belastet. Ulrich hat durch emsige Arbeit die Verhältnisse saniert und als er sich im März d. J. auf Antrag der Genossen sofort bereit erklärte, das Blatt zum 1. Juli ohne jede Entschädigung abzugeben, konnte er auf Grund buchmäßiger Nachweise konstatieren, daß jetzt der Verlagswert des Blattes mindestens 100 000 Mark, betrage. Geschäftsführer ist Genosse Wolff, der früher in Marburg später in Lelpzig tätig war, Die redaktionelle Leitung des Offen⸗ bacher Abendblattes behält Genosse Ph. Scheidemann. An Stelle des Genossen Wiehle, der in den Ex⸗ peditionsdienst übertritt, wird Genosse R. Hauschildt, zuletzt in Würzburg, in die Redaktion eintreten. Den Druck des Blattes behält Genosse Ulrich.
Briefkasten.
Wenn Sie an ihrem Wohnorte zur Steuer herangezogen sind, so kann das nicht noch⸗ mals an Ihrem Arbeitsort geschehen. Wo Sie Ihren Arbeitsverdienst finden, kommt bei der Steuerveranlagung nicht in Betracht. Sind Sie in der Lage, nachzuweisen, daß Sie nach Ihrem Einkommen zu hoch veranlagt sind, so müssen Sie eben dagegen Einspruch erheben.
Versammlungskalender.
Samstag, den 4. Juli. Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Montag, den 6. Juli. Gießen. Schneiderverband. Versammlung bei Orbig. Diens lag, den 7. Juli. Gießen. Gewertschaftskartell. Sitzung bei Orbig.
Chr. Sch.
Abends 9 Uhr
Abends 9 Uhr
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