Ausgabe 
5.7.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeuische Sountags⸗ Zeitung.

Nr. 27.

seiner geographischen Lage nicht zu einer Republik! Bums!

So ist denn kaum anzunehmen, daß dies Land, das schon so lange zum Versuchsfelde russischer Intriguen dient, so bald zur Ruhe kommen wird. Die Königsnacherei wird dort weiter übertrieben werden, nachdem man einmal die Sache verschmeckt und gesehen hat, wie leicht es unter Umständen damit geht.

Aber es wird wohl kaum das letzte Mal sein, daß in Serbien der Despotismus durch den Meuchelmord gemildert wird. Die korrupte Gesellschaft, die sich dort um die Herrschaft im Staate streitet und die zum großen Teil wohl aus Söldlingen Rußlands besteht, erinnert sehr an die Klique von Abenteurern, welche einst Napoleon III. umgab. Diese Sorte von Menschen macht gerne Staatsstreiche und er⸗ schüttert damit stoßweise den Boden, auf dem Staat und Gesellschaft ruhen! Eine Klique fegt die andere hinweg. Und das Volk trägt die Kosten für diese politischen Abenteurer.

Wann wird das enden?

bon Uah und Lern.

Hessisches.

Die Zweite Kammer des Hessischen Landtags ist auf Dienstag, den 7. Juli, zu einer voraussichtlich nur kurzen Tagung ein⸗ berufen.

Gießener Angelegenheiten.

* Nachträgliches von der Wahl. Man schreibt uns: Dasliberale Bürgertum ist sehr bescheiden geworden. Andernfalls wäre ihm bei seinem Siegesjubel in Gießen ein Wermutstropfen in den Freudenbecher gefallen, wenn es sich die Entwickelung und richtiger die Versumpfung des Liberalismus im Reiche und speziell in Gießen vor Augen geführt hätte.

Im Jahre 1890, wo es mit den Liberalen schon den Krebsgang ging, brachten sie(Nationallib. und Freisinnige) es im Gießener Kreise noch immer noch auf 10 268 Stimmen. Aber schon 3 Jahre spater waren sie bereits auf die reich⸗ liche Hälfte 5183 heruntergekommen und bis 1898 hatten sie ein weiteres Tausend Stimmen verloren, sie erhielten nur noch 415 9. Diesmal gelang es ihnen mit Hilfe des Beamten⸗ apparats und durch sein persönlichen Kampf gegen den antisemitischen Kandidaten mit 5 300 Stimmen in die Stichwahl zu kommen und nun bringen Freisinnige, Nationallibe⸗ rale, Antisemiten, mitsamt den paar Zen⸗ trumsstimmen, zusammen 10600 Stimmen auf die Beine. Ist es wirklich ein Resultat zum Jubeln? Eher ist es das Jammerbild im Kleinen was das Reich im Großen bietet: Dasliberale Bürgertum aller Schat⸗ tirungen bringt im ersten Wahlgange 5 ganze Abgeordnete durch und die übrigen 84 humpeln auf den Rücken aller übrigen Parteien fich lahm und gebrechlich in den Reichstag.

In der Blütezeit des Liberalismus hatte er schöpferische Gedanken, so lahm und matt er auch damals schon der Reaktion gegenüber war, immerhin hat er das Verdienst, zum Teil die Schranken hinweggeräumt zu haben, die dem Fortschritt hemmend im Wege standen. Die Lasker, Bamberger, Ziegler u. a. waren überzeugte, erfolgreiche Vorkämpfer der Bour⸗ Pale ste förderten die Emanzipation des

ürgertums von dem feudalklerikal-reaktionären Junkerstaate und bekämpften gleichzeitig die mit Macht aufsteigende Arbeiterklasse, nach⸗ dem man sich überzeugen mußte, daß das Prole⸗ tariat sich nicht mehr als Stimmvieh gebrauchen ließ. Der heutige Liberalismus ist nur noch ein zahnloses Ueberbleibsel aus besseren Zeiten; er beißt nicht mehr. Seine eigene Hülflosigkeit und Schwäche, die ihn auf die Stichwahlhülfe aller reaktionären Parteien an⸗ weist, hat ihn entmannt und entnervt. Er fühlt sich wohl in der Rolle, Junkern und Pfaffen Handlangerdienste leisten zu dürfen; wenn dabei ein kleiner Rebbach mit abfällt. Der Wahlkreis Gießen wird nicht so lange liberal wie antisemitisch vertreten werden,

die Sozialdemokratie wird ihn sehr bald ab⸗ lösen. Wir hatten 1890: 1732; 1893 2852; 1898: 4495 und 1903 6000 Stimmen. Dieses sichere ruhige Steigen unsere Stimmen giebt uns die Gewähr, daß unser Gebäude auf festem Grund und Boden steht. Von Jahr zu Jahr wird der Vorsprung der gesamten Gegner kleiner und mit mathematischer Sicherheit kann man berechnen, wann der 1. hessische Wahlkreis in unsere Hände fallen muß. Freilich dürfen wir die Hände nicht in den Schooß legen. Es ist nicht leicht, durch den Nebel von Phrasen, Lügen, Verleumdungen, Entstel⸗ lungen der Geguer zu dringen; unsere ganze Kraft muß aufgewandt werden; sachlich und ruhig müssen wir unsere Grundsätze vertreten. Und vor allen Dingen müssen die Verhält⸗ nisse unserer Presse geregelt und geordnet werden! Tausende Genossen halten gegnerische Blätter und flechten damit selbst die Geißel, die ihnen Wunden schlägt.

Sofort muß mit der Agitation für Ver⸗ breitung unserer Zeitungen eingesetzt werden. Keine Arbeiterfamilie ohne eine sozial⸗ demokratische Zeitung! Hinaus mit der schmutzigen Geschäftspresse der Gegner. Wir haben Dutzende Parteiblätter, von denen jede einzelne Nummer mehr wertvollen Inhalt liefert wie die Sensationspresse in einem ganzen Monat. Nur durch die Gutmütigkeit und Lässigkeit der Arbeiterschaft fristen die hunderte Klatschbasen der Amtsblätter ihr Dasein. Noch⸗ mals: Hinaus mit ihnen!

In einem weiteren Artikel werden wir nun auf die übrigen Mängel unserer Parteibewegung zurückkommen.

Auch nach der Wahl setzen die Ordnungsblätter die Verdächtigungen und Anpöbelungen unserer Partei fort, mit denen sie weil sie andere und bessere Kampfmittel gegen uns nicht besitzen uns vor der Wahl in so reichem Maße überschütteten. Was ist da nicht alles von den ehrenwerten Amtsblättern und den gegnerischen Flugschriften über unsere Partei, ihre Bestrebungen und ihre Führer zusammengelogen worden! Wenn aber die Agitatoren der Nationalliberalen, unter denen sich eine ganze Menge Geheim-, Kommerzien⸗ und Amtsgerichtsräte befanden, ihre Angriffe in öffentlicher Versammlung unsern Genossen gegenüber vertreten sollten, wußten sie entweder nichts zu erwidern, oder sie kniffen feige aus, wie es in Leihgestern, Großenlinden und anderen Orten geschah. Geradezu Ungeheuerliches leistete sich derGieß. Anz., dessen überaus verlogene, gehässige und dabei höchst plumpe Schreibweise wir wiederholt beleuchteten. Vor wenig Tagen noch tischte er seinen Lesern den offenbaren Schwindel auf, daß unser Genosse Rau, der soz.-dem. Kandidat für Erbach⸗Bensheim, irgendwo in einer Versamm⸗ lung ein Hoch auf den Kaiser ausgebracht habe, um die Bauernstimmen für sich zu ge⸗ winnen! Und ferner wurde die Schweinburg'sche Lüge verbreitet, daß unsere Genossen in Berlin die gegnerischen Stimmzettel aufgekauft hätten, um die Wahl des Gegners zu vereiteln! Mehr kann man der Gutgläubigkeit der Leser wirklich nicht zumuten.

Uebersozialdemokratische Wahlexzesse wußte der Anzeiger ebenfalls zu berichten, und zwar aus Offenbach, Dortmund und anderen Orten. Natürlich sind die Reptilien aller Art sofort bei der Hand, für solche Vorkommnisse die Sozialdemokraten verantwortlich zu machen. Bei richtigem Zusehen findet man aber stets, daß entweder liberalePatrioten oder fromme Zentrumsleute die Ruhestörer waren. So in Laurahütte in Schlesten, im Straßburger Land⸗ kreise c. In einem Dorfe des Kreises Kattowitz wurde unser Kandidat Dr. Winter halb tot geschlagen! Und in mehreren Orten des Li m⸗ burger Kreises bedrohten die frommen Christen unsere Flugblattverteiler mit Totstechen und warfen sie mit Steinen.

Unsere Anhänger wissen, daß man politische Kämpfe nicht mit dem Knüppel aus⸗ fechten kann, sie sind geschult und erzogen; aber auf mo rdspatriotischer Seite ist man stets zu Ausschreitungen geneigt, das zeigt

sich auch sonst im Leben, man denke nur daran, wie oft Kriegervereinsfestlichkeiten mit Schläge⸗ reien endigen und wie häufig Leute ausge⸗ bildeten Kreisen Ruhestörungen verüben. Die empörenden Schimpfereten desGieß. Anz. auf unsere Partei und die Arbeiterklasse haben ihre Wirkung insofern gehabt, als nach uns ge⸗ wordenen Mitteilungen zahlreiche Arbeiter⸗ abonnenten den Anzeiger abbestellten. Das ist ganz in der Ordnung. Die Arbeiter werden doch nicht die Gutmütigkeit so weit treiben, daß sie sich für ihr gutes Geld noch beschimpfen lassen! In einer uns zugegangenen Zu⸗ schrift werden wir ersucht, doch dafür zu sorgen, datz hier bald eine sozialdemokratische Tages⸗ zeitung erscheine, mangels einer solchen hielten viele den Anzeiger, die mit dessen Inhalt keines⸗ wegs einverstanden seien. Wir können nur sagen, daß die Ausgestaltung unserer Preß⸗ verhältnisse die erste Aufgabe unserer Partei- organisation sein wird. Vorläufig können wir nur allen denjenigen, die eine tägliche sozial⸗ demokratische Zeitung wünschen, dasOffen⸗ bacher Abendblatt und die FrankfurterVolks⸗ stimme empfehlen.

Auf das Kreisfest, das diesen Sonn⸗ tag in Trohe stattfindet, machen wir nochmals aufmerksam und ersuchen die Parteige nossen und Gewerkschaftsmitglieder zu recht zahlreicher Beteiligung. Von Gießen geht ein Extrazug punkt ½'2 Uhr nach Rödgen und von da abends 9 Uhr zurück. Der Fahrpreis beträgt hin und zurück 3. Kl. 35 Pfg. Schulkinder frei.

In Lollar wurde bei der Beige or d⸗ netenwahl Heinrich Schmidt VI. in der Stichwahl gewählt.

Aus dem Rreise Weßlar.

h.Un parteiische Presse. Daß die soge⸗ nannten unparteiischen oder wie sie sich auch sonst gern nennen,unabhängigen Blätter zum größten Teil urreaktionär sind, dafür liefern dieWetzlarer Nachrichten wiederum einen sprechenden Beweis. Kurz nach der Wahl, trat das Blättchen für Beseitigung des Reichs! tags wahlrechts ein! Ueberhaupt nimmt dieses Blatt eine in jeder Beziehung arbeiter feindliche Stellung ein, trotzdem es vielleicht den größten Teil Abonnenten in Arbeiterkreisen hat. Die Arbeiter sollten die nötige Lehre daraus ziehen und nicht ein Blatt unterstützen, was sie täglich beleidigt und ihrer gerechten Sache entgegenarbeitet.

Ueber die Kampfesart der bürgerlichen Par⸗ teien schreibt uns ein Wetzlarer Arbeiter: Die Mittel, welche die Ordnungsleute im diesmaligen Wahlkampfe anwandten, waren derart, daß ein anständiger ver⸗ nünftiger Politiker sich nit Ekel abwenden mußte. Das Tollste in dieser Beziehung leistete sich in einer Rede am 4. Juni im Kaisersaal zu Darmstadt, der Geh. Justizrat Prof. Kahl.(Wir haben die Musterleistung früher schon einmal erwähnt. D. R.) Diesem Herrn dessen Rede sich zufällig anzuhören Gelegenheit hatte, will ich als Arbeiter nun Einiges antworten auf die wesentlichsten Angriffe und Verleumdungen unserer Partei und hauptsächlich deren Führer.

Dieser Herr Justizrat und Professor stellte sich Ein⸗ gangs seiner Rede aufunparteiischen Standpunkt, um sich gleich nach einigen weiteren Sätzen im höchsten Grade zu widersprechen. Er greift unsere alten hochverehrten Führer, bes. Bebel, die ja alle auf einem viel höheren Niveau des Wissens stehen als er, immer in solcher per⸗ sönlicher, hetzerischer Weise au, daß sich jedes Arbeiter- herz hoch aufbäumt. Schon anfangs zeigte der Beifall, daß Dr. Kahls Rede in einem vollständig nationalliberalen Kreise herabgeleiert wurde. Er wirft unsern Kandidaten ein Nichteintreten für Arbeiterinteressen vor, und damit, der Kleinigkeit von über 3 Millionen Stimmen der Ar⸗ beiter indirekt eine Unkenntnis der parlamentarischen Tätigkeit unserer Führer. Daraus würde sich schluß⸗ folgern lassen, daß obige Stimmenzahl ebenso unüber⸗ legt abgegeben sei.

Den Vorwurf, wir wären Gegner vernünftiger Handelsverträge, schreibe ich der erschreckenden politischen Unkenntnis des Redners zu. Daß er aber gerade unseren ältesten Veteranen Singer, Bebel ec. das Streben für das Arbeiterwohl abstreitet und den Eindruck hervor⸗ zurufen sucht, unsere Genossen wäre es nur um persön⸗ liche Machtfaktorenstellung zu tun, setzt seiner gehässigen persönlichen Kampfesweise die Krone auf. Er hat aber auchBeweise und führt sie auch an. Es ist dies die Stellungnahme der Sozialdemokraten zu den Versiche ungsgesetzen. Besonders hebt er das Unfall⸗

u. aliden⸗Gesetz und diegroßen Renten, we Arbeiter daraus angeblich empfangen, hervor, un ch dasopferwillige Beitragen des Unter⸗

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