Ausgabe 
5.7.1903
 
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Nr. 27.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

7 Monate 16 Tage gelinder Arrest, 7 Tage

Stubenarrest, 3 Degradationen, eine Entfernung aus dem Heere. In Summa betrugen die Freiheitsstrafen 13 Jahre 9 Monate 13 Tage,

wobei zu bemerken ist, daß die Strafen in den meisten Fällen sehr milde waren und daß die Oeffentlichkeit überhaupt nur einen Teil der Sol datenmißhandlungen erfährt.

Am besten haben es die Verüber von Sol⸗ datenmißhandlungen in Bayern. Während im übrigen Reich mißhandelnde Unteroffiziere und Sergeanten inleichteren Fällen ge⸗ wöhnlich mit mittlerem Arrest bestraft werden, ist es in Bayern fast Regel geworden, derartige Soldatenquäler mit gelindem Arrest durchschlüpfen zu lassen. So wurde ein bay⸗ rischer Oberjäger, der einen unbeholfenen Re⸗ kruten ohrfeigte, vor den Leib stieß, mit der Seitengewehrscheide schlug und ihm erklärte: Ich kann Sie drillen, bis Sie verrecken, nur mit 9 Tagen gelindem Arrest bestraft.

Zum Schlusse sei noch erwähnt, daß im ersten Halbjahr 1903 die gerichtliche Aburteilung von 79 Vorgesetzten wegen Mißhandlung usw. bekannt wurde. An Strafen wurden dabei ausgesprochen 23 Jahre 8 Monate 19 Tage Freiheitsentzug, 9 Degradationen, eine Entfernung aus dem Heere, ein fünfjähriger Ehrverlust!

Trotzdem aber sind die Soldatenschindereien nur Hirngespinnste der Sozialdemokratie.

Abermals ein klerikaler Skandal in Frankreich.

Zu Tours wurde jetzt ein Skandalprozeß verhandelt, in dem Nonnen die Angeklagten waren. Es handelt sich um scheußliche Vor⸗ gänge in demRefugium dieser Stadt, das von Nonnen geleitet wird und nach derselben Art wie die Anstalten desguten Hirten ein⸗ erichtet ist. Die Nonnen von Tours haben je Dreistigkeit besessen, die ihnen zur Last ge⸗ legten Grausamkeiten einfach abzustreiten, in⸗ dessen hat die gerichtliche Untersuchung zur Er⸗ hebung der Anklage gegen die Vorsteherin Schwester Sainte⸗Rose geführt.

Am vorigen Donnerstag hat die Verhand⸗ lung vor dem Zuchtpolizeigericht begonnen. Die klerikalen Fanatiker der Stadt füllen den Verhandlungssaal und bemühen sich, zu Gunsten der Angeklagten Stimmung zu machen. In⸗ dessen brachte schon am ersten Tage die Ein⸗ vernehmung der Angeklagten und der Zeugen so abscheuliche Dinge an den Tag, daß trotz der Versuche der pfäffischen Garde, die Wahr⸗ heit niederzubrüllen, die Sache der Nonnen von Tours vor dem Gericht der Oeffentlichkeit schon entschieden ist.

Im Verhör erkannte die Angeklagte ver⸗ schiedene Punkte der Anklage an. Sie gab zu, daß die Insassen zur Strafe dasZungenkreuz machen, das heißt, den Fußboden in Kreuzes⸗ form belecken mußten, und zwar auch auf dem Abort. Sie gab an, daß ihnen Kuhmist ins Gesicht geschmiert wurde, ferner, daß sie in die Zelle und ins dunkle Kellerverließ gesperrt Wurden. Sie gab zu, den Pensionärinnen, den Kopf in Zuber voll kalten Wassers Unter⸗ getaucht, sie bekannte, ihnen wiederholt zur Strafe die Haare abgeschnitten zu haben. An andere ihr vorgeworfene Grausamkeiten wollte sie sich nicht erinnern oder sie bezeichnete sie als übertrieben.

Der erste Zeuge ist der Zentralkommissär der Polizei. Er berichtete über die Zellen und Verließe des Hauses, über die Zwangs⸗ jacken, die konfisziert wurden, und er hat auch den Strohsack für die Leichen gesehen, auf dem nach der Aussage einiger Zeuginnen zu⸗ weilen Pensionärinnen übernachten mußten.

Die Zeugin Angele Jean tritt auch als Privatklägerin auf. Sie hat zehn Jahre in der Anstalt zugebracht. Sie hat lange in feuchten Kerkerzellen schlafen müssen, wo sie sich schtbere Leiden zugezogen hat. Man hat ihr eiskalte Douchen verabreicht, den Kopf in Wasser getaucht und mehrere Male die Haare abgeschnitten.

Die Zeugin Armandine Verriere ist eine von jenen Zöglingen, die auf der Toten⸗

matratze schlafen mußten. Sie wurde auf die Matratze gelegt, als diese noch mit dem Aus⸗ wurf der ungereinigten Leiche der einige Stunden vorher gestorbenen Kameradin Marie Henriette bedeckt war. 5

Eine weitere Zeugin ist infolge von zahl⸗ reichen Ohrfeigen ohnmächtig geworden, eine andere hat mehrere Stunden einen Knebel im Munde tragen müssen.

Die Zeugin Marie Troullebois hat das Zungenkreuz am Boden des Aborts so lange machen müssen, bis die Zunge blutete. Sie wurde in die Mistkammer gesperrt, sie mußte auf Brot gestrichenen Kuh mist essen!

Die Zeugin Isabelle Herand wurde ge⸗ zwungen, den Auswurf einer Tuberkulosen zu schlucken. Auch sie mußte das Zuungenkreuz auf dem Abort machen.

Auch zwei männliche Zeugen wurden ver⸗ nommen. Es sind die Gehilfen eines Raseurs, die bezeugen, daß ihr Chef wiederholt Haare von Penstonärinnen bei den Nonnen des Re⸗ fugiums einkaufte. Eine Schwester brachte zu⸗ weilen ganze Zöpfe von besonderer Stärke.

Am Samstag wurde das Urteil gesprochen. Die bestialische Menschenschinderin, die fromme Schwester Sainte-Rose wurde zu der in Anbetracht ihrer Verbrechen geradezu lächer⸗ lich geringen Strafe von 2 Monaten Ge fäng nis verurteilt.

Von Gottes⸗ und Mördergnaden.

Der neue König von Serbien, Peter I., hat sich nun von Genf, wo er sich bisher auf⸗ hielt, nach Serbien begeben und ist feierlich in Belgrad eingezogen. Anläßlich seiner Thron⸗ besteigung fanden große Festlichkeiten statt, Jubel und Festgelage an derselben Stelle, wo vor wenig Wochen der Vorgänger des neuen Königs unter Mörderhänden das Leben lassen mußte! Und als wenn alles ganz in Ordnung zugegangen wäre, haben die übrigen Regierungen die Anzeige von der Thronbesteigung mit freundlichen Dankschreiben beantwortet.

Die serbischen Dynastien.

Wenn Napoleons Grenadiere den Marschall⸗ stab im Tornister trugen, so tragen die unter⸗ nehmenden Leute in Serbien so schreibt W. B. in derLeipziger Volksztg. eine An⸗ wartschaft auf die Königskrone in der Tasche, und wenn man so oft die alte Kaiserin⸗Tigerin in China als ein Beispiel anführt, wie ein schlaues Weib aus dem Schlamm emporkriechen und sich auf einen Thron schwingen kann, so hat die Königin Draga gezeigt, daß dergleichen auch im mehr kultivierten Westen möglich ist. Nur war die Draga nicht vorsichtig genug; sie wollte an die Stelle des verkommenen Alexander ihren Bruder, einen frechen Leutnant, den Serben als König aufdrängen. Dies war den Serben denn doch zu toll und es erfolgte eine Palast⸗ revolution, ganz in russischem Stile, nach dem Muster derjenigen, die Paul I. aus der Welt schaffte. Nur, daß das Gemetzel in Belgrad größer war; man verfuhr radikal und räumte auch unter den Verwandten der Draga auf. Der freche Leutnant mußte daran glauben. So ist in Serbien die berühmte russischeKonsti⸗ tution eingeführt:der Despotismus, gemildert durch den Meuchelmord.

Neu ist das in Serbien freilich nicht. Seine Befreier vom Türkenjoch waren völlig skrupellose Leute und die Dynastien, die ehemaligen Ochsentreiber stifteten, waren es demgemäß auch. Die sympathischste Gestalt in dieser Gallerie vonHelden bleibt immer noch derschwarze Georg, der Stifter der Dynastie Karageorgie⸗ witsch, der ein serbischer Bauernsohn war und es in der österreichischen Armee bis zum Feld⸗ webel gebracht hatte. Er begann 1804 den Kampf gegen die Türken, vertrieb sie und machte sich zum Fürsten von Serbien. Welche Nerven dieser Mann hatte, geht daraus hervor, daß er einst, mit seinem alten Vater von den Türken verfolgt, den Greis, dem er sein Dasein verdankte, einfach umbrachte, um ihn nicht in die Hände der Türken fallen zu lassen. Ein andermal

war er von den Türken umzingelt und wurde

von ihnen aufgefordert, die Waffen niederzulegen Kommt und holt sie! war die Antwort und: derschwarze Georg wußte wohl schwerlich, daß Leonidas bei den Thermopylen den Persern die Gait Antwort gegeben hatte.

ertrieben und wieder zurückgekehrt, wurde der ehemalige Feldwebel von dem ehemaligen Ochsentreiber Milosch Obrenowitsch, seinem Unterfeldherrn, im Schlafe ermordet und Milosch schwang sich zum Herrscher auf. Indessen blieb derschwarze Georg immerhin der Nationalheld, in Liedern gefeiert. Indessen verblaßt der Nimbus dieser Art von Helden einigermaßen, wenn man erwägt, daß sie mit Rußland im Einverständnis waren und manchmal förmlich als dessen Agenten erscheinen. Die russische Diplomatie benutzte diese Leute, um an der Zerstückelung der Türkei zu arbeiten.

Der Ochsentreiber Milosch machte seine Dynastie gleich erblich. Er selbst blieb auf dem Thron ein Barbar, allein er verstand List und Gewalt vortrefflich zu handhaben, was ihn sogar bei gewissen albernen Geschichtsschreibern als einenfeinen Diplomaten erscheinen ließ. In Wirklichkeit war er ein Wüterich à la Peter derGroße nur in kleinerem Maßstabe. Die Serben hatten ihn denn auch schließlich satt und jagten ihn davon; auch seine Söhne konnten die famose erbliche Dynastie nicht auf dem Thron erhalten und auf die Ochsentreiber⸗Dynastie folgte wieder die Feldwebel⸗Dynastie mit einem Alexander, der sich bis 1859 befestigte. Dann kam aber der alte Milosch noch einmal ans Ruder und verfolgte mit furchtbarer Grausam⸗ keit die Anhänger der anderen Dynastie. Sein Sohn, den Schmeichlerhochsinnig nennen, wurde nach fünfjähriger Regierung ermordet, wobei Unterrocks⸗Angelegenheiten mit im Spiel waren. Und dann kam später der bekaunte Milan, dessen Persönlichkeit noch in aller Er⸗ innerung ist. Auch dieser Mensch hat seine Lobredner gefunden und ist alsStaatsmann undFeldherr gepriesen. Wir wollen heute nicht auf die unter seiner Regierrung vorgekom⸗ menen Greuel und Gewalttaten eingehend zurückkommen sein Sohn Alexander hat nun für alles büßen müssen, was die Obreno⸗ witsch an Unheil über Serbien heraufbeschworen haben. Und welche Weiber. Während die Draga Millionen auf die Seite brachte in der kurzen Zeit, da sie Königin war, während ste plante, nicht nur thre ganze Familie in die Dynastie aufzunehmen und derselben Apanagen auf Kosten des Landes auszuwerfen, will Natalie, die Mutter des vortrefflichen Alexander, Ruß⸗ land bewegen, in Serbien einzuschreiten. Welche internationalen Konsequenzen das haben kann, das kümmert natürlich derartige Weiber nicht.

Auch der letzte Alexander hatte wie der schwarze Georg starke Nerven; er drohte seinem Vater Milan, er werde auf ihn feuern lassen, wenn er auf serbischem Boden betroffen werde.

Ob es nun mit der Dynastie Karageorgie⸗ witsch besser werden wird? Das glauben wir kaum, denn die inneren Unruhen werden nicht aufhören. Schon hat man einenBastard von Milan entdeckt und es hat sich eiue Partei gebildet, dieAnsprüche dieses Jünglings auf den serbischen Thron vertreten und ihn darauf erheben will. Die schöne Zeit der mittelalter⸗ lichenritterlichen Bastarde, die auchAn⸗ sprüche auf Throne geltend machten, wäre sonach für Serbien im 20. Jahrhundert erst angebrochen.

Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß sich in Serbien eine starke republikanische Partei gebildet hai. Indessen ist die Armee nicht republikanisch gesinnt. Die Offiziere, welche die Palastrevolution gemacht haben, wollen eine Dynastie am Ruder haben, denn sie haben dabei mehr Chancen zum Euporsteigen, mehr Aussicht auf Orden und Reichtümer, als in einer Republik. Auch würde eine Republik sicherlich von Rußland bekämpft werden. In⸗ dessen haben wir unseren Spaß daran gehabt, wie mutig deutsche Zeitungsphilister bestrebt sind, Serbien vor den Gefahren einer Republik zu behüten.Denn, sagt ein solcher mit wich⸗ tiger Miene,Serbien eignet sich schon wegen

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