Ausgabe 
5.7.1903
 
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Seite 2.

Mtteldentsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 27.

Der neue Reichstag.

Es herrscht zwar auch jetzt noch über ein⸗ zelne Wahlergebnisse Unklarheit und es werden immerhin noch Berichtigungen erfolgen. Im Allgemeinen steht aber das Gesamtergebnis fest und nennenswerte Aenderungen können nicht mehr eintreten. Danach sind die Parteien im neuen Reichstage in folgender Stärke vertreten: bisherige Zuwachs

definitiv 85 Partei⸗

gewählt stärke Verlust

Konservatite. 52 52 0 Deutsche Reichspartei. 19 20 1 Antisemiten 4 9 12 3 Zentrum 102 106 4 Nationalliberale. 81 2585 2 Freisinnige Volkspartei. 21 28 7 Freisinnige Vereinigung. 9 15 6 Deutsche Volkspartei. 6 7 1 Sozialdemokraten. 81 58 +23 Bund der Landwirte 2 64 Bayrischer Bauernbund 5 5 0 8 16 1 Welfen 5 3 8 2 Elsässer 9 10 1 Christlichsoziale 2 1 E Nationalsoziale 1 0 3 Dänen 1 1 0 Wilde 9.

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Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die einen bedeutenden Zuwachs aufzuweisen hat, die anderen größeren Parteien hielten sich mit knapper Not auf ihrer bisherigen Stärke und die Zeche mußten die Freisinnigen, Antisemiten und der Bund der Landwirte bezahlen.

Von Sozialdemokraten sind gewählt:

1. Fischerk(Berlin). 2. Heine. 3. Singer. 4. Schmidt(Berlin). 5. Ledebour. 6. Stadt⸗ hagen. 7. Zubeil. 8. Körsten. 9. Bernstein. 10. Sachse*. 11. Kühn. 12. Kunert. 13. Elm.

14. Frohme*. 15. Meister. 16. Scheidemann.

17. v. Vollmar*. 18. Dr. Südekum. 19. Fischer (Sachsen), 20. Sindermann. 21. Kaden. 22. Dr. Gradnauer. 23. Horn. 24. Nitzschke. 25. Fräß⸗ dorf. 26. Grünberg. 27. Geyer. 28. Göhre. 29. Schippel⸗. 30. Auer. 31. Stolle. 32. Gold⸗ stein. 33. Rosenow. 34. Grenz. 35. Hofmann (Sachsen). 36. Gerisch. 37. Hildenbrand. 38. Cramer. 39. Dr. Herzfeld. 40. Blos.

stadt). 44. Förster. 45. Wurm. 46. Bebel. 47. Dietz. 48. Metzgerk. 49. Schmalfeldt. 50. Schwarz. 51. Legien. 52 Schmidt(Aschers⸗ leben). 53. Péus. 54. Thiele. 55. Molken⸗ buhr*. 56. Buchwald. 57. Haase. 58. Braun. 59. Herbert. 60. Tutzauer. 61. Pfannkuch. 62. Mahlke. 63. Lesche. 64. Schmidt!(Frank⸗ furt). 65. Hué. 66. Bömelburg. 67. Meist. 68. Birk. 69. Schulze. 70. Lipinski. 71. Motteler. 72. Schöpflin. 73. Schlegel. 74. Lindemann. 75. David. 76. Baudert. 77. Eichhorn. 78. Geckk. 79. Dreesbach*. 80. Ehrhart*. 81. Sperka.

Die mit bezeichneten gehörten bereits dem vorigen Reichstage an. Steben von unserm früheren Abg. wurden nicht wiedergewählt: Albrecht⸗ Anhalt; Antrick⸗Kottbus; Calwer⸗- Holzminden; Hoch-Hauau; Klees⸗ e Legitz-Fürth; Ulrich⸗Offen⸗

ach.

Drei haben nicht wieder kandidiert: Agster⸗ Pforzheim; Kloß⸗Stuttgart und Seifert- Stollberg.

Unsere Partei verlor die oben bezeichneten 7 Wahlkreise, gewann dagegen 30. Von diesen 30 befanden sich 14 schon früher ein⸗ mal in unserem Besitz.

Neu erobert wurden 16 Kreise und zwar: Frankfurt a. O., Randow-Greifenhagen, Lauen⸗ burg, Flensburg, Bochum, Löbau, Meißen, Pirna, Oschatz⸗Grimma, Leipzig⸗Stadt, Borna⸗ Pegau, Annaberg, Böblingen, Göppingen, Rudolstadt und Altenburg.

* Ein sozialdemokratischer Reichstags präsident?

Diese Frage diskutiert man innerhalb der bürgerlichen Presse mit ziemlicher Erregung. Man weist auf einen Artikel des Abg. Ber n⸗ stein in denSoz. Monatsheften hin, der allerdings dafür eintritt, daß die sozial⸗

demokratische Fraktion den Anspruch auf Be⸗

kann.

setzung der ersten Vizepräsidentenstelle nach⸗ drücklich erheben solle. Unsere Fraktion tritt erst bei Einberufung des Reichstags zusammen, konnte also über diese Frage noch keinen Beschluß fassen, wie bürgerliche Blätter be⸗ haupten. Unsere Partei wird es auch damit nicht so sehr eilig haben, sie wird, wie der Vorw. mit Recht bemerkt, mit Gelassenheit prüfen und entscheiden, wie sie sich dazu stellen wird. Aus Gründen parlamentarischer Gerech⸗ tigkeit gebührt unserer Partei die Stelle des ersten Vizepräsidenten. Weil aber die bürger⸗ lichen Parteien früher an die Wahl eines Präsidenten aus den Reihen der Sozialdemo⸗ kratie die Bedingung knüpfen, daß derselbe höfische Verpflichtungen mit übernehmen müsse, verzichtete unsere Partei ganz mit Recht auf den Präsidentensitz. Bernstein ist in dieser Be⸗ ziehung anderer Anstcht, wird aber damit kaum durchdringen. Und wenn dieFrkftr. Ztg. meint, es vergebe sich kein Sozialdemo⸗ krat etwas, wenn er in das Kaiserhoch ein⸗ stimme, so sind wir darüber ebenfalls ganz anderer Meinung und sind überzeugt, auch jeder sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete. *

Politischer Bankrott der National- sozialen.

Jene Partei, die einst mit tausend Masten in den Ozean schiffte, die auszog um die Sozialdemokratieabzulösen, für sie bedeutet auch die diesmalige Reichstagswahl eine Schlappe, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann. An Agitation und Arbeit haben es die nationalsozialen Führer gewiß nicht fehlen lassen; beispielsweise hat Herr von

Gerlach den Marburger Kreis seit Jahren

auf das gründlichste bearbeitet, kein Dörfchen unbesucht gelassen, kurz, eine Agitation entfaltet, wie sie durchgreifender nicht gedacht werden Nun ist Gerlach dort zwar als der einzige Nationalsoziale mit Ach und Krach ge⸗ wählt; seine Wahl bedeutet aber nicht etwa einen Sieg der nationalsozialenGrundsätze, sie ist vielmehr eine Folge der rührigen Agitation. Gerlach wäre schließlich auch gewählt worden, wenn er unter der Flagge irgend einer anderen

41. Reißhaus. 42. Bock. 43. Hofmann(Rudol⸗ 5 bürgerlichen Partei gesegelt wäre.

Der Pastor Naumann kommt endlich auch zu der Erkenntnis, daß seine Gründung nicht zu den geringsten Hoffnungen berechtigt. Er schrieb in seinerHilfe u. a.:

Wir Nationalsozialen kommen als geschlagene Truppe aus dem Kampf. Einer von uns ist in Stichwahl: Herr v. Gerlach in Marburg, wir anderen aber sind auch dieses Mal nicht bis zur Schwelle des Reichstages gelangt. Hoffentlich siegt wenigstens unser Freund v. Gerlach. Wir wollen alles tun, was möglich ist. Aber selbst dann, wenn er in den Reichs⸗ tag hineinkommt, bleibt vas, was wir erlebt haben, eine Niederlage und wird auch, wie ich aus sehr vielen Briefen und Telegrammen sehe, von unseren Freunden im ganzen Lande so aufgefaßt.Unser Freundeskreis hat Bewundernswertes geleistet. Wenn wir trotzdem verloren haben, so bedeutet das: wir sind nicht imstande, die neue Partei zu gründen. Das ist eine bittere Klarheit, aber es ist Klarheit.

Was ist die Ursache unserer Niederlage? fragt Naumann weiter und er antwortet:Im Grunde giebt es doch nur einen wirklichen großen Grund der Niederlage: Die Wucht des sozialdemokratischen Wachstums ist so groß, daß trotz unserer Arbeit überall auch uns gegen⸗ über die Sozialdemokratie stark gewachsen iste. Nach der Stichwahl in Marburg wird der Vorstand eingehend beraten. Es gilt, die Konsequenzen der Niederlage zu ziehen, ohne ungerecht gegen die Treue zu werden, die bis heute mit uns gegangen ist. Das ist nicht leicht. Soviel kann aber schon heute gesagt werden, daß ein Delegiertentag einberufen werden muß, dessen einziger Verhandlungsgegenstand ist: was tun wir, nachdem klar geworden ist, daß wir im gegen⸗ wärtigen Zeitpunkt nicht parteibildend auftreten können?

Was tun? Einfach die Bude zumachen! Ein Zwitterding wie das nationalsoziale Parteigebilde hat keine Existensberechtigung.

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Uebersozialdemokratische Wahl- betrügereien

wußte die konservativePost, das Organ der Scharfmacher, zu berichten. Im 2. Berliner

Wahlkreise waren für etwa 1000 Personen Stimmzettel abgegeben worden, obwohl die be⸗ treffenden Wähler am Wahltage gar nicht in Berlia anwesend, sondern nach entfernten Orten verzogen, oder verreist, oder gar verstorben waren.

Natürlich plappert sofort die gesamteOrd⸗

nungspresse die Mordgeschichten nach, macht

noch etwas mehr dazu und beschuldigt die Sozialdemokratie unerhörter Wahlfälschungen bevor noch eine Untersuchung eingeleitet, viel weniger nachgewiesen ist, daß Sozialdemo⸗ kraten die Betrügereien verübten, wenn wirklich welche vorgekommen sind. Soviel steht doch fest, daß die Sozialdemokratie ein⸗ mütig derartige Dinge verurteilt, selbstver⸗ ständlich erst recht, wenn ein Parteigenosse der Täter wäre. Es ist nur zu verwundern, daß diePost und ihre Nachbeter nicht gleich die Ungültigkeitserklärung aller sozialdemo⸗ kratischen Mandate fordern! Nun, man wird ja sehen, was heraus kommt. Die bürgerlichen Parteien könnten fich freuen, wenn sie so rein da stünden als die unsere.

Politische Rundschau.

Gießen, 2. Juli. Wie das Volk lebt.

Bei der Flugblattverteilung im Erzgebirge haben unfere Genossen Gelegenheit gehabt, die Not unter der dortigen Bevölkerung kennen zu lernen. Ein Flugblattverteiler schrieb da unserem Chemnitzer Parteiblatt:

In manchen Fällen traten unseren Verbreitern, die gewiß schon viel Elend und Not gesehen und erlebt haben, ob eines solchen Notstandes die Tränen in die Augen. Oft wurde geklagt, daß die Leute schon seit Wochen weiter nichts genossen hätten, als Eichorienbrühe und trockene Kartoffeln. Und solche Fälle sind nicht vereinzelt. Ein besonders krasser Fall soll hier erwähnt sein. Ein seit Wochen arbeits⸗ loser Genosse trug in Rittersgrün Flugblätter aus. In einer Stube, die auf die Bezeichnungmenschliche Woh⸗ nung keinen Anspruch machen kann, lag im Bett ein weit über 70 Jahre alter Bergarbeiter. Seit Jahren liegt er an einer unheilbaren Beinlrankheit darnieder. Die Frau, ebenfalls bald 80 Jahre alt, klöppelt.Ja guter Mann, spricht die Frau, wir täten Euch gern unterstützen, wir täten auch gern die Volksstimme lesen, denn wenn uns die Sozialdemokraten nicht helfen, hilft uns niemand. Aber wir können nicht, wir sind zu arm. Mein Mann ist schon viele Jahre krank. Er hat auch früher nie mehr als 6 Mk. die Woche ver⸗ dient. Da kann man sich nichts sparen. Ich klöpple von früh bis abends, da verdiene ich 2.50 Mk. die Woche. Davon müssen wir leben. Seit sechs Wochen haben wir nur Wurzelkaffee getrunken und Brot gegessen. Unser Genosse. wie gesagt, acht Wochen arbeitslos, legte seine letzten 30 Pfennig auf den Tisch und ging, aufs tiefste ergriffen, hinaus.

So siehts aus in unsern geliebten Vater⸗ lande! Daß die Bevölkerung des Erzgebirges die erbärmlichste Lebenshaltung zu führen ge⸗ zwungen ist, ist ja eine allgemein bekannte

Sache. Immerhin giebt es noch Gegenden genug, wo es der arbeitenden Bevölkerung nicht viel besser geht. Heller Zorn muß jeden

rechtlich denkenden Menschen packen, wenn dann noch Wortführer derOrdnungsleute, Kom⸗ merzienräte, Pfaffen, sowie Amts⸗ undun⸗ parteiische Blätter von Genußsucht und Be⸗ gehrlichkeit und Unzufriedenheit der Arbeiter reden.

Keine Sommerruhe

giebt es für unsere Parteigenossen. Kaum sind die Reichstagswahlen vorüber, so müssen unsere Genossen in Sachsen und Preußen schon wieder zu den Landtagswahlen rüsten. In Sachsen finden dieselben in der ersten Septemberwoche statt, in Preußen voraussichtlich Ende Oktober.

Zum Kapitel der Soldatenschindereien.

Vom Ende März bis Ende Juli wurde durch die unabhängige Presse die gerichtliche Aburteilung von 38 militärischen Vorgesetzten wegen Mißhandlungen, Beleidigungen und vorschriftswidriger Behandlung von Soldaten bekannt. Au Strafen wurden ausgesprochen: / ih se Zuchthaus, 5 Jahre Ehr⸗ ver! ahre 10 Monate 21 Tage Ge 3, 1 Jahr 9 Tage mittlerer Arrest,