Ausgabe 
5.7.1903
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 27.

von nah und Fern.

Betrügerische Patrioten.

In dem Prozesse gegen die Direktoren der in Konkurs geratenenPatriotischen Assekuranz⸗ Kompagnie und der Versicherungsgesellfchaft Kosmos zu Hamburg, wurde Direktor Holle wegen Vergehens gegen den Artikel 249g des alten Handelsgesetzbuchs in zwei Fällen zu 1 Jahr 2 Monaten Gefängniß und 9000 Mk. Geldstrafe oder weiteren 600 Tagen Gefängniß, und der Prokurist Schulz wegen Beihilfe zu 6 Monaten und 3000 Mark oder weiteren 200 Tagen Gefängniß verurteilt. Der Ange⸗ klagte Gervers wurde kostenlos freigesprochen.

Begnadigung des Dreschgrafen.

Bekanntlich wurden Graf Pückler und sein Inspektor Kirchner vor einiger Zeit von der Strafkammer Glogau wegen Zerstörung einer Feldbahn zu 6 1 e 4. Wo⸗ chen Gefängnis verurteilt. Auf die von beiden Verurteilten eingereichten Gnadenge⸗ suche ist die gegen Graf Pückler erkannte Strafe in 6000 Mark, diejenige Kirchners in 300 Mark Geldstrafe umgewandelt worden.

Den reichen Rittergutsbesitzer wird die Geldstrafe sehr wenig drücken. Bei dieser Gelegenheit darf auch darauf hingewiesen werden, daß noch immer einige der Opfer des schandhaften Löbtauer Urteils im Zuchthaus schmachten; hier würde eine Begnadigung all⸗ gemein mit Genugtuung aufgenommen werden, dem vielfach vorbestraften Dreschgrafen dagegen hätten die paar Wochen Gefängnis wirklich nichts geschadet.

Großfener im Leipzig⸗Plagwitzer Kon⸗ sumvereins Gebäude.

Ein großes Schadenfeuer brach am 25. Juni, demselben Tage, an dem die Stick wahlen stattfanden, in dem Gebäude des Plagwitzer Konsumvereins aus. Die in dem Teil des aus⸗ gedehnten Gebäudekomplexes untergebrachten Lager⸗ und Werkstätten sind ein Raub der Flammen geworden. as Feuer brach in der Tischlerei aus und zerstörte den ganzen Flügel, in dem sich auch Mehl⸗ und Kleievorräte be⸗ fanden. Es gelang, die große Mühle und das Hauptlager zu retten, die Bäckerei aber ist zum Teil ein Raub der Flammen geworden. Der Schaden beläuft sich auf mehrere hunderttausend Mark. Zur Bewältigung des Brandes sind fünf Dampfspritzen in Tätigkeit gewesen. Die Entstehungsursache des Brandes ist noch nicht ermittelt. DerVorwärts bemerkte dazu:

Nicht ohne Bewegung werden alle jene diese Nachricht vernehmen, die das Haus des Leipzig⸗Plagwitzer Konsumvereinms aus eigener Anschauung oder aus den so zahlreichen rüh⸗ menden Beschreibungen kannten. Was hier vom sinnlosen Element zerstört wurde, das war der Stoff gewordene Triumph des ge⸗ nossenschaftlichen Gedankens. Die Einrichtungen des Leipzig⸗Plagwitzer Konsumvereins waren mustergiltig für alle Welt; zumal seine Bäckerei mit ihrer aufs höchste gesteigerten Technik und ihrer denkbar größten Schonung der mensch⸗ lichen Arbeitskraft galt als ein Vorbild, das von Reisenden der ganzen Welt bewundert wurde.

Auf alle Fälle ist das Vertrauen berechtigt, daß der Solidaritätssinn der Leipziger Arbeiter das berühmte Unternehmen aus Schutt und Asche zu neuer Größe emporheben wird, und und daß Leipzig⸗Plagwitz bleibt, was es war: der Stolz der deutschen Genossenschafts⸗ bewegung.

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Die Ohren der Könige gleichen dem Gaumen verwöhnter Kranken, welche unfähig sind, die Bitterkeit der Kräuter zu vertragen, die zu ihrer Heilung notwendig sind.

Walter Scott.

** 15 1 Schwäche, je mehr Lüge; die Kraft geht gerade. Jean Paul.

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7 de Unterhaltungs-Ceil. 7

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Auch ein Bild aus dem Rechtsstaate. Eine Irrenhausgeschichte. 7(Fortsetzung.)

Später hörte ich durch den Vormund, daß auch dieser Antrag auf Aufhebung der Ent⸗ mündigung abgelehnt worden war. Es halfen auch nicht die 16 Zeugen, welche vorher in meiner Vaterstadt vorgeladen waren und zu meinen Gunsten ausgesagt hatten. Die Leute sprachen sich über mich 9 0 1 aus und be⸗ schworen ihre Aussagen. Der Amtsgerichtsrat (Obervormund) war darüber ganz außer Fassung. Er setzte ihnen insgesamt die phantafievolle Aufgabe: zu beschwören,ob sie auch Garantie leisten könnten, daß ich durchaus fähig sei, auch für die Folge ein Geschäft zu führen. Diese übertriebene Forderung, welche schon mehr über Menschenbegriffe hinausgeht, wo jeder Einzelne selber seine Last hat, seine selbständige Existenz erfolgreich durchzubringen und auch im Hinblick darauf, daß ich nun schon jahrelang aus meiner kaufmännischen Tätigkeit heraus und meine Kreditfähigkeit überhaupt ein für alle mal zer⸗ stört war, konnte Niemand leisten. Deswegen wurde mein Antrag zurückgewiesen.

Anfang Januar 97 schrieb ich heimlich einen Brief an den Kultusminister Dr. Bosse. Als nun Mitte März Antwort auf das Schreiben beim Direktor einlief und er mittags zur Visite kam, war er dunkelrot vor Zorn über die heimliche Briefbesoraung und ließ mich darauf nach Abteilung X abführen, woselbst ich drei Monate verbleiben mußte. Sein Zorn war mir ein großer Trost, denn daran merkte ich, daß mein Schreiben an die richtige Adresse gekommen war. Daß ich über kurz oder lang entlassen werden würde, daran zweifelte ich nicht mehr. Der Aufenthalt in X war aber unangenehmer als im Lazaret. Dort konnte ich mich tagsüber im Hofe arbeitend bewegen und Abends sogar die Anlagen bis 8 Uhr be⸗ nützen, was in Abteilung X wegfiel.

8 Monate lang, bis zum Tage meiner Verlegung nach Abteilung X, hatte ich Schüler unterrichtet. Gesunde Jungen besserer Familien aus dem Dorfe oder der Angestellten des Hospitals in Privatstunden. Anfangs 12 Schüler in 2 Abteilungen. Unterrichtsgegenstände waren: 1. alte Weltgeschichte(griechische und römische), sowie preußische Geschichte, 2. Geographie (Erdgestalt und Europa), 3. Zoologie.

Später hatte ich nur eine Abteilung von 8 der besten größeren Schüler. Von den 12 wurden 2 konsirmiert, einer zog mit der Familie weg, einen anderen mußte ich wegen fortgesetzter Ungezogenheiten entlassen. Ich hielt wöchentlich 4 Stunden und die Schüler, besonders die älteren, machten gute Fortschritte. Nach meiner Verlegung nach Abteilung X übernahm der Forstmeister diese Schüler.

Endlich konnte ich wieder neue Hoffnung schöpfen, entlassen zu werden. Der Direktor wandte sich selbst an den Vormund, damit derselbe ein Unterkommen für mich suche. Dann sagte er mir, ich solle auch noch einmal zu diesem Zweck an dem Vormund schreiben. Dessen Antwort blieb lange aus, er empfahl mir, ich möge selbst in meiner Vaterstadt eine Familie zur häuslichen Unterkunft schriftlich zu suchen. Meine Bemühungen zogen sich noch⸗ mals 7 Wochen hin, es wollte niemand einen angeblich Geisteskranken aufnehmen. Da erbat sich ein Verwandter, mich aufzunehmen, und der Vormund hatte inzwischen eine Stelle in einer Fabrik ausfindig gemacht. Auf die Zu⸗ sagen meiner Verwandten und des Arbeitgebers hin sandte mich der Direktor nach offiziellem Ersuchen meiner Verwandten am 7. August 97 endlich nach Hause. Mit mir wurde zu gleicher Zeit noch ein anderer Pflegling, ein älterer Buchhalter und sehr anständiger Herr, welcher

sich auch an den Kultusminister gewandt hatte, auf seinen Wunsch nach einer anderen Anstalt, zu weiteren Prüfung entlassen. Der Be⸗ treffende litt au Neurasthenie, was Professor Mende in Berlin festgestellt hatte und welcher ihm riet,/ Jahr Aufenthalt an der Nordsee zu nehmen. Seine Verwandten, welche in letzter Zeit seinen Lebensunterhalt gezahlt hatten, verweigerten ihm dazu die el, brachten ihn vielmehr in's Irrenhaus und bezahlten die höheren Kosten. Der Geh.⸗Rat T. erklärte,

daß die Neurasthenie eine unheilbare Ein⸗

bildung sei!

Einige Tage nach meiner Entlassung trat ich in die Fabrik ein, wo ich zuerst im Pack⸗ saal, dann im Bureau beschäftigt wurde.

(Fortsetzung folgt).

Humoristisches.

Wahlkuriosa.

Er kennt sich aus. Ein prächtiges Wahl⸗ kuriosum wird von einem Genossen aus Calbe mit⸗ geteilt. Dort kam ein polnischer Arbeiter vor das Wahllokal, in der einen Hand einen sozlaldemokratischen, in der anderen einen konservativen Stimmzettel. Er zeigte die beiden Zettel dem vor dem Lokal postierten Schutzmann und sagte ihn:Welches ist guter Mann, welches ist schlechter Mann? Der Schutzmann deutete auf den konservativen Stimmzettel und erwiderte: Das ist guter Maun.Serr schön, sagte der Pole darauf,steck' ich guter Mann in die Tasche und schlechter Mann in die Urne. Und er ging hin und wählte den Sozialdemokraten.

*¹

J wähl net! Kurz vor dem Wahltermin kam in einem schwäbischen Dorfe ein Reisender mit einem Bauer auf die Wahl zu sprechen. Auf die Frage. wer sein Kandidat sei, antwortete das Bäuerlein: J wähl netl Darüber drückt der Reisende seine Verwunderung aus; indeß erfolgt auf seine Frage nach dem Grunde nur die Antwort:J wähl net! In der sicheren Erwartung, vielleicht bei einem Glase Bier den Wahleifer des Bäuerleins etwa anzuspornen, lädt ihn der Reisende ins Wirtshaus ein, wo er ihm die Pflichten ein es jeden Staatsbürgers zu wählen, klar zu machen sucht. Das Bäuerlein trinkt ein Glas Bier nach dem andern, die Zeche ist bereits eine ganz namhafte und der Reisende agitiert immer noch erfolglos, denn das Bäuerlein antwortet stereotyp:J wähl net! Endlich reißt dem Reisenden die Geduld; er springt auf, zahlt und will gehen, da ruft ihm das Bäuerlein nach: Ha, i wähl net, weil i fünf Jahr Ehrverluscht ab

*

Ein Zentrumskandidat kam auch auf die Jesuiten zu sprechen und führte aus, daß man sie mit Unrecht als gefährliche und schlechte Menschen hinstelle. Das sind ste nicht, rief er,und wenn sie es auch wären in Deutschland laufen so viele Lumpen herum, daß es auf tausend mehr nicht ankäme! Der Herr Kaplan, der neben dem Redner saß, soll arg er⸗ schrocken sein und ein merkwürdiges Gesicht gemacht haben.

Eine sonderbare Tischler⸗Rechnung. Ein Schrank, rechts zur Wäsche, links zum

Aufhängen. 30. Mk. Einen Fußtrit für die Frau Gemahlin. 1.50 Einen Ofenaufsatz für den Herrn, der

dürchgebrannt ae Eine Kaffeemühle für die Köchin, die ver⸗

dreht war

Summa 34. Mk,

Anders gemeint. Mann:Eine schlechte

Eigenschaft hast Du, daß Du nämlich niemals meine

Taschen untersuchst! Frau:Und das nennst Du

eine schlechte Eigenschaft? Mann:Natürlich; sonst würdest Du finden, daß sie alle zerrissen sind! (Lust. Bl.)

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Geschichtskalender.

5. Juli. 1893: Maupassant, franz. Dichter f. 1804: George Sand,(Baronin v. Dudevant.) bedeutende franz. Schriftstellerin*.

6. 1898: Kolonialheld Wehlau vor dem Reichs⸗ gericht. 1535: Thomas Morus, engl. utopistischer Sozialist hingerichtet. 1373: Johann Huß geboren.

7. 1789: Anfang der franz. Revolution.

3. 1822: Shelly, engl. Freiheitsdichter, im Mittl. Meer ertrunken.

9. 1895: Entlassung des Redakteurs derKreuz⸗ zeitung Hammerstein.

10. 1900: Wilh. 2. Racherede in Kiel. 1849: Ende der badischen Revolution.

11. 1896: Geschichtsschreiber Curtius gestorben.

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