eingerichteten Anstalt ist
— Arbeiter-
Leite 6.
Mitteldeuische Sountags⸗Zeitung.
Nr. 14.
W n 1 Unterhaltungs-Ceil.*
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Der Lenz ist da:
Nun endlich ist der Frühling da,
Die Vögel preisen fern und nah
Sein Wiederauferstehen!
Er schmückt mit Grün den weiten Raum, Schmückt Wald und Feld und Busch und Baum Im Tal und auf den Höhen!
Er kam mit seinem Sauberstab,
Da sprangen auf, aus Tod und Grab, Die Blüten, bunt, in Fülle!
Im frisch ergrünten Sonnenhag Erklingt aufs neue Drosselschlag
Nach langer Winterstille.
Der junge Frühling wies hinaus Die Düsterkeit aus jedem Haus, Sie floh in aller Schnelle! Ein Strom von warmem Sonnenschein Ergoß sich in die Welt hinein Mit seiner Strahlenhelle. Nun ist er da! Wo jüngst verschneit Noch Alles lag, herrscht weit und breit Nur Pracht und neues Leben, Wohin man nur auch schauen mag: In Wald und Hain, in Flur und Nag Des Frühlings Lüfte wehen!
Frida Pritzlaff.
Ein Narr des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke.
(Fortsetzung) Eines Tages, da ich von der Wachtparade zurückgekommen, ward an der Tür meines Zimmers gepocht. Ein unbekanntes Frauen⸗ zimmer trat herein, ein liebliches Gestcht. Lilien und Pfirsichblüten mischten die Farben im Strauße nie schöner als auf diesem Antlitz unter einer Lockenfülle des Haares. Sie fragte mit Erröten und zitternder Stimme nach mir; dann fiel sie in Tränen zerfließend nieder, um⸗ armte meine Kniee, und da ich erstaunt sie aufrichten wollte, bedeckte sie meine Hand mit ihren Küssen. Was mir ahnte, bestätigte endlich
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ihr Ruf:„O mein Vater! o mein Vater g N 1 il Ich e 5 e bat mich, sie in diesezeryfbezrzn
Stellung verharren zu lass D 1 bin so selig, daß mein Hoßn, und sagte:„Ach Es währte langes geyrz bricht!“ 1 „ ann iter ehe sie sich erholte und schloß ich sie an mein Herz, drückte einen Kuß auf ihre helle Stirn und befahl ihr, mich als Vater zu betrachten und „du“ zu heißen. Sie gehorchte. Aber mir hatte der väterliche Kuß etwas die Sinne verwirrt. Sie war in einem. Gasthof abgetreten. Dort ließ ich sie einige Tage; aber diese Tage waren genug, über meine Gemütsruhe zu entscheiden. Als Amalia in ihre Anstalt zurückreisen wollte, ab ich ihr den Rat, in einer bürgerlichen Wohnung der Stadt zu bleiben und Stickereien um Geld zu unternehmen. Es war mir zu schwer, mich von ihr zu trennen. Aber ihr verraten, daß ich reich sei, wollte ich auch nicht. Ich mußte ste prüfen. Ich mietete ihr einige Zimmer, nahm eine Magd zu ihrem Dienst, versorgte sie mit Flügel, Harfe, Büchern, nach wenigen Tagen auch mit Aufträgen zu Stickerei⸗ arbeiten, freilich alle auf eigene Kosten, unter Vorgeben, sie kämen von fremder Hand. Ich besuchte sie wöchentlich nur ein⸗ oder zweimal, um Aufsehen oder üble Deutung zu meiden. Jeder Besuch war mir ein, Fest. Du kannst dir's denken, wie süß es mich durchdrang, zu wissen, es lebe unterm Monde ein Wesen, das mit alles schuldig sei, das keinem zugehörte in der Welt als mir, das von meiner Fürsorge alles erwarte, und dies Wesen sei von allem, was die Natur mir jemals Schönes, Frommes, Edles gewiesen, das Auserlesenste.— Amaliens
Leuten mit dem, tun— diese
in der Stadt kein Geheiumis. Sie zog die Blicke auf sich. Man sprach mir davon, und ich verhehlte nicht, daß ich ihr Pflegevater sei und sie ein armes Kind von unehelicher Geburt. Man brachte ihr bald Arbeiten über Arbeiten, denn ich hatte ihr untersagt, je in ein fremdes Haus zu gehen. Frauenzimmer kamen zu ihr, weniger der Stickereien wegen, als die Vielge⸗ priesene in der Nähe zu sehen.
Eines Tages, da ich Amalien besuchte, hörte ich, indem ich vor der Türe ihres Zimmers stand, daß sie mit einem Mann in heftigem Wortwechsel war. Ich erkannte die Stimme meines Oberleutnants. Als ich die Tür öffnete, wollte er ihr einen Kuß rauben. Ich warf ihm sein unanständiges Betragen vor, und da er Umstände machte, flog er unter meinen Händen die Türe hinaus, die Treppe hinab. Er glaubte, ich habe seine Ehre beschädigt, und forderte mich zum Duell. Ich wies ihn mit seiner Narrheit ab. Das Corps der Offiziere drohte, nicht mehr neben mir dienen zu wollen, weil ich ein Feiger wäre. Das war ich nicht, ging anf den bestimmten Kampfplatz wehrlos und sagte dem Narren, wenn er Lust habe zum Meuchel⸗ mord, so gebe ich ihm Erlaubnis dazu. Jetzt wurden er und die Offiziere pöbelhaft. Sie glaubten nach ihren barbarischen Vorstellungen meine Ehre tödlich verwundet, wenn sie sich selbst durch Pöbelei entehrten. Ich fragte sie dagegen, ob Gassenbuben, die einen achtbaren Mann auf der Straße mit Kot bewürfen, da⸗ durch achtbar, hinwieder der achtbare Mann dadurch ein Gassenbube würde?
Am andern Morgen bei der Parade übergab mir ganz unerwartet mit zierlicher Rede der General einen vom Hofe erteilten Orden. Dieser war noch Spätfrucht meiner ehemaligen Verbindungen mit der Baronesse von Mooser und das Werk ihres Oheims, des Kriegs⸗ ministers. Ich konnte das Bändlein, nach meinen Begriffen von Verdiensten, gar nicht annehmen. Und hätte ich wirklich ein Verdienst um den Staat gehabt, würde ich mich geschämt haben, die Belobung desselben alle Tage prahlerisch mit mir umherzuschleppen.— Meine standhafte Weigerung, das Läppchen mit dem Sternlein anzunehmen, war in den Jahrbüchern der Monarchie unerhört. Meine Aeußerung:
Pflicht und Tugend lassen sich nicht belohnen, sondern nur anerkennen; aber auch nicht 1 55 kannt, tue der Biederpiauny ehr% ner wenigsten lasse. er Urdercn ccc s flicht; am hin, als„Wohltöter“ aläch zwingen, vor andern em, was er geleistet hat, groß zu Aeußerung galt für Jakobinerei und Unsinn. Der General war wütend. Nun traten die Offiziere wegen ihrer, wie te meinten, schadhaft gewordenen Ehre auf. Ich bekam Verhaft und nach einigen Wochen Abschied vom Regiment. f Des war ich wohl zufrieden. Jetzt kleidete ich mich bürgerlich, wie ich wollte, eben nicht nach der herrschenden welschen Mode, aber bescheiden, bequem, naturgemäßer, wie du uns hier alle in Flyeln siehst. Die Leute sperrten
zahlen, urteilen, begannen,
je Augen auf und hielten mich für närrisch, 9 das um 1 mehr, als sie erfuhren, ich sei nichts weniger denn arm, sondern einer der begütertsten Männer des Landes.„Nur Amalia wußte, warum ich so handle. Ich hatte ste mit meinen Ansichten der heutigen Welt vertraut gemacht und mit meinen Grundsätzen. Sie, selbst ein Naturkind, einfach und geistvoll, billigte meinen Sinn und lebte ganz in demselben. Freilich auf Malchens Urteile konnte ich nicht stolz sein, denn es waren nur meine eigenen. Sie dachte, sie empfand nichts, als was ich; ihr Wesen war aufgelöst in dem meinigen. Ihre ehrfurchtsvolle, töchterliche Liebe war ohne ihr Wissen in die reinste, schamvollste und innigste der Jungfrau übergegangen, und ich freilich schien mir selbst für die Vaterrolle etwas zu jung. i
Als ich eines Tages ihr davon sprach, daß ich auf meine Güter zurückzugehen gedenke, bat sie, mir folgen zu dürfen, sie wäre glücklich, mir dort als Magd dienen zu dürfen. Und
Haupt, und sie sprach:„Desto besser, deine Gemahlin wird keine getreuere Dienerin finden als mich.“—„Aber,“ sagte ich,„meine künftige Gemahlin denkt schon jetzt nicht so vorteilhaft von dir, als du verdientest.“—„Was habe ich bei ihr schon verschuldet?“ antwortete ste mir mit aufgehobenem Antlitz und allem Stolz der Unschuld.„Zeige mir deine Braut; ich werde um ihre Huld und Achtung werben.“— Ich führte Malchen vor den großen Spiegel des Zimmers, zeigte hiuein und sagte stammelnd: „Da siehst du sie.“— Sie machte bei diesen Worten eine Bewegung des Schreckens, sah mich erblassend mit ihren großen blauen Augen an, worin eine Frage erstarb, und sagte dann zitternd:„Mir ist nicht wohl!“ Sie sank toten⸗ haft nieder. Ich rief der Magd. Ich war vor Entsetzen gelähmt.
Als Amalia genas und sich nach dem. Schlummer der Ohnmacht ihre Wangen färbten und ste die Augen aufschlug, war ihr erstes ein sanftes Lächeln gegen mich, dann Ver⸗ wunderung über meinen und der beschäftigten Magd Kummer. Erst allmählich kehrten ihre Erinnerungen zurück. Sie glaubte geschlafen zu haben. Ich wagte kaum, von dem Vorge⸗ fallenen zu reden. Als wir wieder allein waren, sagte ich:„Amalie, warum erschrackst du vor dem Spiegel? Warum darsst du nicht meine Braut sein? Rede offen, ich bin gefaßt, alles zu hören.“— Sie errötete, war lange stumm, den Blick am Boden.—„Warum darfst du nicht?“ fragte ich noch einmal. Da seufzte sie und sah zum Himmel.„Dürfen? o Gott, dürfen? Was darf ich noch anders, als was du willst? Kann ich denn selig sein, kann ich denn atmen ohne dich? Ob deine Magd, ob deine Braut, alles eins, denn ich habe nur eine Liebe für dich.“
Während ich in den Vorhallen des Himmels lebte, war die Stadt vor Erstaunen außer sich, waren meine Verwandten väterlicher- und mütterlicherseits in Grausen und Verzweiflung, als ich die nahe Vermählung mit Amalien ankündete. Ein Freiherr aus altadligem Ge⸗ schlecht, dessen Altvordern im Dienst er. Hüge die höchsten Würden bekleidetyätten, ein hof, turnter⸗ und stiftactgcher Baron, mit den ersten Familien desgandes blutsverwandt, geht die
heillos schesalliance ein, nicht einmal mit
ultter Briefadligen, nicht einmal mit einer vor⸗ . ehrlichen f Petkeimndchen von unehelicher Abkunft!— Man schrieb Verwandtschaft, man werde schämen, mich von künftigen ausstoßen, allerhöchsten 25 zu 1 5 18h 2. alles zu spät, denn na 0 war 11 samalia förmlich vor dem Altar an⸗ getraut worden.
Bürgerlichen, nicht einmal mit einer Handwerkslochter, nein, mit einem
aus meiner ganzen sich meiner öffentlich Erbschusepeen
Verwendungen beim 5 n Es kam Tagen schon
mir Drohbriefe
mich
Was soll ich dir von den Torheiten er wilde die Menschen, behaftet mit Vor⸗ sobald 5 10 als ehrlicher, natürlicher Men 3 1 2 5 Wahrheit gemäß, mit Verbannung aller Schnörkeleien, aller Tanzmeisterhöflichkeiten, aller Ausländereien, aller sogenannten e nienzen, ohne jedoch deswegen ein würdiges und anständiges Betragen aus den Aae setzen. Mein einfaches Du, mit dem ich 2 85 anredete und von jedem angeredet zu werden bat, schreckte sogleich jeden von mir, als 1 ich mit Pestbeulen bedeckt. Mein Bart 0 e zum Gespötte, mein freundliches Grußerwi 59; ohne spießbür erliches Hutabzlehen auf 5 Gassen hieß Grobheit. Ich ließ mich nich irre machen. Einmal mußte Bahn gebrochen werden. Ich wollte sehen, ob es im neunzehnten Jahrhundert erlaubt sei, in einer europülscher Stadt mit Wegwerfung aller Schnurren, a 95 verschrobenen Begriffe zu leben. Weit 2105 1 jemand durch irgend eine Unart zu kränken, jemand wegen seines Vorurteils, seines Wahns, seiner moralischen Verzerrung Vorwürfe zu machen, ward ich gefälliger gegen jeden. 10 suchte die Menschen, von welchen ich äußerlie so sehr verschieden war, wie ich es schon in
als ich stockend sagte, ich gedenke mich zu ver⸗
Schönheit und demütiger Stand waren bald
mählen, senkte sie mit gefalteten Händen ihr
meinem Innern gewesen, durch Güte, durch


