Ausgabe 
5.4.1903
 
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worden.

Nr. 14.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

lIchlig gerührt und der vergnügteOberhesse

empfiehlt seinen Lesern diesen vielseitigen Reichstagskandidaten, der, neben seinen tat⸗ kräftigen Eintreten für die Arbeiterch, auch natürlich in erster Linie die Interessen der Junker und Großgrundbesttzer zu denen er ja doch gehört zu vertreten verspricht und zugleich den Mittelstand und das Handwerk retten will, auf das wärmste. In einigen Ortschaften benutzten die konservativen Bündler die Raiffeisensache dazu, um ihre politischen Versammlungen, nachdem der hiesige konservative Agitator Klingenbiel vorher einen Vortrag im Raiffeisenverein gehalten, zu füllen und ihre Weisheit an den Mann zu bringen. Hier in Marburg ist noch wenig von der be⸗ vorstehenden Reichstagswahl zu spüren. Außer einigen bündlerisch⸗konservativen Wahlabmach⸗ ungen hinter verschlossenen Türen haben bis

jetzt abgesehen von unseren öffentl. Partei⸗

versammlungen, in denen aber keine Gegner aufzutreten wagten nur die Nationalsozialen öffentliche Versammlungen abgehalten. Von allen anderen Parteien hört man noch nichts. Die angebliche antisemitische Kandidatur des Hauptmanns a. D. Grimm stellt sich als unrichtig heraus; das Zentrum hat den Redakteur derFuldaer Ztg. als Zähl⸗ kandidaten aufgestellt. Ob nicht aber am Ende doch noch, wie das letztemal Dr. Böckel auf dem Plane erscheinen wird? Wer kann das wissen? Es dürfte ihm aber diesmal schwerlich gelingen, wieder in den Reichstag in dem er stch während der letzten fünf Jahre kaum ein halbes Dutzendmal hat sehen lassen und wo er bei den wichtigsten Debatten und Abstimmungen fehlte hineinzukommen. Der Bahnbau Marburg⸗Dreihausen wird in den nächsten Tagen in Angriff genommen und mit den Erdarbeiten am Südbahnhof be⸗ gonnen. Ob da auch wieder, anstatt der hie⸗ falt größtenteils ausländische Arbeiter einge⸗ stellt werden wie bei den Erweiterungsbauten am Hauptbahnhof? Bei letzteren Arbeiten werden übrigens bei zehnstündiger anstrengender Arbeit ganz erbärmliche Löhne gezahlt. Auffallend ist es aber, daß die Italiener usw. die Stunde mit 35 Pfg. entlohnt werden, während die hiesigen Arbeiter nur 32 Pfg. erhalten. Verschiedenes. Am vergangenen Samstag Abend fand in Cappel eine Ver⸗

sammlung von Interessenten zur Errichtung

einer Filiale des hiesigen Konsumvereins statt, welche Ja besucht war. Dr. Michels hielt, einen Vortrag über das Konsumsvereinswesen der sehr beifällig aufgenommen wurde. Schließ⸗ lich wurde eine dreigliederige Kommission gewählt, welche die weiteren Schritte in dieser Angelegen⸗ heit unternehmen soll. Die Marburger Pferdebahn soll bereits am 1. Juli d. Jahres ihren Betrieb aufnehmen. Die Lieferung des Materials und die nötigen Arbeiten sind bereits vergeben. Die hiesige Volksküche wird bereits täglich von ca. 190 Personen frequentirt, an einzelnen Tagen übersteigt die Zahl der Be⸗ sucher schon 200. Gewliß ein Zeichen, daß die Anstalt ein Bedürfnis für Marburg war.

Verurteilung desBlumenmediums.

Nach langer Verhandlung vor der Berliner Strafkammer ist nun die Anna Rothe wegen Betrugs in 48 Fällen zu einer Gefängnisstrafe von Jahren verurteilt worden. 8 Monate wurden als verbüßt erachtet. In der Be⸗ gründung des Urteils wird ausgeführt, die⸗ jenigen, die statt der erwarteten Vorführungen aus der Geisterwelt Taschenspielerkunststücke er⸗ hielten, seien in ihrem Vermögen geschädigt Die Angeklagte versprach übernatür⸗ liche Dinge, die ste aber nicht leisten konnte. Die Zeugen beobachteten nicht sorgfältig genug und wurden getäuscht. Die Angeklagte betrieb ein un fangreiches Gewerbe mit ihren Sitzungen,

begnügte sich aber mit bescheidenem Gewinn.

Strafmildernd ist, daß sie hysterisch ist und

daß die Leichtgläubigkeit der Spiritisten ihr

zu Hilfe kam. Erschwerend wirken das frivole Spiel mit der Religion und ihr Leugnen nach der Entlarvung. Der Prozeß beanspruchte nach mehreren Seiten hin Interesse und wir

werden wohl noch hier und da darauf zurück⸗ zukommen haben. Er zeigte, welcher Aberglaube in weiten Kreisen und namentlich inbesseren herrscht; fast alle Zeugen, die sich be⸗ trogen glaubten, sowie diejenigen, welche die Taschenspielerkunststücke als höhere Offenbarung ansahen, gehörten den wohlhabendenbesseren Kreisen an. Mit Recht wird die Rothe bestraft: Sie hat durch Vorspiegelung falscher Tatsachen Geld verdient. Es darf aber wohl gefragt werden: Glauben alle diejenigen das, was sie sagen, die für Geld von der unbefleckten Emp⸗ fängnis der Jungfrau Maria, von der Himmel⸗ fahrt Christi, und der Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut des Nazareners erzählen?

Ein Gesangverein als Ketzerrichter.

In Oberlahnstein am grünen Rhein besteht ein Gesangverein mit dem schönen NamenFrohsinn. Ein Mitglied desselben erhielt kürzlich folgende Zuschrift von dem Vor⸗ stand:Da sich Ihre Anschauungen mit unserem Statut nicht vereinbaren, sind wir gezwungen, Sie zu streichen. Statut und Mitgliedskarte haben Sie zurückzusenden. Was sich ein Gesangverein umAnschauungen zu kümmern hat, dem es doch mehr auf die Stimme der Mitglieder ankommen sollte, darüber hat der Betroffene bisher vergeblich nachgedacht. Ob es die sangeskünstlerischen Anschauungen sind, welche den Beckmessern vom Blöd pardon, Frohsinn nicht konveniren, konnten wir nicht erfahren; politische oder religöse können es nicht sein, denn im Statut heißt es in§ 1:, Politische und religöse Angelegenheiteu werden im Verein nicht erörtert. Allerdings ist der Gemaßregelte weder Bet⸗ bruder noch Hurrahschreier; drum wird er sich hoffentlich zu trösten wissen und weitersingen wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet.

Polizeiattacken auf streikende Arbeiter.

In Colmar i. Els. streiken die Textil⸗ arbeiter. Aus ganz geringfügiger Veranlassung kam es am Montag zu Zusammenstößen mit der Polizei. Diese fiel mit blanker Waffe über die Streikenden her und verwundete viele, darunter auch Frauen und Kinder.

Kleine Mitteilungen.

* EinenZug ins-Großartige hatten bie Unterschlagungen des Bankiers C. Bräun ing in Tübingen, der vom dortigen Schwurgericht zu 5/0. Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Er hatte 289300 Mark fremde Gelder veruntreut.

* Opfer der Arbeit. Fünf Arbeiter erstickten im Gaswerk in Trier durch ausgeströmtes Gas. Drei andere, die auch in Lebensgefahr schwebten, konnten wieder belebt werden. Durch eine Explosion in der Aluminiumwerkstätte Eiermann und Tabor in Nürnberg verunglückten elf Arbester, die zum größten Teil fürchterlich verbrannten. Am gefährlichsten wurde unser Genosse Rauh verletzt, der seinen Wunden auch erlegen ist. Er war Kassterer des soz.-dem. Ver⸗ eins in Stein.

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

Brutale Vergewaltigung der Arbeiter. Einen infamen Gewaltstreich haben die Kapitalisten des Nordd. Lloyd in Bremen, jener bekannten Dampferlinie, gegen die Arbeiter verübt. Sie versuchten, die Ar⸗ beiter in den Streik zu treiben und zwangen sie, aus dem Hafenarbeiterverbande auszutreten, indem sie nur solche Arbeiter einstellten, die sich durch Unterschrift verpflichteten, dem Verbande nicht mehr anzugehören. Uuser Bremer Parteiorgan schreibt dazu:An diesem Sieg wird der Norddeutsche Lloyd keine Freude erleben. Nicht der Lloyd ist der Sieger, sondern die Arbeiter haben durch ihre geradezu bewundernswerte Disziplin einen Sieg über die unerhörteste Provokation zum Streik, die je vorgekommen ist, errungen. Der Lloyd wollte den Streik, er brauchte ihn aus

ist nicht aufgehoben. Wenn bie Lohnarbeller sich heute zähueknirschend in das Joch beugten, so wird die Zeit kommen, wo sie dieses verhatzte Joch mit Hohnlachen dem Lloyd vor die Füße werfen.

Versammlungskalender. Samstag, den 4. April.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei LöbWiener Hof. Metallarbeiter Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Brauer. Abend 9 Uhr Versammlung bei b, Wiener Hof.

Lollar. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wirt Schupp.

Dienstag, den 7. April.

Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Freitag, den 10. April. Friedberg. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends

81½ Uhr Versammlung in Stadt New-Pork. T.⸗O.: Kreiskonferenz und Wohnungsstatistik. Sonntag, den 12. April.

Marburg. Konsum verein. Vorm. 11 Uhr: Sitzung des Aussichtsrates und Vorstandes bei Jesberg.

Kontrollversammlungen finden statt: In Gießen im Hofe der Kaserne am Brand für die Orte Annerod, Allendorf a. Lahn, Altenbuseck, Beuern, Burk⸗ hardefelden, Gießen, Großen-Buseck, Großen⸗Linden, Heuchelheim, Klein Linden, Langgöns, Leihgestern, Oppen⸗ rod, Rödgen, Trohe, Watzenborn⸗S einberg, Hausen und Wieseck am Montag, 6. April, vorm. 8 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots der Infanterie, welche in den Jahren 1890 und 189m eingetreten sind, vorm. 10 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots der Infanterie, welche in den Jahren 1892, 1893 und 1894 eingetreten sind, nachm. 2 uhr: Sämtliche Reservisten der Garde, Jäger, Kavallerie, Feld- und Fußartillerie, Pioniere u. Verkehrstruppen; am Dienstag, 7. April, vorm. 8 Uhr: Sämtliche Reservisten des Trains, Sanitäts⸗ u. Veterinärpersonals, Oekonomiehandwerker u. Marine⸗ Mannschaften, sowie zur Disposition der Truppenteile u. der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften d. Spezial⸗ waffen; vorm. 10 Uhr: Wehrleute 1. Aufgebots aller übrigen Waffen, nachm. 2 Uhr: Ersatz⸗Reser⸗ visten der Jahrgänge 1890, 1891, 1892 und 1893; am 38. April, vorm. 3 Uhr: Ersatz⸗Reservisten der Jahrgänge 1894, 1895, 1896 und 1897. vorm. 10 Uhr: Ersatz⸗Reservisten der Jahrgänge 1898, 1899, 1900, 1901 und 1902.

Letzte Nachrichten.

Die holländische Kammer trat am Donners⸗ tag in die Beratung der Streikgesetz e leine Art Zuchthausvorlage) ein. Troelstra(Soz.) hielt eine ein⸗ dringliche dreistündige Rede dagegen.

I Aeeutat. Der russische Konsul in dem albane⸗ sischen Städtchen Mitrowitza wurde von einem alba⸗ nesischen Soldaten erschossen. Der Vorfall hat un⸗ geheure Aufregung hervorgerufen.

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Die nächste

Zur Beachtung!

tags⸗Zeitung gelangt de Charfreitags wegen Donnerstag, 9. April, zur Ausgabe.

Ursachen, über die das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Die Arbeiter haben dem CTleyd diesen Gefallen nicht geten.der aufgeschoben

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