Ausgabe 
5.4.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung

Nr. 14.

Pon Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Sorgt für Pulver z um Wahl⸗ kampf! Diese Mahnung müssen sich, nach⸗ dem jetzt der Wahltag ausgeschrieben ist, alle unsere Freunde zu Herzen nehmen. Für unsere Partei, die in allen 397 Wahlkreisen die Agi⸗ tation entfalten muß, gestaltet sich trotz großer Opfer, welche die einzelnen Genossen an Zeit und Geld leisten müssen, wahrlich nicht billig. Zwar fabeln die Gegner oft von Reichtümern unserer Partei und namentlich die Antisemiten weisen oft mit Neid und manchmal unter allerlei ver⸗ dächtigenden Anwürfen auf die Quittungen des Parteivorstandes hin. Genau besehen sind unsere Einkünfte ziemlich gering. Trotzdem einzelne wohlhabende Genossen dem Partei⸗ vorstand ansehnliche regelmäßige und gelegent⸗ liche Beiträge überweisen, betrug die Jahres⸗ einnahme der Partei im letzten Jahre 346000 Mark, was im Durchschnitt reichlich fünfzehn Pfennige pro Kopf unserer Wählerzahl aus⸗ macht. Im ganzen Jahre wohlverstanden! In Wahlzeiten müssen wir daher einige Nickel opfern und namentlich diejenigen, welche keine regelmäßigen Parteibeiträge leisten oder sonst in wirtschaftlicher Beziehung etwas besser da⸗ stehen, dürfen etwas tiefer in die Tasche greifen. Sammellisten sind bei dem Wahlkomitee (A. Bock, Dammstraße 22) zu haben.

Zum Kapitel Schwindelkranken⸗ kassen sei noch nachträglich bemerkt, daß die Union, welche auch in unserer Gegend dem Mitgliederfang oblag, am 16. v. Mts. in Hannover Generalversammlung abhielt. Wie unser dortiges Parteiorgan mitteilt, beschloz diese, die Kasse am 1. Juni aufzulösen, wohl um damit der polizeilichen Schließung zuvor⸗ zukommen. Die Kasse hat 85000 Mk. Schulden. Bei einer 1 fand der Gerichtsvoll⸗ zieher in Kasse und Reservefonds einen einzigen baren echt kupfernen Pfennig. Um das Publi⸗ kum über die Zahl der Mitglieder zu täuschen, begannen die Mitgliedsbücher mit der Nr. 20001. Wie uns mitgeteilt wird, versuchen die Macher ein neues Schwindelunternehmen unter den NamenThalia ins Werk zu setzen, ste haben bereits diesbezügliche Rund⸗ . losgelassen, aus denen hervorgeht,

die Herren blos die Aemter gewechselt haben. Jeder Arbeiter hüte sich vor dem Schwindel!

Das Siechenhaus an der Licher⸗ straße ist nunmehr seiner Bestimmung übergeben und bereits von einer Anzahl Verpflegungs⸗ bedürftiger bezogen worden. Die in bester Lage errichtete Anstalt entspricht in ihren Ge⸗ bäulichkeiten und Einrichtungen allen hygieni⸗ schen Anforderungen. Leiter der für 250 Kranke eingerichteten Anstalt ist Herr Dr. Markwald.

Arbeiter⸗Risiko. Im Braunsteinberg⸗ werk vorm. Fernie, verunglückten am Dienstag die Arbeiter Müller aus Dutenhofen und Weller aus Kleinlinden. Ein eiserner Rollwagen kippte um und

fiel auf die beiden, die dadurch schwere Verletzungen erlitten.

Ueber Bodenreform und Erbbaurecht sprach am Dienstag vor 8 Tagen der bekannte Bodenreformer Damaschke⸗Berlin im Café Ebel vor gut besuchter Versammlung. Eine längere Diskussion schloß sich dem mit Beifall aufgenommenen Vortrage an. Schließlich beschloß man, hier eine Gruppe des Bundes der Boden⸗ reformer zu gründen, zu der eine Anzahl Versammlungs⸗ teilnehmer ihren Beitritt erklärten.

Die Volksdichterin Johannette Lein starb am Sonntag hier in dem hohen Alter von 83 Jahren.

Dernächtliche Raubzug eines sozialdemokratischen Stadtverord neten, jene Untat, über welche vor mehreren Wochen derGieß. Anz. mit so wichtiger Miene berichtete, ist nun gesühnt. Unser Parteigenosse Georg in Offenbach eben der Sünder hat ein Strafmandat von eine Mark und siebenzig Pfennige erhalten, weil er auf dem Felde ein paar Rosenkohl⸗ köpfchen abgerissen hat. Und über dieses schauderhafte Verbrechen brachte das Offenbacher Reptil lärmende Artikel, in denen es von nächtlichen Schleichpfaden sprach, auf denen

darüber schicken! Der daraufhin in der ganzen Reptiltenpresse verdächtigte und heruntergerissene Genosse wird die Macher der Schandnachricht verklagen. Schließlich hat auch die Geduld eines Sozialdemokraten ein Ende. KünstlicheSchmisse. Neulich wurde vor dem Gießener Amtsgericht ein Schüler der Friedberger Gewerbe⸗Akademie als Zeuge vernommen. Auf der Backe des Jünglings prangte als Zeichen seiner akademischen Bildung eine ansehnliche Schmarre. Im Laufe der Verhandlung fragte ein Anwalt, der die Glaubwürdigkeit des Zeugen in Zweifel zog, woher dieser denn eigentlich die Verletzung an der Backe habe. Dieser wollte sich zuerst um die Antwort der Frage herumdrücken. Als er aber energisch angepackt und ihm der Vor⸗ halt gemacht wurde, daß er eventuell vereidigt würde, gestand der Gewerbeakademiker zögernd zu, daß er sich diesen Durchzieher oder Schmiß an der Backe künstlich durch seinen Barbier habe machen lassen.

Aus dem Nreise gießen.

Zur Nachahmung empfohlen! Wie in Steinberg, haben sich auch in Leihgestern unsere Freunde um die Verbreitung der M. S.⸗Ztg. mit gutem Erfolge bemüht. In den letzten Tagen sind 17 neue Abonnenten gewonnen worden und durch eine demnächst vorzunehmende Hausagitation hofft man die Leserzahl noch bedeutend zu steigern.

Wahlagitation. In Leihgestern fand am Sonntag im Arnold'schen Lokale eine gut besuchte Volksversammluug statt, in welcher Genosse Krumm über die Reichstagswahlen sprach. Eingehend beschäftigte sich unser Redner mit den agrarischen Fragen und erklärte unter lebhaftem Beifall, daß er für Handels⸗ verträge auf Grundlage dieses Zolltarifs, der die Kleinbauern und Arbeiter gleichmäßig schädige, nicht zu haben sei. Herr Schuchardt⸗Neuhof(B. d. L.) er⸗ klärte sich in Vielem mit Krumm einverstanden und vertrat im Uebrigen den bekannten Standpunkt des B. d. L. in ruhiger und sachlicher Weise. Unserseits sprach noch Bock⸗Gießen, sowie Faber und Schmidt⸗ Leihgestern.

Aus dem Rreise Weßlar.

h. Anerkennenswerte Fürsorge für ihre Arbeiter legte die Firma Leitz in Wetz den Tag, daß sie der Invaliden⸗, Witwen⸗ und Waisen⸗ kasse 10000 Mk. übeswies. Wir erwähnen dies, weil diese Firma sich auch sonst bestrebt, die Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse ihrer Arbeiter möglichst günstig zu gestalten und es keines wegs darauf absieht, durch solche Zuwendungen wie mancher andere Betrieb nach außen hin, alsWohltäter glänzen zu wollen.

h. Nachtwächter sind eine Anzahl ohne Pension entlassen worden, weil Schutzleute für den Nachtwacht⸗ dienst eingestellt werden. Unter den Entlassenen befindet sich einer(Schäfer), der bereits 30 Jahre in städti⸗ schen Diensten steht, auch die Feldzüge von 1866 und 1870 mitgemacht hat. Bei dem Publikum erfreute sich Schäfer wegen seines geraden Wesens allgemeiner Be⸗ liebtheit.

K. Warnung für Former! In der Umpegend von Wetzlar, auch Herborn und Dillenburg, reist ein Agent herum, um Former, Kernmacher ꝛc. nach Elber⸗ feld anzuwerben, wo sie als Streikbrecher bei der Firma Senge einspringen sollen. Es werden 60 bis 70 Pfg. Stundenlohn versprochen, in Wirklichkrit werden 30 bis 35 Pfg. verdient, für Elberfeld ein äußerst ge⸗ ringer Lohn. Außerdem müssen die hiesigen Former beachten, daß sie auf die dort verlangte Arbeit(Maschinen) nicht eingeübt sind. Ueberhaupt wird sich kein ehrlicher Arbeiter zum Streikbrecher hergeben.

h Von der Wahlagitation. In Launs⸗ bach sprach am Freitag voriger Woche Gen. Habicht⸗ Frankfurt in einer im Saale des Herrn Erlewein (Wwe. Pfaff) tagenden Wählerversammlung. Das ziem⸗ lich geräumige Lokal war dicht besetzt, auch eine Anzahl Frauen waren anwesend, welche ebenso wie die übrigen Versammlungsteilnehmer, den lehrreichen und klar ver⸗ ständlichen Darlegungen des Redners mit großer Auf⸗ merksamkeit folgten und am Schlusse mit lebzaftem Beifall belohnten. Gegner meldeten sich nicht zum Wort, obwohl der Vorsitzende, Gen. Fauth ⸗Wetzlar, mehrfach dazu aufforderte. Von der für unsere Sache herrschenden Begeisterung legte die Tatsache Zeugnis ab, daß nach Schluß der Versammlung ein Teil dee Er⸗ schienenen die Marseillaise anstimmte, die alle Anwesenden stehend anhörten. Die Nationalliberalen hatten am Samstag eine Versammlung nach Ehrings hausen

ein Sozialdemokrat ertappt worden sei und

einberufen. Sie war gut besucht, der größte Teil der

das Gießener ließ sich einPrivattelegramm

Erschienenen waren allerdings Anhänger uaserer Partei. Auch hier ergriff nach den natl. Rednern unser Genosse Habicht das Wort. Seine Ausführungen wurden mit Aufmerksamkeit angehört und betfällig aufgenommen. Es muß bemerkt werden, daß die Diskussion sich in durchaus ruhigen und sachlichen Bahnen bewegte, was die Herren von der natl. Partei auch anerkannten. Um⸗ somehr muß man sich über ihre gehässigen und unwahren Berichte im Wetzlarer Kreisblatt wundern. Dort werden

der Nationalliberalen hingestellt. Sind diese mit den Erfolgen zufrieden, soll's uns recht sein; wir sind es mit den unseren auch. Wenn aber im Kreisblatt er⸗ zählt wird, die soz. dem. Redner hätten sichClaqueure mitgebracht, wenn ferner gesagt wird, Dr. Johannes habe unsere Rednerschlagend wiederlegt, so ist das gelinde ausgedrückt blanke Unwahrheit. Man kann es ja verstehen, wenn sich die Herren nach Mög⸗ lichkeit herausstreichen, allzutoll sollten sie es aber nicht treiben. Wenn es in den Schwindelberichten heißt: Die nationalliberale Partei hat in soztalpolitischer Be⸗ ziehung ein so gutes Gewissen, und insonderheit hat Herr Reichstagsabgeordneter Kraemer sich einen solchen Namen als werktätiger Freund der Arbeiter und kleinen Leute überhaupt erworben, daß die Sozialdemokraten vergeblich ihre Maulwurfsarbeit gegen ihn betreiben werden so muß jeder Verständige darüber lachen. Die Herren Nationalliberalen vielleicht selber. Wir wollen uns das Gewissen demnächst mal ein bischen ansehen.

Stöcker ei. Dr. Burckhardt, der Stöcker'sche Kandidat für den Wahlkreis Dillenburg⸗Herborn, hat zur Agitation für seine Kandidatur merkwürdige Flugblätter herausgegeben. Sie enthalten mehrere Reichstags⸗Reden Stöcker s, die dieser neulich in Ab⸗ wehr der Züchtigung hielt, die ihm von sozialdemokra⸗ tischer Seite zu Teil wurde. Vorsichtigerweise hat natür⸗ lich Dr. Burckhardt die Antworten, die sozialdemo⸗ kratische und andere Abgeo dnete Stöcker gaben, weg⸗

Fraglich ist allerdings, ob die Reden Stöckers die Wirkung haben, die sich Herr Burckhardt davon verspricht. Die Wahlen werden es zeigen! DasKasseler Sonntagsblatt setzt seinen Verleumdungsfeldzug gegen die Sozialdemokratie fort. Wir solltendie Juden mit unseren Leibern decken, schwindeln die Pfaffen ihren Gläubigen vor. Die von derNordischen Wasser⸗ kante dem Parteifonds zugeführte! 40 000 Mark im März sind dem Lügenblättchen nach wahrscheinlich von Dr. Leo Arons. Das Blatt weiß ganz genau, daß dies Gewinn der Parteidruckerei Auer und Ko., La d ist, trotzdem nur immer feste darauf los gelor a und verleumdet. Hoffentlich wenden sich die anständigen Leute immer mehr von dieser SorteChristen⸗ tum ab; jene Sippe würde Christus, käme er heute, mit Ruten aus dem Tempel jagen.

m. Denunztationswut. Aus dem Wester⸗ wald schreibt man uns: Innerhalb derjenigen Kreise, die sich für ganz besonders gute Patrioten halten, greift das Denunziantentum und Angeberwesen in geradezu unheimlicher Weise um sich. Beispielsweise drohte in Emmerichenhain so ein Kriegervereinsbruder zwei Veteranen(welche die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung lesen), er wolle sie bei der Behörde denunzieren, damit ihnen die Invalidenunterstützung entzogen werde. Wie niedrig schätzt so ein Denunziant doch die Behörden ein; möge ihm bei seiner Schnüffelei und Angeberei der wohlverdiente Fußtritt werden, der solchen Burschen von Rechts wegen gehört. In Hof reklamierten zwei unserer Freunde bei der Ersatz⸗Kommisston um Zurück⸗ stellung ihrer Söhne vom Militär bienst. Die Gesuche wurden abgelehnt. Sofort schreien auch hier einige Kriegervereinsbrüder: Seht, hättet Ihr Euch nicht zur Sozialdemokratie gewandt, wäre Eurem Ersuchen will⸗ fahrt worden. DiePatrioten werfen damit der Er⸗ satz⸗Kommission vor, daß sie die Unparteilich⸗ keit und Sachlichkeit, zu der sie eid lich verpflichtet ist, aus politischen Gründen vermissen lasse. Die Behörden mögen daraus ersehen, wessen sie von ihren eigenen Freunden beschuldigt werden; ohne den geringsten Bewels werden Leute der Pllichtverletzung beschuldigt, die als Ehrenmänner jedem bekannt sind. Grade die Denunziationssucht und Angeberei macht sich in letzter Zeit so auffällig breit, daß man nicht umhin kann, derartigen Gesinnungs⸗Lumpen ab und zu auf die schmutzigen Finger zu klopfen.

Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain.

St. Zur Reichstagswahl. Der von den Konservativen des hiesigen Wahlkreises aufgestellte Reichstagskandidat, Freiherr Rabe von Pappenheim, hat die Kandidatur an⸗ genommen. Derselbe gilt auch zugleich als Kandidat des Bundes der Landwirte und der antisemitischen Reformpartei! Wahrlich, ein bunter Kandidat. Die konservativ⸗bündlerisch⸗

antisemitische Werbetrommel wird bereits

die Versammlungen in voriger Woche als große Erfolge

gelassen. Es spricht blos einer, wie in der Kirche.