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Nr. 14.
Mitteldentsche Sountags⸗Heitung.
Seite 3.
Offenbacher Arizonakiker verpflichtet fühlt ein⸗ zustimmen. Wir verdenken ihm nicht, wenn er eine so seltene Gelegenheit nicht unbenützt vorüber gehen läßt. Sehen wir uns aber die „Niederlage“ etwas genauer an! Tatsache ist, daß unsere iste bei der Kopenhagener Gemeinde⸗ wahl unterlag. Aber von einer sozialisti⸗ schen Liste ist eigentlich gar nicht zu reden, auf der Liste standen 5 Liberale und nur z wei
Sozialdemokraten. Infolge riesiger Agitation
auf der gegnerischen Seite war die Wahl- beteiligung eine sehr starke und die Gegner siegten mit 16 500 Stimmen. Trotzdem waren die Stimmen für die demokratische Liste gegen die vorige Wahl um 1300 gestiegen, unsere Genossen können also die Niederlage sehr wohl ertragen. Im e fällt diese Wahl nicht weiter ins Gewicht; die demokratische Mehrheit ist dadurch nicht erschüttert, die Stadtverordneten⸗Versammlung Kopenhagens besteht jetzt aus: 19 Sozialdemokraten, 14 Liberalen und 8 Antisozialisten.
Die Antisozialisten haben bei dieser Wahl eine außerodentliche Agitation entfaltet und damit bereits vor einem halben Jahr begonnen. Das Gruseligmachen vor dem Sozialismus, wozu selbstverständlich die Wahl des sozial⸗ demokratischen Bürgermeisters einen neuen Anlaß bot, spielte hierbei die. Am Tage vor der Wahl hatten sie acht Arbeits⸗ lose gemietet, die in den Straßen mit einem großen Plakat herumgehen mußten mit der Aufschrift: Jeder, der verhindern will, daß Kopenhagen eine sozialistische Kommune wird, tritt an und stimmt für die Liste der Anttisozialen. Tretet an und stimmt!“ Die Wahlbeteiligung war außergewöhnlich stark, etwa 70 pt. Der Umstand, daß in den letzten Jahren der Sieg der demokratischen Liste so sehr leicht wurde— sie siegte im vorigen Jahre mit 13 100 gegen
6991— wird viel dazu beigetragen haben, daß
mancher unserer Wähler glaubte, es käme auch diesmal nicht auf seine Stimme an.
Bei der nächsten Wahl werden unsere Ge⸗ e unbedeutende Scharte wieder aus⸗ wetzen!
Bei den Gemeindewahlen in Stockholm
Mang es unseren Genossen nicht, weitere andate zu erobern, doch haben bei sehr leb⸗ hafter Wahlbeteiligung die sozialdemokratischen Stimmen bedeutend zugenommen. Auch Schwe⸗ den wird bei dem allgemeinen Vormarsch des Sozialismus nicht zurückbleiben.
Internationale Solidarität
bekunden in schöner Weise unsere belgischen Parteigenossen. Die Föderation der Brüsseler Sozialdemokratie beschloß nämlich, ein Fest zu veranstalten, dessen Extrag der deutschen Sozialdemokratie als Beitrag zu den Reichs- tagswahlkosten überwiesen werden soll. Bravo!
Zur Dreyfusaffaire.
Unser französischer Genosse Jaures wandte sich neulich in einem in der„Petite Republique“, dem Pariser Parteiorgan, erschienenen Artikel gegen die Zweideutigkeit Ribots, der sich in der Kammer mit seiner Erklärung gegen die Wieder⸗ aufnahme der Dreyfusaffaire an der Spitze der nationalistischen Partei gestellt habe, obwohl er selbst von der Unschuld des Dreyfus von Anfang überzeugt gewesen sei. Jaures bezeichnet es als Heuchelei, daß Ribot sich gegen das Hineintragen der Politik in die Dreyfus⸗ affaire erklärt und sagt:„Für uns ist die Dreyfusaffaire keine zufällige und oberflächliche Episode. Sie ist mit dem ganzen politischen und sozialen Leben unserer Zeit verbunden. Wir haben keine Furcht vor ihr und gehen ihr nicht aus dem Wege. Wir ergreifen im Gegenteil gern jede Gelegenheit, ein wenig Wahrheit unter den voreingenommenen Geistern zu verbreiten. Wir haben gewiß keine fieber⸗ hafte Ungeduld, die Debatte über die Affaire zu eröffnen und beglückwünschen uns, daß die Kammer mit Ausdauer die 117 der Kongre⸗ gationen hat lösen können. 3 würde uns jedoch außerordentlich erscheinen, wenn die republikanische Mehrheit sich bedenken sollte,
durch eine neue Reviston, auf die fortwährenden Provokationen und Beleidigungen des Gegners zu antworten. Unsere Feinde fordern uns her— aus. Aber die Republikaner wären zu naiv, sich durch die Entrüstung Ribots verwirren zu lassen. Ribot hatte viel zu viel Beifall bei
den Nationalisten, als daß die Republikaner
sich täuschen lassen sollten.
Niederlage der Nationalisten.
Im Pariser Gemeinderat erhielten bei den letzten allgemeinen Wahlen die Nationalisten Antisemiten) die Mehrheit. Durch ihre bis⸗ erigen Taten in der Gemeindeverwaltung cheinen sie aber das Vertrauen der Pariser Wähler eingebüßt zu haben, denn bei den Er⸗ satzwahlen wurden an Stelle von Nationalisten drei Sozialisten gewählt.
Italienischer Schergendienst für Rußland.
Wie die deutsche, scheint auch die italienische Regierung der zarischen Henkerpolitik Liebes⸗ dienste erweisen zu wollen. So wurde kürzlich in Neapel ein junger Russe namens Götz(oder Hoz) verhaftet, weil er im Verdacht stünde, an der Ermordung des russischen Ministers Ssip⸗ jagin teilgenommen zu haben. Götz ist ein Millionärssohn, 23 Jahre alt und lebte seit dem Morde im Ausland, zumeist in der Schweiz, wo er ein revolutionäres Blatt her⸗ ausgab. Als er sich zum Besuche seines in Neapel weilenden Vaters und seiner Schwester dorthin begab, wurde er auf Veranlassung des russischen Konsulats verhaftet. In Götzens Koffer fand die Polizei zahlreiche Briefschaften, die Götz beschwor, nicht dem russischen Konsulat auszuliefern, da sonst viele russische Familien unglücklich würden. Die Papiere wurden an das Ministerium des Innern nach Rom gesandt. Zur Vornahme der Verhaftung war eigens ein hoher Polizeibeamter aus Petersburg gekommen. Offenbar bezweckt man, den Herausgeber einer revolutionären Zeitschrift der russischen Polizei in die Hände zu liefern. Daß Götz an der Hinrichtung Ssipjagins beteiligt war, ist ganz ausgeschlossen.— Der Fall Götz führte bereits zu einer Interpellation in der ital. Kammer, wobei der Minister erklärte, das Gericht werde über das Auslieferungsbegehren Ruß⸗ lands zu entscheiden haben. Wegen politischer Verbrechen würde Götz nicht ausgeliefert werden. Das ist immerhin schon etwas besser, als es in Deutschland in ähnlichen Fällen Praxis ist. Die Schnüffelei der russischen
Polizei und ihre Aumaßung in den übrigen
Ländern ist aber doch geradezu unerhört.
Selbstmord eines englischen Generals.
In England und auch anderwärts erregt der in Paris erfolgte Selbstmord des englischen Generals Macdonald ungeheueres Aufsehen. Macdonald war neben Kitchener einer der populärsten Generäle aus dem südafrikanischen Kriege und sein Selbstmord scheint die schweren Auschuldigungen zu bestätigen, unter denen er stand. Unmenschliche Mißhandlungen der ge⸗ fangenen Buren in Ceylon, deren hüchster Vorgesetzter er war, wurde ihm vorgeworfen und schließlich blieb dem Oberkommandierenden Lord Roberts nichts Anderes übrig, als die Sache zu untersuchen. Er ließ Macdonald nach London kommen und eröffnete ihm, daß er sich von dem schweren Verdachte, der auf ihm lastete, reinigen müsse. Dazu fühlte sich der General außer Stande, er verließ London und erschoß sich in einem Pariser Hotel.— Neueren Berichten zufolge sollen dem General auch Sittlichkeitsverbrechen zur Last gelegt worden sein.
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Hessischer Landtag.
Die Lohnverhältnisse der Arbeiter an der ehemaligen Main⸗Neckar⸗Bahn kamen am Donnerstag voriger Woche durch eine Anfrage des Abg. Noack zur Sprache. Die Arbeiter klagen über erhebliche Herabsetzung der Lohnsätze an der Zentralwerkstätte der vormaligen Main⸗Neckarbahn. Gen. Cramer
rügt weiter die unzulässige Einschränkung der Koalittonsfreiheit, die sich die Eisenbahn⸗ arbeiter der Eisenbahndirektion Mainz gefallen lassen müssen, und kritistert das Verbot, wonach die Arbeiter nicht mit sozialdemokrati⸗ schen Abgeordneten verkehren dürfen. David und Ulrich erinnerten die Regierung an ihre Pflicht, das gesetzlich gewährleistete Recht der Koalittonsfreiheit gegen Angriffe zu schützen und tadelten energisch, daß die Regierungs- vertreter keine andere Antwort auf die Be⸗ schwerde Cramers hatte, als daß die hessische Regierung sich nicht zum Richter über die Maßnahmen der Eisenbahngemeinschaftverwal— tung aufwerfen dürfe.
Mit Wahlprüfungen beschäftigte sich das Plenum des Landtags am Dienstag. Den Anträgen des Wahlprüfungs⸗Ausschusses gemäß wurden die Wahlen der freis. Abg. Säng und Langenbach(Darmstadt) für ungültig, dagegen wird die Wahl des Nationalllberalen Heidenreich, die der Ausschuß für ungültig zu erklären bean⸗ tragt hat, infolge eines zwischen Nationallibe⸗ ralen und dem Zentrum abgeschlossenen Kuh⸗ handels, mit kleiner Mehrheit für giltig er⸗ klärt. Dasselbe geschieht einstimmig mit der Wahl des Abg. Ulrich. Eine lebhafte Debatte entspann sich über die Wahl des Abg. Orb(Iffenbach⸗Land), welche der Ausschuß mit 4 gegen 3 Stimmen für gültig zu erklären beantragt hat. Erk(natl.) trat für die Gültig⸗ keit der Wahl ein. Ulrich geißelt sehr scharf den Kuhhandel, den Nationalliberale und Zent⸗ rum bezüglich der Wahl Orbs im Hinblick auf die Wahl Heidenreichs getroffen haben. Brentano(Zent.) behauptet, daß schwere Verfehlungen vorgekommen seien. Das Mandat müsse für ungültig erklärt werden. David stellt die Aeußerungen uber die Wahlen Heiden⸗ reichs und Orbs gegenüber. Bei den National⸗ liberalen werden die schwersten Verfehlungen als entschuldbar hingestellt, bei Orbs Wahl verfahre man umgekehrt.
Bei der Fortsetzung der Debatte am Mittwoch geht Genosse David mit dem Bericht der Ausschuß⸗ Minderheit scharf ins Gericht und zeigt, daß das Referat tendenziös abgefaßt sei, nur um die Wahl Orbs zu nichts zu machen. Er glaubt nicht, daß die Wahl des Sozialdemokraten Orb noch eine unpartetische Beurteilung durch die Mehrheit der Kammer erfahren werde, nach⸗ dem die Wahl des Nationalliberalen Dr. Heidenreich, bei der die allergrößten Verstöße festgestellt find, durch eine Vereinbarung des Zentrums und der National- liberalen für gültig erklärt wurde. Dr. Gutfleisch (freis.) erklärt, bei der Prüfung einer Wahl dürfe sich der Abgeordnete nur von den Gründen der Gerech⸗ tigkeit leiten lassen. Darum muß die Wahl des Abg. Orb für gültig und die Wahlen der Abgg. Heidenreich und Hirschel müssen für ungültig erachtet werden. Redner bittet die Abgeordneten, sich des Ehren⸗ amtes, als Richter über die Wahlen urteilen zu dürfen, würdig zu erweisen. Die Abgg. Ulrich, Dr. Gut⸗ fleisch und Weidner stellen fest, daß zwischen Zent⸗ rum und Nationalliberalen ein unwürdiger Handel durch den Grafen Ortola zu Stande gebracht worden ist. Bet der Abstimmung wird die Wahl Orbs für un⸗ gültig erklärt.— Dann kommt die Wahl Hirschels an die Reihe. Hler konstatiert Cramer, daß Beein⸗ flussungen durch Getränkespenden vorgekommen sind. Der Zentrumsadvokat Schmitt sagt unsern Genossen nach, daß sie ihre Stellung zur Wahl Hirschels von dem Verhalten der Bauernbündler zur Orb'schen Wahl ab⸗ hängig gemacht hätten. Da vid nennt diese Behaaptung eine haltlose Unterstellung. Wir haben gewartet, mit welchem Maße bei der Beurteilung der Wahlen gemessen werden würde. Wenn man die schwächsten Gründe für die Ungültigkeit der Wahl Orbs gelten läßt, dann muß die Wahl des Abg. Hirschel erst recht für ungültig erklärt werden, zu deren Zustandekommen
Ströme von Schnaps und Bier gewirkt haben. Nach längerer erregter Debatte, bei welcher die Mehrheit durch Brüllen und Gelächter unsere Genossen systematisch mundtot zu machen suchen, wird die Mahl Hirschels für gültig erklärt. Nach dieser „Tat“ ging das hohe Haus in die Ferien. sei der Snaps! wird Herr Hirschel ausrufen.
Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds!
Gesegnet
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