Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 40.
Volkslied.
Wohin du immer wanderst Auf diesem Erdenrund,
Es spricht zu dir im Ciede Des Volkes Klagemund. Und ist dieselbe Weise Und gleiche Melodie,
Die allerorten laut wird, Und du vergißt sie nie.
Ob du den Fellah hörest,
Wenn er das Schöpfrad dreht,
Und ob den nordschen Bauer,
Wenn hinterm Pflug er geht.
Der Slawe und der Ire
Und der Romane singt
Sein schwermutvolles Ciedlein,
Das dir zu Herzen dringt.
Es tönet wie ein Murmeln
Von tausendjähr'gem Leid,
Wie die gepreßte Stimme,
Die leis um Hilfe schreit.
Und nach des Elends Ende
Sin Sehnen, tief und bang,
Wie eine Prophezeiung
Hörst du aus diesem Sang. Leopold Jakobi.
Der Sieg des Schwachen.
Erzählung von Melchior Meyr. 1
Unter den Handwerkern ist der Schneider von altersher eine humoristische Figur gewesen; die Tatsache ist unleugbar und nicht schwer zu erklären. Die sitzende Lebensart und die Be⸗ schäftigung mit der Nadel sind nicht geeignet, die Gliedmaßen imponterend auszubilden und dem Körper jene Derbheit und Schlagkraft zu geben, die in roheren Zeiten vor allem Respekt einflößen. Die verhältnismäßige Feinheit und Friedlichkeit der Arbeit begünstigt die Reflexion, und wenn der Mangel an tüchtiger Bewegung eine Schwächung des Leibes zur Folge hat, so pflegt der Schneider auch sich gewöhnlich noch „des Gedankens Blässe anzukränkeln“. Das Metier weist ihn endlich darauf hin, seiner Er⸗ scheinung etwas Zierliches zu geben und sich selbst den höhergestellten Persönlichkeiten, die er durch seine Talentstandsmäßig auszustaffteren hat, noch Möglichkeit anzunähern. Infolge von alledem wird der Schneider in der Regel eine schmächtige, bläßliche, reizbare, nette und putzige Figur mit einer überwiegenden Tendenz zur Vornehmheit in Haltung und Benehmen. Wie leicht er damit der komischen Nemests ver⸗ fällt, steht mau. Seine Reizbarkeit und seine Meinung von sich selbst verwickeln ihn in Händel, die seine Gliedmaßen siegreich durchzufechten außerstand sind. Das Bewußtsein, den Willen seines Herzens nicht durchsetzen zu können, gibt seinem Wesen ein eigentümliches Gepräge von Resignation, einen Ausdruck, der jedermann verrät, daß ein etwaiger Anlauf seinerseits nicht gar schwer in einen eee ist. Gleichwohl kann er seine ganz verbergen, und der böse Feind treibt ihn zuweilen an, vermessen damit hervorzutreten. — Ein trefflicher Gegenstand offenbar für die heitere Laune, das Necken und das Hänseln, womit die gute alte Zeit, die vor allem Spaß verstand, die Zeit abzukürzen pflegte.
Die Wirklichkeit hat stets für eine gute Zahl rühmlicher Ausnahmen gesorgt; aber die Ausnahme bestätigt nur die Regel, und so ist der Schneider als solcher für den Humor im Leben und in der Kunst ein Typus geworden und hat die Sprache mit charakterisierenden Ausdrücken bereichert. Wenn in einer Erzäh⸗ lung ein Schneider auftritt, so denken wir uns notwendig eine Figur, die der oben gegebenen
usprüche nicht
Schilderung entspricht. Hätte der Poet nun die Absicht, durch einen Vertreter dieses Hand⸗ werks gewaltige Taten tun zu lassen, so müßte er seine Fähigkeit dazu ganz besonders nach⸗ weisen. Der Hufschmied kann ohne weiteres ein halbes Dutzend Schneider in die Flucht schlagen; wenn aber ein Schneider ein halbes Dutzend Hufschmiede niederstreckte, so wäre das eine Tat, über deren Möglichkeit wir uns eine Erklärung ausbitten müßten. 1
Auf dem Dorfe erleidet dieses Verhältnis eine naturgemäße Abänderung. Der Schneider ist hier zugleich Besitzer einer kleinen Oekonomie und legt die Nadel vielfach weg, um den Pflug, die Sense, den Dreschflegel in die Hand zu nehmen. Dies erhält ihn frischer und läßt zwischen den Gestalten seiner Nachbarn und der seinigen keinen allzugroßen Unterschied auf⸗ kommen. Dennoch äußert das Metier auch hier seine Einwirkung, und zumal auf den jungen Schneider pflegt im Punkte des Mutes und der Körperstärke für die anderen Bursche eine levis nota emacula“ zu sitzen. Der Name bezeichnet weder einen Goliath noch einen David, und wenn der Träger desselben dem alten Vorurteil nicht mit Geduld oder guter Laune begegnen will, so muß er es für seine Person durch Taten entkräften. Es kommt nun auch wirklich vor, daß zu irgend einem gefährlich scheinendem Unternehmen just ein Schneider sich meldet, der den Verdacht der Feigheit von sich abwälzen will; sein Entschluß erweckt aber bei den übrigen stets eine gewisse Verwunderung und unter Umständen Heiterkeit.
Ein Dorf, das im mittleren Ries gelegen ist, besaß in seinem Hauptschneider— neben ihm existierte noch ein geringerer für die geringeren Leute— eine der ehrvollsten Ausnahmen, die je das Metier zierten. Balthasar Eber war nicht nur der Starken einer im Orte, sondern e der Stärkste selber, groß, von tüchtigem
nochenbau und einer Muskelkraft, der schon in seiner Jugend keiner seiner Altersgenossen zu widerstehen vermochte. Er wurde Schneider, weil es sein Vater war, trieb aber das Hand⸗ werk in gesunder Abwechslung mit der Land⸗ wirtschaft, und es bekam ihm, und er behauptete den Ruf, den er sich als lediger Bursch im Meistern und ernstlichen Faustkampf erworben hatte, bis in sein reiferes Alter.
Als einst ein reicher Bauer aus dem untern Ries, den ein Geschäft ins Dorf und der Durst ins Wirtshaus geführt hatte, nach Vertilgung der zweiten Maß Braunes den Mann mit einem gewissen Hochmut anredete und, von der rück⸗ sichtslosen Erwiderung beleidigt, ihn verächtlich als„Schneider“ behandelte und schmähte, er⸗ hob sich unser Mann, packte ihn und warf ihn zur Tür hinaus. Schäumend vor Wut, ob⸗ schon etwas hinkend, drang der Bauer herein und wollte auf den Frechen losgehen; Bekannte traten dazwischen.„Was,“ schrie der Ge⸗ demütigte,„von einem Schneider soll ich mir so was gefallen lassen?“—„Ja, das ist halt einmal ein solcher,“ entgegnete man ihm, und der Bauer konnte nichts kun, als schimpfend einspannen lassen und davon fahren, während Eber schmunzelt sein Maß austrank und noch ein zweites kommen ließ„auf den Schrecken“. Das Siegesgefühl, das aus seinen Mienen sprach, hatte nun doch einen besonderen Charak⸗ ter. Ein Schmied oder ein Zimmermann hätte durch eine solche Tat nur das Ordentliche getan, der Schneider tat das Außerordentliche, und das Bewußtsein, durch eine solche Leistung seinen Stand gerächt zu haben, verstärkte den Ausdruck des Triumphs auf seinem Gesicht durch einen Zusatz von Schelmerei, der ihn förmlich pikant erscheinen ließ. Die Dorf⸗ genossen beobachteten ihn mit großem Vergnügen, und auch ein paar„Vettern“ des Bauern konnten's nichts lassen, ihn lächelnd einen „verfluchten Kerl“ zu nennen.
Balthasar Eber war zweimal verheiratet und begrub die zweite Frau noch in den Drei⸗ ßigern seines Lebens. Die erste war durch Sanftheit und Gutmütigkeit fast ein Engel zu nennen, zart gebaut, hübsch und von Herzen fromm; die andere, von derber Konstitution
* Moralische Anrüchigkeit.
zuweilen, ihr die Faust zu weisen, und einmal,
nicht weniger betrauert als die Gute. Jede hatte ihm einen Sohn geschenkt. Der ältere,
Tobias, war das Abbild der Mutter, der jüngere
und selbstsüchtiger Gemütsart, nötigte den Mann
seine Oberherrlichkeit tatkräftig festzustellen, wurde aber als tüchtiges Hausweib von imm
nach dem Großvater Kaspar genannt, ließ
Vater und Mutter 15 a 0 erkennen. Tobias ist im R
es kein gewöhnlicher Name.
Der Schneidersohn hatte ihn von einem nahen
Verwandten seiner Mutter, der im„Württem⸗ bergischen“ ansässig war, woselbst er zu den „Frommen“ gehörte.
Base jährlich ein paarmal und arbeitete, nach⸗
Dieser wackere Mann besuchte die Familie auch nach dem Tode seinen
dem die Bekehrung des alten Schneiders und
seiner zweiten Ehehälfte sich als unmöglich er⸗ wiesen hatte, an der geistlichen Erziehung seines Paten, der ihm gutartig zuhörte und mit häu⸗
figem„Ja, ja“ beistimmte. Wäre er nicht ge.
storben, so würde er den Burschen vielleicht ganz zu dem Seinen gemacht haben. Viel⸗ leicht! denn in Tobias, als er heranwuchs, trat immer mehr ein Charakterzeug hervor, den wir nicht anders als„weltliche Eitelkeit“ nennen, können. Von seinen Kameraden ein⸗ mal wegen seines Vornamens verspottet, be⸗ klagte er sich darüber gegen den„Doten“ und sprach sein Bedauern aus, keinen„schöneren“ zu haben. Der Fromme, der dadurch nicht nur den Tobias der Schrift, sondern auch sich selber beleidigt und einen gefährlichen sündl ichen
Hang in dem Burschen zu Tage treten sah, ereiferte sich gewaltig und hielt ihm eine Straf⸗
predigt, in welche er seine gewöhnliche Sanft⸗ 1
mut ganz beiseite setzte und ihm die fleischliche Dummheit mit einer fleischlichen Heftigkeit vor⸗ hielt, deren sich ein tüchtiger Naturmensch nicht hätte schämen dürfen. Der gute Junge stand höchstbetroffen da und bekannte, niedergedonnert, sein Unrecht einzusehen; gleichwohl flüsterte eine Stimme in seinem Innern, daß es eben doch viel besser wäre, wenn er Fritz hieße.— Als der Pate gestorben war, stand diesem Hange kein frommer Zuchtmeister mehr entgegen, und seine Bildung und sein Schicksal nahmen einen 1 Verlauf, den ich eben hier zu erzählen abe.
Tobias lernte von dem Vater das Hand⸗ werk und wurde ein Schneider im reinsten Sinne des Worts.
Um einen halben Kopf kleiner als der Alte, die Gliedermaßen zart,
das Gesicht hübsch und zierlich, die Farbe hell, die ganze Person leicht und fein, schien er von 1 dem Starken nichts geerbt zu haben als das
Selbstgefühl, das bei ihm aber einen vorherrschend
mädchenhaften Charakter annahm. Er war ein guter, ein ungewöhnlich guter Mensch, unser Tobias, wohl meinend gegen alle Welt, und begriff nicht, wie man ein Vergnügen daran haben könne, andere ohne Not zu vexieren und zu plagen. Von Natur leicht erregbar und phantastebegabt, konnte er unschwer seine Fassung verlieren, desgleichen in jene Gemütslage kommen, wo einem nach dem Rieser Ausdruck„alle seine Sünden einfallen“. Er pflegte sich dann nicht besonders aus der Affäre zu ziehen und sich über sein Mißgeschick, auch üver seine Dumm ⸗ heit, bedeutend zu ärgern, bis ihn sein leichtes Blut alles wieder bengessen ließ. Sein Element war der Friede, und im Frieden glücklich zu sein, hatte er alle Eigenschaften. Leider besaß er aber auch ein paar, die recht danach angetan waren, seine Ruhe zu stören und ihn in die Aufregung und Unlust des Kampfes zu ver⸗
wickeln. (Fortsetzung folgt.)
——
vor fünfundzwanzig Jahren.
Jetzt ist ein Vierteljahrhundert verflossen, daß die schlimmste Hetze gegen unsere damals noch kleine Partei wütete. Um diese Zeit „beriet“ der Reichstag jenes Schandgesetz, das am 21. Oktober 1878 über unsere Partei ver⸗ hängt wurde, zwölf Jahre auf uns lastete,
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sogar vernichtete, aber doch unsere Sache nicht
viele unsere Genossen in Not und Elend jagte,
zu unterdrücken vermochte. Zur Erinnerung.


