Ausgabe 
4.10.1903
 
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Nr. 40

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

an jene Zeit schrieb kürzlich Genosse Blos in derLeipz. Volksztg.:

Nach der Auflösung des Reichstags 1878 brannte Bismarck förmlich darauf, der Sozial⸗ demokratie den ersehnten Todesstoß zu versetzen. Alle die vorbereitenden Aktionen spielten sich rasch nacheinander ab. Am 30. Juli hatten die Neuwahlen zum Reichstage stattgefunden und schon am 18. August wurde der Entwurf desGesetzes gegen die gemeingefährlichen Be⸗ strebungen der Sozialdemokratie veröffentlicht. Wer in der politischen Welt noch Empfindungen für Volksrechte, ja nur für modernes konstitu⸗ tionelles Staatsleben hatte, war entrüstet über das Produkt, das die gehorsamen Geheimräte da an das Tageslicht gefördert hatten. Der alte Poltzeikünstler Metternich schien dem Grabe entstiegen zu sein und im neuen Deutschen Reich leibhaftig umzugehen. Warnende Stimmen erhoben sich über diesen Rückfall in die vor⸗ märzliche Zeit; hervorragende Geister im In⸗ und Auslande legten Protest ein gegen die Aechtung einer ganzen Kategorie von Staats⸗ bürgern, für welche die Wähler soeben erst mehrere hunderttausend Stimmen abgegeben. Aber alle diese Warnungen gingen unter in dem Indianergeheul, welches dasliberale Bürgertum in seinen Preßorganen und an den Biertischen anstimmte, immer noch gehetzt und bearbeitet von der aus dem Reptilienfonds gespeisten Presse, die seit Monaten alltäglich die ungeheuerlichsten Lügen über die Sozial⸗ demokratie in die Welt schleuderte. Der Durch⸗ schnittsspießbürger glaubte all das tolle Zeug oder tat wenigstens so, als ob er es glaubte.

Die Nationalliberalen waren damals die gehässigsten Feinde der Sozialdemokratie. Sie besonders hatten es darauf abgesehen, die So⸗ zialdemokraten einzeln und persönlich zu schädi⸗ gen, sei es durch Entlassungen aus der Arbeit, durch Boykottierungen oder sonstige Nieder⸗ trächtigkeiten. Wer einmal den Haß gesehen, der sich damals in den Gestchtern dieser verkappten Reaktionäre widerspiegelte, wenn sie einen Sozialdemokraten nur von ferne sahen, der wird dies zeitlebens nicht vergessen haben. Bei den letzten Wahlen haben namentlich in Baden in verschiedenen e für unsere Parteigenossen in der Stichwahl für die na⸗ tionalliberalen Kandidaten gegen das Zentrum gestimmt. Sie hatten offenbar im Jahre 1878 nicht mitgemacht, sonst wäre ihnen dies wohl nicht möglich gewesen. Ich wenigstens würde mich nicht dazu entschließen können. Denn wie reaktionär auch das Zentrum sein mag so schlimm wie damals die Nationalliberalen hat es niemals gegen uns gewütet.

Am 9. September 1878 sollte der Reichstag zusammentreten, und es gab naive Leute, die glaubten, der Reichstag werde das Gesetz in seiner vorliegender Form nicht annehmen. Auch einigelinksnationalliberale Blätter taten so. Wie wir später sehen werden, war dies reine Spiegelfechterei; dieMilderungen, die das Gesetz erfuhr, waren unerheblich und ließen des Schlimmen noch mehr als genug übrig.

Wir sahen die Reaktion zum Schlage aus⸗ holen und machten uns keine Illustonen: wir wußten, daß der Schlag auch fallen würde. Man sah wohl, daß es in erster Linte darauf abgesehen war, die Führer der Partei, nament⸗ die Journalisten brotlos zu machen und sie mit ihren Familien dem Elend preiszugeben. Wie kleinlich und kläglich sich diese Kampfesweise desgrößten Staatsmannes seiner Zeit aus- nahm, das sahen wohl wir und einige Ideologen in den bürgerlichen Kreisen, aber in dem Spieß⸗ bürger⸗ und Hurrapatriotentum gab es Leute genug, denen das Sozlalistengesetz noch gar nicht weit genug ging. Viele dieser Edlen hätten am liebsten gesehen, wenn man. die Sozialdemokraten aus dem Reiche getrieben hätte, so wie seinerzeit der Erzbischof von Salzburg die Protestanten aus seinem Gebiete vertrieb. Später versuchte bekanntlich Puttkamer das Sozialistengesetz auch nach dieser Richtung zuverbessern; mit dem Expatriierungs⸗Para⸗

raphen wollte der pommersche Innker deutsche Staatsbürger einfach für heimatlos erklären und auf immer über die Grenze treiben lassen.

Das ging aber dem Reichstage denn doch über die Hutschnur und er lehnte es ab. 1878 wäre es vielleicht durchzusetzen gewesen.

Selbstverständlich dachten wir auch daran, was unter diesem Gesetze aus uns werden sollte. Ich befand mich damals in Hamburg, und der engere Kreis von Parteigenossen, in dem ich mich bewegte, zählte keine Leute unter sich, die Schätze 9 hatten. Auch diejenigen, die früher in anderen Berufen als Arbeiter, Ge⸗ schäftsleute ꝛc. tätig gewesen waren und später Parteistellungen angenommen hatten, konnten wenig oder nichts davon hoffen, wenn ste zu ihrem früheren Berufe zurückkehrten. Die Zei tungen wurden voraussichtlich verboten und die Organisationen voraussichtlich aufgelöst. Die dabei Beschäftigten waren als Sozialdemokra⸗ ten signalistiert und geächtet, und sowohl die Polizei als die Unternehmer führten schwarze Listen. Es gab nicht viele Geschäfte, in denen bekannte Sozialdemokraten ankommen konnten; wer aber in der Lage war, ein eigenes Geschäft zu errichten, der war dem selbstverständlichen bürgerlichen Boykott und dem im Gesetze vor⸗ gesehenen Polizeischikanen ausgesetzt. Die Partei war ohnehin damals noch nicht stark genug, um Geschäfte von Parteigenossen ohne weiteres über Wasser halten zu können.

Es ist begreiflich, daß wir wit den Unsrigen die Zukunft sehr düster vor uns sahen. Wir konnten uns auch gar nicht irgendwie vorsehen, denn der Reaktionsstreich kam zu rasch und wir waren zu isoliert, um irgend einen Haltepunkt zu haben. So ergaben wir uns denn in unser Schicksal. Viele hatten gleich, nachdem das Sozialistengesetz im Entwurf erschienen war, den Entschluß gefaßt, nach Amerika auszuwan⸗ dern und führten dies auch aus. Für Geschäfts⸗ leute und Arbeiter mochte das unter Umständen angehen; für Journalisten war es schon schwieri⸗

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ger.

In solchen kritischen Zeiten tauchten immer Leute auf, welche so sehr Sklaven der Gewohn⸗ heit sind, daß sie solche tiefgreifende Umänderungen der bestehenden Verhältnisse fürnicht möglich halten. Sie verstehen eben nicht, was es heißt, wenn Gewaltmenschen an der Regierung sind. Es macht ihrem Gerechtigkeitsgefühl alle Ehre, aber Bismarck, Puttkamer und Genossen haben ihnen manchmal zur Genüge gezeigt, was alles möglich ist.

An den Nationalliberalen das berech⸗ neten wir hundertmal hing die Entscheidung über unser Schicksal. Die Rechte zählte damals 117 Mitglieder, die Linke mit dem Zentrum zusammen 173 Mitglieder. Es hätten also nur einige zwanzig Nationalliberale gegen das Gesetz zu stimmen brauchen, und es wäre wiederum ge⸗ fallen. Aber daran dachten sie nicht und auch wir nicht. 6

Es war eine aufregende Zeit. Mit der Unvermeidlichkeit des Schicksals sah man das Unheil heranrücken und konnte nichts dagegen tun. In der Presse sprachen wir noch manch kräftig Wörtlein, wenn man auch gleich Gefahr lief, dem Staatsanwalt zu verfallen. Aber man wußte, daß dies bald werde aufhören müssen, wenn erst das Damoklesschwert der Polizei über der ganzen sozialistischen Literatur hing.

Mit dieser wurden übrigens zuletzt noch gute Geschäfte gemacht. Da man wußte, daß es nach dem Heineschen Rezept gehen würde:

Und wird uns der ganze Verlag verboten,

So schwindet am Ende von selbst die Zensur so suchte sich jedermann vor der großen Konfis⸗ kati on des litterarischen Eigentums die Schriften, die ihm interessierten, noch anzuschaffen. Manche Parteigeschäfte verkauften wirklich aus.

Die Arbeiter waren voll finsteren Unmutes und die Parteiblätter konnten nicht oft genug warnen, sich von der Reaktion,die Krawalle brauche, nicht provozieren zu lassen. Die Haltung der Arbeiter war übrigens musterhaft.

Ein Vierteljahrhundert ist vorüber aber ich muß ganz offen gestehen, daß ich den Groll und den Grimm über das Auftreten sogenannter

gebildeter undanständiger Kreise von da⸗ mals, namentlich der Nationalliberalen, niemals werde verwinden können.

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Die größte Stadt der Welt.

Der Londoner Grafschaftsrat hat soeben ein Werk veröffentlicht, in welchem statistische An⸗ aben über die Stadt London für das Jahr 902/1903 zusammengestellt sind. In nachsteh⸗ endem lassen wir einige interessante Einzelheiten daraus folgen: Die Einwohnerzahl der Riesenstadt wird auf 4536 641 angegeben; unter Hinzuzählung jedoch aller derjenigen Vororte, die zwar äußerlich ganz mit London verwachsen sind, aber ihre eigene Verwaltung haben, sind es 6581402. Die Sterberate war in den letzten zwei Jahren nicht ungünstig; sie betru 18,6 pro 1000 im letzten und 17,1 pro 100 im vorhergehenden Jahre, sie war also niedriger als die der meisten europäischen Hauptstädte, ausgenommen Amsterdam, Brüssel und Stock⸗ holm. In den Straßen Londons fanden 302 Personen durch Unfall ihren Tod. Für öffent⸗ liche Arbeiten(Bauten usw.) verausgabte die Stadt Millionen Mark. An öffentlichen Parks unterhält die Stadt 91 mit einem Flächen inhalt von 1560 Hektar; hierzu kommen 12 königliche Parks mit 656 Hektar. Die Stadt hat einen großen Teil der Straßenbahnen in eigener Verwaltung, jedoch sind außerdem noch 9 Pri⸗ vatgesellschaften vorhanden, welche die öffentlichen Verkehrswege kapitalistisch ausbeuten. Insge⸗ samt wurden auf den Londoner Straßenbahnen im Berichtsjahr 337 Millionen Personen be⸗ fördert; die Länge der Schienenstränge betrug 31 Millionen Meilen.

Gemeinnütziges.

Schlaset bei offenem Feuster! Diese Mahnung kann nicht oft genug wiederholt werden. Die Behauptung, daß die Nachtluft schädlich sei, gehört ins Reich der Fabel. Der Mensch braucht nicht nur bei Tag frische Luft, um leben zu können, sondern auch bei Nacht und gerade umsomehr, als die Schlafzimmer durch das stete Geschlossenhalten eine nichts weniger als gesunde Luft enthalten. Unglücksfälle durch Einatmen giftiger Gase, wie solche sehr oft vorkommen, sind bei geöffneten Fenstern eine Unmöglichkeit. Also hinweg mit den alten Vorurteilen und Nachts bei offenem Fenster geschlafen!

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Humoristisches.

Aus Leipzig.Nicht wahr, Leipzig hat eine halbe Million Einwohner?Nee, fünfzigtausend, das andere sind Arbeiter.

(Simpl.)

Das brave Dorfoberhaupt. ImSimpli⸗ zissimus ließt man: Als der Gemeindevorsteher eines Dorfes gestorben war, wollte der Kaplan eine besonders schöne Rede halten und sprach u. a. folgendes:Der Verstorbene hatte stets ein reges Interesse für gemein⸗ nützliche Zwecke und teilte jederzeit Freud und Leid mit der Gemeinde. Als im vorigen Jahre hier so stark die Influenza herrschte, da war seine Familie die er ste, die von der tückischen Krankheit befallen wurde, und bei dem großen Hochwasser vor zwei Jahren, als die Neisse aus den Ufern trat, da stand sein Gehöft einen Meter tief unter Wasser!

8 Geschichtskalender.

4. Oktober. 1902: Vermittelungsversuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten im amerik. Berg⸗ arbeiterstreik. 1830: Belgische Unabhängigkeits⸗Erklärung. 1472: Lukas Kranach, Maler,.

5. 1902: Begräbnis Zolas in Paris. 1896: Sozialist. Landtagswahlsieg in Hessen. 1789: Zug der Revolutionäre nach Versailles:

6. 1895: Sozial. Parteitag in Breslau. Erste Lokomotive Stephensons in Betrieb.

7. 1902: Generalstreik in Genf. 1789: Louis XVI. von Frankreich wird von Versailles nach Paris gebracht.

8. 1862: Bismarck wird Ministerpräsident. 1354: Cola Rienzi, letzterVolkstribun in Rom ermordet.

9. 1899: Sozialist. Parteitag in Hannover. 1814: Komponist Verdi,*.

10. 1899: Transvaal stellt an England sein Ultimatum. 1881: Hochveratsprozeß Dave in Leipzig; Horsch⸗Frankfurt als Lockspitzel entlarvt.

1829:

* geboren; 7= gestorben.