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Seite 4.
Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung.
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Nr. 40.
nehmen wir umso lieber die erhobenen Angriffe gegen die städtische Verwaltung zurück, als es uns peinlich ist, ihr Scharfmacher-Praktiken vorwerfen zu müssen. Natürlich bleibt bestehen, was wir über die Notwendigkeit der Organisa— tion der städtischen Arbeiter gesagt haben.“
— Ueber unseren Parteitag stellte der„Gieß. Anzeiger“ in seiner Montags⸗ Nummer folgende tiefsinnige Betrachtung an:
„In Dresden ist jüngst trotz aller Ver⸗ brüderungskomödien die Zerflossenheit des inneren sozialdemokratischen Partei— lebens unzweideutig zutage getreten und wird auch von einem großen Teile der Par⸗ teipresse offen zugestanden. Und man beginnt fast allenthalben, nur nicht in den Kreisen der Freikonservativen, einzusehen, daß die herrschende Gesellschaft klug handelt, wenn sie die von ihr innerlich oder doch äußerlich von ihr Abgefallenen nicht nach Verdienst, sondern besser behandelt. Eine Gesell— e die das nicht vermöchte, verdiente nicht zu herrschen.“
In diesen geschraubten Sätzen will der Anzeiger sagen, daß wir besser behandelt werden, als wir es verdienen. Davon haben wir nur leider noch nichts gemerkt, vielmehr zeigen Hunderte von Gerichtsurteilen das Gegenteil. Tausende anderer Beispiele beweisen die Unterdrückungswut und Rachsucht der herr— chenden Klasse. Mit dem„Zerfließen“ wirds;
ie sozialdemokratische Partei übrigens nicht so eilig haben.
— Die Friedhofsweihe, die nach den Ankündigungen des Herrn Pfarrer Naumann am Sonntag mit 5 und Klang und Glocken⸗ 12 75 stattfinden sollte, ist wiederum unter—
lieben und soll nun diesen Sonntag bestimmt vorgenommen werden. Vorher kommt aber der Glad Friedhofskrieg zur Verhandlung in der tadtverordneten-Versammlung, die über den Antrag der Kommission, die Einweihung zu gestatten, zu beschließen haben wird. Daß der Beschluß in diesem Sinne ausfällt, ist so 1 wie sicher. Immerhin dürfte es kaum ohne eine lebhafte Debatte abgehen. Von den from⸗ men oder fromm sein wollenden Stadtvätern werden sich eine Anzahl verpflichtet fühlen, das angeblich gekränkte Recht der Kirche zu schützen. Damit machen sie sich lieb Kind bei den Schwarz— röcken und einige davon benutzen die Affaire zugleich, um sich an Herrn Mecum in höchst unchristlicher Weise dafür zu rächen, daß er ihnen einmal auf die Hühneraugen getreten und ihrer die Gesamtheit schädigenden Spekulationswut Zügel anzulegen suchte. Wird uns doch sogar mitgeteilt, daß die treuen Diener Naumanns eine Auslese„zuverlässiger“ Stadtväter zu ge— heimen Sitzungen zusammengetrommelt haben, um zu beraten, wie man das Ketzergericht recht wirkungsvoll gestalten könne. Die Frommen wollen einen„Ohrenschmaus“ haben! Traurig genug, wenn die Vertreter der Stadt, die berufen sind, die Interessen des Gemeinwesens u wahren, die Rolle von Pfaffenknechten spielen!
Von kirchlicher Seite ist getan, was möglich
war, Regierung, Kreisamt, Landessynode, Kirchenvorstand sind aufgeboten, um den„katho—
lischen“ Bürgermeister als konfessionellen Hetzer darzustellen. Und sobald jemand in Deutschland an konfessionelle Leidenschaften appelliert, kann er des Erfolges sicher sein, da schleppen sogar diejenigen Scheite zur Ketzerverbrennung mit herbei, denen die Religion sonst um ein Linsen⸗ gericht feil ist!
—„So, das sind die Lumpen!“ Diese Worte rief ein Feldwebel der hiesigen Garnison aus, als er am ersten Sonntag im Mai einen sich von Wieseck hereinbewegenden Lampionzug wahrnahm und ihm auf seine Frage erklaͤrt wurde, daß dies die Maifeier—
hat Jöckel— so heißt der Mann— ein feines Leben geführt, er verstand es auch, die nicht geringen Kosten andern Leuten aufzubürden, dafür suchte er sich aber in menschenfreundlicher Weise die wohlhabenden Offiziere heraus. Mit der Kasino⸗Köchin, seiner zukünftigen Schwiegermutter stand er gewissermaßen im Kartellbertrag; sie sorgte bestens für seinen verwöhnten Magen, er lieferte dafür gute Wein⸗ marken aus dem Kasino-Keller. Besondere Vorliebe hatte er für Champagner. Alles wäre ganz gut und noch lange 0 weiter ge⸗ gangen, wenn nicht neidische Kasino⸗Ordon⸗ nanzen das Spiel verraten hätten. Nun kam der patriotische Mann vor das Kriegsgericht, das ihm ein Jahr drei Monate Gefängnis zu⸗ diktierte und auch die Tressen aberkannte.
— Das Schwurgericht verhandelte am Montag gegen die 24jährige Marie Hurna wegen Kindes mord. Die aus der Provinz Posen stammende Angeklagte war als landwirtschaftliche Arbeiterin auf einem Gute in Obbornhofen bei Hungen beschäftigt, wo sie anfangs Juli einem Kinde das Leben gab und es gleich nach der Geburt durch Erwürgen tötete. Sie gesteht die Tat ein, sei aber dabei ihrer Sinne nicht mächtig ge⸗ wesen. Der Verteidiger führt diesen Umstand in seinem Plaidoyer ebenfalls in's Treffen und weist auf den ähnlichen Fall der Baronin v. Seckendorf in Fulda hin, wo man ebenfalls angenommen habe, daß die freie Willensbestimmung der Täterin ausgeschlossen war. Doch die Geschworeneu lassen dies im vorliegenden Falle nicht gelten, sondern sprechen die Angeklagte schuldig, billigten ihr nur mildernde Umstände zu. wird sie zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt.
Freisprechung erzielte am Dienstag der Bahn⸗ arbeiter Mandler aus Allendorf a. d. Lahn, welcher der Körperverletzung mit tötlichem Ausgang an⸗ geklagt war. Er hatte den als Trinker bekannten Ar⸗ beiter Ulm in einer Wirtschaft in Allendorf aus der Tür hinausgestoßen, daß dieser liegen blieb und bald darauf starb. Bei der Obduktion des Verletzten waren Schädelbrüche festgestellt worden. Mandler behauptete, von Ulm angegriffen worden zu sein.
Zu acht Jahren Zuchthaus und zehnjährigem Ehrverlust wird am Donnerstag der Taglöhner Möckel wegen Brandstiftung verurteilt. Er hat z. Zt. die Scheuer an der Rodheimerstraße in Gießen in Brand gesteckt. Dieser Mensch ist schon vielfach wegen allerlei Verbrechen vorbestraft, mit zum Teil sehr schweren Strafen. Von seinem 14. bis 30. Lebensjahre befand er sich nur 4 Jahre in Freiheit! Sollte man es hier nicht mit einem geistesschwachen Menschen zu tun haben?
— Das Stadttheater hat am Dienstag die diesjährige Spielzeit eröffnet. Mit dem an diesem Abend Gebotenen hat die neue Direktion sich auf das Beste eingeführt und bei dem gut besetzten Hause einen vollen Erfolg erzielt.„Der zerbrochene Krug“ von Kleist,„Die Geschwister“ von Goethe und Schillers„Wallensteins Lager“ kamen zur Auf⸗ führung, es gelangten also die bedeutendsten deutschen Dichter zum Wort. Alle Mitwirkenden gaben sich redliche Mühe; das Publikum versagte der vortrefflichen Leistung auch seine Anerkennung nicht. Vorher sprach Frl. Hohl einen formvollendeten Prolog, in dem die Künster ihr Bestes zu tun versprechen und in dem am Schluß der sehr berechtigte Wunsch nach einem neuem Hause aus⸗ gesprochen wird.
Aus dem Rreise ꝗriedberg-Püdingen.
r. Der Wahlkrawall in Burggräfen rode. Zu dem Prozeß, der vorigen Dienstag vor dem Friedberger Schöffengericht abspielte und über den wir in der vorigen Nr. schon kurz berichteten, sei noch folgendes nachgetragen: Der Anklage lag folgender Tatbestand zn Grunde: Am 12. Juni hatte in der zur Wirtschaft Kohl gehörigen Hofraite eine sozialdemokratische Versammlung stattge⸗ funden, zu der sich auch eine Anzahl Oriola-Patrioten eingefunden hatten, um die Versammlung zu stören. Das gelang ihnen aber nicht, vielmehr wurden sie unter Androhung einer Anzeige wegen Hausfriedensbruch zum Verlassen der Hofraite veranlaßt. Schon das hatte ihren Groll erweckt, der am Wahltag noch gesteigert wurde, als ein Angehöriger der sozialdemokr. Partei zur Ueber⸗ wachung der Wahlhandlung erschien. Der Mann wurde fortwährend belästigt. Als abends 22 sozialdemokratische Stimmen gezählt wurden, stieg die Wut aufs Höchste. Auf irgend welche Art wollten sich die Kriegervereinler
Demgemäß
Kohl vollführten nun die patriotischen Knüppelhelden einen echt kriegervereinsmäßigen Radau. Sie schlugen mit ihren Stöcken gegen die Fenster, Läden und das Hoftor und demolierten diese. Als der Wirt und die Wirtin auf dem Plan erschienen, wurden sie mit Schmäh⸗ reden überschüttet und auch verletzt. Die Haupt⸗ helden, der Bürger meisterssohn Mosche rosch und ein Bauernpatriot Namens Kost, riefen wiederholt: „Raus mit den Busolds Buben, wir schlagen sie Alle tot! Als sie vor der Kohl'schen Wirtschaft ihr Mütchen gekühlt, zogen sie vor das Haus des als Sozialdemokrat bekannten Arbeiters Philipp Stiller und führten dort dieselbe Scene auf. Unter furchtbarem Gebrüll riefen ste:„Heraus mit ihnen, wir schlagen sie Alle tot!“ Als hierauf die Frau Stiller in die Haustür trat, um den Unholden gütlich zuzureden, erhielt sie von dem Sohn des Bürgermeisters Moscherosch einen Hieb mit einem Lattenstück über den Kopf. Der jüngste Sohn des Stiller erhielt vom genannten Moscherosch mit einem Bankbein einen Wurf in den Rücken, daß er eine klaffen de Wunde bekam und das Bett hüten mußte. Wie schreck⸗ lich die Wüteriche gehaust, geht daraus hervor, daß Nachbarsleute der Insultierten sich nicht getrauten, auf das Hilfegeschrei der Bedrängten Hilfe zu leisten. Be⸗ merkenswert ist auch, daß sich während des ganzen Radaus kein Poltizeidiener oder Nachtwächter seh en ließ. Die ganze Art der Inszenierung ließ darauf schließen, daß der Krawall von den„Ordnungs“ helden vorher verabredet und planmäßig organisiert war. Man wollte Rache an den Sozialdemokraten nehmen. Das geht deutlich daraus hervor, daß man sich nicht mit der Demolierung der Kohl'schen Wirtschaft begnügte, sondern auch vor das Stiller'scheßaus zog und dort den Skan⸗ dal fortsetzte. Um so mehr mußte es auffallen, daß die Staatsanwaltschaft in Gießen nicht auf eine Anzeige wegen Landfriedensbruch reagierte, sondern die Anklage nur wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung und Ver⸗ uͤbung groben Unfugs erhob. Und zwar klagte sie nicht nur die Kriegervereins-Patrioten an, sondern auch der Gastwirt Kohl und einige Andere der Gegenpartei kamen aufs Bänkchen, obwohl sie nur Angegriffene, aber nicht Angreifer waren. Das wurde in der Verhandlung zeugeneidlich festgestellt.
Nur ein einziger von der Kohlschen Seite, der Knecht Blum wurde wegen Verübung groben Unfugs, weil er in der Trunkenheit einigen Radau gemacht hatte, zu 30 Mk. Geldstrafe verurteilt. Auf ihn suchten die Kost, Noscherosch und Konsorten die Hauptschuld an dem Radau abzuwälzen. Er sollte die braven Patrioten gereizt haben. Tatsächlich ergab aber die Beweisauf⸗ nahme, daß diese den Blum in seiner Betrunkenhelt pro⸗ voziert hatten. Natürlich suchten sich die„gutgesinnten“ Knüppelhelden auf alle mögliche Art herauszureden und ihre Hunnentaten zu entschuldigen. Scharf getadelt wurde es vom Gerichtsvorsitzenden, daß sich die Nachtwächter und Polizeidiener so passiv bei dem Skandal benommen hatten. Der Nachtwächter Trabant wollte von gar nichts wissen, obwohl er in der Voruntersuchung ziemlich belastend für die Patrioten ausgesagt hatte. Von dem Amtsanwalt wurde das rohe Verhalten der Angeklagten gebührend gebrandmarkt, wenngleich er wie auch die Verteidiger die Meinung vertraten und mit Eifer ver⸗ fochten, daß Landfrledensbruch nicht vorliege.(2) Aber er hielt für die Hauptschuldigen Gefängnisstrafen schon um deswillen am Platze, weil Geldstrafen sie doch nicht treffen würden, da— wie gesagt worden sei— diese ja doch von anderer Seite bezahlt würden.(II) Rechts⸗ anwalt Stahl als Vertreter der Nebenkläger unterließ es leider, die Rohlinge in gebührender Weise zu kenn⸗ zeichnen. Dagegen bemühte sich Rechtsanwalt Windecker, der Wahlmacher des Grafen Oriola, die Pöbeleien der Burggräfenroder Kriegervereinspatrioten in ein möglichst günstiges Licht zu rücken und als Ausfluß überschäu⸗ menden Patriotismus hinzustellen. Dabei konnte es Herr Windecker nicht unterlassen, auch den beiden So⸗ zialdemokraten Busold und Repp ein paar advokatorische Seitenhiebe zu versetzen. Wohlweislich hatte er es aber unterlassen, sie als Zeugen laden zu lassen. Mancher „dunkle Punkt“ wäre dann jedenfalls aufgeklärt worden. Das Urteil fiel, wie schon gemeldet, sehr milde aus. Landwirt Kost erhielt wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung 250 Mk., der Landwirt Richard Moscherosch 150 Mk., der Landwirt Richard Volz 150 Mk., der Schweizer Bender 100 Mk., der Dienst⸗ knecht Konrad Meinhard 50 Mk., der Landwirt Fried⸗ rich Dörr 100 Mk., der Bahnarbeiter Traband 100 Mk. und der Knecht Konrad Blum 30 Mk. Geldstrafe. Die übrigen der soziald. Partei angehörigen Angeklagten wurden freigesprochen.
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Luft schaffen, und so zogen sie gegen 11 Uhr Abends aus der Wirtschaft Dörr, wo sie versammelt gewesen waren, mit Stöcken, Latten, Mistgabeln ꝛc. bewaffnet, nach der Wirtschaft Kohl. Einige trugen auch Laternen, um die Situation besser beleuchten zu können. Dort waren in⸗ zwischen fast alle erwachsenen älteren Personen nach Hause gegangen nud nur acht bis zehn junge Leute im
Teilnehmer seien. Der sich so hoch über die Maifeiernden erhaben dünkende Stellvertreter Gottes hatte aber das Malheur andern Tags verhaftet zu werden, weil in der Verwaltung des Offiziers-Kasinos, die er inne hatte, nicht alles stimmte. Wegen dieser Sache hatte er
h. An die Manövertage und die neuliche f Einquartierung in Wetzlar knüpft sich noch mancher Gesprächsstoff. Wie mancher Minderbemittelte hat sich da Opfer auferlegen müssen, die Manöver samt dem
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Aus dem Rreise Wetzlar. N 6 2
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1 1 sich nun am Freitag vor dem Kriegsgericht] Alter von 17 bis 20 Jahren anwesend, was übrigens,[ganzen Militarismus zum Teufel gewünscht. Aber, die 5 1 u verantworten. Nach dem, was da in der wie behauptet wird, die tapferen Oriola-Anhänger vor- J Soldaten können ja nichts dafür und jeder suchte den„ 110 eweisaufnahme an's Licht gebracht wurde,. ber ausgekundschaftet haben sollen. Vor der Wirtschaft' Leuten, soviel er konnte zu bieten. Umsomehr wird das g 118 1 61 4
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