Ausgabe 
4.10.1903
 
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Nr. 40.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

woe dem Gesetz mehr Achtung zu ver⸗ chaffen suchen! Den Arbeitern gegenüber hat man nicht nötig, denGesetzen Achtung zu verschaffen; weil sie von denen ohnehin respektiert werden. Durch das Urteil müssen aber die Unternehmer noch mehr in ihrer Meinung befestigt werden, daß nämlich die Rechtspflege die Aufgabe hat, für die Inte⸗ ressen des Unternehmertums zu arbeiten.

Bessere Leute im Gefängnis.

Am 24. September war des Dreschgrafen Pücklers Festungshaft in Weichselmünde abgelaufen. Schon vorher hat aber das Gräf⸗ lein in Danzig bei der Enthüllung des Kaiser Wilhelm⸗Denkmals frei und offen vor aller Welt im Frack und Claque an dem offiziellen Festessen teilgenommen, an welchem sich die Spitzen der kommunalen und militärischen Behörden und auch die Minister v. Podbielskt und Freiherr v. Rhein⸗ baben beteiligten. Graf Pückler war bekannt⸗ lich zu Gefängnishaft verurteilt worden und wurde dann zu Festungshaft begnadigt.

Sehr wohl hat sich auch der Mordprinz Arenberg im Gefängnis zu Hannover be⸗ funden. Es ist deswegen auch eine Untersuchung gegen eine Anzahl Gefängnisbeamte eingeleitet und 10 00 Aufseher sind bereits mit Dis⸗ ziplinarstrafen belegt worden. Erwiesen ist, daß Arenberg niemals Gefangenen⸗Kost, sondern stets Krankenkost während seines Aufent⸗ haltes im Hannoverschen Gerichtsgefängnis be⸗ kommen hat. Er hatte einen Mann zu seiner Bedienung zu seiner Verfügung, und abends hat er mit anderen Karten gespielt und Bie unten Ihm ist eine ech ver bietige Behandlung zuteil geworden und war freie Bewegung innerhalb der Gefängnisanstalt gestattet, die den Begriff Ge⸗ fangenschaft mindestens erheblich abschwächt. Er hat sich übrigens über seine Unterbringung in Tegel namentlich aber über den Verlust der in Hannover genossenen Vergünstigungen sehr geärgert, denn in der Nacht vor seiner Fort⸗ kransportierung hat er in seiner Zelle fort⸗ gesetzt getobt und alles, was er erreichen konnte zertrümmert. Was hättte man in diesem Falle mit jedem andern Gefangnen gemacht.

Auch einWahlrecht.

In Sachsen, wo man vor wenigen Jahren das erbärmliche Dreiklassenwahlrecht einführte, um die verwünschten Sozialdemokraten aus dem Landtag hinauszutreiben, hat man eine andere gleichfalls sehr nette SorteWahlrecht in Vorschlag gebracht. An dem famosen von von Preußen abgeguckten Dreiklassensystem haben nämlich auch die Ordnungspaxteien einen Ekel bekommen, seitdem sie bei der Reichstagswahl einen so empfindlichen Denkzettel erhielten. Dem Entwurf liegt ein Kuriensystem zu Grunde, und zwar sollen 5 Standeskurien und eine Kurie des allgemeinen Wahlrechts gebildet werden. Die Kurie des allgemeinen Wahlrechts hat 18 Abgeordnete zu ernennen. Die übrigen 5 Kurien sollen durch Wahlen etwa aus fol⸗ en Berufskreisen hervorgehen: 1. Handel,

Handwerk, 3. Landwirtschaft, 4. Beamte und Angestellte, 5. Reserveofftziere, Professoren und sonstige Notabilitäten. Natürlich handelt es sich nicht um einen schon zur Vorlage fertigen Ent⸗ wurf, sondern nur um die Grundzüge der Wahlreform, wie sie in diesem Augenblick am meisten Aussicht haben, von der sächsischen Regierung den Kammern vorgeschlagen zu werden. Dem Volke eine diese Karrikatur eines Wahlrechts zu bieten, dazu gehört schon eine ziemliche Kühnheit. Unsere Genossen wer⸗ den in der Agitation für das allgemeine, gleiche geheime und direkte Wahlrecht nicht erlahmen.

Landtagswahlen in Baden.

Nach einen Mitteilung des badischen Mini⸗ steriums sollen die Wahlmännerwahlen für die Ersatzwahlen zur zweiten Kammer am 31. Oktober stattfinden, während für die Abgeord⸗ netenwahlen der 11. November in Aussicht ge⸗ nommen ist.

Ausland.

Die französischen Sozialisten

der Richtung Guesde⸗ Vaillant das sind die sogenannten Marxisten, die Antimini⸗ steriellen, die im Gegensatz zu der von Jaurèes eführten Partei derUnabhängigen Sozialisten 555 hielten am letzten Sonntag und fol⸗ gende Tage in Reims ihren Kongreß ab. Am Sonntag fand eine große von ca. 2000 Personen besuchte Volksversammlung statt, in welcher u. a. der alte Vaillant, Jules Guesde, Lafarque, sowie der Bürger- meister Delory von Lille begeistert auf⸗ 0 Ansprachen hielten. Am Montag eschloß der Kongreß, der deutschen So⸗ zialdemokratie im Hinblick auf den Dres⸗ dener Parteitag eine Glückwunschadresse zu schicken.

Verurteilung serbischer Offiziere.

Eine Anzahl der jünst wegenVerschwörung verhafteten Offtziere der Garnison Nisch wurden zu Gefängnisstrafen bis zu zwei Jahren ver⸗ urteilt. Diese Leute hatten verlangt, daß die Königsmörder nicht vor den andern Offizieren bevorzugt würden.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Ein Arbeitersekretariat wurde in Leipzig errichtet. Es ist dies das erste derartige Institut in Sachsen. Die Wahl des 1. Sekretärs fiel auf Genossen Dr. Dunker mit 42 Stimmen, die des 2. Sekretärs auf Genossen Zipperer(Buchbinder) mit 36 Stimmen. Für den I. Sekretär wurde der Aufangsgehalt auf 2500 Mark, für den 2. Sekretär auf 2000 Mark festgesetzt.

Gewerbegerichtswahlen nach dem Proportional⸗System wurden vorige Wache in Osnabrück, dort zum ersten mal, vorgenommen. Von 1532 eingetragenen Arbeit⸗ nehmern stimmten 976, von 332 eingetragenen Arbeitgebern nur 54 ab. Die Liste der Arbeitgeber

ing einstimmig aus der Wahl hervor; dagegen

1 5 916 von den Arbeitnehmern 658 für den Sozialdemokraten und das Gewerkschaftskartell, 318 für die von den christlichen und Hirsch⸗ Dunckerschen Gewerkvereinen aufgestellte Liste. Nach dem Verhältnis berechnet sind von den 15 Arbeitnehmern⸗Beisitzern rund 15 gleich 10 den Sozialdemokraten usw.,/ gleich 5 den christlichen und Hirsch⸗Dunckerschen Gewerk⸗ vereinen zuzuzählen.

Berliner Omnibus ⸗Kutscher be⸗ finden sich im Streik. Sie verlangen eine Herabsetzung ihrer 1617 stündigen Arbeits⸗ zeit. Die Omnibus⸗Gesellschaft lehnte die Ver⸗ mittelung des Gewerbe⸗Gerichts ab, deshalb wandten sich die Arbeiter an den Oberbürger⸗ meister. Ob es hier zu einer Einigung kam, darüber liegt noch keine Nachricht vor.

von nah und Lern.

Hessisches.

Wegen der Ausweisung der russischen Studenten und des Vor⸗ gehens der Darmstädter Polizei gegen dieselben anläßlich des Zarenbesuchs beabsichtigen unsere Parteigenossen im Landtage zu interpellteren.

b einer Eisen bahn Grünberg⸗Lich haben die Abg. Köhler und Hirschel im Landtage beantragt.

Gießener Angelegenheiten.

Parteiversammlung. Vorigen Samstag waren zu der einberufenen Partei⸗ versammlung, in welcher unser Delegierter über den Parteitag berichten sollte, die Parteigenossen infolge ungenügender Bekanntmachung nicht in wünschenswerter Anzahl erschienen. Deshalb wurde eine Wahlvereinsversammlung abgehalten, in der man Vereinsangelegenheiten erörterte und außerdem beschloß, die Parteiversammlung

am Montag 5. Oktober abzuhalten. Als einziger

Punkt steht der Bericht vom Parteitag auf der Tagesordnung und es wird erwartet, daß sich die Parteigenossen, recht zahlreich einstellen.

Die Generalversammlung des Kon⸗ sumvereins für Gießen und Umgebung, die am Sonntag Vormittag in Lony's Bierkeller stattfand, war ziemlich zahlreich besucht. Nach Verlesung des Proto⸗ kolls der vorhergegangenen General⸗Versammlung, gegen das sich kein Widerspruch erhob, erfolgt der Bericht des Geschäftsführers. Daraus ist hervorzuheben, daß sich das zweite Geschäftsjahr bedeutend günstiger als das erste gestaltet habe. Eine nicht geringere Steigerung der Mitgliederzahl von 172 auf 238 hat statt⸗ gefunden, wenn auch der Umsatz im Verhältnis dazu nicht Schritt hielt. Trotzdem stieg derselbe auf 25 000 Mk. Mit einer Reihe Geschäfte(Schuh-, Mode-, Brot⸗ und Fleischwaren ꝛc.) sind Abmachungen getroffen, wonach den Konsumvereinsmitgliedern auf entnommene Waren Rabatt gewährt wird. Obwohl diese Vereinbarungen erst jüngeren Datums sind, beträgt der Wert der in solchen Geschäften von Mitgliedern gekauften Waren bereits über 3300 Mk. Der Gesamt⸗Umsatz betrug rund 25000 Mk. im verflossenen Geschäftsjahre, der indessen nur den verhältnismäßig geringen Reingewinn von 593 Mk. brachte. Bezüglich der übrigen Zahlen sei auf die bereits veröffentliche Bilanz hingewiesen. Nach der Inventur am 30, Juni stellte sich bedauerlicherweise ein recht erhebliches Manko für den Lagerhalter heraus. Der Vorstand sah sich veranlaßt, hierüber dem Aufsichts⸗ rat Mitteilung zu machen, worauf nochmals eine gründ⸗ liche Inventur vorgenommen und auf Grund der Er⸗ gebnisse derselben die Abrechnung von neuem aufgestellt wurde, die man von einem Sachverständigen prüfen ließ. Es ergaben sich aber nur ganz unwesentliche Differenzen. Der Vorstand und Aufsichtsrat sah sich daher genötigt, zur Entlassung des Lagerhalters zu schreiten. Letzterer habe übrigens das Manko zum größten Teile gedeckt. Ueber den Geschäftsbericht entspinnt sich eine sehr lebhafte Debatte. Herr Löb fragt, wie ein so großes Defizit entstehen könnte, es müsse eine schärfere Kontrolle stattfinden. Aehnlich sprechen sich Siller, Lüder, Koch und Andere aus. Geschäftsführer Keßler sowie der Vorsitzende des Aufsichtsrats geben erschöpfende Auskunft. Dir Kontrolle sei nicht leicht, konnte aber kaum besser geübt werden, als es geschah. Für die Folge soll aber jährlich zweimal Inventur gemacht werden. Der Be⸗ richt des Geschäftführers und Kassierers wird genehmigt. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung wird beschlossen, eine Dividende von 2% zur Vertellung zu bringen. Die beiden ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder Bock und Andreas werden wiedergewählt, sowie Georg Baum an Stelle Petersen, der den Lagerhalterposten übernommen hat. Als Ersatzleute werden Krug, Männche und Müller bestimmt. Von Keßler und Vetters wird noch darauf hingewiesen, daß in heutiger Zeit, wo die Lebensmittelpreise durch Zölle künstlich gesteigert werden, während die Arbeitslöhne eher sinkende Tendenz zeigen, der Minderbemittelte deshalb suchen müsse, eine weitere Verschlechterung seiner Lebenshaltung zu verhüten, der Konsumverein eine Notwendigkeit sei. Jedes Mitglied möge für die weitere Ausbildung desselben das Möglichste tun, indem er nicht nur seinen Bedarf im Konsumladen decke, sondern auch dem Verein neue Mitglieder zuführe. Wenn jeder in diesem Sinne wirke, würden allen Mit⸗ gliedern wesentliche Vorteile erwachsen.

Sehr guten Geschäftsgang hat, wie in derFrkftr. Ztg. bericht wird, das Gießener Braunsteinwerk vormals Fernie zu verzeichnen. Danach ist nicht nur die ganze Förderung für dieses Jahr schon verkauft, sondern es ist auch schon die Lieferung von 123000 Tonnen für 1904 zu guten Preisen abgeschlossen. Das Werk kann kaum die Nach⸗ frage bewältigen. Nun sollte man meinen, daß auch die Arbeiter etwas davon profi⸗ tierten. Das ist aber keineswegs der Fall; über die auf dem Werk gezahlten niedrigen Löhne sind uns wiederholt lebhafte Klagen von Seiten der Arbeiter zugegangen.

Berichtigung. In Nr. 37 d. Bl. brachten wir eine Notiz, welche sich mit der Entlassung eines Arbeiters im städtischen Elektrizitäts werk beschäftigte. Wir werden nun von Parteigenossen gebeten, den Artikel dahin zu berichtigen, daß der entlassene Arbeiter sich schon längere Zeit recht grobe Nachlässigkeiten zu Schulden habe kommen lassen, die teilweise so ernster Natur gewesen seien, daß sie nicht unbedenkliche Gefahren für ihn selbst, seine Mitarbeiter und den ganzen Betrieb herbeigeführt hätten. Es sei dem Be⸗ treffenden, nachdem er oft genug gewarnt wor⸗ den, durchaus kein Unrecht geschehen.

Wir haben keine Neranlassung an der Richtig⸗ keit dieser Mitteilungen zu zweifeln, deshalb

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