Ausgabe 
4.10.1903
 
Einzelbild herunterladen

Selte 2.

Mitteldentsche Tonntags⸗Zeitlung.

Nr. 40.

taten bez Hülssener, Brülsewitz usw. entgegen tritt, sonbern auch in der Verwüstung, dieim mllitärischen Juteresse in welten Lanbstrichen angerichtet wirb. Mehrmals haben wir schon Falle angeführt, daß fruchtbare Länberelen, blühende Geftlbe in eine Wüstenet verwandelt wurben, ganze Dörfer vom Erbboden ver schwinden mußten, well abermals ein Truppen bun platz notwenbig wurbe. Nun fängt man aber schon an, bie Manbver sokrtegsmäßig zu gestalten, daß welt und breit alles ver- wllstet wird. Eln Velsplel set hier angeführt:

Am verflossenen Dleustag fand im Manöver- elänbde bel Eppingen ein Scharfschießen er Artillerie bes XIV. Armeekorps statt, über bas eln Helbelberger Blatt folgendes Bilb entwirft:

An ber alten Straße von Elsenz nach Eppingen sah's graustg aus: Bäume liegen massenhaft 14 len am Voden, in der Straßenbecke tlese Locher, ein Bild groß- artiger Zerstörung, unb dabetl nur eln schwaches Bilb, denn bie Granaten waren ulcht mit bem furchtbar wirkenden Pikrin, sonbern nur mit Schwarzpulver gelaben, das heißt, ez wurde bie sogenannte Exerztermunttlon ehraucht. Elin Jammer ist es um die e O b sthäume. Eln solcher Vlrubaum in vollem Ertrag liefert 10 bis 12 Zentner mit Leichtigkeit; der Zentner zu Mk. 4 bis Mk. b gerechüet, beträgt ber Schaben Mk. 40 bis Mt. 50 pro Jahr. Da es 15 bis 20 Jahre bauert, bis ber aan bang in vollen Ertrag kommt, so beträgt die Eutschä bilgungssu mme fllt einen Vaum Mk. 600 bis Mk. 800, wobei die geringen ne welche der Ersatzbaum schon vor bem 20. Jahre llefert, in Anrechnung 100 bracht sind. Man kann sich danach ein Bild von den Kosten machen, welche allein aus den vernichteten Obstbäͤumen erwachsen. Dann dle 0 durch das Heraufholen der schlechten und burch Belsesteschaffung der guten Erde unfruchtbar gemachten Aecker! End lich der Schaden an den Früchten; da kann man mit Recht sagen: das ist eln teures Schleßen!

Das deutsche Volk quält sich gerade lu der gegenwärtigen Zelt der Zollkämpfe mit dem Problem ab, wie der lanbwirtschaftliche Ertrag der. Erde 1 N 7 und die Volks- ernährung mehr als bisher von der Zufuhr ausländischer Produkte unabhängig J werben kaun. Und im 6 551 Augenblick sleht unserherrliches Krkegsheer seine erhabenste Aufgabe darin, mit plumpen Tritt die mit dem Schweiß des Bauern getraͤnkten Kulturen uleberzustampfen, innerhalb weniger Minuten bie Arbelt ganzer Generatlonen zu vernichten! Und die unleren Volksschichten, auf denen dle Last der ludtrekten Reichssteuern ruht, und deren Söhne der Moloch Milttartsmus im produkttpsten Lebensalter lange Jahre zu solch kulturwidriger Herstörungsarbelt unter die Fahne zwiugt, ste miüssen für die Kosten dieser teuern Späße aufkommen.

Für jeden mit fünf gesunden Stunen be abten Menschen erglebt sch aus diesen Tat- 0 bie MWiderstunigkelt und Kulturfelndlich elt dess Mllitartsmus, auf dessen 0 ung mlt hinzuarbeiten, jeder Denkende für Pflicht halten muß,

eine

Schlimmer als in Rußland!

So wird mancher ausrufen, wenn er von dem surchtbarenKrlegsgerlchtsurtell Keuntuls erhält, das am Samstag in Heldel berg gefällt wurde. 4 Soldaten waren wegen Meuterel, Aufwiegelung und tätlichen Augrlsse gegen Vorgesetzte augeklagt. Dle bler, dle in bdlesem Herbste eutlassen worden wären, hatten ich im lebermute während der Manöber au lnterosstzteren vergrissen, ohne einem erustlichen Schaden zu tun. Ste sollen in elnem Manöver quartlexe, nachdem sle eln Gasthaus besucht, einen Ueberfall auf den Einjährig-Frelwllligen Unterosftgler Petertz verabredet haben. Auf dem Werd bewarsenste zweb andere vorübergehende 1 nteroffszlere mit Steinen, ohneste zutressen

oder gar zu verletzen. Dann lauerten sle an

elner dunklen Ecke bec Straße dem Peters auf, der aber nicht kam; einem vorübergehenden Sergeanten warfen ste einen Knüppel nach, ebenfallsohne ihn zutreffen. Für diese zweifellos Fafpase Handlungen, durch die aber doch weiter keinerlet Schaden angerichtet wurbe, 1 75 daß Gericht folgende grauenhafte Strafen: ber Grenabter Keinarth erhielt 10 Jahre Gefänguts, die Grenabiere Oehler und Habich je 6 Jahre, der Grenadter Fein⸗ auer 3 Jahre und 9 Monate. Also zu⸗ sammen 28 Jahre 9 Monate Gefängnis für zwei Stockhlebe, die sie dem Unterofft⸗ zter Peters F

Begrelflicherweise hat diesez selbst vom Standpunkt ber militärischen 9571 empörend 5 Urteil bie größte Aufregun 1 Mit Recht vergleicht man damit die 0 gellnben Strafen, die öfters wegen roher Mißhandlun Untergebener e wurden. So erhie kürzlich ein Unterofflzter, der einen Rekruten durch 1 zum rel mord ge⸗ trieben hatte, 14 Tage Mitttelarest; der von dem Kabetten Hüssener deheneen Totschla wurde mit 2 Jahren und 1 Festungshaft

also eine Art Erholungsferlen als ge⸗ sühnt betrachtet; für seh r schwere und 1000 leichtere Soldatenmißhandlungen zum Teil mit töblichem Ausgang wurde der Unter⸗ offtzler Breldenbach vor wenigen Tagen zu Jahren Gefänguts verurteilt: und neben dlese Urtelle halte man die furchtbare Härte des Urteils 175 ble leichtstunigen Jungenstreiche angetrunkener Soldaten! Ist's da ein Wunder, wenn in welten Volkskrelsen die 17 0 entsteht, es gebe zwelerlet Maße für die Justiz

Wegen Soldatenmißhandlungen

wurden nach einer Statlstik, nicht weniger als 50 Jabre 10 Monate Fre ee selt dem ersten Januar dieses Jahres bis Ende September verhängt! Dabel muß in Betracht gezogen werden, daß man in den 1 15 Fällen außerorbentliche Milde walten ließ, daß oft genug iran erfolgte. Diese Strafen verleilen sich auf 160 Fälle von Soldatenquälerelen. Traurige und für eine Kulturnation höchst be⸗ schämende Tatsachen sind es, welche durch diese Statlstik festgestellt werden!

Wirkungen der ien Hunger; politik.

Einen gar nicht unbedeutenden Rück 17 des Fleischkonsums konstatiert das kürzli erschlenene fablsische Jahrbuch für Sachsen. Mie unser Dresdener Partelorgan daraus mit⸗ tellt, ging besonders der Verbrauch an Schweine⸗ slelsch zurück. Im verflossenen 477 flel der Gesamtflelschverbrauch von 25,0 Kilogramm auf den Kopf der Bevölkerung im Jahre 1901 auf 28,3 Kllogramm im Jahre 1902. Eine große Schuld daran 1 zwelfellos neben der Wirtschaftskrise die künstlich durch die Grenz⸗ sperre herbeigeführte Fleischteuerung. 118 Rückgang des Flelchkousums über b Pfd. bro Kopf der Bevölkerung kann auch ble geriuge Steigerung von reschlich 1 Pfd. Miadsleisch(bon 14,0 Kllogramm auf 156,5 Kilogramm) bei weitem nicht wettmachen. Ferner muß man bedenken, daß dle Besttzenden ihren Flelschverbrauch auch bel hohen Preisen nicht elnzuschraͤnken brauchen, daß bet der Be völkerung alle Kinder ꝛ6., die gar keln Fleisch geuteßen, mitgerechnet find. adurch kommt eln viel größerer Rückgang des Fleischkonsums * ben Verbrauchern aus der Arbeikerbevölkerung heraus.

Diese Zahlen bllden eine ebenso deutlich redende wie heftige Anklage gegen die unver⸗ schämten Agrarter, die während der Not des Volkes mit Hilfe der Absperrungspolitik ihren Beutel zu füllen suchen und sich der Aufhebung der künstlichen Schranken gegen die Elusührung billigen ausländischen Fleischeg nutt junkerlicher Herzlosigkelt entgegenstemmen.

Kalser⸗Insel⸗Prozest.

Freitag voriger Woche hatten sich die beiden Redakteure desVorwärts Leld und Ka⸗ llt wegen der Mittellungen zu verantworten,

die der Vorwärts über den angeblich geplanten Bau einer kaiserlichen Burg auf der Havelinsel Pichelswerder machte. Später führte das Blatt noch einen Entwurf im Bilde vor, bezüglich dessen angedeutet wurde, daß damit Pichels⸗ werder gemeint sein könnte. Der Oberstaats- anwalt, der die Anklage persönlich vertrat, be⸗ hauptete, daß die Tendenz der Artikel dahin gehe, den Katser 61 als denjeni 17 zu be⸗ zeichnen, der diehöchst sonderbare lde ent- worfen habe unb betreibe. Die Ausdrücke 5Hofleute ꝛc. bedeuteten eine nur vorsichtshalber beltebte Verhüllung. Die vom 2215 gewollte W der Kaiserinsel⸗ Artikel auf den Kalser selbst leuchte deutlich hervor. Die Artikel selen 15 den Kaiser be⸗ leldigend, denn es werde ihm angedichtet, er sei gesonnen aus wahrhafter Angst vor dem Aufruhr auf den Plan gekommen, zu seinem Schutz, nötigenfalls unter Mißachtung der Ge⸗ setze, sich 12 die zu einer 77605 verwandelte Havelinsel Pichelswerder zurückziehen und streng von der Außenwelt abzusperren, um beim Aus⸗ bruch einer Revolution in kurzester Zeit Truppen um die Insel W zu können. Die Angeklagten bestritten, daß die inkriminlerten Artikel sich auf den 10 beziehen, sie wollten den Beweis erbringen, daß tatsächlich in We kreisen solche Pläne erörtert wurden. Die als Zeugen vernommenen Hofbeamten und Militärs erklärten, von diesen Plänen nichts gehört 1 haben. Schließlich wird der Termin bis Oktober vertagt.

Meinungsfreiheit des Reichsbeamten.

Gegen den Oberpostsekretär Richard Wag⸗ ner aus Hanau erkannte die Disziplinarkammer in Kassel auf Dienstentlassung ohne Pension wegenunwürdigen Benehmens. agner habe sich gegen Treue und Gehorsam, wie ste von Beamten erheischt werde, 77 0 vergangen. Er habe zwel sozlaldemokratische Tendenzen atmende Schriften, ein EposDas Evangelium der Verachtung und eine ProsaschriftAether und Wille verfaßt und herausgegeben und in einer Wählerversammlung in Hanau gelegent⸗ lich der letzten Reichstagswahl ein Hoch auf die revolutionäre sozlaldemokratische Partei aus⸗ gebracht habe, mit dem Zusatz, daß das Bürger⸗ tum morsch sei. Wagner, der sich geschickt ber⸗ teldigte, bekannte sich als Sozialdemokrat. Selne Pflichten als Beamter habe er nicht verletzt, da er es wohl miteinander vereinbar 135 ohne an Achtung zu verlieren, Post⸗

eamter und zugleich Sozialdemokrat zu sein.

Doch es 115 nichts, noch nicht einmal eine Penston billigte man dem Manne zu, der 14 Jahre lang 44 Pflicht gewissenhaft er- 55 So achtet man die von der Verfassung edem Staatsbürger garantierte e heit! Ist das nicht n Terrorismus als derjenige, den angeblich die Sozlaldemo⸗ kratie gegen ihre Angehörigen ausüben soll?

Nackteste Klassenjustiz

kommt in einem Urtelle zum Ausdruck, das in Crimmitschau in Sachsen, wo der Streik der Textilarbeiter noch immer andauert, gegen elne Arbeiterin gefällt wurde. Die betreffende sollte Streikposten gestanden haben und wurde deswegen von einem Schutzmann arre tiert. Man diktierte der 19 7% 1 Tag Haft zu, obwohl ste bestritt, als Streikposten sic oel zu haben. Der Amtsanwalt leistete ich bel Begründung der Anklage u. a. den netten Satz:Eine Hausfrau, welche sich von halb 9 Uhr bis in die 10. Stunde(morgens!) auf der Straße herumtreibe, könne keine ordentliche Hausfrau sein, diese gehöre ins Haus! Und zur Begründung des Urtells wird 1 Es sei gleichgültig, ob die Angeklagte Streikposten gestanden habe oder nicht. Dus cable ht nehme an, daß sie das getau habe. Sse habe sich gegen die Straßenpollzeiordnung vergangen, ungehor⸗ sam gezeigt. Die Angeklagte sei aber auch hart⸗ näcklig und un 1 5 gewesen. Dieser Un- Feb a müsse bestraft werden. Bei dem ehlgen Streik, welcher mit g großsse wirlschaftlichen Schaden verknüpft sel, müsse man durch Verhängung von Freiheits⸗