5 Freuden zue Jahr geht zu Ende.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung ·
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Nr. 7.
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Nimmer werde mir ein Glück gegeben, Das nicht alle, Alle, die da leben, Ueberströͤmt mit gleichem, tiefen Heil! Tragen will ich, dulden und vermissen Cieber, als um einen Segen wissen, Der nicht aller Kreatur zu Teil!
Keinen Vorzug will ich vor den Andern, Nicht auf weichen Blumenpfaden wandern, Während ihre Bahn durch Wüsten geht, Und nicht treten in die Himmelshalle, Wenn die helle Pforte nicht für Alle Aufgetan und weit erschlossen steht.
Denn ein Vorzug, mir allein gegeben, Müßte mich als bittere Scham durchbeben, Und ich litte in der Freude Schoß!
Du, für die im Innersten ich brenne, Meine Menschheit! keine Gnade trenne Von dem Deinen deines Kindes Los!
Betty Paoli.
Organisiert. Eine Sylvestergeschichte von Karl Ewald.
Der Sylvestertag war angebrochen. Blei⸗ grau hingen die schneeschwangeren Wolken am Himmel, als wollten sie jeden Augenblick der
um Alles weit und breit mit dem weißen
Leichentuch zu bedecken.
Mit trüben Aussichten hatte das Jahr fü
die Menschen, vorzüglich für die Pre selost⸗
begonnen und unfreundlich cc rreten⸗Pietarier,
schied nehmen zu woller wichen es auch Ab⸗ „Das al, itteresse..
5 Was wird
nickel unn
ell. das neue bringen?“ so seufzte Mancher heute am Sylvestertag in Sorgen und Befürchtungen.
Um die zweite Nachmittagsstunde mochte es sein, als ein dürftig gekleideter, aber kraft⸗ voll gebauter Mann in den dreißiger Jahren auf der Landstraße dahin wanderte, welche nach der Provinzialstadt Weisheim im Westen Deutschlands führt.
Schon weit mußte der dem Arbeiterstand Angehörige gepilgert sein, denn sein Gang war nicht mehr so engerisch und fest, wie man nach dem Körperbau des Mannes hätte erwarten können. l.
Prüfend blickte sein Auge wiederholt zum schneeschwangeren Himmel.„Beinahe sechs Stunden habe ich noch bis Weisheim,“ sagte er zu sich selbst.„Ob ich's heute noch erreiche 2 Wenn nur der Schneesturm so bald nicht los⸗ bricht! Hin muß ich, denn wo jetzt Arbeit bekommen. ja in der Formerei alle Bestellungen dort gemacht werden. Hm dahinter. Man will sich eine wo im Falle eines größern audern Städten mit aufgeklärter, Arbeiterschaft die Warer⸗
die den Feiernden in den Rücken fallen.
Knabe! Kannst vielleicht im Karpfenteich sein!“ mit neuer Kraft. Sein erstrahlte in lebhaftem Feuer. Seine Ausdauer eine sehr harte Probe gestellt werden. ungefähr
Orkan ausartete. Im Nu war ö gehüllt. Ununterbrochen sandte der
Erde die winterlichen Flocken herniedersenden,
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eltener, seinem Kutscher den Befehl
sollte ich sonst
In Weisheim muß es ganz ungewöhnlich rege zugehen. Eigentümlich ist's, daß gerade jetzt
Am Ende steckt irgend ein Fabrikantenkniff Stätte verschaffen, Ausstands in den organisirter fertig gestellt werden sollen, Streikbrecher konzentrirt werden 10 a, um so mehr mußt da nach Weisheim, alter wieder einmal Hecht
Diese Erwägungen erfüllten den Wanderer Schritt wurde fester, seine Haltung stolzer und sein blaues Auge
sollte indessen noch auf Nach einer Viertelstunde begann ein heftiges Schneegestöber, das schließlich in einen wahren
seine weißen Flocken. In kaum einer Stunde begann der gefallene Schnee schon dem einsamen Wanderer beschwerlich zu werden. Nur müh⸗ sam kam er vorwärts, dazu bot ihm die dürftige Kleidung faft gar keinen Schutz gegen die eistge Kälte. Langsamer und langsamer wurden seine Schritte. Da drang plötzlich ein helles Wagengeläute an sein Ohr.
Von zwei kräftigen Rappen gezogen, fuhr ein Landauer heran, in welchem nur ein einzel⸗ ner korpulenter, durch Decken aufs Beste gegen das Unwetter verwahrter Mann saß.
„Der muß mich mitnehmen,“ murmelte der Pilgrim der Landstraße.„Heute kann kein Christenmensch so etwas abschlagen. Er fährt ja auch augenscheinlich nach Weisheim.“ „Holla“ rief er dann laut, als das Ge⸗ fährt an seiner Seite war;„wollen Sie mich nicht nach Weisheim mitnehmen? Ich bin durchnäßt und so durchfroren, daß ich kaum weiter kann, und noch sind's drei und eine halbe Stunde nach der Stadt.“
„Der Dicke im Wagen warf einen prüfenden Blick auf den Armen, dann griff er in die Tasche und reichte ihm ein Geldstück dar. „Hier habt Ihr einen Fünfziger,“ erwiderte er. „Kauft Euch dafür im nächsten Dorfe einen Schnaps, der wird Euch schon auf die Beine helfen. Mitnehmen kann ich Euch nicht. Weiß nicht, wer Ihr seid. Bin mir selbst der Nächste, 150 1 ist die Mutter der Weisheit. Da nehmt!“
Dem unglücklichen Manne stieg das Blut in den Kopf ob dieser Herzensroheit. Entrüstet rief er:„Behaltet nur Euer Sündengeld. Es kann mir doch nicht helfen. Nach Schnaps steht nicht nein Sinn. Fahrt nur zu! Soll ich auf der Landstraße im Schnee elend um⸗
e asche 1 9 1 sein!“ 1 nverschämter Flegel⸗ D es aus den Peg. A de ertönte doch Ar. gr en und Pelzhüllen heraus; rah es der seltsame Menschenfreund ge⸗ zu beschleu⸗ nigter Fahrt zu geben. 5 1 Schellengeläute verhallte. Müde und matt schlich der Wanderer weiter. Der Schnee ballte sich an seinen Füßen zu Klumpen, heftiger Frost schüttelte ihn. Vor seinen Augen be⸗ gannen Feuerräder zu kreisen. Noch eine Weile faumelte er weiter, dann mußte er sich auf einem eben noch aus dem Schnee hervorragen⸗ den Steine niedersetzen. Sein Bewußtsein be⸗ gann zu schwinden. Er fühlte die Kälte fast nicht mehr. Wirre Traumbilder umgaukelten ein Hirn f g Aber Mann, um des Himmels Willen, was macht ihr hier!“ rief da plötzlich eine Stimme dicht vor ihm. Ein kräftiger Arm rüttelte ihn an der Schulter.„Steht auf, sonst seid ihr ein Kind des Todes!“ Der Unglückliche machte Anstrengung, empor zu kommen. nicht mehr. 8 „Steht es schon so
eine vergebliche Es ging
“ sagte der Warner, ein kräftiger ländlicher Arbeiter.„Na, denn trinkt mal einen kräftigen Schluck! Das hilft! Zugleich hielt er dem gänzlich Ermatteten die Schnapsflasche an die Lippen. N Mechanisch sog der Arme den feurigen Trank, der seine Wirkung nicht verfehlte. Mit Hilfe seines Retters richtete er sich auf. 1 „Na, kommt nur mit mir nach Hause! meinte der Samariter gutmütig.„Fürs Erste könnt ihr heute doch nicht mehr weiter. Laßt wenigstens das Schneewetter etwas austoben, dann 1 0 ihr 1 walzen. Ihr wollt wohl nach Weisheim?“ chiilenlos folgte der Ermattete dem wohl⸗ meinenden Manne, während er ihm seine Aus⸗ sichten und Pläne langsam auseinandersetzte. „Ha, Ha! Also gemaßregelt seid Jr Das laßt nur ja in Weis heim Niemanden merken, sonst kommt Ihr schief an! Wir haben in Weis heim nur wenig aufgeklärte Leute. Das Nest ist zu schwarz. Immerhin aber ist es dort noch besser als bei uns auf dem Lande in den Zuckerfabriken.— Arbeit giebt's in Weisheim genug. Da habt Ihr recht. Wenn Ihr könnt, müßt Ihr heute noch hin. Erst aber sollt ihr Euch bei mir ordentlich auf⸗
die ganze Gegend in Weiß Himmel
Statt aller Antwort drückte der Gerettete seinem Helfer die Hand.
Bald waren stie an dem kleinen Häuschen des Mannes angelangt. Eine robuste Frau mit gutmütigen Zügen empfing sie. Ohne lang zu fragen, nahm sie sich des Gastes an. Schnell war ein kräftiges Mahl bereitet, dem der Wan⸗ dersmann heißhungrig zusprach.
Gegenrede aus. Der Samariter und seine Frau waren eines Sinnes mit ihrem Pflegling. Als er endlich Abschied nahm, um nach Weisheim weiter zu pilgern, schied er wie ein guter Freund von dem wackern Paare. Das Wetter war
liche 1 mußte gewagt werden. Dem Pro⸗ letarier Zaudern. „Hier habt Ihr unsern letzten Zwanziger!“ sagte der Landarbeiter beim Abschied.„Nehmt ihn nur, wir helfen uns schon weiter. Viel 9 95 93 Weg.
n dem Auge des armen Pilgers blitzte es feucht.„Von 0 0 gerne annehmen,“ antwortete er.„Was der Arme dem Armen giebt, das kommt von Herzen. Meine heißen Segenswünsche begleiten Euch; vielleicht sehen wir uns wieder. Nochmals tausend Dank für Eure Menschenfreundlichkeit!“
Der Neugestärkte schied. Auf der Land⸗ straße schritt er rüstig aus; allein, er hatte seine Kräfte doch überschätzt. Die kurze Rast in der warmen Stube ließ ihn vergessen, welche Strapazen er schon heute überstanden. Das rächte sich nun bitter.
Nach einer Stunde setzte auch das Schnee⸗ gestöber wieder N keuchte der ch
1
dogte,„Söll ich am nahen
„Ziele noch scheitern? Nimmermehr!“
Langsam kam er weiter, indessen er gelangte doch seinem Ziele näher. Mehr als alles Andere hatte ihm das frische, freie Wesen des selbst kärglich genug gestellten Landarbeiters wohl
etan. . altes Haus?“ sagte er,
Du willst verzagen 5 ö sich selbst ermunternd. 5„Dein Retter verdient
doch nur achtzehn Groschen a f Pracht doch 1593 drei Wochen in Arbeit zu stehen, dann bist du auh dem Dalles. Vor⸗ wärts! Der echte Proletarier kriecht so leicht
* 0 1 nicht zu Kreuze starke Wille da ist, gelingt
Wo der gute, Schwieriges. Welche Heldentaten muß der
roletarier nicht alltäglich ungekannt und un⸗ Ae verrichten, um sich und die e durchzubringen. Der berühmte Marsch de Marschalls Vorwärts von Ligny nach Waterloo ist wahrlich ein Kinderspiel hiergegen.
Unter unsäglichen Strapazen verflossen dem einsamen Pilger wieder über zwei Stunden. Endlich, als er fast umfallen wollte, tauchten die Lichter von Weisheim vor ihm auf. war auch die höchste Zeit.
schöpft wankte er in die erste beste Restauration,
assen. Wee Geschas, hilf weiter!“ murmelte er, als er zur Tür der Wirtsstube hineinschwankte. Das Geschick half. Er war in ein Gasthaus geraten, in welchem sich die organisirten Arbeiter, meistens Former und Metallarbeiter, zusammen⸗ fanden. 988 ben hatte man den schon von dem Wan⸗ eren geahnten Kniff der Fabrikanten besprochen, hier in
von Formern einzustellen, vielleicht
welche sich im F
als Streikbrecher gebrauchen ließen, um
Während dessen tauschte man Rede und 1
inzwischen etwas besser geworden. Der beschwer⸗ 1 äßt das Geschick wenig Zeit zum
1 J
nch will ich die Gabe herzlich
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„Vorwärts! Vorwärts—
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Auf den Tod er⸗ 1
um sich für die zwanzig Pfennig etwas Warmes 4
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Weisheim ein Kontignent
rühi is und Indifferenz; rühjahr aus Unkenntnis u den
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streikenden Berufsgenossen in
nicht mit allen rief ein bärtiger in der Mitte
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allen. g „Ein Hundsfott, wer etzt Mitteln unsere Sache vertritt!“ Mann an dem dichtbesetzten Tische des Lokals. Jetzt gilt es zu agitiren? muß für die Agitation gewonnen werden. 10 Der neue Ankömmling horchte auf. 1 elektristrt eilte er an den Tisch.„Bravo! 5 10 er, indem er in die Tasche griff und sein Ver⸗ bandsbuch hervorholte.„Einer für Alle,
wärmen und stärken.
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für Einen! Mögen sie uns hundertma
Rücken zu
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