Ausgabe 
4.1.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 1.

verlassen worden war. Es stammte aus Trais⸗ Horloff.

Weihnachtsveranstaltungen. An den Feiertagen hatten der Schneider⸗ und der Glaserverband, sowie an dem zweiten Feiertage der Gesangverein Eintracht Familien⸗Abende arrangiert. Diese geselligen Unterhaltungen verliefen aufs Beste. Besonders zahlreichen Zuspruches erfreuten sich die Schneider und auch der Gesangverein; der Besuch bei den Glasern war weniger stark. Leider herrscht hier in Bezug 25 derartige Veranstaltungen eine bedauerliche Zersplitterung. Es muß später unbedingt ermöglicht werden, daß eine gemeinsame Feier der Gewerkschaften, des Wahl⸗ und Gesangvereins stattfindet. Wir wissen, daß dies bisher an der Lokalfrage scheiterte; aber es müßte doch merkwürdig zu⸗ gehen, wenn die Gießener Arbeiter nicht im Stande wären, diese bald einer befriedigenden Lösung entgegenzuführen! Daß bei einem ge⸗ meinsamen Feste nicht nur die Organisationen selbst besser abschneiden würden, sondern auch den Besuchern viel mehr geboten werden könnte, leuchtet ohne Weiteres ein. Unsere Festbesucher stellen in letzterer Beziehung gewiß keine hohen Ansprüche, die Vereins vorstände und Festkomitees sollten sich aber doch bemühen, reichhaltigeren und besseren Unterhaltungsstoff zu bieten. Das ist mit wenig Mühe und Kosten zu erreichen. Die Verlosungen und die langweiligen Ver⸗ steigerungen müßten möglichst eingeschränkt werden. Gegen eine Verlosung ist schließlich noch weniger zu sagen, wenn darauf gesehen wird, daß nur einigermaßen brauchbare Gegen⸗ stände dazu ausgewählt werden. Manchmal kommt da ein ganz wertloser Plunder zur Verlosung, Zeug, was mit dem Drittel des dafür gezahlten Preises schon zu teuer gewesen wäre. Früher war der Unfug ja noch schlimmer, in letzter Zeit hat es sich darin viel gebessert, trotzdem bleibt noch Manches zu wünschen übrig. Wenn diese Zeilen, durch die wir selbst⸗ verständlich Niemandem zu nahe treten wollen, ein wenigreformierend wirken würden, so wäre das im Interesse unserer Bewegung nur mit Freuden zu begrüßen. Die erfreuliche Eut⸗ wickelung, die der Arbeitergesangverein und der vor Kurzem gegründete Turnverein in letzter Zeit genommen, läßt das Beste hoffen. Aber es giebt auch viele Genossen, die bei einiger Mühe sehr wohl im Stande wären, durch Vor⸗ tragen guter Gedichte ꝛc. zur Verschönerung eines Festes beizutragen.

Auch ein Stück Gerechtigkeit. Am Tage vor den Feiertagen reiste ein Metallarbeiter hier in Gießen zu, der sich auf dem Wege nach seiner Heimat in der Schweiz befand. Er kam aus Morungen in Han⸗ nover, wo er sechs Monate in dem Ar⸗ beitshause zugebracht hatte. Warum? Der 29 jährige Arbeiter begab sich im Frühjahr dieses Jahres von Oerlikon bei Zürich aus auf die Reise. Er bekam keine Arbeit und war beinahe drei Monate auf der Wanderschaft, als er in einem hannöverschen Dorfe erwischt wurde, als er sich bei einem Bauer ein Stück Brod bettelte. Vor Gericht gestellt, bekam der arme Teufel 10 Tage Gefängnis und sechs Monate Ueberweisung in das Arbeits haus! Dabei war der Mann, wie aus seinen Papieren hervorgeht, vollkommen unbestraft! Er erhielt hier als Verbandsmitglied Unter⸗ stützung, damit er die Reise nach seiner Heimat fortsetzen konnte. Er wird an die christlich⸗ deutsche Gerechtigkeit denken!

Aus dem Nreise Marburg-Rirchhain.

St. Zum Jahreswechsel ist es wohl angebracht, wenn wir uns auch in politischer Beziehung an unsere Tätigkeit für die Arbeiter⸗ sache im verflossenen Jahre erinnern und uns einmal die Frage vorlegen:Haben wir auch immer der Partei gegenüber unsere Pflicht er⸗ füll? Gar mincher Parteigenosse auch hier in Marburg wird sich da sagen müssen: Du hast öfters gefehlt! Es ist nicht allein damit getan, daß man unsere Zeitung und wohl auch eines der Witzblätter hält, die Hauptsache ist die, daß man die Versammlungen besucht

und außerdem überall, wo es nur irgend an⸗ gebracht ist, für unsere gerechte Sache agitirt und andere Leute über die Ziele unserer Partei aufzuklären sucht. Wie dies mit Erfolg zu machen ist, hat uns ja unser Genosse Vetters bei seinem letzten Referat über den Parteitag erklärt. Gerade jetzt, wo wir wieder so reich⸗ lichen Agitationsstoff durch die Sünden der herrschenden Parteien erhalten haben, ist es uns leicht gemacht, rege zu arbeiten und neue Streiter anzuwerben. Darum rufen wir allen Parteigenossen zu:Tut im neuen Jahre mit verdoppelten Eifer Eure Pflicht, damit es uns endlich gelingt, der verderblichen Wirtschaft der Junker und Pfaffen einHalt! zu gebieten. Und hiermit allen Parteigenossen ein frohes Prosit Neujahr!

Eintracht. Unser Arbeiter⸗Gesang⸗ verein hielt am ersten Feiertag bei D. Jesberg seine Weihnachtsfeier ab, welche sehr gut besucht war. Durch den Vortrag mehrerer schöner Lieder, sowie Musikstücke und durch Geschenkver⸗ losung war für Unterhaltung bestens gesorgt und der guteStoff unseres lieben Daniel versetzte die Anwesenden bald in die animirteste Stimmung, sodaß die Feier einen recht gemüt⸗ lichen Verlauf nahm.

Die neue Volksschule, von der wer in letzter Nr. berichteten, scheint neulich in der Stadtverordnetensitzung überhaupt noch nicht zur Verhandlung gekommen zu sein, denn in einer Bekanntmachung der Tagesordnung für die nächste Sitzung steht dieser Punkt auch wieder. Hoffentlich kommt es diesmal zu einer bejahenden Entscheidung.

Die hessische Volkspartei

das unter der Geburtshilfe Hirschels zur Welt gebrachte neue Parteigebilde, dem neun Ab⸗ geordnete, darunter sämtliche Antisemiten an⸗ gehören, kündigt eine Haupt⸗ und Staatsaktion an. Kürzlich schrieb ein Geistlicher in der Frkftr. Ztg. über die Ausbeutung der Kinder auf dem Lande und besonders im Vogelsberg. In den Artikeln, von denen wir in vorletzter Nummer Auszüge brachten, waren die Schäden dieser Kinderarbeit geschildert und das Ein⸗ greifen des Staates gefordert worden. Diese Artikel hat nun der neue antisemitischehes⸗ sische Volkspartei zum Gegenstand einer Anfrage an die Regierung gemacht. Be⸗ zeichnend ist, daß dieVolksparteiler nicht etwa von der Regierung strenge Maßregeln gegen die Mißstände verlangen, sobald diese nachgewiesen sind, sondern um Auskunft bitten, ob im Falle der Feststellung derUn wahr⸗ heit oder mindestens der Unrichtig⸗ keit die Regierung die Frankfurter Zeitung zu einer entsprechenden Berichtigung ver⸗ anlassen will.

Nun, die Fragesteller sind doch Leute, welche angeblich die ländlichen Verhältnisse sehr genau kennen, sie müßten doch wissen, daß die Ausführungen jener Artikel richtig sind. Warum die Interpellation? Die Schilderungen sind den Herren wohl unbequem? Was wird dann, wenn die Regierung bestätigen müßte, daß der Geistliche Recht hatte, als er der Frkf. Ztg. schrieb: die armen Kinder würden biel⸗ fachabgehetzt und geschunden? Soll dann die Regierung dem genannten Blatte schreiben: habe Dank für deine Aufklärung?

Weihnachtsbetrachtung des Judenfressers.

J Aus Marburg wird uns geschrieben: In derOffenbacher Volkswacht Nr. 102 befindet sich auf der ersten Seite der übliche Weihnachtsartikel. In der Regel werden ja diese augenverdrehenden Artikel von der ge⸗ sinnungstüchtigen Presse aus Fabriken be⸗ zogen. Anders derWeihnachtsartikel in der Volkswacht, der nämlicheigenes Fabrikat zu sein scheint. Hier ist der Anfang des Artikels:

Weihnachten war von jeher das Fest

hoher himmlischer Freude, schon damals,

als man noch nicht die Zeit der großen göttlichen Sonnenwende, sondern nur eine Wende der irdischen Wintersonne feierte.

Schon damals klang es durch die stillen 3

Lande, von Mund zu Munde, hoffnungssalbig

und siegesgewiß: Fröhliche Weihnachten.

Für die schlechte Korrektur des vorstehenden Satzes kann man den, verantwortlichen Hirschlel) wohl nicht verantwortlich machen. Denn man kann doch nicht verlangen, daß ein HerrChef⸗ redakteur undLeitartikler auch noch die Korrekturen liest. Indessen dafür, daß schon vor der Zeit, ehe in germanischen Landen diegöttliche Sonnenwende gefeiert wurde, von Mund zu Mund derhoffnungssalbige und stegesgewisse RufFröhliche Weih⸗ nachten erscholl, muß man den Hirschlel) wohl doch verantwortlich machen. Schade daß es damals noch keineOffenbacher Volkswacht gab, die von einem Hirsch(el) redigirt wurde. Sie hätte doch die schönste Gelegenheit gehabt, diegroße göttliche Sonnenwende, die von demJuden Christus ausging, als eine gegen die Religion derUrteutschen gerichtetejüdische Mache zu kennzeichnen. Man steht, wenn diese Sorte vonJournalisten sich bei gewissen Anlässen in religios⸗sittlichen Betrachtungen ergehen will, was da für ein Monstrum her⸗ auskommt. Wir hätten nur sehen mögen, wie dieserLeitartikler dagesessen und an der Feder gekaut hat, bis er seinen Unsinn zusammen⸗ gewürgt hatte: der ganze Artikel ist nämlich von Anfang bis Ende der vollendetste Quatsch und obigergöttlicher Satz ist nur eine Probe davon. Bei denJournalisten von derVolks⸗ wacht erlischt sofort der Spiritus, wenn sie etwas schreiben sollen, wobei sie nicht schimpfen können. Den Hirschlel) möchten wir aber rateu, künftig sein Weihnachtsblech doch lieber aus irgend einer Fabrik zu beziehen, denn wenn dieses Blech auch jämmerlich ist, so ist es doch wenigstens nicht zum Erbarmen.

Gegen den antisemitischen Amtsrichter,

der vor kurzem von der Darmstädter Strafkammer zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil er im Verein mit noch ein paar teutschen Genossen einen jüdischen Reisenden im Eisenbahncoupé rüpelhaft belästigte, ist das

Disziplinarverfahren eingeleitet worden

Redakteure und Straßendirnen!

Mit Raubmördern dürfen Redakteure nicht mehr zusammengekuppelt werden. Staatsanwalt in Fürth i. B. hat jedoch ein Surrogat gefunden. In einer Landgerichts⸗ sttzung wurde eine Prostituirte wegen einer un⸗ flaͤtigen Aeußerung über die Tochter des Fürther Landgerichtsaufsehers zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Den Strafantrag begründete Herr Staatsanwalt Krapp in überaus origineller Weise. Er erklärte, die unflätige Aeußerung

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jener Dirne stehe in innigstem Zusammenhang

mit derKnödelausstellung derBürgerztg. (Anspielung auf einen früheren Prozeß der

Zeitung), Quint, der Redakteur der letzteren

und die Straßendirne seien zwei ebenbürtige Bundesgenossen. Diesen rührenden Konnex zwischen Redakteuren und Prostttuierten baute der Herr Staasanwalt dann noch ein kleines halbes Stündchen weiter aus und beleidigte den

Genossen Quint in der unerhörtesten Weise. Quint hatte jedoch kein Verständnis für diese staatsanwaltlichen Liebenswürdigkeiten, zudem er den Namen jener Prostituierten zum ersten⸗ mal durch die Gerichtsberichte erfahren und die

Verurteilte nie in seinem Leben gesehen hat,

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er stellte Strafantrag gegen den Staatsanwalt

und reichte außerdem eine umfangreiche Be⸗ schwerde gegen diese bei der Oberstaatsanwalt⸗ schaft Nürnberg ein.

Ein neuer Ausbruch des Mont Pelee · a Aus Saint Thomas(Westindien) wird

berichtet, daß der DampferNewington, der am 27. Dez. hier eintraf, von Santa Lucia kommend, als er morgens um 1110 Uhr den Mont Pelee passierte, ein heftiger

Vulkans erfolgte und dichte schwarze Rauch⸗ und Staubwolken zu einer großen Höhe empo stiegen. Nachrichten aus anderen Quellen b 55 sagen, daß während der Nacht von dem Berg⸗ kegel ein hellleuchtender Schein ausging.

usbruch des