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Seite 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 1.
Politische Rundschau.
Gießen, den 29. Dezember.
Fürsten⸗Ehen.
Die Kronprinzessin von Sachsen ist ihrem hohen Gemahl einfach durchgebrannt und hat sich in Gesellschaft des jungen französischen Sprachlehrers Giron, der die prinzlichen Kinder unterrichtete und als ein auffallend hübscher Mensch geschildert wird, in Genf häuslich eingerichtet. Diese Affaire lenkt die Blicke der ganzen Welt nach der sächsischen Residenz und ihrem fromm katholischen Hofe.
Wir haben keine Veranlassung— schreibt die Münchner Post— uns der Entflohenen mit besonderer Wärme anzunehmen oder aus ihr gar ein heroisches Ueberweib zu machen. Aber es reizt, den Motiven ihres Handelns nachzugehen, umsomehr, da eine solche Unter⸗ suchung auf das ganze gesellschaftliche Leben und Treiben der sächsischen Königsstadt helles Licht fallen läßt. Diese Stadt ist die phili⸗ ströseste Bourgeoisstadt, die man sich denken kann; wundervoll zwischen grünen Hügel am Elbstrom gelegen, eignet ste sich so recht zu einem Schlemmerleben für diejenigen, die von anderer Leute Arbeit zu leben wissen. Ein korrupteres, gehässigeres und engherzigeres Bür⸗ 1 findet man auf der ganzen Welt nicht eisammen. Schein und Form sind ihm Alles und es haßt den Arbeiter schon deshalb, weil er russige Hände und einen staubigen Kittel hat. Politisch auf der Stufe des primitivsten Antisemitismus stehend, träumt der sächsische Spießer von einer groben Zerschmetterungs⸗ politik, die ihm die Roten ein für alle Male vom Halse schaffen soll. Und dabei diese„An⸗ ständigkeit“, diese„Frömmigkeit“! In Gottes⸗ furcht und frommer Sitte läßt er sich nun einmal von Niemandem übertreffen(„wenn wir nur erst zu Hause sind, dann wird sich schon Alles finden!“), und monarchisch ist er bis auf die Knochen(nur darf die Zivilliste nicht noch⸗ mals erhöht und ein Steuerzuschlag dafür er⸗ hoben werden!). In diesem Sumpf gedieh das gewisseglose und gerissene Spekulantentum, dessen Untaten beim Hereinbruch der jetzigen Krise so peinliches Aufsehen erregten; und zu dem Milieu paßt auch die Presse, deren Organe eines nach dem anderen von unserem Bruder⸗ blatt, der Sächsischen Arbeiterzeitung, der Be⸗ stechlichkeit überführt wurden.
Die Hofgesellschaft ist unter der Regierung des kinderlosen Albert verstockt und verstaubt; sie lebt ihr Leben unter sich und pflanzt sich redlich durch konzentrirte Inzucht fort, so weit nicht etwelche ihrer Mitglieder zeitweilig zum Volke herobsteigen, um es zu beglücken.— In diese Gesellschaft kam die lebenslustige Prinzessin aus dem Hause Toskana und es war bekannt, daß sie sich darin durchaus nicht wohl fühlte, zumal sie dort gewissermaßen behandelt worden sein soll, als ob sie unter Polizeiaussicht stände. Der französische Sprachlehrer, der Geistliche Giron kam an den Hof und trat mit der Kron⸗ prinzessin in Beziehung. Das blieb nicht ge⸗ heim, es gab eheliche Zwistigkeiten, die Prin⸗ zessin soll sogar vor einem halben Jahr schon einmal entflohen sein, man habe sie damals aber zur Rückkehr bewogen, doch habe sie seit dieser Zeit die ehelichen Beziehungen zu ihrem Gemahl aufgegeben. Sie hat jetzt in Genf ihrem Rechtsanwalt erklärt, daß sie weder nach Deutschland noch Oestereich zurückkehren werde da sie überzeugt sei, daß man sie, wenn sie zurückkehre, für geistig gestört ausgeben würde, um sie in ein Irrenhaus zu interniren. Sie sei glücklich, sich unter dem Schutze der schweizerischen Gesetze zu wissen. Erz⸗ herzog Joseph Ferdinand erklärt, er set nach der Schweiz gekommen, um die Schwester zu begleiten, zu schützen und in den augenblicklichen großen Schwierigkeiten nach Kräften zu unker⸗ stützen. Dieser Erzherzog hat ebenfalls seine Affaire.“ Er hatte ein Mädchen„vom Theater“ kennen und lieben gelernt. Nach Standessitte hätte er die Geliebte wohl als Maitresse aus⸗ halten, aber niemals heiraten dürfen. Er in⸗ dessen hatte ein wirkliches Herzensbündnis ge⸗
schlossen und wollte, daß seine Geliebte auch seine Gattin sei. Darüber hatte er heftige Kämpfe zu bestehen und— focht sie aus. Er verzichtete auf seine Titel und Würden und ging unter einem bürgerlichen Namen ins Aus⸗ land, um dort seine Geliebte zu heiraten. Er schützte seine Schwester so gut er konnte, es soll dabei zwischen ihm und dem zukünftigen König von Sachsen sogar zu Tätlichkeiten gekommen sein.
Man muß anerkennen, die beiden Geschwister haben mehr moralischen Mut gezeigt als die meisten ihrer Standesgenossen.
Was sagt aber die bürgerliche Presse zu der Geschichte? Sie benimmt sich größten⸗ teils geradezu erbärmlich. Die Blätter die bisher nur mit dem Stammeln der Verzücktheit
vom Liebes- und Familienglück im Kronprinzen⸗
hause zu erzählen wußten, die ihre Leser täglich mit devotesten Verhimmelungen der Prinzessin als Weib, Gattin und Mutter fütterten, die hündisch, wie nur je ein 9 aus Leibes⸗ kräften wedelten, wenn die Frau einmal ein leutseliges Wort gesprochen oder einen Thaler verschenkt hatte— sie schreien jetzt in die Welt hinaus: die Kronprinzessin ist geflohen, nur um geilen Trleben Befriedigung zu gönnen. Pfui Teufel! Im Volke empfindet man Ekel über solche Gesinnungslumperei.
Ob eine oder mehrere Prinzessinnen ent⸗ fliehen, kann uns fürchterlich gleichgültig sein. Wir hatten durchaus nichts dagegen, wenn alle Fürsten auf ihre Würden verzichten und ins Ausland gingen. Aber diese Affairen beleuchten rell die Zustände in den Kreisen, die dem Volke immer als Muster hingestellt werden.
Kochmals der Fall Krupp!
m. Die kapitalistischen Schreihälse sind über den„Fal! Krupp“ recht kleinlaut geworden. Nur in den von den Krupp und Genossen direkt ausgehaltenen Blättern wie„Post“ und„Neueste Nachrichten“ tobt das Schimpfkonzert noch munter fort und wird auch so lange dauern, wie eben der Geldzufluß von Krupp's Erben währt.— Auch das Gießener Amtsblatt, welches die tollsten Bockssprünge in Beschimpfung des„Vorwärts“ leistete, gesteht jetzt resigniert, daß dle Einstellung des Strafverfahrens den „guten Eindruck“ der diversen Kaiser⸗ reden bedenklich abschwäche und bei Leuten, die nicht die Gewißheit() von Krupps Un⸗ schuld haben, wie der Gießener Anzeiger, „allerlei Zweifel“ an dieser Unschuld wach würden. Wir begreifen den Schmerz des wackeren Blattes; es gehört eben zu dieser blamierten Presse, die unbesehen jede Hetze gegen die Sozialdemokratie mitmacht und daun fat jedesmal durch die Thatsachen der Un⸗ wahrheit So ine wird. Die„Gewißheit“, von der der 5 flunkert, ist natürlich Phantasteprodukt. Er weiß genau so viel und so wenig wie die übrige bürgerliche Hetzergesell⸗ schaft in der Presse; so muß der Rückzug aus der schimpflichen Attacke beschönigt werden. Einverstanden sind wir mit dem„guten Eindruck“ der Kaiserreden; wir haben die Gewißheit, daß es für uns wünschenswert wäre, wenn der Kaiser jeden Tag 2 Reden wie in Breslau und Görlitz hielte; sie wirken noch weit erfreultcher wie der Gießener Anzeiger annimmt— für die Sozial⸗ demokratie nota bene.
Ueber den Huldigungsadressen⸗Unfug
der aus Anlaß der Krupp⸗Affaire und der darauf bezüglichen Kaiserreden in unheimlicher Weise um sich griff, äußert sich die„Soziale Praxis“ des ehemaligen Ministers v. Berlepsch ebenfalls 1 abfällig. Sie schreibt:
„Ebenso wie wir jedes ehrliche Bekenntnis der Herzensmeinung deutscher Arbeiter ehren, verwerfen wir schlechthin jede Manifestation, die fremder Anregung und äußerem Drucke zugeschrieben werden muß. Wer es auch immer sei, der Arbeiter wider ihren Willen zur Unterschrift unter Loyalitätsadressen nötigt, der ladet eine schwere Verschuldung auf sich: Um sich is ein gutes Licht zu setzen, täuscht er den Kaiser, fälscht die öffentliche Meinung und versündigt sich
schwer an den Arbeuern. Schon wird von Fällen berichtet, wo nicht nur durch Androhung von Nachteilen Unterschriften erzwungen sind, sondern auch die Verweigerung der Unterzeichnung mit Entlassung bestraft worden ist. Wir können uns kaum etwas Verächtlicheres und Schändlicheres denken als dies frivole Gebaren. Jeder Zwank und Druck in dieser Richtung muß Erbitterung, Haß und Verachtung wecken. Und unter den heutigen Verhältnissen, wo Arbeitsmangel, Lohnschmälerung, Preisteuerung und Kälte das Los der Arbeiter besonders hart gestalten, ist es ein doppeltes Verbre⸗ chen, diese Notlage zu benutzen, um Kund⸗ gebungen zu erpressen, die der Wahrheit zuwiderlaufen.
Wucherzöllners Weihn achtsgebet.
Ein Pfaffenblatt, die„Märkische Volksztg.“ eine berüchtigte Dasbach'sche Gründung schrieb in ihrem Weihnachts artikel:
„Welche Weihnachten würden wir gehalten haben, wenn dieser Kampf nicht vorher beendet worden wäre! Wie wäre das Fest des Friedens und der Freude entheiligt und geschändet worden! In zwei Heerlager scharf geschieden, würde das deutsche Volk sich gegenüber gestanden haben, bereit gleichsam,
einander zu zerfleischen— wegen materieller Güter!“
Hierzu bemerkt der„Vorwärts“ sehr treffend:
„Eine wahre Ketzer⸗ und Hexenverbren⸗ nungs⸗Logik! Damit man sich zur Weihnacht nicht über materielle Güter zanke, haben die Frommen sich vorher diese matertellen Güter gestohlen.... Es war einmal ein hei⸗ 1410 Räuber, der überfiel acht Tage vor
eihnachten einen Menschen und nahm ihm nach verzweifelter Gegenwehr die paar Pfennige ab, die er besaß. Am heiligen Abend fiel der gläubige Räuber auf die Knie und betete: „Herr, bist Du mir nicht dankbar, daß ich vor Weihnachten den Mann niederschlug? Wie W wäre das Fest, wenn er heute
noch sich gegen mich wehren würde— um materieller Güter willen.“ Die Adresse des heiligen Räubers ist in der
„Märkischen Volkszeitung“ zu erfahren. Keine Herabsetzung der höchsten Sc hälter.
Im Landtage von Schwarzburg-Rudol⸗ stadt hatten die Soztademokraten bean⸗ tragt, das Ministergehalt bei dem nächsten Ministerwechsel auf Mk. 8000 herabzusetzen und den regierenden Fürsten durch das Hof⸗ marschallamt zu ersuchen, in Anbetracht der schlechten Finanzlage des Landes auf die Dauer der laufenden Finanzperiode auf jährlich Mk. 120 000 Einkünfte aus der Zivllliste zu Gunsten des Landes zu verzichten; ferner stellten sie den Antrag, die Apanage für den Prinzen Sizza zu streichen. Natürlich wurden diese Anträge von der Mehrheit des Landtags abgelehnt.
„Den Kerls keine Diäten.
Kürzlich ging die Nachricht durch die bürger⸗ liche Presse, daß die Regierung geneigt sei, der Forderung des Reichstags auf Diätenzahlung für seine Mitglieder zuzustimmen. Es ist aber nichts damit, die Nachricht erwies sich sehr bald als unrichtig. In einem Slatte wurde der König von Sachsen als einer der Haupt⸗ gegner der Diäten bezeichnet. Das wäre doch merkwürdig; dem König von Sachsen wurde bei seinem Regterungsantritte die Zivilliste erhöht, sollte er der Meinung sein, daß die Reichstagsabgeordneten umsonst arbeiten können? Unserer Partei bietet die Diätenlosigkeit übrigens kein Hindernis; was soll aber der„ schlichte Mann aus der Werkstatt“ machen, wenn er in den Reichstag gewählt wird?
Steuermsgelei eines Patristen.
Ein Steuerpflichtiger in Offenbach, der dort sein Geschäft besitzt, aber in Frankfurt wohnt, zahlte dieser Tage eine sehr erhebliche Summe Steuern nach. Er that dies, um der Strafverfolgung wegen Steuerhinterziehung
vorzubeugen, denn die Steuerbehörde war da⸗
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