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Nr. 1. Gießen, Neujahr 1903. 10 Jahra. 5 Redaktion: 2 Nedaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. M Id sch Douuerstag Nachmitt 1 l g 4 Uhr 5 itteldeutsche
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Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere] nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die ögespal.
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An unsere Leser!
Mit der vorliegenden Nummer tritt die „Mitteldeutsche Sonntags⸗
Zeitung“ in ihren zehnten Jahrgang. Wie sie als
Organ der Sozialdemokratie es stets für ihre Aufgabe gehalten hat, für die Interessen der wirtschaftlich Schwachen, der politisch Unterdrückten einzutreten, so wird sie auch in Zukunft stets auf deren Seite zu finden sein. Unser Blatt hofft, auch in neuem Jahre auf die Unterstützung der Arbeiter und aller Kleinen rechnen zu können. Diese ist umso notwendiger, als uns in diesem Jahre
schwere Wahlkämpfe
bevorstehen, in denen wir in erster Linie auf unsere Arbeiterpresse als unser bestes Kampfmittel angewiesen sind. Jeder, der zu dem großen Heere der Besitzlosen zählt, jeder, in dessen Brust ein Funken Freiheits⸗ liebe glüht, muß es für seine heilige Pflicht halten, für den Sieg der Sozialdemokratie mitzuarbeiten, soviel nur in seinen Kräften steht. Mit tötlichem Hasse verfolgen die herrschenden Klassen die Partei der Arbeit und der Wahrheit. Jedes Mittel, Lüge, Verleumdung, Gewalt, Hinterlist ist unsern Feinden willkommen, wenn es gilt, uns niederzuschlagen.
Arbeiter, Parteigenossen!
Freunde!
Heftige Kämpfe erwarten Euch! Unter Bruch von Recht und Gesetz hat der Reichstag den gefährlichen Zolltarif angenommen, der in Kraft tritt, sobald es der Regierung beliebt. Der Regierung eben jenes Klassen- staates, in dem kein gleiches Recht für arm und reich besteht!
Schon wagen die Feinde des Volkes frech an dem letzten Recht zu rütteln, das Euch noch geblieben ist: Das gleiche Wahl- recht ist in Gefahr! Darum gilt es die Massen rechtzeitig aufzuklären, damit an dem Votum der arbeitenden Volksschichten die Pläne der Gewalthaber scheitern.
Neue Militärausgaben, neue Ausgaben für die Flotte, für Kolonialpolitik, für romantische Seeabenteuer sind schon ange— kündigt. Für die Linderung der Arbeits⸗ losigkeit aber haben die herrschenden Parteien nichts übrig. Haben sich diese schädlichen Richtungen innerhalb des Reiches doch stets geweigert, durch eine gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit die Not, die Verzweiflung, die Leiden der breiten Massen wenigstens zu lindern.
Im Hinblick auf Alles dies ist fester Zusammenschluß der arbeitenden Klasse notwendig. Wir wiederholen des⸗ halb dringend unsere Aufforderung: schließt Euch unsern Parteivereinen an, sorgt vor allem für größere Verbreitung der Arbeiter⸗ presse, werbt neue Leser für Euer Blatt, die Mitteldeutsche Sonntagszeitung!
Im Kreislauf des Jahres.
Wenn in die heimatlichen Gauen Der Frühling siegreich einmarschiert, Da pflegt der Himmel nicht zu blauen Und keine Lerche jubiliert.
In Wettern kommt er hergeschritten, Sturmfluten künden seinen Lauf! Erst wenn das Land er sich erstritten, Pflanzt er sein Sonnenbanner auf. Dann erst erfüllt er Flur und Haine Mit seinem holden Blütenduft, Dann erst im gold'nen Morgenscheine
Schwingt sich die Lerche in die Luft.
Und wenn des Sommers sanftes Glühen Uns träumerisch umschlungen hält, Wenn Falter gaukeln, Rosen blühen—
Nur scheinbar ruhend liegt die Welt. Das ist ein Drängen, ist ein Reifen
Vom Erdenschoß herauf zum Licht, Bis wir zu Sens' und Sichel greifen,
Zu mäh'n der Garben Vollgewicht. Dann ist des Sommers Kampf zu Ende,
Dann hat auch er sein Ziel erreicht; Es kündet uns die Sonnenwende,
Daß zögernd er von hinnen weicht.
Nun kommt der Herbst— es geht ein Zittern Durch's buntgefärbte Buchenlaub.
Des Herbstes rauhen Ungewittern Fällt nun der Erde Schmuck zum Raub.
Er fegt hinweg mit keckem Zorne, Was abgedörrt und welk und alt,
Doch in des Weines edlem Borne Reift er der Trauben Goldgehalt.
Das Echte, Edle läßt er gelten, Nur Ueberlebtes ficht er an—
So stellt, gleich einem Freiheitshelden, Der Herbst als Kämpfer seinen Mann.
Der Winter naht mit wildem Toben, Legt in Erstarrung Hain und Flur—
Er lehrt uns uns're Kraft erproben, Er ist der Vater der Kultur.
Dem Menschen zeigt' er seine Schrecken, Bis ihm der Mensch als Gegner stand,
Bis er den eisumstarrten Recken Im mücht'gen Ringen überwand.— So zeigt das Jahr zu allen Zeiten Uns nur des Kampfes Wechselspiel: Dem Menschen gleich im Vorwärts⸗ . schreiten, Der kämpfend nur gelangt an's Ziel. ————
Zum neuen Jahr.
ieder ist ein Jahr entschwunden und
zum Beginne des neuen entbieten wir allen Parteigenossen und Genossinnen, allen unsern Lesern herzlichsten Gruß und Glückwunsch! Von ganzem Herzen wünschen wir jedem Angehörigen des werktätigen Volkes Besserung seiner Lage in jeder Beziehung! Aber die Lage und die Verhältnisse des Einzelnen können nur gehoben werden durch die Besserung der Gesamtverhältnisse, durch Förderung der Wohlfahrt der Gesamtheit. Und dafür kämpf⸗ ten wir bisher, dafür werden wir weiter kämp⸗ fen. Geloben wir uns, auch im neuen Jahre mit ganzer Kraft an der Verwirklichung un⸗ serer Ideale zu arbeiten, für den Sieg des Sozialismus, die Befreiung aus wirtschaft⸗ licher und politischer Knechtschaft und Bevor⸗ mundung unablässig zu streiten! Wohl kaum zu einer Zeit ist unsere Bewegung, ist die So⸗ zialdemokratie heftiger angegriffen worden, als in deu letzten Wochen; die Gegner aller Schat⸗ tierungen überschütteten unsere Partei mit einer wahren Flut von Beleidigungen, Beschimpfungen und perfiden Verläumdungen. Wir können uns darauf gefaßt machen, daß, wenn im neuen Jahre die Wahlbewegung einsetzt, die Hetze noch viel toller werden wird. Da bedarf es dann der hingebenden und unablässigen Arbeit jedes einzelnen Parteigenossen und Freundes der Freiheit und Gerechtigkeit.
Von unserer Seite ist das kommende Jahr als„das rote Jahr“ bezeichnet worden; es stehen für den Sommer die Reichstagswahlen, für den Herbst die preußischen Landtagswahlen bevor, beide Wahlen sind für die Sozial demo⸗ kratie von größter Bedeutung. Soll das rote Jahr unsere Hoffnungen und Erwartungen er⸗ füllen, so müssen wir ungesäumt an die Arbeit gehen, überall, in der Werkstatt, in Freundes⸗ und Bekanntenkreisen neue Mitstreiter zu wer ben suchen. Das gilt auch für die Frauen! Sehr richtig schreibt unser Gen. Bebel in der Neu⸗ jahrsfestschrift:
Wohl sind leider die Frauen vom Wahl⸗ recht ausgeschlossen. Aber was man ihnen nicht nehmen kann, ist ihr Eintritt in die Volks⸗ versammlungen, ist ihr Einfluß auf den Gatten, den Bruder, den Bräutigam, den Verwandten, den Freund!
Die Frauen sind es, die unter dem Druck hoher Lebensmittelpreise am meisten zu leiden haben. Sie sind die Leiter der häuslichen Wirtschaft, Hüter des Herdes; sie sollen mit kärglichen Mitteln die Nahrung schaffen und bereiten, was um so schwerer wird, je teuerer die Nahrungsmittel werden und je zahlreicher die Familie ist, die ernährt werden soll.
Können also die Frauen nicht wählen, so müssen sie doppelt eifrig agitieren! Und so wir Alle! Deshalb mutig in den Kampf!
Prosit Neujahr!
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