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Nr. 13.
Mitteldeuische Sonntags⸗Zeitung.
Seite b.
Ein braver Mann, der so die kinderreichen Familien bevorzugt! Jedenfalls entspringt diese Handlungsweise nur der Sorge um die Familien, nicht etwa der Erwägung, daß kinderreiche Familien viel schwerer Unterkommen finden, wenn ihnen etwa die Verhältnisse bei Herrn Krawinkel nicht gefallen sollten, der betreffende Familienvater also ein willigeres Ausbeutungs⸗ objekt darstellt. Krawinkel ist der Kandidat für den 3. nass. Reichstagswahlkreis.
Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain.
R. Wahlagitation im Kreise Marburg. Die meisten Versammlungen, die bis jetzt in unserem Wahlkreise abgehalten worden sind, entfallen auf den Kandidaten der nationalsozialen Partei, v. Gerlach. Schon seit/ Jahren reist er im Wahlkreise herum und hält Versammlungen ab. Liest man dann die Versammlungsberichte in der„Hess. Landesztg.“, so sollte man meinen, daß Herr v. Gerlach einstimmig in unserem Wahlkreise als Reichstagsabgeordneter gewählt wird. Kommt man aber dann selbst mal in ein Dorf, wo eine nationalsoziale Versammlung stattfand und erkundigt sich nach den Parteiverhältnissen, dann steht die Sache doch anders. Erkundigt man sich, warum den Natlonalsozialen die Versammlungslokale zur Ver⸗ fügung stehen und den Sozialdemokraten nicht, dann erhält man zur Antwort, das Gerlach fürs Heer und die Flotte sei, und aus diesem Grunde die Lokale erhält. Würde er dagegen sein, wie die Sozialdemokraten, dann würde er selbstverständlich auch keins erhalten. Zieht man in Betracht, daß uns Sozialdemokraten im ganzen Wahlkreise nur 2 Versammlungslokale zur Verfügung stehen, so darf man Gerlach's Tätigkeit wohl als un⸗ bewußte Vorarbeit für uns— wenigstens was die Lokal⸗ frage betrifft— einschätzen und anerkennen. Auch der klonservative Kandidat hat sich in die Agitation gestürzt. Kürzlich hielt er, wie in letzter Nr. schon be⸗ richtet, in Marburg seine erste Versammlung ab. Wo war aber Herr v. Gerlach? Hier hätte er doch vor Leuten reden können, die seinen Versammlungen fern⸗ bleiben.— Wir Sozialdemokraten haben die„Reichs⸗ tagswahl“ schon seit September v. J. auf der Tages⸗ ordnung in unseren Versammlungen. Nachdem unser Kandidat Paul Bader proklamiert war, gingen wir rüstig an die Arbeit. Das Wahlkomitee nahm zunächst eine entsprechende Bezirkseinteilung vor und am letzten Sonntag gelangte das erste Flugblatt in 10 000 Exem⸗ plaren zur Verteilung. Recht zahlreich beteiligten sich unsere Freude an der Wahlarbeit.
Eine Freude war es, mit anzusehn, wie die Genossen
in aller Frühe zu Fuß und per Bahn hinauszogen, um f
für unsere Sache zu arbeiten. Mit Stolz kann unsere Partei in Marburg sagen, daß, wenn sie ihre Kämpfer ruft, sie auch zur Stelle sind. Alle anderen Parteien hingegen müssen ihre Flugblätter gegen Entgeld durch Dienstmänner und Frauen verbreiten lassen, was natür⸗ lich mehr kostet, als der ganze Inhalt ihrer Flugblätter wert ist.— Verlief sonst die Flugblattverteilung ohne Störung, einen Zwischenfall gab's doch. In Neu⸗ stadt war der Bürgermeister ob des Fluglattes ganz außer dem Häuschen geraten, kam kreidebleich auf die Straße gerannt, riß unseren Genossen die Flugblätter aus der Hand und verlangte Legitimation. Dazu ge⸗ nügte ihm noch nicht einmal der Militärpaß und In⸗ validenkarte, er verlangte auch noch eine Bescheinigung vom Landrat, ob das Flugblatt erlaubt sei! Außer- dem gab das Dorfoberhaupt unserm Genossen den Rat, nächstens die Flugblätter in einem Koffer zu tragen, es sei eine„geheime Verordnung“ vom Landrat herausgekommen, welche das öffentliche Tragen der Flu blätter verbiete. Als ihm unser Genosse auf die gesetzlichen Bestimmungen aufmerksam machte, sagte der Gestrenge, man möge Neustadt mit solchen Flugblättern verschonen.(Wir machen die Genossen überall auf die Bestimmungen betr. Verbreitung von Druckschriften zu Wahlzeiten aufmerksam, die wir von Zeit zu Zeit ver⸗ öffentlichen. D. R.) Dies alles kann uns aber ab⸗ halten unsere Pflicht zu erfüllen. Und wenn uns das Wahlkomitee wieder ruft, dann hoffen wir, daß sich die Genossen wieder recht zahlreich einfinden und jeder sein Teil dazu beiträgt, daß unsere Partei auch im Mar⸗ burger Kreise gute Erfolge zu verzeichnen hat.
— Konsum verein. Am Samstag abend hielt der hiesige Konsumverein bei Jesberg seine Frühjahrs⸗ generalversammlung ab, die leider schwach besucht war. Geschäftsführer Fischer erstattete den Bericht für das
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1 iederverk. ges. Catalog gratis. Volk GTrambauer, Nürnberg.
erste Halbjahr des l. Geschäftsjahres. Derselbe lautete den Umständen nach recht günstig. Warenumsatz und Mitgliederzahl sind in stetem Steigen begriffen, letztere beträgt zur Zeit 216. In der Diskussion wurde die Anstellung eines Hausburschen als sehr wünschenswert bezeichnet, um auch den entfernter wohnenden Mitgliedern, besonders denen im Nordviertel, bessere Kaufgelegenheit zu bieten. Es wurde beschlossen, dem Vorstand diese Angelegenheit zur weiteren Regelung zu überlassen, eben⸗ so die Erwerbung eines zweiten Geschäftsanteils bei der Großeinkaufsgesellschaft, sowie die Fleischlieferung. Dann erfolgte die Verlesung des Verichts über die im Februar d. J. erfolgte Revision des Verbandsrevisors Arndts in Stuttgart, der sich recht günstig über unseren Verein ausspricht. Der Vorsitzende Stumpf erstattet den Be⸗ richt des Aufsichtsrats, der bei seinen Reviftonen Bücher und Kasse in bester Ordnung befunden hat. An Stelle eines seinen Pflichten nicht nachkommenden Mitgliedes des Aufsichtsrates wurde Gen. Prophet neugewählt.
Paschawirtschaft.
In St. Johann⸗Saarbrücken hat der dortige Polizeipräsident eine Willkürherrschaft errichtet, wie sie wohl selbst in Rußland selten vorkommen dürfte. Ohne jeden vernünftigen Grund hat er die frühzeitige Schließung mehrerer Cafés angeordnet! Das„Cafe Conti⸗ nental“ mußte an einem Tage bereits um 8 Uhr, am darauffolgenden sogar schon 6 Uhr abends geschlossen werden. Natürlich hat sich der Bürgerschaft darüber eine große Erbitterung bemächtigt, aber deswegen bleibt sie doch „patriotisch“. Sogar der in seinem Geschäft so schwer geschädigte Besitzer des Café brachte vor seinem geschlossenen Lokale ein Kaiser⸗ hoch aus!— Am Mittwoch abend kam es zu Straßenkrawallen, bei welcher mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden.
Arbeiter⸗Aussperrungen
werden aus vielen Orten gemeldet. In Pirmasens sind mehrere tausend Schuhmacher ausgesperrt, in Mainz Maurer und Bauarbeiter, in Iserlohu Me⸗ tallarbeiter und in Frankfurt drohen die Schreiner- geschäfte wegen des Streiks in der Kothe'schen Werkstelle mit Aussperrung sämtlichen Schreiner. Es scheint bald, als ob man die Arbeiter in der Wahlarbeit stören wollte.
Kleine Mitteilungen.
* In Eberstadt bei Butzbach brannten am Sonntag nachts zwei dem Fürsten Solms⸗Lich gehörige Scheunen nieder. Ein dort beschäftigter Knecht wurde als der Brandstiftung verdächtig verhaftet.
e Eingebrochen wurde am Montag nacht in dem Friedberger Steuerkommissariat. Die Diebe erbeuteten jedoch nur ein paar Flaschen Wein.
* Wegen Unterschlagung und einfachen Bank⸗ rott verurteilte das Schwurgericht in Hanau den Bankier Lilienfeld zu einer Gefängnisstrafe von 4 Jahren. Die Frage nach mildernden Um⸗ ständen war von den Geschworenen mit Ausnahme von einem Falle bejaht worden.
. Wer begnadigt wird. Die auf 2 Jahre Zuchthaus lautende Strafe des Hildelsheimer Schwur⸗ gerichts gegen die Ehefrau von Wedelstädt wegen Verausgabung von falschen Zehnmarkstückchen, die der Assistent an der landwirtschaftlichen Versuchsstation, Dr. phil. E. v. Wedelstädt, angefertigt hatte, wurde im Gnadenwege in ein Jahr Gefängnis umgewandelt. — Ferner wurden einem früheren Polizeisergeanten, aus M.⸗Gladbach der wegen Mißhandlung eines Ver⸗ hafteten und wegen Mein eides zu zwei Jahren Ge⸗ fängnis verurteilt war, sind die noch zu verbüßenden. acht Monate der Strafe im Gnadenwegeerlassen
* Soldatenselbstmorde kamen in der letzten Zeit recht zahlreiche vor. In Frunkfurt a. d. Oder erhängte sich der Soldat Brauer von der 6. Kom⸗ pagnie des Grenadierregiments Nr. 8.— In Dres den stürzte sich der Soldat Max Bellmann aus dem zweiten Stock der Gardereiterkaserne und verletzte sich schwer.— In Karlsruhe hat sich der Soldat Kern vom Leib⸗ grenadierregtment Nr. 109 mit einem Rasiermesser den Hals durchschnitten.— In einem Eisenbahnwagen
erster Klasse hat sich nach der„Danz. Ztg.“ der Bursche eines Leutnants vom 59. Infanterie-Regiment in Deutch⸗ Eylau erhängt.
Wieder eine unangenehme Ueberraschung wurde den Mitgliedern des Allgemeinen Krankenvereins in Speier in ihrer außerordentlichen Generalversammlung zu teil. Sie erhielten nämlich die Mitteilung, daß das Vermögen ihrer Kasse in Höhe von 12 000 Mark den Weg alles Fleisches gegangen sei. Der Verwalter des Vermögens, Dr. Vorwerk, hatte das Geld in seinen Nutzen verwendet. Die Kasse ist eine Gründung der evangelischen Arbeiter.
*„Religöse Darbietungen.“ Unter dieser Firma verstaltete ein Ehepaar in Meerane in Sachsen geheime Zusammenkünfte, bei denen wüste Orgien gefeiert wurden. Die Beträge, die manche Personen geopfert haben, gehen in die Hunderte. Das saubere Paar wurde verhaftet.
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Partei-Uachrichten.
Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach. Kreis⸗ konferenz. Sonntag, den 10. Mai nachm, 3 Uhr im Lokale zur Pfefferhöhe. Die Genossen im Kreise werden ersucht recht zahlreich zu erscheinen.
Ein Bierbohykott ist in Leipzig ausgebrochen weil die Saalbesitzer, gestützt auf den Brauereiverein ihre Säle zu sozialdemokratischen Versammlungen ver⸗ weigerten.
Versammlungskalender.
Samstag, den 2. Mai.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.— Brauer. Abends 9 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof).
Sonntag, den 3. Mai.
Gießen. Glaser⸗Verband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Or big.
Alsfeld. Maifeier auf der„Pfefferhöhe“. Fest⸗ rede, Konzert, Vorträge. Anfang 3 Uhr nachmittags.
Dienstag, den 5. Mai,
Gießen. Gewerkschaftskartell.
Sitzung bei Orbig.
Briefkasten.
Friedewald. Dem„Bergknappen“ wird es wohl schon die„Bergarbeiterztg.“ besorgen. Wir können ja immerhin kurz darauf eingehen, aber erst in der nächsten Nummer, für diese war es zu spät. Wtzlr. F. Wer weiß, wer den faulen Schwindel aufgebracht hat. Viel⸗ leicht irgend ein Witzbold. Das wir nicht anderen Parteien Lokale abtreiben— das ist uns ja überhaupt nicht möglich— weiß jeder Säugling. Soviel ich mich erinnere, war ich zuletzt im September v. Is. in Launsbach; habe keine Ahnung davon, ob seit dieser Zeit eine bürgerl. Partei dort Versammlung abgehalten hat oder abhalten wollte. Gegen solch' einfältige Vor⸗ würfe mich zu verteidigen, halte ich unter meiner Würde. V.— St. Johann. H. Besten Dank. In dieser Nr. konnten wir aber nicht näher auf die Ge⸗ schichte eingehen. Oberlahnst. Als liberaler Kan⸗ didat ist wieder Krawinkel aufgestellt.
Quittung.
Für den Wahlfonds gingen ein:
Mllr. 0.70.
Jeder Parteigeuosse
hat die Verpflichtung, nach seinen besten Kräften mitzuwirken, daß die bevorstehenden Reichstagswahlen der Sczialdemo⸗
Abends 9 Uhr
X. Y. 10.—,
kratie einen entscheidenden Sieg bringen. Jeder muß agitieren wo er nur
kann, sich die Verbreitung unserer Flug⸗ blätter, Broschüren und ganz besonders der Parteipresse angelegen sein lassen. Ebenso muß für die nötigen Geldmittel gesorgt werden, bedeutende Anforderungen werden an uns heran treten! Sammel⸗ listen sind bei den bekannten Vertrauens⸗ leuten zu haben.
An die Arbeiterschaft Giessens!
Am Sonntag, den 3. Mai findet ein
Gewerkschafts⸗Ausflug nach Wieseck
statt und zwar nach der Wirtschaft„Zum Gambrinus“,(B. Wacker).
Abmarsch um uhr von der„Stadt Marburg“ mit Musik.
Das Gewerkschaftskartell.


