Ausgabe 
3.5.1903
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung

Nr. 18. 7

Gewährung einer Unterstützung an die Wöchnerinnen in den Papierkorb warf.

Am Freitag kam der Soldatenmord in Essen zur Ver⸗ handlung. Der Abgeordnete für Essen, der christkatholische Mann aus der Werkstatt, Stötzel hatte mit seinem Parteifreunde Gröber eine Interpellation über den Fall eingebracht und erörterte sehr milde die frech-brutale Tat des aufgeblasenen, unreifen Todtschlägers Hüssener. Zu der Forderung eines generellen Verbotes des Waffentragens kann sich das Zentrum nicht aufschwingen; es begnügt sich damit, zu verlangen, daß den Kadetten und Mannschaften das Waffentragen außerhalb der Garnison verboten wird. Aber selbst diese bescheidene Forderung zu erfüllen, lehnte Herr v. Tirpitz zwar leidlich höflich, aber sehr entschieden ab, wenn er auch den jungen Krupp⸗Protegé fallen ließ. Weit energischer, denn Herr Stötzel, ging der mit der Familie des unglücklichen Opfers der Kadettenbrutalität persönl'ch bekannte Freisinnige Lenzmann mit dem Todtschläger ins Gericht. Doch auch er grub nicht bis an die Wurzel des Uebels; auch bei dieser Gelegenheit sah der altersschwach gewordene Liberalismus sich genötigt, in die Hände der jugendfrischen Sozialdemokratie abzu⸗ danken. Wieder, wie so oft, war es Genosse Bebel, der die unerbittliche Geißel über den Militarismus zu Wasser und zu Lande schwang, der, statt an Symptomen herumzukurieren, das System als solches als den wahren Schuldigen entlarvte. Der Nationalliberale Paasche plad erte für mildernde Umstände. Nachdem erlitt der Marinismus noch eine Niederlage. Im Nach⸗ tragsetat werden 6 Millionen für Errichtung eines Marinepalastes gefordert. Genosse Singer beleuchtete die geheimen Machenschaften, die die auf das alte Marinegebäude spekulierende Untergrundbahn⸗Gesellschaft angestellt hat und verlangte Ablehnung der Vorlage oder doch eingehende Kommissionsberatung. Selbst die Rechte schloß sich diesem Wunsche an und es wurde so beschlossen.

Am Samstag wurde die zweite Lesung der Krankenkassen Novelle fortgesetzt. Die sozial⸗ demokratischen Verbesserungsanträge erfuhren durch die Mehrheit regelmäßig Ablehnung, obwohl selbst Posa⸗ dowsky sie als materiell berechtigt anerkannt hatte. Nur in einem einzigen, nebensächlichen, aber doch nicht völlig unwesentlichen Punkte wurde ein kleiner Fort⸗ schritt erzielt: Es wurde den Gemeinden, die noch die rückständigste Form der Versicherung, die Gemeinde⸗ versicherung, besitzen, untersagt, die Ueberschüsse zur Tilgung früher den Kassen von den Gemeinden ge⸗ leisteken Ueberschüsse zu benutzen. Dagegen wurde der Paragraph, der die Erhöhung der Beiträge auf 3 Prozent des ortsüblichen Tagelohnes erlaubt angenommen. Aehnlich verlief die Debatte am Montag vor sehr schwach besetztem Hause. Das Phosphorgesetz wurde an diesem Tage in der dritten Lesung angenommen, da⸗ gegen der Palast für das Reichsmarineamt abgelehnt. Am Dienstag kam es infolge einer Interpellation des Zentrumsmannes Kohl zu einer Debatte über das Fleischbeschaugesetz, das seinen Vätern schon unbequem wird.

Die Wahlbewegung.

AlsOrdnungskandidat im Kreise Offenbach ist der Stadtverordnete Fabrikant Böhm, Sohn des früheren Reichstagsabge⸗ ordneten, aufgestellt worden. Ihm ist der Durchfall tötlich sicher.

Antisemitisch-nationalliberaler Kuddelmuddel. In einer gemeinsamen Vertrauensmänner⸗Versammlung der national⸗ liberalen Partei und der Antisemiten des Wahlkreises Darmstadt⸗Großgerau wurde der nationalliberale Rechtsanwalt Dr. Stein einstimmig als Kandidat aufgestellt.

Pon Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Maifeier. Wir machen unsere Freunde und Genossen, besonders auch die Gewerkschafts⸗ mitglieder auf die am 1. Mai abends Uhr im Lokale des Genossen Orbig stattfindende Volksversammlung aufmerksam. Genosse Krumm wird über die Bedeutung der Mai⸗ feier sprechen. Die Feier wird durch Lieder⸗ vorträge des GesangvereinsEintracht ver- schönert werden. Weil in diesem Jahre kein Waldfest stattfinden kann wie schon neulich mitgeteilt, wurde wegen der Wahlbewegung davon abgesehen, infolge des ungünstigen Wetters verbietet es sich ganz von selbst, hat das Gewerkschaftskartell für Sonntag einen

zu. Hier hat sich aber schon der Ein

Ausflug nach Wieseck arraugtert. Abmarsch ist 2 Uhr ab Stadt Marburg.

Bald haben wir ihn, den liberalen Kandidaten nämlich. DerGieß. Anz. ver⸗ kündet, daß sein Name in den nächsten Tagen veröffentlicht werde. Hohe Zeit ist es eigentlich. Wie aus den Andeutungen des Amtsblattes zu entnehmen ist, beabsichtigen die Netional⸗ liberalen und Freisinnigen einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen. Das ist zwar im Hinblick auf die Differenzen, welche zwischen diesen Parteien namentlich in den Zollfragen bestehen, eigentümlich genug, aber das geniert die Leute weiter nicht, sie sind froh, wenn sie blos einen Kandidaten haben. Als solcher wurde uns vor einiger Zeit der Stadtverordnete Jean Kirch genannt; das war aber so um den ersten April herum und deshalb nahmen wir keine Notiz davon. Immerhin kann etwas daran sein.

Die Flugblattverteilung im Kreise Gießen hat am vergangenen Sonntage stattgefunden. Das Flugblatt wurde in elt lich 24000 Eremplaren in allen zum Wahl⸗ kreise gehörigen Ortschaften verbreitet. Soviel uns berichtet wurde, ging die Verbreitung überall glatt von statten, es kam nur selten vor, daß unsern Genossen von rückständigen und ungebildeten Leuten 0 und Schimpfereien an den Kopf geworfen wurden. Auch in dieser Beziehung ist ein Fortschritt unverkennbar, denn bei früheren Wahlen, vor 10, 15, 20 Jahren bestand für den sozial⸗ demokratischen Flugblattverteiler sozusagen Lebensgefahr und er konnte froh sein, wenn er mit heilen Knochen wieder von einer Landtour zu Hause kam. In den dunkelsten Zentrums⸗ und Junkerkreisen trifft das ja heute noch der Sozial⸗ demokratie auf die Hebung der Kultur und Verbesserung der Sitten in wohltätiger Weise bemerkbar gemacht. Ueberall reicht dieser Ein⸗ fluß noch nicht hin und mancher ist auch ver⸗ edelnder Einwirkung schwer zugänglich. Nicht etwa blos auf dem Lande. In der Stadt Gießen passierte es z. B. einem unserer Flugblattverteiler, daß ihm Ecke der Grünberger⸗ und Moltkestraße das Flugblatt zusammengeknäult von einer älteren Frau mit den Worten nachgeworfen wurde:Das sind ja Sozialdemokraten! Hoffentlich zieht die durch das Flugblatt bei der Dame verursachte Aufregung keine weiteren Folgen nach sich, im Gegenteil dürfte sie sogar günstig wirken, denn die Dame wird sonst doch weiter keine Be⸗ schäftigung haben, als das von ihren Cigarren⸗ arbeitern verdiente Geld zu verzehren. Das hält sie sicher für ihr gutes Recht und ihre einzige Aufgabe, daß aber die Lohnsklaven auch noch gewisse Rechte und Ansprüche erheben dürfen, wird ihr kaum jemand begreiflich machen können. Im Uebrigen ging, wee gesagt, alles glatt von statten. Hoffen wir, daß das Flug⸗ blatt seine Wirkung nicht verfehlt.

Der Militarismus hat sich in den letzten Tagen für eine ganze Anzahl Gießener Bürger recht unangenehm bemerkbar gemacht. Vet der Kontrollversammlung nämlich erschienen viele, die sich, weil sie Ersatzreservisten sind, mit den einzelnen militärischen Vorschriften nicht so genau vertraut gemacht hatten, über⸗ haupt nicht oder unpünktlich. So etwas muß natürlich gerochen werden und deshalb bekamen eine ganze Menge dieser Leute 23 Tage Kasten. Man ließ auch dringende geschäft⸗ liche Abhaltungen nicht als Entschuldigung gelten. Durch das Abstitzen mehrerer Tage sind manchem der Sünder erhebliche materielle Nachteile zugefügt worden; außerdem war nach den uns gewordenen Mitteilungen die militä⸗ rische Haft eine ziemlich strenge. Soviel wir vernommen haben, wurde aber dadurch der bei vielen vorhandene Militär⸗Enthustasmus merk⸗ lich abgekühlt und sie dürften bei der Wahl kaum für einen militärbegeisterten Kandidaten zu haben sein. Es giebt viele, denen eine derartige Kur durchaus nichts schadet.

Aus dem Nreise gießen. Wegen der Schlägerei in Dorf⸗Güll,

die wir in letzter Nr. erwähnten, haben, wie wir hören, bereits gerichtliche Vernehmungen stattgefunden. Die Bur schen aus Grüningen, die mit den übrigen von der Kontrollversammlung zurückkehrten, sollen in geradezu hunnischer Weise gehaust haben. Man sieht auch hier wieder: wo der Hurrah⸗Patriotismus noch in Blüte steht, ist auch die Rohheit zu Hause.

Aus dem Rreise Friedberg⸗Büdingen.

Waisenpflege. Man schreibt uns aus Ilbenstadt(Kreis Friedberg): Wie mangelhaft manche Waisenkinder auf dem Lande untergebracht werden, davon haben wir hier ein Beispiel. Haben wir doch hier ein derartiges bedauernswertes, 1213 Jahre altes Kind, welches von seinen Pflegeeltern zum Hausteren mit allen möglichen Waren verwandt wird. Ist es schon eine Unbilligkeit ein derartiges armes Geschöpf um seine Spiel⸗ und Erholungs⸗ zeit zu bringen, so dürfte auch der Hausterberuf noch mit sonstigen Gefahren verknüpft sein, vor denen alle Eltern ihre Kinder gerne be⸗ wahren. Ist Niemand da, der hier Remedur Wa Wo sind die Herren Geistlichen,

ehrer, Polizeibehörden usw.? U. A. w. g.

aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach.

Pfäffische⸗Intoleranz. Aus Schotten schreibt man unserem Frankfurter Parteiblatt:

In dem Dorfe Einertshausen wollte ein Bauern⸗ sohn mit seiner Braut, nachdem die standesamtliche Trauung vollzogen war, auch die kirchliche Trauung vornehmen lassen. Der evangelische Geistliche lehnte je⸗ doch diesen Wunsch entschieden ab, da die Braut in kurzer Zeit Mutter werden dürfte. Die moderne Geist⸗ lichkeit denkt eben in so chen Fragen anders, wie ehe⸗ mals der Zimmermannssohn Jesus. Nun, hoffentlich wird die Ehe auch ohne den pfäffischen Segen eine glückliche.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Pfarrer Heckenroth, der konservativ⸗bünd⸗ lerische Kandidat hat sich am Sonntag nun auch in der Stadt Wetzlar den Wählern vorgestellt. Ob er mit der Versammlung sehr zufrieden ist, dürfte mindestens fraglich sein, denn sie war zu mindestens/ sozial⸗ demokratisch. Das zeigte sich schon zu Beginn, els der

Vorsitzende verkündete, daß Diskussionsredner 15 Minuten

Redezeit haben sollten, was mit Recht den Widerspruch der Versammlung hervorrief. Denn in so kurzer Zeit ist es keinem Redner möglich, auch nur die wichtigsten, bei der Wahl in Betracht kommenden Fragen mit Gründlichkeit zu erörtern. Die Ausführungen Heckenroths boten weiter nichts Bemerkenswertes. Sie bewegen sich stets in allgemeinen Redensarten und sind aufHoch undHurra gestimmt.Schutz dem Handwerk, Schutz dem Junker, Schutz der Landwirtschaft, Schutz, Schutz, Schutz...Von unserer Seite ergriffen die Genossen Vetters und Krumm das Wort. Natürlich mußten sie bei der kurzen Redezeit vieles ungesagt sein lassen, was vor der Reichstagswahl unbedingt gesagt werden müßte. Duellwesen, Soldatenmißhandlung, Rechtsprechung, Kaiserreden und so manches Andere mußte unerwähnt bleiben. Doch fanden die Ausführungen unserer Redner starken Beifall, sie hatten der großen Mehrheit der Versammelten aus dem Herzen gesprochen. Als national⸗ liberaler Redner trat Lehrer Martell aus Frankfurt auf, dec sich in törichtsten Angriffen auf unsere Partei erging. Stürmische Heiterkeit erregte er dadurch, daß er sich mehrmals versprach und einmal erklärte:Die Sozialdemokraten wollen die Lebensmittel abschaffen. Er wollte Lebensmittel zölle sagen. Wir können mit dem Verlauf dieser Versammlung zufrieden sein; bei der Wahl werden wir zwelfellos auch in der Stadt Wetzlar Stimmenzuwachs zu verzeichnen haben.

h. Als Wahlkommissar für den Wahl⸗ kreis Wetzlar⸗Altenkirchen ist der Landrat Dr. Sartorius ernannt worden. a

h. Ein Kreiskrankenhaus zu errichten hatte die Stadt Wetzlar bei dem Kreisausschusse beantragt. Dieser hat in seiner Sitzung in voriger Woche diesen Antrag abgelehnt. Warum wohl? Gründe dafür sind in dem Bericht des Amtsblattes nicht angegeben; es ist aber doch eigentümlich, daß Einrichtungen, die im Interesse der ärmeren Bevölkerung liegen, von den maßgebenden Stellen abgelehnt werden.

* Wohltäter der Menschheit. In Siegerländer Blättern war vor Kurzem folgen⸗ des Inserat zu lesen:

Kinderreiche Famtlien finden gut⸗ lohnende Arbeit und Wohnung bei Leopold Krawinkel in Vollmerhausen(Aggerthal).

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