Ausgabe 
3.5.1903
 
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Nr. 18.

Mitteldentsche Sountags⸗geitung.

Seite 3.

land hineinströmt, ob die zwei bis zweieinhalb Millionen Zentner Eier, ob die vler Millionen Zentner Obst nebenbei gewonnen werden könnten, wenn man den Viehbestand auf die erwähnte Höhe brächte, müßte bezweifelt werden.

Außerdem müßte nun aber der Waldbestand auf das Doppelte seiner jetzigen Fläche ausge⸗ dehnt werden, um den deutschen Mehrbedarf an Bau⸗ und Nutzholz zu decken; vom Eichen⸗ schälwald ganz zu schweigen!Verdoppelt man aber die Waldfläche, so nimmt man die Hälfte des Ackerlandes weg; die andere Hälfte würde reichlich gebraucht werden, um Futter für den Nei Viehbestand zu beschaffen. Dann bliebe für Getreideproduktion überhaupt kein Land übrig.

Dazu kämen nun noch etwa 200 000 Tonnen Pflanzenspinnstoffe(außer Baumwolle), 250 000 Tonnen Leinsaat, 120 000 Tonnen Raps, Rüb⸗ saat usw., für deren inländische Herstellung mindestens noch einmal 200 bis 250000 Hek⸗ tare erforderlich wären, d. i. die Hälfte des gesamten Areals, das heute mit Zuckerrüben bestellt ist; Seide, Wein oder tropische Erzeug⸗ nisse hier gar nicht in Betracht gezogen.In Summa: man wird nicht übertreiben, wenn man sagt, daß die deutsche Volkswirtschaft heute schon auf einer zwei⸗ bis dreimal so großen Bodenfläche ruht, als sie das deutsche Volk mit seinen Grenzen umspannt und, daß eseine geradezu abenteuerliche Vorstellung ist, zu glauben, ein Volk wie das deutsche sei noch der Erhaltung aus eigener Bodenkraft fähig.

Sittlichkeit in Stadt und Land.

Unter der SpitzmarkeGroßstadtluft brachte kürzlich das de des Antisemiten Lieber⸗ mann v. Sonnenberg folgende Notiz:

Für das Jahr 1901 zählte man in der Reichshauptstadt nach den jetzt veröffentlichten Statistik 7891 außereheliche Geburten. Die Mütter standen meist zwischen Vollendung des 17. und 30. Lebensjahres. Aelter als 30 waren aber immerhin noch 983, jünger als 17 Jahre 135 außereheliche Mütter. Von den ältesten hatten 2 bereits das 47. und 1 das 48. Lebensjahr hinter sich, von den jüngsten waren 6 noch nicht 15 Jahre alt!

Befriedigt legt der agrarisch gesinnte Leser das Blatt zur Seite, wiederum überzeugt von der stttlichen Schädlichkeit der Großstädte im allgemeinen und Berlins im besonderen. Ein Spiel des Zufalls will es, daß zur selben Zeit dieDeutsche Wirtschaftspolitik einen größeren Artikel über die deutsche Bevölkerungsstatistik veröffentlicht, worin es bezüglich der unehelichen Geburten heißt:

Als bemerkenswert mag übrigens noch angeführt werden, daß die Verhältnisziffer der unehelichen Geburten in Berlin und den Hansestädten eine ziemlich niedrige ist. Es entfielen auf Tausend im Alter von 1650 Jahren stehende Mütter in Berlin 27,4, in Hamburg 27,8, in Lübeck 26,1, in Bremen gar nur 16,9 pro Mille gegenüber einem Reichsdurchschnitt von 29,4 pro Mille. Dagegen weist beispielsweise Ostpreußen 33,9, Pommern 37,1, Mecklenburg ⸗Schwerin 37, Mecklenburg⸗Strelitz 41,1 auf. Also auch die von den Agrariern so gern propagierte Auffassung von den Großstädten als Stätten der Unsittlichkeit gegenüber dem sittlichen Lande dürfte nicht slichhaltig sein.

Ob infolge der Erhöhung der Getreidepreise sich die Sittlichkeit auf dem Lande der Geld- höhe entsprechend heben wird?

Opfer für die Sache.

DieKriegskasse der Sozialdemokratie interessiert unsere Gegner gar sehr. Die erheb⸗ lichen Summen, welche die letzte Quittung unseres Parteikassierers aufwies, haben in den gegnerischen Reihen ebenso viel Neid wie Aerger erregt. Die Opferwilligkeit der Arbeiter und auch bemittelter Parteigenossen für den großen weltgeschichtlichen Kampf des Proletariats, für seine Ideale wird hier hämisch bekrittelt, dort als nachahmenswertes Beispiel empfohlen, ohne daß jedoch in letzterer Beziehung eine nennens⸗ werte Wirkung eingetreten wäre. Der Grund

liegt auf der Hand: Opfer zu bringen ist nur 971 fähig und bereit, der das Bewußtsein in

sich trägt, für eine große und gute Sache zu kämpfen. Dieses Bewußtsein ist aber den bürgerlichen Parteten längst abhanden gekommen; ste schleppen sich so hin, immer nur froh, sich die erlangte Macht nur einigermaßen zu erhalten. Es fehlt ihnen der Glaube an sich selbst, das Vertrauen auf die Sieghaftigkeit ihrer Be⸗ strebungen.

Bebels Villa.

Was schon in gewöhnlichen Zeiten von der gegnerischen Presse für Schwindel über die Sozialdemokratie und ihre Führer verbreitet wird, ist gewiß nicht wenig, zu Wahlzeiten wirds aber noch zehnfach überboten. Namentlich die Kreisblätter erzählen den ländlichen Wählern die unglaublichsten 52005 Singer wird als Ausbeuter der Mäntelnäherinnen hingestellt, obwohl er seit zwei Jahrzehnten kein Geschäft mehr besitzt und was der schönen Dinge mehr sind. Sehr beliebt ist auch das Märchen von dem Schloß, daß Bebel am Züricher See besitzen soll. Darüber gab nun Bebel in einer Versammlung in Worms am 18. April Auf⸗ schluß. Am Tage vorher war nämlich in dem Organ des Herrn v. Heyl ein miMehrere Arbeiter unterzeichnetes Inserat erschienen, in dem Bebel gefragt wurde, warum nicht seine Villa den deutschen Arbeitern als. Erholungs⸗ heim zur Verfügung stelle. Man vermutet mit Recht, daß die Aufgeber der Annonce sel bst Villenbesitzer waren. Bebel erklärte darauf:

Herr von Heyl hat ja die Möglichkeit, sich bei der Berliner Steuerbehörde zu erkundigen, inwiefern ich Kapitalist bin; er wird sehr über⸗ rascht sein. Mein Jahreseinkommen ist kleiner als die Summe, die Herr v. Heyl täglich zu verzehren hat. Was dieVilla in der Schweiz betrifft, so kann ich mitteilen, daß es nur ein einfaches Wohnhaus ist, in dem mehrere Familien wohnen. In diesem Haus habe ich dummerweise das wenige Geld, das ich hatte, angelegt. Ich bewohne, nebenbei bemerkt, während der Zeit, die mir meine parlamentarische Tätigkeit zur Erledigung von Arbeiten, die ich im politischen Kampfe in Berlin nicht zu Ende bringen kann, übrig läßt, in dem Haus eine 3⸗Zimmerwohnung im Dach⸗ geschoß. Weil aber die Unterhaltungskosten dem Nutzen, den ich von dem Haus habe, ent⸗ sprechend für mich zu hoch sind, würde ich es gern an Herrn Heyl, sogar unterm Wert ver⸗ kaufen. Aber ich versichere heute: an diesem Tag, an welchem Herr v. Heyl seine hiesige Villa und sein Schloß zu Herrus heim für seine Arbeiter als Erholungsheim einrichtet, bin auch ich bereit, meine Villa den deutschen Arbeitern zur Verfügung zu stellen.

Natürlich werden die Gegner die Geschichte von Bebels Villa in der hergebrachten Weise weiter alsgeistige Waffe verwenden.

Sozialdemokratischer Wahlsieg.

Bei der Stadtverordnetenwahl in Bitter feld brachten unsere Genossen zum ersten Male ihre Kandidaten durch. Bei der vom Ge⸗ meinderat in Mülhausen i. Els. vorzuneh⸗ menden Neuwahl eines Landesausschußmitglieds wurde Genosse L. Emmel wiedergewählt, dessen Wahl bekanntlich vom Landesausschuß für ungültig erklärt worden war. Von bürger⸗ licher Seite war vor dieser Wahl versucht worden, durch Bestechung Stimmen für den bürgerlichen Kandidaten zu gewinnen und die Wiederwahl Emmels zu vereiteln. Das Manöver schlug aber fehl, Emmel erhielt 19, sein Gegen⸗ kandidat nur 2 Stimmen, 12 Demokraten gaben weiße Zettel ab.

Ein Bild.

Am Dienstag voriger Woche konnte man in der großen Wandelhalle des Reichstags ein schönes Bild betrachten. Auf einer der Bänke saß ein Mann mit der bekannten konfiszirten Visage, durch die sich die Fischer, Lorenzen und andere derartigen Herrschaften von dem gewöhn⸗ lichen Volke unterscheiden. Auf ihn steuerte aus dem Sitzungssaale mit aristokratisch erhobe⸗ nem Haupte jener Graf Arnim zu, der durch

Abrechnung mit den Brodwucherern:Der Vater wird wohl alles versoffen haben! für immer gekennzeichnet ist. Durch die Intimität des Gespräches wußten die beiden Herren die Aufmerksamkeit auf sich lenken, so daß man sie unwillkürlich schärfer ins Au ge faßte. Und wer war der Kumpan des Grafen Armin? Herr Max Lorenz, der ehemalige Sozialdemokrat und spätere Nationalsoziale, jetzt kapitalistischer Soldschreiber! Ob er den Millionär um die 300 Mk. angepumpt hat, mit denen er derSächsischen Arbeiterzeitung durchgegangen ist? Oder ob er sich neue Ordre für Sozialistenverleumdung holte?

Unter Pfaffen herrschaft.

Der Erz bischof Dr. Kohn, der würdige Priester und Kirchenfürst von Olmütz(Mähren) macht wieder einmal von sich reden. Nach Be⸗ richten österreichischer Blätter herrscht in der Gegend von Frankstadt namentlich unter der kleinbäuerlichen Bevölkerung eine ungeheuere Erbitterung gegen Dr. Kohn, der sich durch seine gegen die Bauern geführten schonungs⸗ losen Grenzprozesse sehr verhaßt gemacht hat. Erst kürzlich wurde ein katholischer Redakteur, der dem Erzbischof kräftig die Wahrheit gesagt hatte, aus der Erzdiözese verwiesen. Neulich erschienen nun in dem BlattePozor Artikel, die sich sehr scharf gegen Kohn und sein Regie⸗ rungssystem aussprachen. Dr. Kohn hatten den Pater Ocasek aus Großkunschitz im Verdacht, die Artikel geschrieben zu haben: er stellte den Pater vor ein geistliches Gericht und gab diesem den Befehl, ihn zu verurteilen. Trotz seiner Unschuldsbeteuerungen und trotzdem die Mitglieder des geistlichen Gerichts selbst nicht an die Schuld Ocaseks glaubten, wurde der Pater verurteilt und im Priestergefängnis zu Kremsier interniert. Das konnte der wirkliche Verfasser nicht mitansehen und er meldete sich selbst; es ist der Pater Hofer aus Zabrech. Er schrieb an den Erzbischof einen Brief, in dem er sich als Verfasser bekannte und sein Vorgehen begründete. Pater Ocasek wurde dar⸗ auf wieder freigelassen; den Pater Hofer brachten seine Freunde, die dessen Internkerung fürch⸗ teten, nach Mährisch⸗Ostrau. Die Sache wird zunächst ein Nachspiel im Parlament haben, da der Tschechenklub einen Dringlichkeitsantrag vorbereitet, der die Tatsache feststellt, daß Dr. Kohn zu Gesetzes verletzungen Veranlassung ge⸗ geben hat und selbst welche begangen hat. Vor dem Gefängnis des Pater Ocasek sammelte sich eine große Menschenmenge, welche eine gegen Kohn feindliche Haltung einnahmen. Daß ein Bischof einen andern Menschen und sei dies auch sein Untergebener ins Gefängnis schicken kann, ist wirklich noch ein Stück Mittelalter. Wenn die Franzosen die Pfaffenmacht etwas einzudämmen suchen, kann man ihnen es wahrlich nicht verdenken. ä

Der Reichstag

begann am Donnerstag die zweite Lesung der Krankenkassen⸗Novelle. Es hatte sich wieder das be rühmte und so ziemlich bei allen soztalpolitischen Vor⸗ lagen in Aktion tretende Niederstimmungs⸗Kartell gebildet, das von Richter bis Richthofen alle bürgerlichen Parteien zu einer geschlossenen Phalanx gegen die Verbesserungs anträge unserer Fraktion vereinigt. Besagtes Kartell war sich darüber schlüssig geworden, mit Ausnahme des zugleich von der sozialdemokratischen Fraktt'n und von dem Antisemiten Raab gestellten Antrags, die Hand⸗ lungsgehülfen der Wohltat der Krankenversicherung teil haftig zu machen, jegliche Abänderung der Novelle, wie sie aus der Kommission hervorgegangen, kurzer Hand abzulehnen. Obwohl die Anträge von allen bürger⸗ lichen Rednern als im Prinzip ganz vortrefflich aner⸗ kannt wurden, bekämpfte man sie mit der Behaup⸗ tung, daß sonst das Zustandekommen des Gesetzes ge fährdet würde. Natürlich zogen unsere Genossen ihre wohlerwogenen Anträge nicht zurück, aber die bürgerliche Mehrheit stimmte sie nieder. Trotz der vortrefflichen Begründung seitens der Genossen Stadthagen, Molkenbuhr, Albrecht fielen die Anträge auf Einbeziehung der land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter sowie der Seeleute, auf Erhöhung des Krankengeldes, auf Gewährung eines Sterbegeldes uswv. Besos ders bemerkt möge werden, daß das mit seiner Arbeiter- freundlichkeit so gern protzende Zentrum die Führung

seinen frivolen Zwischenruf bei Bebels großer»der Mehrheit übernahm, welche unseren Antrag auf

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